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Grundlagen & Pathophysiologie

Der Tyrosinabbau erfolgt über eine mehrstufige enzymatische Kaskade in der Leber. Je nach betroffenem Enzymschritt unterscheidet man drei klinisch und prognostisch sehr unterschiedliche Formen.

Bei der hepatorenalen Tyrosinämie Typ I (häufigste und schwerste Form) führt der Mangel der Fumarylacetoacetat-Hydrolase (FAH), dem letzten Enzym des Abbauwegs, zur Akkumulation der stark toxischen Metaboliten Fumarylacetoacetat und Maleylacetoacetat, die zu Succinylaceton umgewandelt werden. Succinylaceton hemmt zusätzlich die Hämbiosynthese (ähnlich wie bei der Porphyrie) und wirkt hepato- sowie nephrotoxisch und karzinogen.

Typ I häufigste Form
Hepatorenale Tyrosinämie mit dem größten klinischen Stellenwert
Karzinomrisiko unbehandelt
Deutlich erhöhtes Risiko für ein hepatozelluläres Karzinom bereits im Kindesalter
Nitisinon wirksam
Gezielte Enzymblockade oberhalb des Defekts verhindert die Bildung toxischer Metaboliten
Typ II/III seltener
Mit deutlich unterschiedlicher Klinik und in der Regel günstigerer Prognose

Klinische Formen im Überblick

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Tyrosinämie Typ I

Hepatorenale Form mit akutem oder chronischem Leberversagen, renal tubulärer Dysfunktion (Fanconi-Syndrom) und Karzinomrisiko.

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Tyrosinämie Typ II

Okulokutane Form (Richner-Hanhart-Syndrom) mit schmerzhaften Hornhauterosionen und Hyperkeratosen an Handflächen/Fußsohlen.

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Tyrosinämie Typ III

Sehr seltene Form, oft mild oder oligosymptomatisch mit leichter Entwicklungsverzögerung und Ataxie-Episoden.

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Akute Form (Typ I)

Beginn in den ersten Lebensmonaten mit fulminantem Leberversagen, Gerinnungsstörung und Sepsis-ähnlichem Bild.

Chronische Form (Typ I)

Späterer Beginn mit progredienter Leberzirrhose, Rachitis und renal tubulärer Dysfunktion.

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Neurologische Krisen (Typ I)

Porphyrie-ähnliche akute neurologische Krisen mit Schmerzen, Paresen und autonomer Dysfunktion durch Succinylaceton-bedingte Hämbiosynthesestörung.

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Klinische Symptome

Die Symptomatik unterscheidet sich deutlich zwischen den drei Formen; im klinischen Alltag dominiert die hepatorenale Tyrosinämie Typ I mit ihrem charakteristischen Organbefall.

Tyrosinämie Typ I – Leitsymptome

  • Akutes oder chronisches Leberversagen, Hepatomegalie
  • Gerinnungsstörung, Ikterus
  • Renal tubuläre Dysfunktion (Fanconi-Syndrom) mit hypophosphatämischer Rachitis
  • Kohlartiger Körpergeruch
  • Gedeihstörung, Hepatosplenomegalie
  • Akute neurologische Krisen mit Schmerzen und Paresen

Tyrosinämie Typ II & III

  • Typ II: schmerzhafte, herpetiforme Hornhauterosionen
  • Typ II: schmerzhafte Hyperkeratosen an Handflächen und Fußsohlen
  • Typ II: variable geistige Entwicklungsverzögerung
  • Typ III: milde Entwicklungsverzögerung, intermittierende Ataxie
  • Typ III: häufig oligo- bis asymptomatischer Verlauf
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Diagnostik

Der frühzeitige Nachweis von Succinylaceton ist bei der Tyrosinämie Typ I der entscheidende diagnostische Schritt und ermöglicht den rechtzeitigen Therapiebeginn vor Auftreten irreversibler Organschäden.

