Grundlagen & Definition
Stridor ist ein hochfrequentes, musikalisches Atemgeräusch, das durch eine Obstruktion oder Instabilität der oberen bzw. zentralen Atemwege entsteht. Er ist ein Leitsymptom mit breitem Ursachenspektrum, dessen präzise Charakterisierung – insbesondere hinsichtlich der Atemphase – wesentliche Hinweise auf die anatomische Lokalisation der zugrundeliegenden Pathologie liefert.
Schlüsselkonzept – Atemphase als anatomischer Kompass: Die Physik der Atemwege erklärt, warum die Atemphase des Stridors auf die Lokalisation hinweist: Eine extrathorakale Obstruktion (Larynx, extrathorakale Trachea) verstärkt sich bei Inspiration (negativer intraluminaler Druck zieht die instabile Wand zusammen), während eine intrathorakale Obstruktion (untere Trachea, Bronchien) sich bei Exspiration verstärkt (erhöhter intrathorakaler Druck komprimiert die Atemwege). Fixierte Stenosen jeder Lokalisation können einen biphasischen Stridor verursachen.
Klassifikation nach Atemphase
Inspiratorischer Stridor
Weist auf eine extrathorakale Obstruktion hin – am häufigsten auf Larynxebene (Laryngomalazie, Stimmbandparese, subglottische Stenose, Larynxpapillomatose).
Exspiratorischer Stridor
Weist auf eine intrathorakale Obstruktion hin – Tracheomalazie/Bronchomalazie, intrathorakale Raumforderung, Gefäßkompression der unteren Trachea.
Biphasischer Stridor
Häufig Hinweis auf eine fixierte Stenose (unabhängig von der Druckdynamik) – z. B. subglottische Stenose, komplette tracheale Ringe, Gefäßring mit relevanter Trachealkompression.
Weitere klassifizierende Merkmale
| Merkmal | Diagnostischer Hinweis |
|---|---|
| Symptombeginn Neonatalperiode/1.–2. Lebenswoche | Kongenitale Ursache (Laryngomalazie, Trachealstenose, Gefäßring) |
| Akuter, plötzlicher Beginn | Fremdkörperaspiration, akute Epiglottitis, Krupp (viral) |
| Verstärkung bei Aufregung/Anstrengung | Dynamische Ursache (Malazie), VCD bei älteren Kindern |
| Verstärkung in Rückenlage | Typisch für Laryngomalazie |
| Assoziierter „bellender" Husten | Krupp (Laryngotracheitis), Tracheomalazie |
| Fütterungsassoziierte Symptomverstärkung | Gefäßring mit Ösophaguskompression, laryngeale Spaltbildung |
Diagnostischer Algorithmus
- Strukturierte Anamnese Symptombeginn (Geburt vs. später), Atemphase, Trigger-Faktoren (Aufregung, Fütterung, Rückenlage), Verlauf (stabil, progredient, fluktuierend), Frühgeburtlichkeit, vorausgegangene Intubation.
- Klinische Untersuchung Genaue auskultatorische Charakterisierung der Atemphase, Beurteilung von Atemarbeit/Einziehungen, Wachstumsverlauf, Stimmqualität (Heiserkeit als Hinweis auf Stimmbandbeteiligung).
- Flexible Laryngoskopie (bei Verdacht auf laryngeale Ursache) Ambulant durchführbare, wenig invasive Untersuchung zur direkten Beurteilung von Larynx und Stimmbändern unter Spontanatmung – Methode der Wahl bei Verdacht auf Laryngomalazie oder Stimmbandparese.
- Flexible dynamische Bronchoskopie (bei tieferer Lokalisation) Bei Verdacht auf trachealen/bronchialen Ursprung (exspiratorischer Stridor) – Durchführung unter Spontanatmung zur Beurteilung des dynamischen Kollapsverhaltens.
- Bildgebung (CT-Angiographie/MRT bei Verdacht auf Gefäßring) Bei biphasischem Stridor mit Fütterungsproblemen oder unklarer extrinsischer Kompression – essenziell zur präoperativen Planung.
- Starre Bronchoskopie (bei Verdacht auf fixierte Stenose oder Fremdkörper) Diagnostisch und ggf. therapeutisch bei Verdacht auf komplette tracheale Ringe oder Fremdkörperaspiration.
