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Grundlagen & Pathophysiologie

Der Morbus Niemann-Pick Typ A und B beruht auf einem Mangel der sauren Sphingomyelinase, die Sphingomyelin zu Ceramid und Phosphocholin abbaut. Bei fehlender Enzymaktivität akkumuliert Sphingomyelin in Makrophagen von Leber, Milz, Lunge, Knochenmark und – bei Typ A – auch im Zentralnervensystem.

Der Morbus Niemann-Pick Typ C ist pathophysiologisch grundlegend verschieden: Hier liegt kein primärer Enzymdefekt, sondern eine Störung des intrazellulären Transports von unverestertem Cholesterin und Glykosphingolipiden aus dem Lysosom vor. Die resultierende lysosomale Akkumulation dieser Lipide betrifft besonders Neurone und führt zu einer progredienten, meist im Kindes- oder Jugendalter beginnenden Neurodegeneration.

Zwei eigenständige Krankheitsgruppen
Sphingomyelinase-Mangel (A/B) vs. gestörter Lipidtransport (C)
Typ A: infantil-neuroviszeral
Schwerste, rasch progrediente Verlaufsform mit frühem Versterben
Typ B: viszeral, meist ohne ZNS-Beteiligung
Variablerer, oft deutlich milderer Verlauf
Typ C: variables Manifestationsalter
Von perinataler bis erwachsener Erstmanifestation, meist progrediente Neurodegeneration im Vordergrund

Klinische Formen im Überblick

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Typ A (infantil-neuroviszeral)

Hepatosplenomegalie, rasche Neurodegeneration und Cherry-red-Spot bereits im Säuglingsalter, meist Tod vor dem 3. Lebensjahr.

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Typ B (viszeral)

Hepatosplenomegalie und Lungenbeteiligung ohne wesentliche ZNS-Symptomatik, deutlich variablerer und meist milderer Verlauf.

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Typ C (neurodegenerativ)

Oft transiente neonatale Hepatosplenomegalie, gefolgt von progredienter Ataxie, Dystonie, kognitivem Abbau und vertikaler Blickparese.

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Kataplexie bei Typ C

Durch starke Emotionen (v.a. Lachen) ausgelöste plötzliche Tonusverluste als charakteristisches Frühsymptom.

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Cherry-red-Spot

Kirschroter Makulafleck bei der ophthalmologischen Untersuchung, insbesondere bei Typ A auffindbar.

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Perinatale Verlaufsform (Typ C)

Schwerste, seltene Form mit fetalem Aszites, Hydrops fetalis oder rasch progredientem neonatalem Leberversagen.

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Klinische Symptome

Die Symptomatik unterscheidet sich deutlich zwischen den viszeral-dominierten Formen (A/B) und der vorwiegend neurodegenerativen Typ-C-Form.

Typ A/B – viszerale Symptomatik

  • Hepatosplenomegalie
  • Gedeihstörung
  • Interstitielle Lungenerkrankung (v.a. Typ B)
  • Cherry-red-Spot (v.a. Typ A)
  • Bei Typ A zusätzlich: rasche psychomotorische Regression, muskuläre Hypotonie, Spastik

Typ C – neurodegenerative Symptomatik

  • Vertikale supranukleäre Blickparese
  • Progrediente Ataxie, Dysarthrie, Dysphagie
  • Kataplektische Episoden (durch Lachen getriggert)
  • Progrediente kognitive Verschlechterung, Verhaltensauffälligkeiten
  • Dystonie im weiteren Verlauf
  • Epileptische Anfälle
  • Oft vorübergehende neonatale Hepatosplenomegalie
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Diagnostik

Die Diagnostik unterscheidet sich je nach Verdachtsform: Enzymaktivitätsmessung bei Typ A/B, spezialisierte Zell- und Biomarker-Diagnostik bei Typ C.

