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Grundlagen & Pathophysiologie

Dem Morbus Fabry liegt ein Mangel der lysosomalen Alpha-Galaktosidase A zugrunde, die den Abbau von Globotriaosylceramid (Gb3) katalysiert. Bei fehlender Enzymaktivität akkumuliert Gb3 progredient in zahlreichen Zelltypen, insbesondere im vaskulären Endothel, in Nierenzellen, Kardiomyozyten sowie in Ganglienzellen des peripheren und autonomen Nervensystems.

Die fortschreitende Gb3-Ablagerung führt zu einer progredienten Gefäß- und Organschädigung, die sich im Kindesalter zunächst durch neuropathische Schmerzen und Hautveränderungen zeigt, im Erwachsenenalter jedoch zu schwerwiegenden Komplikationen wie Niereninsuffizienz, Kardiomyopathie und zerebrovaskulären Ereignissen führen kann.

X-chromosomaler Erbgang
Männer meist schwerer betroffen, Frauen aufgrund X-Inaktivierung mit variabler Symptomatik
Beginn oft im Kindesalter
Neuropathische Schmerzattacken häufig bereits vor dem 10. Lebensjahr
Multisystemische Spätfolgen
Niere, Herz und ZNS als Hauptzielorgane der progredienten Erkrankung im Erwachsenenalter
Enzymersatztherapie verfügbar
Seit den 2000er Jahren kausale Therapieoption etabliert

Klinisches Bild im Verlauf

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Akroparästhesien

Brennende, anfallsartige Schmerzen an Händen und Füßen, oft durch Hitze, körperliche Anstrengung oder Fieber getriggert, meist erstes Symptom im Kindesalter.

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Angiokeratome

Charakteristische, punktförmige rot-violette Hautveränderungen, typischerweise im Bereich zwischen Nabel und Knien.

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Cornea verticillata

Charakteristische wirbelförmige Hornhauttrübung, oft bereits im Kindesalter ophthalmologisch nachweisbar, ohne Visusbeeinträchtigung.

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Progrediente Nephropathie

Fortschreitende Proteinurie und Niereninsuffizienz als eine der bedeutsamsten Spätkomplikationen im Erwachsenenalter.

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Kardiale Beteiligung

Linksventrikuläre Hypertrophie, Rhythmusstörungen und Kardiomyopathie im weiteren Krankheitsverlauf.

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Zerebrovaskuläre Ereignisse

Erhöhtes Risiko für transitorische ischämische Attacken und Schlaganfälle bereits im jungen Erwachsenenalter.

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Klinische Symptome

Bei betroffenen Jungen beginnt die Symptomatik häufig bereits im Kindesalter, während Frauen ein sehr variables, teils erst im Erwachsenenalter manifestierendes Krankheitsbild zeigen können.

Frühe kindliche Symptomatik

  • Brennende Schmerzattacken an Händen und Füßen
  • Verminderte oder fehlende Schweißbildung (Hypohidrose)
  • Wärmeintoleranz
  • Rezidivierende Bauchschmerzen, Durchfall
  • Angiokeratome
  • Cornea verticillata
  • Fatigue, Konzentrationsschwierigkeiten

Spätere/erwachsene Symptomatik

  • Progrediente Proteinurie und Niereninsuffizienz
  • Linksventrikuläre Hypertrophie, Herzrhythmusstörungen
  • Transitorische ischämische Attacken, Schlaganfall
  • Innenohrschwerhörigkeit, Tinnitus
  • Bei Frauen: sehr variable Ausprägung, von milde bis schwer betroffen
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Diagnostik

Die Diagnostik unterscheidet sich zwischen betroffenen Männern und Frauen aufgrund der unterschiedlichen Aussagekraft der Enzymaktivitätsmessung beim X-chromosomalen Erbgang.

