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Grundlagen & Definition

Stridor ist ein hochfrequentes, musikalisches Atemgeräusch, das durch eine Obstruktion oder Instabilität der oberen bzw. zentralen Atemwege entsteht. Er ist ein Leitsymptom mit breitem Ursachenspektrum, dessen präzise Charakterisierung – insbesondere hinsichtlich der Atemphase – wesentliche Hinweise auf die anatomische Lokalisation der zugrundeliegenden Pathologie liefert.

Schlüsselkonzept – Atemphase als anatomischer Kompass: Die Physik der Atemwege erklärt, warum die Atemphase des Stridors auf die Lokalisation hinweist: Eine extrathorakale Obstruktion (Larynx, extrathorakale Trachea) verstärkt sich bei Inspiration (negativer intraluminaler Druck zieht die instabile Wand zusammen), während eine intrathorakale Obstruktion (untere Trachea, Bronchien) sich bei Exspiration verstärkt (erhöhter intrathorakaler Druck komprimiert die Atemwege). Fixierte Stenosen jeder Lokalisation können einen biphasischen Stridor verursachen.

Laryngomalazie
Häufigste Ursache im Säuglingsalter
1.–2. Lebenswoche
Typischer Symptombeginn bei Laryngomalazie
~90 %
Spontane Besserung der Laryngomalazie bis 18.–24. Lebensmonat
Multifaktoriell
Mehrere gleichzeitige Ursachen (z. B. Laryngomalazie + Reflux) häufig
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Klassifikation nach Atemphase

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Inspiratorischer Stridor

Weist auf eine extrathorakale Obstruktion hin – am häufigsten auf Larynxebene (Laryngomalazie, Stimmbandparese, subglottische Stenose, Larynxpapillomatose).

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Exspiratorischer Stridor

Weist auf eine intrathorakale Obstruktion hin – Tracheomalazie/Bronchomalazie, intrathorakale Raumforderung, Gefäßkompression der unteren Trachea.

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Biphasischer Stridor

Häufig Hinweis auf eine fixierte Stenose (unabhängig von der Druckdynamik) – z. B. subglottische Stenose, komplette tracheale Ringe, Gefäßring mit relevanter Trachealkompression.

Weitere klassifizierende Merkmale

MerkmalDiagnostischer Hinweis
Symptombeginn Neonatalperiode/1.–2. LebenswocheKongenitale Ursache (Laryngomalazie, Trachealstenose, Gefäßring)
Akuter, plötzlicher BeginnFremdkörperaspiration, akute Epiglottitis, Krupp (viral)
Verstärkung bei Aufregung/AnstrengungDynamische Ursache (Malazie), VCD bei älteren Kindern
Verstärkung in RückenlageTypisch für Laryngomalazie
Assoziierter „bellender" HustenKrupp (Laryngotracheitis), Tracheomalazie
Fütterungsassoziierte SymptomverstärkungGefäßring mit Ösophaguskompression, laryngeale Spaltbildung
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Diagnostischer Algorithmus

  1. Strukturierte Anamnese Symptombeginn (Geburt vs. später), Atemphase, Trigger-Faktoren (Aufregung, Fütterung, Rückenlage), Verlauf (stabil, progredient, fluktuierend), Frühgeburtlichkeit, vorausgegangene Intubation.
  2. Klinische Untersuchung Genaue auskultatorische Charakterisierung der Atemphase, Beurteilung von Atemarbeit/Einziehungen, Wachstumsverlauf, Stimmqualität (Heiserkeit als Hinweis auf Stimmbandbeteiligung).
  3. Flexible Laryngoskopie (bei Verdacht auf laryngeale Ursache) Ambulant durchführbare, wenig invasive Untersuchung zur direkten Beurteilung von Larynx und Stimmbändern unter Spontanatmung – Methode der Wahl bei Verdacht auf Laryngomalazie oder Stimmbandparese.
  4. Flexible dynamische Bronchoskopie (bei tieferer Lokalisation) Bei Verdacht auf trachealen/bronchialen Ursprung (exspiratorischer Stridor) – Durchführung unter Spontanatmung zur Beurteilung des dynamischen Kollapsverhaltens.
  5. Bildgebung (CT-Angiographie/MRT bei Verdacht auf Gefäßring) Bei biphasischem Stridor mit Fütterungsproblemen oder unklarer extrinsischer Kompression – essenziell zur präoperativen Planung.
  6. Starre Bronchoskopie (bei Verdacht auf fixierte Stenose oder Fremdkörper) Diagnostisch und ggf. therapeutisch bei Verdacht auf komplette tracheale Ringe oder Fremdkörperaspiration.
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Ursachen nach Altersgruppe

AltersgruppeHäufige Ursachen
Neugeborene/junge Säuglinge Laryngomalazie (häufigste Ursache), kongenitale Trachealstenose, Stimmbandparese (ggf. neurologisch bedingt), Gefäßring
Säuglinge/Kleinkinder Persistierende Laryngomalazie, Tracheo-/Bronchomalazie, subglottisches Hämangiom, Krupp (akut, rezidivierend)
Kleinkinder/Schulkinder Fremdkörperaspiration, akute Epiglottitis (selten, durch Impfung), Krupp, allergisches Larynxödem
Ältere Kinder/Jugendliche Vocal Cord Dysfunction (v.a. Sportlerinnen), Larynxpapillomatose, seltene Neubildungen
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Alarmzeichen (Red Flags)

