01

Grundlagen & Pathophysiologie

Dem Zellweger-Spektrum liegt eine Störung der peroxisomalen Biogenese zugrunde: Peroxisomen sind zelluläre Organellen, die u.a. für den Abbau überlangkettiger Fettsäuren (VLCFA), die Synthese von Plasmalogenen (wichtige Membranlipide, insbesondere im Myelin), die Gallensäuresynthese sowie den Abbau von Phytansäure und Pipecolinsäure verantwortlich sind. Bei defekten Peroxin-Proteinen (kodiert durch die PEX-Gene), die für Aufbau und Proteinimport der Peroxisomen benötigt werden, können funktionsfähige Peroxisomen gar nicht erst gebildet werden.

Im Gegensatz zu den meisten anderen angeborenen Stoffwechselerkrankungen, bei denen ein einzelnes Enzym betroffen ist, führt der Zellweger-Defekt zu einem gleichzeitigen Ausfall zahlreicher peroxisomaler Stoffwechselwege, was die ausgeprägte Multisystembeteiligung erklärt.

Organellenbiogenese betroffen
Gesamter Aufbau der Peroxisomen gestört statt einzelner Enzymfunktion
Klinisches Spektrum
Von schwerster klassischer Form bis zu deutlich milderen, länger überlebenden Verlaufsformen
PEX1 häufigste Ursache
Verantwortlich für den Großteil der Zellweger-Spektrum-Fälle
Keine kausale Therapie
Behandlung derzeit ausschließlich symptomatisch und unterstützend

Zellweger-Spektrum im Überblick

👷

Klassisches Zellweger-Syndrom (schwerste Form)

Ausgeprägte muskuläre Hypotonie, charakteristische Gesichtsdysmorphie und schwerste Entwicklungsstörung bereits ab Geburt, meist Versterben im ersten Lebensjahr.

Neonatale Adrenoleukodystrophie (intermediär)

Etwas mildere Verlaufsform mit längerer Überlebenszeit, jedoch weiterhin ausgeprägter neurologischer Beeinträchtigung.

👀

Infantiler Morbus Refsum (mildeste Spektrumform)

Deutlich langsamerer Verlauf mit längerer Lebenserwartung, jedoch weiterhin Seh-, Hör- und Entwicklungsstörungen.

🦢

Chondrodysplasia punctata

Charakteristische, punktförmige Verkalkungen der Knorpelwachstumszonen, insbesondere bei der klassischen Form.

💓

Nierenzysten

Sonographisch nachweisbare renale Zysten als häufiger Begleitbefund.

🨟

Hepatopathie

Hepatomegalie mit Gerinnungsstörung durch gestörte Gallensäuresynthese und Fettstoffwechselstörung.

02

Klinische Symptome

Die klassische Form manifestiert sich bereits unmittelbar postnatal mit charakteristischer Dysmorphie und schwerer muskulärer Hypotonie, während mildere Spektrumformen langsamer progredient verlaufen.

Klassisches Zellweger-Syndrom – Leitsymptome

  • Ausgeprägte muskuläre Hypotonie („floppy infant“)
  • Charakteristische Gesichtsdysmorphie (hohe Stirn, große Fontanellen, Epikanthus)
  • Trinkschwäche, Schluckstörung
  • Epileptische Anfälle
  • Hepatomegalie, Gerinnungsstörung
  • Nierenzysten
  • Chondrodysplasia punctata
  • Seh- und Hörstörungen

Mildere Spektrumformen

  • Langsamer progrediente Entwicklungsverzögerung
  • Progrediente Seh- und Hörbeeinträchtigung
  • Periphere Neuropathie
  • Hepatopathie, oft langsamer progredient
  • Deutlich längere Überlebenszeit, teils bis ins Erwachsenenalter
03

Diagnostik

Die Diagnostik stützt sich auf den Nachweis mehrerer gleichzeitig gestörter peroxisomaler Stoffwechselwege, was eine wichtige diagnostische Besonderheit gegenüber Einzelenzymdefekten darstellt.