Ursachen nach Altersgruppe
| Altersgruppe | Häufige Ursachen |
|---|---|
| Neugeborene/junge Säuglinge | Laryngomalazie (häufigste Ursache), kongenitale Trachealstenose, Stimmbandparese (ggf. neurologisch bedingt), Gefäßring |
| Säuglinge/Kleinkinder | Persistierende Laryngomalazie, Tracheo-/Bronchomalazie, subglottisches Hämangiom, Krupp (akut, rezidivierend) |
| Kleinkinder/Schulkinder | Fremdkörperaspiration, akute Epiglottitis (selten, durch Impfung), Krupp, allergisches Larynxödem |
| Ältere Kinder/Jugendliche | Vocal Cord Dysfunction (v.a. Sportlerinnen), Larynxpapillomatose, seltene Neubildungen |
Alarmzeichen (Red Flags)
AKUTE ALARMZEICHEN
- Plötzlicher Beginn mit Erstickungsanamnese
- Speichelfluss mit Schluckunfähigkeit (Epiglottitis-Verdacht)
- Zunehmende Atemnot mit Einziehungen
- Zyanose, Bewusstseinsveränderung
CHRONISCHE ALARMZEICHEN
- Progrediente statt stabile/bessernde Symptomatik
- Gedeihstörung/Fütterungsprobleme
- Biphasischer Stridor
- Heiserkeit/Aphonie (Stimmbandbeteiligung)
ANAMNESTISCHE ALARMZEICHEN
- Vorausgegangene Intubation/Beatmung (erworbene subglottische Stenose)
- Bekannte kardiale Fehlbildung (Gefäßring-Assoziation)
- Fehlende Besserung trotz erwarteten Alters der Spontanremission
Differenzialdiagnosen im Detail
| Erkrankung | Atemphase | Wegweisende Klinik | Schlüsseldiagnostik |
|---|---|---|---|
| Laryngomalazie | Inspiratorisch | Beginn 1.–2. Lebenswoche, Verstärkung in Rückenlage/bei Aufregung, meist selbstlimitierend | Flexible Laryngoskopie (omega-förmige Epiglottis, prolabierende arytenoide Schleimhaut) |
| Tracheomalazie/Bronchomalazie | Exspiratorisch | „Bellender" Husten, kein Ansprechen auf Bronchodilatatoren | Dynamische flexible Bronchoskopie (siehe eigenständige Übersicht) |
| Kongenitale Trachealstenose (komplette Ringe) | Biphasisch | Fixierte, persistierende Obstruktion, häufig Pulmonalarterien-Sling-Assoziation | Starre Bronchoskopie, CT-Angiographie (siehe eigenständige Übersicht) |
| Gefäßring/-schlinge | Biphasisch | Fütterungsprobleme durch Ösophaguskompression | CT-Angiographie, Echokardiographie |
| Krupp (akute Laryngotracheitis) | Inspiratorisch, akut | Viraler Infekt, bellender Husten, akuter Beginn meist nachts | Klinische Diagnose, Ansprechen auf Kortikosteroide/Adrenalin-Vernebelung |
| Vocal Cord Dysfunction (VCD) | Inspiratorisch, belastungsassoziiert | V.a. jugendliche Sportlerinnen, kein Ansprechen auf Asthmatherapie | Laryngoskopie während Symptomatik (paradoxe Stimmbandadduktion) |
| Fremdkörperaspiration | Variabel, oft plötzlicher Beginn | Beobachtetes Erstickungsereignis | Röntgen-Thorax, starre Bronchoskopie (siehe eigenständige Übersicht) |
Stufenweises Vorgehen
-
SCHRITT 1 Klinische Charakterisierung & Alarmzeichen-Screening ▼
Genaue Bestimmung der Atemphase, Symptombeginn und -verlauf, Screening auf Alarmzeichen. Bei akuten Notfallzeichen: sofortige Vorstellung/Notfallmanagement.
Strukturierte Anamnese und Untersuchung -
SCHRITT 2 Beobachtung bei typischer, milder Laryngomalazie ▼
Bei typischem klinischem Bild einer milden Laryngomalazie ohne Alarmzeichen (gutes Gedeihen, keine Atemnotzeichen): klinische Verlaufsbeobachtung ohne primär invasive Diagnostik vertretbar.
Klinische Verlaufskontrolle -
SCHRITT 3 Endoskopische Diagnostik bei Alarmzeichen/atypischem Verlauf ▼
Bei Alarmzeichen, atypischer Klinik oder fehlender erwarteter Besserung: flexible Laryngoskopie und/oder dynamische Bronchoskopie zur definitiven anatomischen und funktionellen Klärung.
Flexible Laryngoskopie/Bronchoskopie -
SCHRITT 4 Spezifische Therapie der identifizierten Ursache ▼
Nach Diagnosesicherung erfolgt die spezifische Therapie entsprechend der jeweiligen Grunderkrankung (siehe eigenständige Übersichten zu Tracheomalazie, Trachealstenose, Fremdkörperaspiration etc.).
Ursachenspezifische Therapie
Expertenzentren D-A-CH
Bei unklarem oder atypischem Stridor ist die Anbindung an ein spezialisiertes pädiatrisch-pneumologisch-HNO-ärztliches Zentrum empfohlen.
Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: GPP – Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie · ERS Task Force Paediatric Airway Disorders · Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (DGHNO-KHC)