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Grundlagen & Pathophysiologie

Glykogenspeicherkrankheiten beruhen auf Defekten von Enzymen des Glykogenstoffwechsels (Synthese, Abbau oder lysosomale Verwertung) und führen je nach betroffenem Organ und Enzymschritt zu sehr unterschiedlichen klinischen Bildern. Man unterscheidet grob hepatische Formen (mit Hypoglykämie und Hepatomegalie im Vordergrund), muskuläre Formen (mit Belastungsintoleranz und Myopathie) sowie gemischte bzw. generalisierte Formen.

Bei den hepatischen Formen (u.a. Typ I, III, IV, VI, IX) kann Glykogen nicht adäquat zu Glukose abgebaut werden, was zu Nüchtern-Hypoglykämien und kompensatorischer Glykogenanhäufung in der Leber führt. Bei den muskulären Formen (u.a. Typ V, VII) fehlt die energetische Bereitstellung aus Glykogen während körperlicher Belastung. Der Morbus Pompe (Typ II) nimmt eine Sonderstellung ein, da hier nicht der zytosolische, sondern der lysosomale Glykogenabbau gestört ist.

>10 genetisch definierte Typen
Klassifikation nach betroffenem Enzym und Organbeteiligung
Typ I häufigste hepatische Form
Morbus von Gierke mit schwerer Nüchtern-Hypoglykämie
Typ II einzige lysosomale GSD
Morbus Pompe mit kardialer und muskulärer Beteiligung
Enzymersatztherapie verfügbar
Bei Morbus Pompe als bislang einzige kausale Therapieoption unter den GSD

Übersicht der wichtigsten GSD-Typen

TypEponymBetroffenes OrganLeitsymptomatik
Typ IMorbus von GierkeLeber, NiereSchwere Nüchtern-Hypoglykämie, Hepatomegalie, Laktatazidose, Hyperurikämie
Typ IIMorbus PompeHerz, Skelettmuskulatur (generalisiert, lysosomal)Hypertrophe Kardiomyopathie, muskuläre Hypotonie („floppy infant“)
Typ IIICori-/Forbes-KrankheitLeber, MuskelHepatomegalie, mildere Hypoglykämie, teils Myopathie/Kardiomyopathie
Typ IVAndersen-KrankheitLeber, MuskelProgrediente Leberzirrhose, oft frühletal ohne Transplantation
Typ VMcArdle-KrankheitSkelettmuskulaturBelastungsintoleranz, Myalgie, „Second-Wind“-Phänomen, Myoglobinurie
Typ VIHers-KrankheitLeberMeist milde Hepatomegalie und Hypoglykämieneigung
Typ VIITarui-KrankheitSkelettmuskulatur, ErythrozytenBelastungsintoleranz mit begleitender hämolytischer Anämie
Typ IXPhosphorylase-Kinase-MangelLeber (teils Muskel)Häufigste hepatische GSD, meist milder Verlauf mit Hepatomegalie
Typ XIFanconi-Bickel-SyndromLeber, NiereHepatorenale Glykogenose mit Fanconi-Nephropathie und Minderwuchs
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Klinische Symptome

Da die Symptomatik je nach Typ sehr unterschiedlich ist, werden im Folgenden die beiden klinisch bedeutsamsten Formen – die hepatische GSD Typ I und die generalisierte, kardiale GSD Typ II – exemplarisch gegenübergestellt.

GSD Typ I (Morbus von Gierke) – Leitsymptome

  • Schwere Nüchtern-Hypoglykämie bereits nach kurzer Fastenperiode
  • Ausgeprägte Hepatomegalie
  • „Puppengesicht“ mit rundlichen Wangen
  • Laktatazidose, Hyperurikämie, Hyperlipidämie
  • Wachstumsverzögerung, Minderwuchs
  • Bei Typ Ib zusätzlich: Neutropenie, rezidivierende Infekte, chronisch-entzündliche Darmerkrankung

GSD Typ II (Morbus Pompe, infantile Form) – Leitsymptome

  • Ausgeprägte muskuläre Hypotonie („floppy infant“)
  • Hypertrophe Kardiomyopathie mit rasch progredienter Herzinsuffizienz
  • Trinkschwäche, Gedeihstörung
  • Makroglossie
  • Respiratorische Insuffizienz durch Zwerchfellbeteiligung
  • Bei Late-onset-Form: progrediente Skelettmuskelschwäche ohne frühe Kardiomyopathie
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Diagnostik

Die Diagnostik kombiniert metabolische Basisuntersuchungen im Rahmen einer akuten Episode mit gezielter Enzymatik und molekulargenetischer Bestätigung.