  1. Klinischer VerdachtCharakteristische Gesichtsdysmorphie in Kombination mit ausgeprägter Hypotonie und Hepatomegalie bei einem Neugeborenen lenkt den Verdacht auf eine peroxisomale Biogenesestörung.
  2. Bestimmung überlangkettiger Fettsäuren (VLCFA)Nachweis erhöhter VLCFA (v.a. C26:0) im Plasma als zentraler diagnostischer Parameter.
  3. Weitere peroxisomale MetabolitenBestimmung von Plasmalogenen (erniedrigt), Phytansäure, Pristansäure, Pipecolinsäure und Gallensäure-Zwischenprodukten zur Erfassung des Multi-Enzym-Ausfalls.
  4. BildgebungSkelettröntgen zum Nachweis einer Chondrodysplasia punctata, Nierensonographie zum Nachweis von Nierenzysten sowie kraniale MRT zur Erfassung von Migrationsstörungen und Myelinisierungsauffälligkeiten.
  5. Molekulargenetische DiagnostikSequenzierung der PEX-Gene (beginnend meist mit PEX1) zur definitiven Bestätigung, Komplementationsgruppen-Zuordnung und Familienberatung.
04

Molekulargenetische Ursachen

Dem Zellweger-Spektrum liegen Varianten in einem von über einem Dutzend PEX-Genen zugrunde, die für Peroxin-Proteine kodieren, die gemeinsam für Aufbau, Proteinimport und Teilung der Peroxisomen verantwortlich sind.

GenGenlokusGenprodukt / FunktionErbgangBemerkung
PEX17q21.2Peroxin 1 (AAA-ATPase, Peroxisomenbiogenese)autosomal-rezessivHäufigste Ursache, verantwortlich für den Großteil aller Zellweger-Spektrum-Fälle
PEX66p21.1Peroxin 6 (AAA-ATPase, Kooperationspartner von PEX1)autosomal-rezessivZweithäufigste Ursache
PEX101p36.32Peroxin 10 (RING-Finger-Protein, Proteinimport)autosomal-rezessivWeitere relevante Ursache innerhalb des Spektrums
PEX1217q12Peroxin 12 (RING-Finger-Protein, Proteinimport)autosomal-rezessivWeitere relevante Ursache innerhalb des Spektrums
Weitere PEX-GenevariabelPEX2, PEX3, PEX5, PEX13, PEX14, PEX16, PEX19, PEX26 u.a.autosomal-rezessivSeltenere Ursachen, insgesamt über ein Dutzend bekannte Komplementationsgruppen

Mutationsspektrum und Genotyp-Phänotyp-Korrelation

häufig (PEX1)

c.2528G>A (p.G843D)

Häufig nachgewiesene, mit einer höheren Restfunktion assoziierte PEX1-Variante, die eher mit den milderen Spektrumformen assoziiert ist.

schwer (PEX1)

Frameshift- & Nonsense-Varianten

Meist mit vollständigem Funktionsverlust und der schwersten, klassischen Zellweger-Form assoziiert.

variabel

Compound-Heterozygotie

Häufigste genetische Konstellation; die Kombination einer schweren mit einer milderen Variante bestimmt wesentlich die Position im klinischen Spektrum.

wichtig

Komplementationsgruppen

Historisch über Zellfusionsstudien definierte funktionelle Gruppen, die den betroffenen Gendefekt eingrenzen konnten, heute weitgehend durch molekulargenetische Diagnostik abgelöst.

wichtig

Genotyp-Phänotyp-Korrelation

Die Restfunktion des jeweiligen Peroxins korreliert relativ eng mit dem klinischen Schweregrad und der Position im Zellweger-Spektrum.

wichtig

Genetische Beratung

Die molekulare Diagnostik unterstützt die familiäre Beratung (Wiederholungsrisiko 25 %) sowie ggf. eine gezielte Pränataldiagnostik bei bekannter Familienvariante.

Wichtiger Hinweis: Da die Restfunktion des betroffenen Peroxins eng mit dem klinischen Schweregrad korreliert, trägt die molekulargenetische Diagnostik wesentlich zur frühzeitigen Prognoseeinschätzung innerhalb des breiten Zellweger-Spektrums bei.

05

Differenzialdiagnosen

Die Kombination aus Dysmorphie, muskulärer Hypotonie und Hepatopathie erfordert eine Abgrenzung von anderen frühkindlichen Multisystemerkrankungen.

