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Grundlagen & Pathophysiologie

Der MCAD-Mangel beruht auf einem Mangel der mittelkettigen Acyl-CoA-Dehydrogenase (Medium-Chain Acyl-CoA Dehydrogenase, MCAD), die im mitochondrialen Fettsäureabbau (Beta-Oxidation) den ersten Schritt der Oxidation mittelkettiger Fettsäuren (C6–C12) katalysiert. Bei fehlender Enzymaktivität kann während Nüchternphasen oder erhöhtem Energiebedarf keine ausreichende Energie und keine Ketonkörperbildung aus Fettsäuren erfolgen.

Da der Organismus insbesondere während längeren Fastens oder fieberhafter Erkrankungen auf die hepatische Ketogenese aus Fettsäuren als alternative Energiequelle angewiesen ist, kommt es bei MCAD-Mangel in diesen Situationen zu einer charakteristischen hypoketotischen Hypoglykämie mit Gefahr einer akuten, lebensbedrohlichen Stoffwechselentgleisung.

Häufigste FAO-Störung
Insgesamt häufigste angeborene Fettsäureoxidationsstörung
Symptomtrigger Fasten/Infekt
Krisen typischerweise durch längere Nüchternphasen oder fieberhafte Erkrankungen ausgelöst
Screening-Erfolg groß
Früherkennung im Neugeborenenscreening verhindert die klassische, oft tödliche Spätsymptomatik nahezu vollständig
Einfache Prävention wirksam
Vermeidung längerer Nüchternphasen als zentrale, hoch wirksame Maßnahme

Klinische Verlaufsformen

Akute hypoglykämische Krise

Klassische Erstmanifestation nach längerer Nüchternphase oder Infekt mit hypoketotischer Hypoglykämie und Lethargie.

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Reye-ähnliches Syndrom

Akute Enzephalopathie mit Hepatomegalie und Leberfunktionsstörung, historisch häufig als Morbus Reye fehlgedeutet.

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Präsymptomatischer, im Screening erkannter Verlauf

Klinisch unauffällige Kinder, die durch das Neugeborenenscreening identifiziert werden, bevor eine erste Krise auftritt.

Plötzlicher unerwarteter Tod

Vor Einführung des Screenings relevante, teils als SIDS fehlgedeutete Todesursache bei unerkanntem MCAD-Mangel.

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Postoperative/perioperative Krise

Erhöhtes Risiko einer Stoffwechselentgleisung bei längerer Nüchternheit im Rahmen operativer Eingriffe.

🍞

Milde, kaum symptomatische Verläufe

Bei bestimmten Genotypen (partielle Restaktivität) mitunter deutlich mildere oder ausbleibende klinische Symptomatik.

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Klinische Symptome

Zwischen den Episoden sind betroffene Kinder klinisch völlig unauffällig; die Symptomatik tritt typischerweise akut während katabolem Stress auf.

Akute Krise (Fasten-/Infekt-getriggert)

  • Erbrechen, Trinkschwäche
  • Zunehmende Lethargie bis zur Bewusstlosigkeit
  • Hypoketotische Hypoglykämie
  • Krampfanfälle bei ausgeprägter Hypoglykämie
  • Hepatomegalie, Transaminasenerhöhung
  • Bei fehlender Behandlung: Koma, Atemstillstand, Tod

Zwischen den Episoden & unbehandelter Verlauf

  • In der Regel unauffällige körperliche und geistige Entwicklung
  • Keine chronische Myopathie oder Kardiomyopathie (im Gegensatz zu langkettigen FAO-Störungen)
  • Bei wiederholten, unbehandelten schweren Hypoglykämien: bleibende neurologische Schädigung möglich
  • Erhöhtes Risiko bei längeren Nüchternphasen (z.B. vor Operationen)
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Diagnostik

Die Diagnose erfolgt heute meist präsymptomatisch im Neugeborenenscreening, sodass präventive Maßnahmen bereits vor Auftreten der ersten Krise eingeleitet werden können.