  1. Klinischer Verdacht und BasislaborNachweis von Nüchtern-Hypoglykämie, Laktatazidose, Hyperurikämie und Hyperlipidämie bei hepatischen Formen bzw. erhöhter Kreatinkinase bei muskulären Formen.
  2. Neugeborenenscreening (bei GSD II)Bestimmung der sauren Alpha-Glukosidase-Aktivität aus Trockenblutkarte in Ländern mit entsprechendem Screening-Programm.
  3. Kardiologische DiagnostikEchokardiographie zum Nachweis bzw. Ausschluss einer hypertrophen Kardiomyopathie, insbesondere bei Verdacht auf infantile GSD II.
  4. Bildgebung der LeberSonographie zur Erfassung von Hepatomegalie und Verlaufsbeurteilung bei den hepatischen Formen.
  5. EnzymaktivitätsmessungBestimmung der jeweiligen Enzymaktivität in Leukozyten, Fibroblasten oder Muskel-/Leberbiopsie je nach vermutetem Subtyp.
  6. Molekulargenetische DiagnostikGezielte oder Panel-Sequenzierung der jeweiligen GSD-Gene zur definitiven Bestätigung, Subtyp-Zuordnung und Familienberatung.
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Molekulargenetische Ursachen

Den unterschiedlichen GSD-Typen liegen Varianten in verschiedenen Genen des Glykogenstoffwechsels zugrunde – von der Glukose-6-Phosphatase (Typ I) über die lysosomale saure Alpha-Glukosidase (Typ II) bis zu den Muskel- und Leberphosphorylasen.

GenGenlokusGenprodukt / FunktionErbgangZugeordneter Typ
G6PC17q21.31Glukose-6-Phosphatase (Leber, Niere)autosomal-rezessivGSD Ia (Morbus von Gierke)
SLC37A411q23.3Glukose-6-Phosphat-Translokaseautosomal-rezessivGSD Ib (mit zusätzlicher Neutropenie)
GAA17q25.3Saure Alpha-Glukosidase (lysosomal)autosomal-rezessivGSD II (Morbus Pompe)
AGL1p21.2Debranching-Enzym (Amylo-1,6-Glukosidase)autosomal-rezessivGSD III (Cori-/Forbes-Krankheit)
GBE13p12.2Branching-Enzym (Glykogen-Verzweigungsenzym)autosomal-rezessivGSD IV (Andersen-Krankheit)
PYGM11q13.1Muskelphosphorylase (Myophosphorylase)autosomal-rezessivGSD V (McArdle-Krankheit)
PYGL14q22.1Leberphosphorylaseautosomal-rezessivGSD VI (Hers-Krankheit)
PFKM12q13.11Muskel-Phosphofruktokinaseautosomal-rezessivGSD VII (Tarui-Krankheit)
PHKA2 / PHKB / PHKG2Xp22.13 / 16q12.1 / 16p11.2Untereinheiten der Phosphorylase-KinaseX-chrom. (PHKA2) bzw. autosomal-rezessivGSD IX, häufigste hepatische GSD
SLC2A23q26.2Glukosetransporter 2 (GLUT2)autosomal-rezessivGSD XI (Fanconi-Bickel-Syndrom)

Mutationsspektrum bei Typ I und Typ II

häufig (G6PC)

Missense-Varianten

Häufigste Mutationsklasse am G6PC-Gen bei GSD Ia, u.a. populationsspezifisch gehäufte Varianten beschrieben.

häufig (SLC37A4)

Missense- & Frameshift-Varianten

Bei GSD Ib häufigste Mutationsklassen, funktionell mit gestörtem Glukose-6-Phosphat-Transport ins endoplasmatische Retikulum assoziiert.

c.-32-13T>G

Häufigste GAA-Splicing-Variante

Bei Morbus Pompe häufigste Variante bei spät manifestierenden (Late-onset-) Formen, meist in Kombination mit einer zweiten, schwereren Variante.

variabel (GAA)

Nonsense-/Deletionsvarianten

Häufig mit der schweren, klassisch-infantilen Verlaufsform des Morbus Pompe assoziiert (nahezu vollständiger Aktivitätsverlust).

variabel

Compound-Heterozygotie

Bei allen GSD-Typen häufigste Konstellation; die Kombination der Allele bestimmt wesentlich die Restenzymaktivität und den klinischen Schweregrad.

wichtig

Genotyp-Phänotyp-Korrelation bei GAA

Die Restaktivität der sauren Alpha-Glukosidase korreliert eng mit dem Manifestationsalter (infantil vs. spät manifestierend) und ist für die Therapieplanung von Bedeutung.

Wichtiger Hinweis: Angesichts der genetischen Heterogenität der Glykogenspeicherkrankheiten erfolgt die molekulargenetische Abklärung heute meist über ein gezieltes Gen-Panel, das die wichtigsten GSD-assoziierten Gene gleichzeitig erfasst.

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Differenzialdiagnosen

Je nach dominierendem klinischem Bild (hepatisch, kardial oder muskulär) sind unterschiedliche Differenzialdiagnosen relevant.