AKUTE ALARMZEICHEN

  • Plötzlicher Beginn mit Erstickungsanamnese
  • Speichelfluss mit Schluckunfähigkeit (Epiglottitis-Verdacht)
  • Zunehmende Atemnot mit Einziehungen
  • Zyanose, Bewusstseinsveränderung

CHRONISCHE ALARMZEICHEN

  • Progrediente statt stabile/bessernde Symptomatik
  • Gedeihstörung/Fütterungsprobleme
  • Biphasischer Stridor
  • Heiserkeit/Aphonie (Stimmbandbeteiligung)

ANAMNESTISCHE ALARMZEICHEN

  • Vorausgegangene Intubation/Beatmung (erworbene subglottische Stenose)
  • Bekannte kardiale Fehlbildung (Gefäßring-Assoziation)
  • Fehlende Besserung trotz erwarteten Alters der Spontanremission
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Differenzialdiagnosen im Detail

ErkrankungAtemphaseWegweisende KlinikSchlüsseldiagnostik
Laryngomalazie Inspiratorisch Beginn 1.–2. Lebenswoche, Verstärkung in Rückenlage/bei Aufregung, meist selbstlimitierend Flexible Laryngoskopie (omega-förmige Epiglottis, prolabierende arytenoide Schleimhaut)
Tracheomalazie/Bronchomalazie Exspiratorisch „Bellender" Husten, kein Ansprechen auf Bronchodilatatoren Dynamische flexible Bronchoskopie (siehe eigenständige Übersicht)
Kongenitale Trachealstenose (komplette Ringe) Biphasisch Fixierte, persistierende Obstruktion, häufig Pulmonalarterien-Sling-Assoziation Starre Bronchoskopie, CT-Angiographie (siehe eigenständige Übersicht)
Gefäßring/-schlinge Biphasisch Fütterungsprobleme durch Ösophaguskompression CT-Angiographie, Echokardiographie
Krupp (akute Laryngotracheitis) Inspiratorisch, akut Viraler Infekt, bellender Husten, akuter Beginn meist nachts Klinische Diagnose, Ansprechen auf Kortikosteroide/Adrenalin-Vernebelung
Vocal Cord Dysfunction (VCD) Inspiratorisch, belastungsassoziiert V.a. jugendliche Sportlerinnen, kein Ansprechen auf Asthmatherapie Laryngoskopie während Symptomatik (paradoxe Stimmbandadduktion)
Fremdkörperaspiration Variabel, oft plötzlicher Beginn Beobachtetes Erstickungsereignis Röntgen-Thorax, starre Bronchoskopie (siehe eigenständige Übersicht)
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Stufenweises Vorgehen

  • SCHRITT 1 Klinische Charakterisierung & Alarmzeichen-Screening

    Genaue Bestimmung der Atemphase, Symptombeginn und -verlauf, Screening auf Alarmzeichen. Bei akuten Notfallzeichen: sofortige Vorstellung/Notfallmanagement.

    Strukturierte Anamnese und Untersuchung
  • SCHRITT 2 Beobachtung bei typischer, milder Laryngomalazie

    Bei typischem klinischem Bild einer milden Laryngomalazie ohne Alarmzeichen (gutes Gedeihen, keine Atemnotzeichen): klinische Verlaufsbeobachtung ohne primär invasive Diagnostik vertretbar.

    Klinische Verlaufskontrolle
  • SCHRITT 3 Endoskopische Diagnostik bei Alarmzeichen/atypischem Verlauf

    Bei Alarmzeichen, atypischer Klinik oder fehlender erwarteter Besserung: flexible Laryngoskopie und/oder dynamische Bronchoskopie zur definitiven anatomischen und funktionellen Klärung.

    Flexible Laryngoskopie/Bronchoskopie
  • SCHRITT 4 Spezifische Therapie der identifizierten Ursache

    Nach Diagnosesicherung erfolgt die spezifische Therapie entsprechend der jeweiligen Grunderkrankung (siehe eigenständige Übersichten zu Tracheomalazie, Trachealstenose, Fremdkörperaspiration etc.).

    Ursachenspezifische Therapie
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Expertenzentren D-A-CH

Bei unklarem oder atypischem Stridor ist die Anbindung an ein spezialisiertes pädiatrisch-pneumologisch-HNO-ärztliches Zentrum empfohlen.

🇩🇪 Deutschland
PD Dr. Florian Brinkmann
Kinderpneumologie
Universitätskinderklinik Bochum (St. Josef-Hospital)
BOCHUM
Dynamische Bronchoskopie; Stridor-Differenzialdiagnostik
Bronchoskopie
🇦🇹 Österreich
Dr. Ernst Eber
Pädiatrische Pneumologie
Medizinische Universität Graz
GRAZ
Bronchoskopische Diagnostik; Stridor-Abklärung
Bronchoskopie
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich (Kispi)
Interdisziplinäres Atemwegszentrum
Kispi Zürich
ZÜRICH
Stridor-Abklärung in Kooperation mit HNO/Kinderherzchirurgie
Interdisziplinär

Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: GPP – Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie · ERS Task Force Paediatric Airway Disorders · Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (DGHNO-KHC)