  1. Klinischer VerdachtUnklare Akroparästhesien, Angiokeratome oder familiäre Häufung von Nieren-/Herzerkrankungen lenken den Verdacht auf Morbus Fabry.
  2. Enzymaktivitätsmessung bei MännernBestimmung der Alpha-Galaktosidase-A-Aktivität in Leukozyten oder Trockenblutkarte, bei Männern meist deutlich erniedrigt und diagnostisch wegweisend.
  3. Molekulargenetische Diagnostik (essenziell bei Frauen)Da die Enzymaktivität bei heterozygoten Frauen aufgrund der X-Inaktivierung im Normbereich liegen kann, ist hier die Sequenzierung des GLA-Gens die Methode der Wahl.
  4. Biomarker-BestimmungBestimmung von Globotriaosylceramid (Gb3) bzw. dem sensitiveren Lyso-Gb3 im Plasma zur Diagnoseunterstützung und Verlaufsbeurteilung.
  5. Organbezogene BasisdiagnostikNierenfunktionsdiagnostik (u.a. Proteinurie), Echokardiographie und ophthalmologische Untersuchung (Cornea verticillata) zur Erfassung der Organbeteiligung.
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Molekulargenetische Ursachen

Dem Morbus Fabry liegen Varianten im GLA-Gen zugrunde, das für die lysosomale Alpha-Galaktosidase A kodiert und auf dem X-Chromosom lokalisiert ist.

GenGenlokusGenprodukt / FunktionErbgangBemerkung
GLAXq22.1Alpha-Galaktosidase A (lysosomaler Abbau von Globotriaosylceramid)X-chromosomalÜber 900 bekannte Varianten, großteils privat/familiär ohne dominierende Founder-Variante

Mutationsspektrum und Genotyp-Phänotyp-Korrelation

klassisch

Missense-, Nonsense- & Frameshift-Varianten

Mit vollständigem oder nahezu vollständigem Aktivitätsverlust assoziierte Varianten führen zum klassischen, multisystemischen Phänotyp.

Variante mit Restaktivität

Spät manifestierende („kardiale“/„renale“) Varianten

Bestimmte Missense-Varianten mit relevanter Restaktivität sind mit milderen, oft organspezifisch begrenzten Spätmanifestationsformen assoziiert.

therapierelevant

„Amenable“-Varianten

Bestimmte Missense-Varianten sind für eine pharmakologische Chaperon-Therapie geeignet („amenable“), was vorab molekular getestet werden muss.

X-chromosomal

Hemizygotie bei Männern

Männer besitzen nur ein X-Chromosom, sodass jede pathogene Variante zum vollen Phänotyp führt.

variabel

Heterozygotie bei Frauen

Durch zufällige X-Inaktivierung sehr variable klinische Ausprägung bei Frauen, von asymptomatisch bis zu schwerem, männerähnlichem Verlauf.

wichtig

Genetische Beratung

Bei X-chromosomalem Erbgang sind alle Töchter eines betroffenen Mannes obligate Anlageträgerinnen; Söhne einer heterozygoten Mutter haben ein 50 %iges Erkrankungsrisiko.

Wichtiger Hinweis: Die molekulargenetische Diagnostik ist bei Morbus Fabry nicht nur für die Diagnosesicherung bei Frauen essenziell, sondern auch für die Entscheidung, ob eine pharmakologische Chaperon-Therapie als Behandlungsoption in Betracht kommt.

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Differenzialdiagnosen

Die kindlichen neuropathischen Schmerzattacken sowie die späteren Organkomplikationen erfordern eine Abgrenzung von zahlreichen anderen Ursachen.

DifferenzialdiagnoseÄhnlichkeitSchlüsselunterschiedDiagnostik
„Wachstumsschmerzen“ / juvenile idiopathische ArthritisRezidivierende Extremitätenschmerzen im KindesalterFehlende Angiokeratome, Hypohidrose und Cornea verticillata bei anderen UrsachenAlpha-Galaktosidase-Aktivität bzw. GLA-Genetik
Andere hereditäre Ursachen linksventrikulärer HypertrophieKardiale Hypertrophie im jungen ErwachsenenalterFehlende weitere Fabry-typische OrganmanifestationenErweiterte kardiogenetische Diagnostik, Alpha-Galaktosidase-Aktivität
Andere Ursachen chronischer NiereninsuffizienzProgrediente ProteinurieFehlende typische Haut-, Augen- und NervenbeteiligungNierenbiopsie, Alpha-Galaktosidase-Aktivität
ErythromelalgieBrennende Schmerzen an den ExtremitätenAndere Auslöser und fehlende weitere Fabry-typische SymptomatikKlinische Kriterien, Alpha-Galaktosidase-Aktivität
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Therapie

Die Therapie zielt auf die Reduktion der Gb3-Speicherlast zur Vermeidung bzw. Verzögerung der progredienten Organschädigung sowie auf die symptomatische Behandlung der neuropathischen Schmerzen.