  1. Klinischer VerdachtBei unklarer Hepatosplenomegalie mit Neurodegeneration (Typ A) bzw. Ataxie/vertikaler Blickparese und kognitivem Abbau (Typ C) besteht Verdacht auf Morbus Niemann-Pick.
  2. Sphingomyelinase-Aktivitätsmessung (Typ A/B)Bestimmung der sauren Sphingomyelinase-Aktivität in Leukozyten oder Trockenblutkarte zur Diagnosesicherung.
  3. Oxysterol-Biomarker (Typ C)Bestimmung von Cholestan-3β,5α,6β-Triol und weiteren Oxysterolen im Plasma als sensitiver, heute bevorzugter Biomarker.
  4. Filipin-Färbung (historisch, Typ C)Nachweis der intralysosomalen Cholesterinakkumulation in kultivierten Fibroblasten mittels Fluoreszenzfärbung.
  5. Ophthalmologische UntersuchungNachweis eines Cherry-red-Spots (v.a. Typ A) bzw. Erfassung der vertikalen Blickparese (Typ C).
  6. Molekulargenetische DiagnostikSequenzierung von SMPD1 (Typ A/B) bzw. NPC1/NPC2 (Typ C) zur definitiven Bestätigung und Familienberatung.
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Molekulargenetische Ursachen

Dem Morbus Niemann-Pick Typ A/B liegen Varianten im SMPD1-Gen zugrunde, während dem Typ C Varianten in NPC1 (weit überwiegende Mehrheit der Fälle) oder dem selteneren NPC2 zugrunde liegen.

GenGenlokusGenprodukt / FunktionErbgangZugeordnete Form
SMPD111p15.4Saure Sphingomyelinase (lysosomaler Sphingomyelinabbau)autosomal-rezessivNiemann-Pick Typ A und B
NPC118q11.2Intrazellulärer Cholesterin-/Lipidtransport (lysosomales Transmembranprotein)autosomal-rezessivNiemann-Pick Typ C1 (≈95 % der Fälle)
NPC214q24.3Lysosomales cholesterinbindendes Transportproteinautosomal-rezessivNiemann-Pick Typ C2 (selten)

Mutationsspektrum und Genotyp-Phänotyp-Korrelation

schwer (SMPD1)

Nonsense- & Frameshift-Varianten

Meist mit vollständigem Aktivitätsverlust und der schweren, neuroviszeralen Typ-A-Form assoziiert.

mild (SMPD1)

Missense-Varianten mit Restaktivität

Häufig mit der viszeralen, ZNS-schonenden Typ-B-Form assoziiert.

häufig (NPC1)

p.I1061T

Häufig nachgewiesene NPC1-Variante in europäischen Populationen, meist mit der klassischen juvenilen Verlaufsform assoziiert.

variabel (NPC1)

Weitere Missense-Varianten

Sehr breites Spektrum mit unterschiedlicher Restfunktion, das maßgeblich das Manifestationsalter (perinatal bis adult) beeinflusst.

variabel

Compound-Heterozygotie

Häufigste Konstellation bei allen drei Genen; bestimmt wesentlich den klinischen Schweregrad und das Manifestationsalter.

wichtig

Genetische Beratung

Die molekulare Subtypisierung ist für die Prognoseabschätzung und die familiäre Beratung (Wiederholungsrisiko 25 %) von hoher Bedeutung.

Wichtiger Hinweis: Da sich Niemann-Pick Typ A/B und Typ C sowohl pathophysiologisch als auch molekulargenetisch grundlegend unterscheiden, ist die korrekte Zuordnung zur richtigen Gengruppe für Therapieentscheidung und Prognose entscheidend.

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Differenzialdiagnosen

Die viszerale Symptomatik von Typ A/B sowie die neurodegenerative Symptomatik von Typ C erfordern jeweils eigene differenzialdiagnostische Überlegungen.