  1. Neugeborenenscreening (Tag 36–72h)Bestimmung von Succinylaceton aus Trockenblutkarte, spezifischer Marker der Tyrosinämie Typ I mit hoher diagnostischer Sicherheit.
  2. Quantitative Aminosäurenanalyse im PlasmaNachweis eines erhöhten Tyrosinspiegels, jedoch nicht spezifisch für Typ I allein.
  3. Succinylaceton im UrinBestätigende quantitative Bestimmung, praktisch beweisend für die Tyrosinämie Typ I.
  4. Leber- und NierenfunktionsdiagnostikGerinnungsstatus, Transaminasen, Alpha-Fetoprotein sowie renale Funktionsparameter zur Erfassung des Organbefalls.
  5. Molekulargenetische DiagnostikSequenzierung von FAH (Typ I), TAT (Typ II) bzw. HPD (Typ III) zur Bestätigung und Familienberatung.
  6. Bildgebung und Karzinom-ScreeningRegelmäßige Lebersonographie und Alpha-Fetoprotein-Kontrollen zur Früherkennung eines hepatozellulären Karzinoms.
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Molekulargenetische Ursachen

Den drei Tyrosinämie-Formen liegen Varianten in unterschiedlichen Genen des Tyrosinabbauwegs zugrunde, wobei alle drei Gene für aufeinanderfolgende Enzymschritte kodieren.

GenGenlokusGenprodukt / FunktionErbgangZugeordnete Form
FAH15q25.1Fumarylacetoacetat-Hydrolase (letzter Schritt des Tyrosinabbaus)autosomal-rezessivTyrosinämie Typ I (hepatorenal)
TAT16q22.2Tyrosin-Aminotransferase (erster Schritt des Tyrosinabbaus)autosomal-rezessivTyrosinämie Typ II (okulokutan, Richner-Hanhart-Syndrom)
HPD12q24.314-Hydroxyphenylpyruvat-Dioxygenase (zweiter Schritt, Angriffspunkt von Nitisinon)autosomal-rezessivTyrosinämie Typ III

Mutationsspektrum am FAH-Gen (Typ I)

häufig

Splicing-Varianten

Besonders relevante Mutationsklasse am FAH-Gen mit meist stark reduzierter Enzymaktivität.

häufig

Missense-Varianten

Punktmutationen mit variabler Restaktivität, teils mit milderen, spät manifestierenden Verlaufsformen assoziiert.

beschrieben

Founder-Varianten

In bestimmten Populationen gehäuft auftretende spezifische FAH-Varianten mit erhöhter Prävalenz.

wichtig

Reverse Mosaikbildung

Bei Typ I beschriebenes Phänomen somatischer Rückmutationen in einzelnen Leberzellklonen, die zu funktionellen „gesunden“ Zellinseln führen können.

variabel

Compound-Heterozygotie

Häufigste Konstellation; die Kombination zweier unterschiedlicher FAH-Varianten beeinflusst den klinischen Verlauf (akut vs. chronisch).

wichtig

Pränataldiagnostik

Bei bekannter familiärer Variante gezielte molekulargenetische oder biochemische Pränataldiagnostik möglich.

Wichtiger Hinweis: Die genetische Bestätigung der Tyrosinämie Typ I ergänzt den biochemischen Nachweis von Succinylaceton, ist für die Diagnosesicherung jedoch nicht zwingend erforderlich und dient v.a. der Familienberatung (Wiederholungsrisiko 25 %).

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Differenzialdiagnosen

Insbesondere die hepatorenale Tyrosinämie Typ I muss von anderen Ursachen eines neonatalen bzw. frühkindlichen Leberversagens sowie renaler tubulärer Störungen abgegrenzt werden.

DifferenzialdiagnoseÄhnlichkeitSchlüsselunterschiedDiagnostik
Neonatale Hyper-Tyrosinämie (transient)Erhöhtes Tyrosin im ScreeningFehlendes Succinylaceton, meist Frühgeborene, spontane RückbildungVerlaufskontrolle, Succinylaceton negativ
GalaktosämieNeonatales Leberversagen, GedeihstörungPrimär gestörter Galaktosestoffwechsel, unauffälliges SuccinylacetonGALT-Enzymaktivität, Galaktose-1-Phosphat
Andere hereditäre Stoffwechsel-Leberzirrhosen (z.B. Morbus Wilson)Progrediente Leberzirrhose im KindesalterAndere biochemische Marker (Kupferstoffwechsel), unauffälliges AminosäurenprofilCoeruloplasmin, Kupfer im 24h-Urin
Renale Fanconi-Syndrome anderer UrsacheRenal tubuläre Dysfunktion, hypophosphatämische RachitisFehlende Leberbeteiligung, kein erhöhtes SuccinylacetonMetabolisches Screening, Genetik
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Therapie

Die Einführung von Nitisinon (NTBC) hat die Prognose der Tyrosinämie Typ I grundlegend verbessert, indem es die Bildung der toxischen Metaboliten oberhalb des Enzymdefekts unterbindet.