DifferenzialdiagnoseÄhnlichkeitSchlüsselunterschiedDiagnostik
Hereditäre FruktoseintoleranzHypoglykämie, HepatomegalieSymptomatik in klarem zeitlichem Bezug zu Fruktoseaufnahme statt NüchternphasenErnährungsanamnese, ALDOB-Genetik
HyperinsulinismusRezidivierende Hypoglykämien im KindesalterInadäquat hohe Insulinspiegel während Hypoglykämie, keine LaktatazidoseInsulin-/C-Peptid-Bestimmung
Andere hypertrophe Kardiomyopathien im SäuglingsalterFrühkindliche Herzinsuffizienz mit KardiomyopathieFehlende generalisierte muskuläre Hypotonie und normale GAA-AktivitätGAA-Enzymaktivität, Genetik
Mitochondriale MyopathienBelastungsintoleranz, MuskelschwächeAndere Laborkonstellation (z.B. Laktatanstieg unter Belastung ohne „Second-Wind“-Phänomen)Laktat unter Belastung, Muskelbiopsie, mitochondriale Genetik
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Therapie

Die Therapie richtet sich stark nach dem jeweiligen GSD-Typ und reicht von diätetischem Management zur Hypoglykämie-Prävention bei den hepatischen Formen bis zur kausalen Enzymersatztherapie bei Morbus Pompe.

  • STUFE 1Diätetisches Management bei hepatischen Formen (v.a. Typ I)

    Häufige, kohlenhydratreiche Mahlzeiten: Vermeidung längerer Nüchternphasen zur Prävention schwerer Hypoglykämien.
    Ung ekochte Maisstärke (Uncooked Cornstarch): Regelmäßige Gabe zur langsamen, kontinuierlichen Glukosefreisetzung, insbesondere nachts.
    Nächtliche Sondenernährung bei Säuglingen und Kleinkindern zur Sicherstellung einer kontinuierlichen Glukosezufuhr.

  • STUFE 2Enzymersatztherapie bei Morbus Pompe (Typ II)

    Rekombinante saure Alpha-Glukosidase: Regelmäßige intravenöse Infusionen zur Substitution des fehlenden lysosomalen Enzyms; frühzeitiger Beginn insbesondere bei der infantilen Form entscheidend für das Überleben.
    Multidisziplinäre Betreuung mit Kardiologie, Pneumologie und Physiotherapie begleitend zur Enzymersatztherapie.

  • STUFE 3Symptomatisches Management bei muskulären Formen (Typ V, VII)

    Angepasstes körperliches Training: Vermeidung intensiver, anaerober Belastungsspitzen bei gleichzeitiger Förderung eines moderaten aeroben Ausdauertrainings zur Nutzung des „Second-Wind“-Phänomens.
    Ausreichende Flüssigkeitszufuhr zur Prävention einer belastungsinduzierten Rhabdomyolyse.

  • STUFE 4Behandlung von Komplikationen und Organbeteiligung

    Harnsäuresenkende Therapie bei Hyperurikämie im Rahmen der GSD I.
    Behandlung der Neutropenie und Darmentzündung bei GSD Ib, ggf. mit G-CSF.
    Lebertransplantation als Option bei schwerer Leberzirrhose, insbesondere bei GSD IV.

Monitoring unter Therapie – Übersicht

🧪

Metabolisches Monitoring

Regelmäßige Kontrolle von Blutzucker, Laktat, Harnsäure und Lipiden bei hepatischen Formen.

🨟

Kardiologisches Monitoring

Echokardiographische Verlaufskontrollen bei Morbus Pompe und weiteren Formen mit kardialer Beteiligung.

📈

Wachstums- und Leber-Monitoring

Kontrolle von Wachstum, Lebergröße und Leberfunktion im Verlauf.

Prognose: Die Prognose der Glykogenspeicherkrankheiten ist stark typabhängig. Unter konsequenter diätetischer Behandlung erreichen viele Patienten mit hepatischen Formen (z.B. Typ I, IX) eine weitgehend normale Lebenserwartung. Die infantile Form des Morbus Pompe verläuft unbehandelt frühletal, hat sich jedoch durch die Enzymersatztherapie deutlich verbessert. Muskuläre Formen sind meist mit guter Lebenserwartung, aber eingeschränkter Belastungsfähigkeit assoziiert.

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Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte pädiatrische Stoffwechselzentren für die Betreuung von Kindern mit Glykogenspeicherkrankheiten in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Universitätsklinikum Heidelberg
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Stoffwechselzentrum für seltene Erkrankungen
HEIDELBERG
Diagnostik und Langzeitbetreuung aller GSD-Typen inkl. diätetischer Beratung
Stoffwechselzentrum
Universitätsklinikum Bonn
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Neuromuskuläres Zentrum mit Pompe-Schwerpunkt
BONN
Enzymersatztherapie-Zentrum für Morbus Pompe inkl. kardiologischer Anbindung
Pompe-Zentrum
🇦🇹 Österreich
Medizinische Universität Wien
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
Stoffwechsel-Ambulanz
WIEN
Österreichisches Referenzzentrum für Glykogenspeicherkrankheiten
Referenzzentrum Wien
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich
Abteilung für Stoffwechselkrankheiten
Zentrum für angeborene Stoffwechselerkrankungen
ZÜRICH
Interdisziplinäres Team mit Kardiologie, Neuropädiatrie und Ernährungsmedizin
Interdisziplinäres Zentrum

Fachgesellschaften & Ressourcen: Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Stoffwechselstörungen (APS) · Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke (DGM) · AWMF-Leitlinie Glykogenosen · MetabERN (European Reference Network)