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Grundlagen & Pathophysiologie

Mukopolysaccharidosen beruhen auf einem Mangel lysosomaler Enzyme, die für den schrittweisen Abbau von Glykosaminoglykanen (GAG, früher „Mukopolysaccharide“) – u.a. Dermatansulfat, Heparansulfat, Keratansulfat und Chondroitinsulfat – verantwortlich sind. Diese GAG sind wesentliche Bestandteile von Knorpel, Bindegewebe und extrazellulärer Matrix.

Bei fehlender Enzymaktivität werden unvollständig abgebaute GAG lysosomal in nahezu allen Organen gespeichert, was zu einer progredienten Organvergrößerung, Skelettdeformierung („Dysostosis multiplex“), Gelenksteife, Hornhauttrübung, Herzklappenverdickung und – je nach Typ und Fähigkeit der Speichersubstanz, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren – zu einer zusätzlichen zentralnervösen Beteiligung führt.

>10 Enzymdefekte
Sieben klinisch abgrenzbare MPS-Haupttypen mit unterschiedlichem Enzymdefekt
MPS I/II häufigste Formen
Morbus Hurler und Morbus Hunter mit größtem klinischem Stellenwert
Variables ZNS-Risiko
Abhängig davon, ob die gespeicherte GAG-Fraktion die Blut-Hirn-Schranke passiert (z.B. Heparansulfat bei MPS III)
Progredient ohne Therapie
Kumulative Organschädigung mit zunehmendem Lebensalter

Übersicht der wichtigsten MPS-Typen

TypEponymZNS-BeteiligungLeitsymptomatik
MPS IMorbus Hurler (schwer) / Scheie (mild)Bei Hurler ausgeprägt, bei Scheie fehlendGrobe Gesichtszüge, Hornhauttrübung, Skelettdysplasie, Gelenksteife
MPS IIMorbus HunterVariabel (schwere vs. milde Form)Ähnlich MPS I, jedoch ohne Hornhauttrübung, X-chromosomal
MPS III (A–D)Morbus SanfilippoSehr ausgeprägtFrühe schwere Verhaltensauffälligkeiten und kognitiver Abbau bei mild-somatischem Bild
MPS IV (A/B)Morbus MorquioFehlendAusgeprägte Skelettdysplasie mit Odontoid-Hypoplasie, normale Intelligenz
MPS VIMorbus Maroteaux-LamyFehlendSkelett- und Organbeteiligung ähnlich MPS I, jedoch normale kognitive Entwicklung
MPS VIIMorbus SlyVariabelSehr seltene, klinisch heterogene Form, teils bereits pränatal als Hydrops fetalis
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Klinische Symptome

Die klinischen Zeichen entwickeln sich meist schleichend nach unauffälliger Geburt und werden im Verlauf des Kleinkindalters zunehmend erkennbar, wobei sich die Kombination somatischer und – je nach Typ – neurologischer Symptome herausbildet.

Somatische Leitsymptome (MPS I, II, VI u.a.)

  • Vergröberte Gesichtszüge („coarse facies“)
  • Hornhauttrübung (außer MPS II, III)
  • Hepatosplenomegalie
  • Skelettdysplasie („Dysostosis multiplex“), Kleinwuchs
  • Gelenkkontrakturen und -steife
  • Nabel-/Leistenhernien
  • Herzklappenverdickung, rezidivierende Atemwegsinfekte
  • Innenohrschwerhörigkeit

Neurologische Symptomatik (v.a. MPS I schwer, MPS III)

  • Progrediente geistige Entwicklungsverzögerung
  • Bei MPS III: ausgeprägte Verhaltensauffälligkeiten, Hyperaktivität, Schlafstörungen
  • Zunehmender kognitiver Abbau im Schulalter
  • Hydrozephalus (u.a. bei MPS I durch verminderte Liquorresorption)
  • Zervikale Myelopathie durch Bandinstabilität und GAG-Ablagerung
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Diagnostik

Bei klinischem Verdacht erfolgt die Diagnostik stufenweise von der biochemischen GAG-Bestimmung im Urin über die Enzymatik bis zur molekulargenetischen Bestätigung.