  1. Neugeborenenscreening (Tag 36–72h)Nachweis eines erhöhten Octanoylcarnitins (C8) sowie eines charakteristischen erhöhten C8/C10-Verhältnisses mittels Tandem-Massenspektrometrie.
  2. Bestätigungsdiagnostik im Acylcarnitin-ProfilErneute, quantitative Bestimmung der mittelkettigen Acylcarnitine im Plasma zur Diagnosesicherung.
  3. Organische Säuren im UrinNachweis von Hexanoylglycin und Suberylglycin, insbesondere während akuter Episoden.
  4. Akutlabor während einer KriseNachweis einer hypoketotischen Hypoglykämie (inadäquat niedrige Ketonkörper trotz Hypoglykämie) als wegweisender Befund.
  5. Molekulargenetische DiagnostikSequenzierung des ACADM-Gens zur Bestätigung, Einordnung des Genotyps und Familienberatung.
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Molekulargenetische Ursachen

Dem MCAD-Mangel liegen Varianten im ACADM-Gen zugrunde, das für die mittelkettige Acyl-CoA-Dehydrogenase im mitochondrialen Beta-Oxidationsweg kodiert.

GenGenlokusGenprodukt / FunktionErbgangBemerkung
ACADM1p31.1Mittelkettige Acyl-CoA-Dehydrogenase (Beta-Oxidation mittelkettiger Fettsäuren)autosomal-rezessivEine einzelne Founder-Variante deckt einen Großteil der Fälle in nordeuropäischen Populationen ab

Mutationsspektrum am ACADM-Gen

häufigste Variante

c.985A>G (p.K304E)

Häufigste, insbesondere in nordeuropäisch-stämmigen Populationen weit verbreitete Founder-Variante mit nahezu vollständigem Aktivitätsverlust bei Homozygotie.

häufig

Weitere Missense-Varianten

Zahlreiche weitere, seltenere Missense-Varianten mit unterschiedlicher Restaktivität.

im Screening häufig

Milde/hypomorphe Varianten

Bestimmte Varianten mit partieller Restaktivität, die im Screening-Zeitalter zunehmend bei klinisch asymptomatischen Kindern identifiziert werden.

selten

Nonsense- & Frameshift-Varianten

Meist mit vollständigem Funktionsverlust assoziiert, in Kombination mit der häufigen Founder-Variante compound-heterozygot möglich.

häufig

Homozygotie für p.K304E

Häufigste genetische Konstellation in Europa, meist mit dem klassischen, jedoch präventiv gut beherrschbaren Phänotyp assoziiert.

wichtig

Genetische Beratung

Die molekulare Bestätigung unterstützt die familiäre Beratung (Wiederholungsrisiko 25 %) sowie die Einordnung milder, im Screening entdeckter Genotypen.

Wichtiger Hinweis: Die weite Verbreitung einer einzelnen Founder-Variante erleichtert die molekulargenetische Diagnostik erheblich und ermöglicht bei vielen Patienten eine rasche, gezielte Bestätigung des im Screening erhobenen Verdachts.

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Differenzialdiagnosen

Die akute, fasten-getriggerte hypoketotische Hypoglykämie erfordert eine Abgrenzung von anderen Fettsäureoxidationsstörungen und weiteren Ursachen kindlicher Hypoglykämien.

DifferenzialdiagnoseÄhnlichkeitSchlüsselunterschiedDiagnostik
Andere Fettsäureoxidationsstörungen (VLCAD, LCHAD, CPT I/II)Fasten-getriggerte hypoketotische HypoglykämieAnderes Acylcarnitin-Muster (kurz- vs. langkettig), unterschiedliches OrganbefallmusterAcylcarnitin-Profil, spezifische Genetik
HyperinsulinismusRezidivierende Hypoglykämien im KindesalterInadäquat hohe Insulinspiegel während Hypoglykämie statt fastenassoziiertem TriggerInsulin-/C-Peptid-Bestimmung
Glykogenspeicherkrankheit Typ INüchtern-Hypoglykämie, HepatomegalieBegleitende Laktatazidose und Hyperurikämie, unauffälliges Acylcarnitin-ProfilLaktat, Harnsäure, G6PC-/SLC37A4-Genetik
Morbus Reye (klassisch, nicht metabolisch)Akute Enzephalopathie mit HepatopathieAnamnestischer Bezug zu Salicylaten, unauffälliges Acylcarnitin-ProfilAnamnese, Acylcarnitin-Profil
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Therapie

Die Therapie basiert vorrangig auf der konsequenten Vermeidung längerer Nüchternphasen, wodurch die weit überwiegende Mehrheit akuter Krisen zuverlässig verhindert werden kann.