DifferenzialdiagnoseÄhnlichkeitSchlüsselunterschiedDiagnostik
Isolierte peroxisomale Einzelenzymdefekte (z.B. Rhizomele Chondrodysplasia punctata Typ 1)Ähnliche Skelett- und StoffwechselauffälligkeitenNur einzelner statt multipler peroxisomaler Stoffwechselwege betroffenErweitertes peroxisomales Metabolitenprofil
Kongenitale MuskeldystrophienAusgeprägte muskuläre Hypotonie bei GeburtFehlende typische Gesichtsdysmorphie und unauffällige VLCFA-WerteVLCFA-Bestimmung, Muskelbiopsie/Genetik
Andere Ursachen neonataler HepatopathieHepatomegalie, Gerinnungsstörung im NeugeborenenalterFehlende Multisystembeteiligung, unauffälliges peroxisomales ProfilVLCFA-Bestimmung, erweiterte metabolische Diagnostik
Chromosomale FehlbildungssyndromeKraniofaziale Dysmorphie, EntwicklungsstörungUnauffälliges peroxisomales Stoffwechselprofil, andere ChromosomenanalyseChromosomenanalyse/Microarray, VLCFA-Bestimmung
06

Therapie

Eine kausale Therapie existiert nicht; die Behandlung ist ausschließlich symptomatisch und unterstützend ausgerichtet und richtet sich nach der individuellen Position im klinischen Spektrum.

  • STUFE 1Ernährungsunterstützung

    Sondenernährung bei Schluckstörung sowie spezielle, gut resorbierbare Fettmischungen zur Sicherstellung einer adäquaten Nährstoffversorgung.
    DHA-Substitution: in einzelnen Studien mit möglicher Verbesserung von Seh- und Wachstumsparametern assoziiert.

  • STUFE 2Gallensäuresubstitution

    Cholsäuregabe: Ausgleich der gestörten peroxisomalen Gallensäuresynthese, kann Leberfunktion und fettlösliche Vitaminaufnahme verbessern.

  • STUFE 3Symptomatisches Management

    Antikonvulsive Therapie bei begleitender Epilepsie.
    Hör- und Sehhilfen sowie regelmäßige audiologische und ophthalmologische Betreuung.
    Physio- und Ergotherapie zur Symptomlinderung.

  • STUFE 4Palliative Betreuung (schwere Formen)

    Einfühlsame, familienzentrierte palliative Begleitung bei der klassischen, frühletalen Verlaufsform.

Monitoring – Übersicht

👀

Ophthalmologisches Monitoring

Regelmäßige Verlaufskontrolle der Sehfunktion, insbesondere bei den milderen Spektrumformen.

🔈

Audiologisches Monitoring

Verlaufskontrolle des Hörvermögens und frühzeitige Hörgeräteversorgung.

🨟

Hepatologisches Monitoring

Verlaufskontrolle von Leberfunktion und Gerinnungsstatus.

Prognose: Die klassische Zellweger-Form ist mit einer sehr eingeschränkten Prognose und meist Versterben im ersten Lebensjahr assoziiert. Die intermediären und milderen Spektrumformen (neonatale Adrenoleukodystrophie, infantiler Morbus Refsum) zeigen eine deutlich längere Überlebenszeit, oft bis in die Kindheit oder darüber hinaus, bei jedoch weiterhin bestehender neurologischer, sensorischer und hepatischer Beeinträchtigung.

07

Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte pädiatrische Stoffwechselzentren für die Betreuung von Kindern mit Zellweger-Spektrum-Erkrankungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Universitätsklinikum Heidelberg
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Stoffwechselzentrum für peroxisomale Erkrankungen
HEIDELBERG
Diagnostik und multidisziplinäre Betreuung des gesamten Zellweger-Spektrums
Stoffwechselzentrum
Universitätsklinikum Münster
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Zentrum für angeborene Stoffwechselerkrankungen
MÜNSTER
Erweiterte peroxisomale Stoffwechseldiagnostik
Peroxisomale Diagnostik
🇦🇹 Österreich
Medizinische Universität Wien
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
Stoffwechsel-Ambulanz
WIEN
Österreichisches Referenzzentrum für peroxisomale Erkrankungen
Referenzzentrum Wien
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich
Abteilung für Stoffwechselkrankheiten
Zentrum für angeborene Stoffwechselerkrankungen
ZÜRICH
Interdisziplinäre Betreuung inkl. Palliativteam
Palliativteam

Fachgesellschaften & Ressourcen: Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Stoffwechselstörungen (APS) · Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP) · MetabERN (European Reference Network) · Global Foundation for Peroxisomal Disorders