  • STUFE 1Nitisinon (NTBC) – Basistherapie Typ I

    Frühestmöglicher Beginn: Blockade der 4-Hydroxyphenylpyruvat-Dioxygenase verhindert die Bildung von Fumaryl-/Maleylacetoacetat und Succinylaceton oberhalb des FAH-Defekts.
    Lebenslange Fortführung: Deutliche Reduktion des Leber- und Karzinomrisikos sowie Rückbildung der renalen tubulären Dysfunktion unter konsequenter Therapie.

  • STUFE 2Tyrosin-/phenylalaninarme Diät

    Ergänzend zu Nitisinon: Da Nitisinon zu einem Anstieg des Tyrosinspiegels führt, ist eine begleitende diätetische Restriktion zur Vermeidung tyrosinbedingter Augen- und Hautsymptome erforderlich (auch bei Typ II als alleinige Therapie).

  • STUFE 3Karzinom- und Organ-Monitoring

    Regelmäßige Lebersonographie und Alpha-Fetoprotein-Kontrollen zur Früherkennung eines hepatozellulären Karzinoms auch unter Therapie.
    Überwachung der Nierenfunktion hinsichtlich Fanconi-Syndrom und Rachitis.

  • STUFE 4Lebertransplantation

    Bei Therapieversagen oder Karzinomnachweis: Kurative Option bei unzureichendem Ansprechen auf Nitisinon oder bei Nachweis maligner Veränderungen der Leber.

Monitoring unter Therapie – Übersicht

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Hepatologisches Monitoring

Regelmäßige Sonographie und Alpha-Fetoprotein-Bestimmung zur Karzinomfrüherkennung.

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Nephrologisches Monitoring

Überwachung der renal tubulären Funktion und des Knochenstoffwechsels.

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Augenärztliches Monitoring

Kontrolle auf tyrosinbedingte Hornhautveränderungen unter Nitisinon-Therapie.

Prognose: Unter frühzeitiger Nitisinon-Therapie hat sich die Prognose der Tyrosinämie Typ I dramatisch verbessert, mit deutlich reduziertem Leber- und Karzinomrisiko. Typ II zeigt unter konsequenter Diät meist eine gute Prognose der Haut- und Augensymptomatik, Typ III verläuft häufig mild.

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Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte pädiatrische Stoffwechsel- und Hepatologiezentren für die Betreuung von Kindern mit Tyrosinämie in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Universitätsklinikum Heidelberg
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Stoffwechselzentrum mit pädiatrischer Hepatologie
HEIDELBERG
NTBC-Einstellung, Karzinom-Screening und Transplantationsvorbereitung
Stoffwechselzentrum
Medizinische Hochschule Hannover
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Zentrum für pädiatrische Lebererkrankungen und Transplantation
HANNOVER
Enge Anbindung an pädiatrische Lebertransplantationschirurgie
Lebertransplantation
🇦🇹 Österreich
Medizinische Universität Wien
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
Stoffwechsel- und Hepatologie-Ambulanz
WIEN
Österreichisches Referenzzentrum für hepatorenale Tyrosinämie
Referenzzentrum Wien
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich
Abteilung für Stoffwechselkrankheiten
Zentrum für angeborene Stoffwechselerkrankungen
ZÜRICH
Interdisziplinäre Betreuung mit pädiatrischer Hepatologie und Nephrologie
Interdisziplinäres Zentrum

Fachgesellschaften & Ressourcen: Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Stoffwechselstörungen (APS) · Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE) · AWMF-Leitlinie Tyrosinämie Typ I · MetabERN (European Reference Network)