  • STUFE 1Enzymersatztherapie

    Regelmäßige intravenöse Infusionen rekombinanter Alpha-Galaktosidase A (Agalsidase alfa oder beta) zur Reduktion der Gb3-Speicherung in den Zielorganen.
    Frühzeitiger Beginn zur Vermeidung irreversibler Organschäden, insbesondere der Niere, empfohlen.

  • STUFE 2Orale Chaperon-Therapie

    Migalastat: Orale Alternative zur Enzymersatztherapie bei Patienten mit einer für die Chaperon-Therapie geeigneten („amenable“) GLA-Variante; stabilisiert das körpereigene Restenzym.

  • STUFE 3Schmerz- und Symptommanagement

    Neuropathische Schmerztherapie zur Behandlung der Akroparästhesien.
    Vermeidung von Triggerfaktoren wie Hitze, körperlicher Überanstrengung und Fieber.

  • STUFE 4Organprotektive Begleittherapie

    ACE-Hemmer oder AT1-Blocker zur Nephroprotektion bei nachgewiesener Proteinurie.
    Kardiologische und nephrologische Verlaufskontrolle zur frühzeitigen Erfassung und Behandlung von Organkomplikationen.

Monitoring unter Therapie – Übersicht

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Nephrologisches Monitoring

Regelmäßige Kontrolle von Nierenfunktion und Proteinurie.

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Kardiologisches Monitoring

Echokardiographische und EKG-Verlaufskontrollen zur Überwachung der Herzfunktion.

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Neurologisches Monitoring

Überwachung hinsichtlich zerebrovaskulärer Risikofaktoren und Ereignisse.

Prognose: Unter frühzeitigem Beginn der Enzymersatz- oder Chaperon-Therapie lässt sich die Progression der Organschädigung deutlich verlangsamen, wobei bereits eingetretene strukturelle Schäden meist nicht vollständig reversibel sind. Ohne Therapie führt Morbus Fabry bei Männern häufig zu deutlich verkürzter Lebenserwartung durch Nieren-, Herz- oder zerebrovaskuläre Komplikationen; Frauen zeigen einen sehr variablen, individuell unterschiedlichen Verlauf.

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Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte pädiatrische Stoffwechselzentren für die Betreuung von Kindern mit Morbus Fabry in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Zentrum für angeborene Stoffwechselerkrankungen und lysosomale Speicherkrankheiten
HAMBURG
Diagnostik und Enzymersatztherapie bei Morbus Fabry im Kindesalter
Lysosomale Speicherkrankheiten
Universitätsklinikum Mainz
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Villa Metabolica – Zentrum für Stoffwechselerkrankungen
MAINZ
Interdisziplinäre Betreuung inkl. Schmerztherapie und Transitionssprechstunde
Transitionssprechstunde
🇦🇹 Österreich
Medizinische Universität Wien
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
Stoffwechsel-Ambulanz
WIEN
Österreichisches Referenzzentrum für lysosomale Speicherkrankheiten
Referenzzentrum Wien
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich
Abteilung für Stoffwechselkrankheiten
Zentrum für angeborene Stoffwechselerkrankungen
ZÜRICH
Interdisziplinäre Betreuung mit Nephrologie, Kardiologie und Neurologie
Interdisziplinäres Zentrum

Fachgesellschaften & Ressourcen: Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Stoffwechselstörungen (APS) · Deutsche Fabry Gesellschaft · AWMF-Leitlinie Morbus Fabry · MetabERN (European Reference Network)