DifferenzialdiagnoseÄhnlichkeitSchlüsselunterschiedDiagnostik
Morbus GaucherHepatosplenomegalie, ZytopenienAndere Speichersubstanz (Glukozerebrosid statt Sphingomyelin)Glukozerebrosidase-Aktivität
Morbus Tay-SachsCherry-red-Spot, frühkindliche NeurodegenerationFehlende Hepatosplenomegalie bei Tay-Sachs, andere EnzymkonstellationHexosaminidase-A-Aktivität
Andere Ursachen kindlicher Ataxie mit vertikaler BlickpareseProgrediente Ataxie und BlickstörungFehlende Kataplexie und unauffällige Oxysterol-/Filipin-DiagnostikOxysterol-Biomarker, NPC1-/NPC2-Genetik
Idiopathische Narkolepsie/KataplexieDurch Emotionen getriggerte TonusverlusteFehlende weitere neurologische Progredienz bei isolierter NarkolepsieSchlafdiagnostik, erweiterte metabolische Diagnostik
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Therapie

Während für Typ B seit Kurzem eine gezielte Enzymersatztherapie zur Verfügung steht, basiert die Behandlung von Typ C vorwiegend auf Substratreduktion und symptomatischer Betreuung.

  • STUFE 1Enzymersatztherapie bei Typ B

    Regelmäßige intravenöse Infusionen rekombinanter saurer Sphingomyelinase (Olipudase alfa) zur Reduktion der viszeralen Sphingomyelin-Speicherung bei der Typ-B-Form.

  • STUFE 2Substratreduktionstherapie bei Typ C

    Miglustat: Reduktion der Glykosphingolipid-Synthese kann die Progression der neurologischen Symptomatik bei Typ C verlangsamen.

  • STUFE 3Symptomatisches Management

    Antikonvulsive Therapie bei begleitender Epilepsie.
    Physio-, Ergo- und Logopädietherapie zur Symptomlinderung bei Ataxie, Dystonie und Schluckstörung.

  • STUFE 4Palliative Betreuung (v.a. Typ A)

    Einfühlsame, familienzentrierte palliative Betreuung bei der rasch progredienten Typ-A-Form aufgrund der sehr eingeschränkten Prognose.

Monitoring unter Therapie – Übersicht

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Viszerales Monitoring

Sonographische Verlaufskontrolle von Leber- und Milzgröße sowie Lungenfunktionsdiagnostik bei Typ A/B.

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Neurologisches Monitoring

Regelmäßige Verlaufskontrollen von Ataxie, Kognition und Blickmotorik bei Typ C.

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Ophthalmologisches Monitoring

Verlaufskontrolle bei Cherry-red-Spot bzw. vertikaler Blickparese.

Prognose: Die Typ-A-Form ist trotz aller Maßnahmen mit einer sehr eingeschränkten Prognose und meist frühem Versterben assoziiert. Die Typ-B-Form zeigt unter Enzymersatztherapie eine deutliche Verbesserung der viszeralen Symptomatik. Bei Typ C hängt die Prognose stark vom Manifestationsalter ab: frühe Formen verlaufen rascher progredient, spät manifestierende Formen zeigen einen langsameren, aber weiterhin progredienten neurodegenerativen Verlauf.

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Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte pädiatrische Stoffwechselzentren für die Betreuung von Kindern mit Morbus Niemann-Pick in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Zentrum für angeborene Stoffwechselerkrankungen und lysosomale Speicherkrankheiten
HAMBURG
Diagnostik und Therapie aller Niemann-Pick-Subtypen inkl. Enzymersatztherapie
Lysosomale Speicherkrankheiten
Universitätsklinikum Mainz
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Villa Metabolica – Zentrum für Stoffwechselerkrankungen
MAINZ
Neurometabolische Diagnostik und Betreuung bei Morbus Niemann-Pick Typ C
Neurometabolisches Zentrum
🇦🇹 Österreich
Medizinische Universität Wien
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
Stoffwechsel-Ambulanz
WIEN
Österreichisches Referenzzentrum für lysosomale Speicherkrankheiten
Referenzzentrum Wien
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich
Abteilung für Stoffwechselkrankheiten
Zentrum für angeborene Stoffwechselerkrankungen
ZÜRICH
Interdisziplinäres Team mit Neuropädiatrie und Pneumologie
Interdisziplinäres Zentrum

Fachgesellschaften & Ressourcen: Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Stoffwechselstörungen (APS) · Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP) · AWMF-Leitlinie Morbus Niemann-Pick Typ C · MetabERN (European Reference Network)