  1. Klinischer VerdachtKombination aus vergröberten Gesichtszügen, Skelettauffälligkeiten, Gelenksteife und Organomegalie lenkt den Verdacht auf eine MPS.
  2. Quantitative Glykosaminoglykan-Bestimmung im UrinErhöhte Gesamt-GAG-Ausscheidung als Screening-Untersuchung, mit Fraktionierung zur Eingrenzung des wahrscheinlichen MPS-Typs.
  3. EnzymaktivitätsmessungBestimmung der spezifischen lysosomalen Enzymaktivität in Leukozyten oder Fibroblasten zur definitiven biochemischen Diagnosesicherung.
  4. Skelettröntgen (Skelettstatus)Nachweis der charakteristischen „Dysostosis multiplex“ mit typischen Veränderungen an Wirbelkörpern, langen Röhrenknochen und Becken.
  5. Kardiologische und ophthalmologische DiagnostikEchokardiographie zur Erfassung einer Herzklappenbeteiligung sowie Spaltlampenuntersuchung zum Nachweis einer Hornhauttrübung.
  6. Molekulargenetische DiagnostikSequenzierung des jeweiligen Gens zur Bestätigung, Einordnung des Schweregrads (z.B. Hurler vs. Scheie bei MPS I) und Familienberatung.
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Molekulargenetische Ursachen

Jedem MPS-Typ liegt der Mangel eines spezifischen lysosomalen Enzyms zugrunde, das für einen definierten Schritt im schrittweisen Abbau der Glykosaminoglykane benötigt wird.

GenGenlokusGenprodukt / FunktionErbgangZugeordneter Typ
IDUA4p16.3Alpha-L-Iduronidaseautosomal-rezessivMPS I (Hurler/Hurler-Scheie/Scheie)
IDSXq28Iduronat-2-SulfataseX-chromosomal-rezessivMPS II (Morbus Hunter)
SGSH17q25.3Heparan-N-Sulfataseautosomal-rezessivMPS IIIA (häufigste Sanfilippo-Unterform)
NAGLU17q21.2Alpha-N-Acetylglukosaminidaseautosomal-rezessivMPS IIIB
GALNS16q24.3N-Acetylgalaktosamin-6-Sulfataseautosomal-rezessivMPS IVA (Morbus Morquio A)
GLB13p22.3Beta-Galaktosidaseautosomal-rezessivMPS IVB (Morbus Morquio B)
ARSB5q14.1Arylsulfatase B (N-Acetylgalaktosamin-4-Sulfatase)autosomal-rezessivMPS VI (Morbus Maroteaux-Lamy)
GUSB7q11.21Beta-Glucuronidaseautosomal-rezessivMPS VII (Morbus Sly)

Mutationsspektrum und Genotyp-Phänotyp-Korrelation

häufig (IDUA)

Nonsense-Varianten p.Q70X, p.W402X

Bei MPS I häufig nachgewiesene, mit dem schweren Hurler-Phänotyp assoziierte Nonsense-Varianten in europäischen Populationen.

häufig

Missense-Varianten

Häufigste Mutationsklasse insgesamt über alle MPS-Typen, mit variabler Restaktivität und entsprechend unterschiedlichem klinischem Schweregrad (z.B. Hurler-Scheie als intermediäre Form).

wichtig (IDS)

Deletionen & Rearrangements

Bei MPS II beschriebene größere Deletionen oder Rekombinationen mit dem benachbarten Pseudogen, meist mit besonders schwerem Verlauf assoziiert.

variabel

Compound-Heterozygotie

Häufigste Konstellation bei den autosomal-rezessiven Formen; bestimmt wesentlich, ob eine schwere oder attenuierte (mildere) Verlaufsform vorliegt.

wichtig

Genotyp-Phänotyp-Korrelation

Insbesondere bei MPS I und II ermöglicht die genaue Variantenkombination eine frühe Abschätzung des zu erwartenden ZNS-Risikos und damit der Therapiedringlichkeit.

wichtig

Genetische Beratung

Bei autosomal-rezessiven Formen beträgt das Wiederholungsrisiko 25 %; bei MPS II (X-chromosomal) ist die Konduktorinnendiagnostik bei weiblichen Angehörigen von besonderer Bedeutung.

Wichtiger Hinweis: Die molekulargenetische Diagnostik ist insbesondere bei MPS I für die frühzeitige Unterscheidung zwischen der schweren Hurler-Form (mit dringlicher Indikation zur Stammzelltransplantation) und milderen Verlaufsformen von hoher klinischer Relevanz.

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Differenzialdiagnosen

Die progrediente Multisystembeteiligung erfordert eine Abgrenzung von anderen lysosomalen Speicherkrankheiten und Skelettdysplasien mit ähnlichem klinischem Bild.

DifferenzialdiagnoseÄhnlichkeitSchlüsselunterschiedDiagnostik
Mukolipidosen (z.B. I-Cell-Krankheit)Grobe Gesichtszüge, SkelettdysplasieUnauffällige GAG-Ausscheidung im Urin, andere EnzymkonstellationMultiple lysosomale Enzymaktivitäten, Genetik
Sphingolipidosen (z.B. Morbus Gaucher)Hepatosplenomegalie, SkelettbeteiligungFehlende Hornhauttrübung und Dysostosis multiplex, andere SpeichersubstanzSpezifische Enzymaktivität (z.B. Glukozerebrosidase)
Primäre Skelettdysplasien (z.B. Achondroplasie)Kleinwuchs, SkelettauffälligkeitenFehlende Organomegalie und unauffällige GAG-AusscheidungSkelettröntgen, spezifische Genetik (z.B. FGFR3)
Andere Ursachen frühkindlicher Entwicklungsregression (bei MPS III)Kognitiver Abbau, VerhaltensauffälligkeitenZusätzliche milde somatische Zeichen und erhöhte GAG-Ausscheidung bei MPS IIIGAG im Urin, Enzymatik
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Therapie

Die Therapie kombiniert je nach Typ und Schweregrad eine kausale Enzymersatztherapie bzw. hämatopoetische Stammzelltransplantation mit umfassender symptomatischer, interdisziplinärer Betreuung.