  • NOTFALLAkute hypoglykämische Krise

    Sofortige Glukosezufuhr: Intravenöse Glukosegabe bei Erbrechen oder klinischer Verschlechterung zur raschen Unterbrechung des katabolen Zustands.
    Stationäre Überwachung bis zur vollständigen klinischen Erholung.

  • STUFE 1Vermeidung längerer Nüchternphasen

    Regelmäßige Mahlzeiten: Altersangepasste maximale Nüchternzeiten, insbesondere im Säuglings- und Kleinkindalter.
    Frühzeitiges Handeln bei Infekten: Verkürzte Nüchternzeiten und ggf. zusätzliche Kohlenhydratgabe bereits bei ersten Krankheitszeichen.

  • STUFE 2Notfallmanagement bei Erkrankung

    Orale Notfallernährung mit Glukosepolymeren bei fieberhaften Infekten oder verminderter Nahrungsaufnahme.
    Niedrigschwellige stationäre Vorstellung bei Erbrechen oder Nahrungsverweigerung zur intravenösen Glukosegabe.

  • STUFE 3Elternschulung & Notfallausweis

    Ausführliche Schulung der Familie zu Nüchternzeiten, Krankheitsmanagement und Notfallzeichen.
    Mitführen eines Notfallausweises mit klaren Handlungsanweisungen für das medizinische Personal, insbesondere vor operativen Eingriffen.

Monitoring unter Therapie – Übersicht

🧪

Metabolisches Monitoring

Gelegentliche Kontrolle des Acylcarnitin-Profils, insbesondere bei klinischer Auffälligkeit.

📈

Wachstums-Monitoring

Regelmäßige Kontrolle von Gedeihen und Entwicklung im Rahmen der pädiatrischen Vorsorgeuntersuchungen.

🏥

Perioperatives Monitoring

Besondere Beachtung der Nüchternzeiten und ggf. Glukoseinfusion bei geplanten operativen Eingriffen.

Prognose: Bei frühzeitiger Diagnosestellung im Screening und konsequenter Vermeidung längerer Nüchternphasen ist die Prognose des MCAD-Mangels sehr gut, mit normaler körperlicher und geistiger Entwicklung bei der großen Mehrheit der Kinder. Unerkannt oder unzureichend behandelt besteht dagegen ein erhebliches Risiko schwerer, potenziell tödlicher hypoglykämischer Krisen.

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Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte pädiatrische Stoffwechselzentren für die Betreuung von Kindern mit MCAD-Mangel in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Universitätsklinikum Heidelberg
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Stoffwechselzentrum für seltene Erkrankungen
HEIDELBERG
Diagnostik und Betreuung angeborener Fettsäureoxidationsstörungen inkl. Elternschulung
Stoffwechselzentrum
Universitätsklinikum Münster
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Stoffwechselzentrum mit Screening-Anbindung
MÜNSTER
Bestätigungsdiagnostik nach auffälligem Neugeborenenscreening
Screening-Zentrum
🇦🇹 Österreich
Medizinische Universität Wien
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
Stoffwechsel-Ambulanz
WIEN
Österreichisches Referenzzentrum für Fettsäureoxidationsstörungen
Referenzzentrum Wien
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich
Abteilung für Stoffwechselkrankheiten
Zentrum für angeborene Stoffwechselerkrankungen
ZÜRICH
Interdisziplinäre Betreuung inkl. Notfallmanagement-Schulung
Interdisziplinäres Zentrum

Fachgesellschaften & Ressourcen: Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Stoffwechselstörungen (APS) · Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin (GNPI) · AWMF-Leitlinie Fettsäureoxidationsstörungen · MetabERN (European Reference Network)