  • STUFE 1Hämatopoetische Stammzelltransplantation (v.a. schwere MPS I)

    Frühzeitige Durchführung idealerweise vor dem 2. Lebensjahr: Bei schwerer MPS I (Morbus Hurler) kann die Transplantation den progredienten kognitiven Abbau stoppen bzw. deutlich verlangsamen und stellt hier die bevorzugte Therapieoption dar.

  • STUFE 2Enzymersatztherapie

    Regelmäßige intravenöse Infusionen der jeweils spezifischen rekombinanten Enzympräparate für MPS I, II, IVA, VI und VII zur Reduktion somatischer Symptome (Gelenkbeweglichkeit, Organgröße, körperliche Leistungsfähigkeit).
    Begrenzte ZNS-Wirksamkeit: Da die Enzyme die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren, bleibt die neurologische Symptomatik meist unbeeinflusst.

  • STUFE 3Orthopädisch-chirurgisches Management

    Chirurgische Interventionen bei zervikaler Instabilität, Karpaltunnelsyndrom, Hüftgelenksdysplasie und weiteren skelettalen Komplikationen.
    Regelmäßige physiotherapeutische Betreuung zum Erhalt der Gelenkbeweglichkeit.

  • STUFE 4Interdisziplinäre Langzeitbetreuung

    Strukturiertes Nachsorgeteam aus Pädiatrie, Kardiologie, HNO, Ophthalmologie, Orthopädie und Neuropädiatrie je nach individuellem Bedarf.
    Frühförderung und schulische Unterstützung, insbesondere bei MPS III mit ausgeprägter Verhaltenssymptomatik.
    Palliative Begleitung bei schwer betroffenen Kindern mit rasch progredientem neurologischem Verlauf.

Monitoring unter Therapie – Übersicht

🨟

Kardiologisches Monitoring

Regelmäßige Echokardiographie zur Erfassung der Herzklappenbeteiligung.

🦢

Orthopädisches Monitoring

Verlaufskontrollen von Skelett, Gelenken und insbesondere der zervikalen Wirbelsäule.

🧠

Entwicklungsneurologisches Monitoring

Strukturierte Verlaufskontrollen der kognitiven Entwicklung, insbesondere bei ZNS-betroffenen Typen.

Prognose: Die Prognose ist stark vom MPS-Typ und Schweregrad abhängig. Unbehandelt führen die schweren Formen (u.a. Morbus Hurler, Morbus Sanfilippo) zu deutlich verkürzter Lebenserwartung und schwerer neurologischer Beeinträchtigung. Durch frühzeitige Stammzelltransplantation bzw. Enzymersatztherapie lässt sich der somatische Krankheitsverlauf bei vielen Patienten heute deutlich verbessern, während die neurologische Prognose bei ZNS-betroffenen Formen weiterhin eingeschränkt bleibt.

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Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte pädiatrische Stoffwechsel- und Transplantationszentren für die Betreuung von Kindern mit Mukopolysaccharidosen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Zentrum für angeborene Stoffwechselerkrankungen und lysosomale Speicherkrankheiten
HAMBURG
Enzymersatztherapie und Vorbereitung von Stammzelltransplantationen bei MPS
Lysosomale Speicherkrankheiten
Universitätsklinikum Heidelberg
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Stoffwechselzentrum mit pädiatrischer Stammzelltransplantation
HEIDELBERG
Hämatopoetische Stammzelltransplantation bei schwerer MPS I
Transplantationszentrum
🇦🇹 Österreich
Medizinische Universität Wien
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
Stoffwechsel-Ambulanz
WIEN
Österreichisches Referenzzentrum für lysosomale Speicherkrankheiten
Referenzzentrum Wien
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich
Abteilung für Stoffwechselkrankheiten
Zentrum für angeborene Stoffwechselerkrankungen
ZÜRICH
Interdisziplinäre Betreuung inkl. Kardiologie, Orthopädie und HNO
Interdisziplinäres Zentrum

Fachgesellschaften & Ressourcen: Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Stoffwechselstörungen (APS) · Gesellschaft für Mukopolysaccharidosen und verwandte Erkrankungen e.V. (MPS Deutschland) · AWMF-Leitlinie Mukopolysaccharidosen · MetabERN (European Reference Network)