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Grundlagen & Definition

Mukoviszidose (Zystische Fibrose, CF) ist eine autosomal-rezessiv vererbte Multisystemerkrankung, verursacht durch pathogene Varianten im CFTR-Gen (Cystic Fibrosis Transmembrane Conductance Regulator). Der resultierende Defekt des CFTR-Chloridkanals führt zu einer gestörten Chlorid- und Bikarbonatsekretion in exokrinen Drüsen mit konsekutiv zähem, dehydriertem Sekret in Atemwegen, Pankreas, Leber, Darm und Reproduktionsorganen.

Schlüsselkonzept: CF ist die häufigste lebensverkürzende autosomal-rezessive Erkrankung in der kaukasischen Bevölkerung. Die pulmonale Manifestation bestimmt maßgeblich Morbidität und Mortalität, während die exokrine Pankreasinsuffizienz und weitere Organbeteiligungen (Leber, Darm, Reproduktionstrakt) die Multisystemnatur der Erkrankung unterstreichen.

Pathophysiologische Kaskade

CFTR-Mutation > 2.000 bekannte Varianten
Gestörter Cl⁻-/HCO₃⁻-Transport Epithelzellen exokriner Drüsen
Zähes, dehydriertes Sekret Reduzierte periziliäre Flüssigkeit
Gestörte mukoziliäre Clearance Muköstase
Chronische Infektion & Entzündung Bronchiektasen, Pankreasfibrose
~1 : 3.300–8.000
Geburtenprävalenz in D-A-CH
1 : 25
Trägerfrequenz in der europäischen Bevölkerung
> 2.000
Bekannte CFTR-Genvarianten
~85 %
Exokrine Pankreasinsuffizienz bei Diagnose
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Klinische Symptome

CF ist eine Multisystemerkrankung mit charakteristischer, aber altersabhängig variabler Symptomatik. Durch das Neugeborenenscreening wird die Diagnose heute meist bereits präsymptomatisch gestellt.

Organsystem-Beteiligung

PULMONAL

  • Chronischer, produktiver Husten
  • Rezidivierende bakterielle Bronchopneumonien
  • Progrediente Bronchiektasenbildung
  • Nasenpolypen, chronische Rhinosinusitis
  • Digitale Trommelschlegelfinger/Uhrglasnägel

GASTROINTESTINAL

  • Mekoniumileus (bereits bei Geburt, ~15–20 %)
  • Fettige, voluminöse Stühle (Steatorrhö)
  • Gedeihstörung trotz gutem Appetit
  • Distales intestinales Obstruktionssyndrom (DIOS)
  • Rektumprolaps (unbehandelte Fälle)

PANKREAS & METABOLISCH

  • Exokrine Pankreasinsuffizienz (~85 %)
  • Fettlösliche Vitaminmängel (A, D, E, K)
  • CF-assoziierter Diabetes mellitus (im Verlauf)
  • Salzverlustkrisen bei Hitze/Fieber

HEPATOBILIÄR

  • CF-assoziierte Lebererkrankung (fokale biliäre Zirrhose)
  • Cholestase im Säuglingsalter (selten)
  • Portale Hypertension bei fortgeschrittener Leberbeteiligung

NEONATALE PRÄSENTATION

  • Mekoniumileus als häufigstes Erstsymptom
  • „Salziger" Geschmack der Haut (klassische Elternangabe)
  • Neonataler Ikterus prolongatus
  • Häufig bereits vor Symptombeginn durch Screening erkannt

REPRODUKTIV (SPÄTER)

  • Kongenitale bilaterale Aplasie des Vas deferens (fast alle Männer)
  • Reduzierte, aber nicht ausgeschlossene weibliche Fertilität
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Diagnostik

Die Diagnose wird heute überwiegend durch das Neugeborenenscreening vor Symptombeginn gestellt und durch den Schweißtest als Goldstandard bestätigt.

Diagnostischer Algorithmus

  1. Neugeborenenscreening (IRT-PAP/DNA-Algorithmus) Bestimmung des immunreaktiven Trypsinogens (IRT) aus der Trockenblutkarte; bei erhöhtem Wert Wiederholung (PAP – pankreatitis-assoziiertes Protein) oder direkte CFTR-Mutationsanalyse. Seit 2016 (Deutschland) bzw. 2021 (Österreich) bundesweit etabliert.
  2. Schweißtest (Goldstandard) Quantitative Pilocarpin-Iontophorese mit Chloridbestimmung im Schweiß. > 60 mmol/l: CF-typisch. 30–59 mmol/l: Grenzwertig, weitere Abklärung erforderlich. < 30 mmol/l: CF unwahrscheinlich (schließt seltene Formen nicht vollständig aus).
  3. CFTR-Genetik (Stufendiagnostik) Panel-Testung der häufigsten Mutationen, bei unauffälligem Ergebnis trotz klinischem Verdacht erweiterte Sequenzierung (NGS) des gesamten CFTR-Gens einschließlich Kopienzahlvarianten.
  4. Nasale Potentialdifferenzmessung / Intestinal Current Measurement (spezialisierte Zentren) Funktionelle Messung der CFTR-Aktivität bei diagnostisch unklaren Fällen (z. B. grenzwertiger Schweißtest mit nur einer nachgewiesenen Mutation).
  5. Basisuntersuchungen bei Diagnosestellung Pankreaselastase im Stuhl (exokrine Funktion), Lungenfunktion (ab Kooperationsalter), Sputum-/Rachenabstrichkultur (Erregerscreening, insbesondere Pseudomonas aeruginosa), Oberbauchsonographie.
  6. Verlaufsdiagnostik Regelmäßige Spirometrie, Lungenclearance-Index (LCI) bei jüngeren Kindern, jährliches CT/MRT-Thorax in ausgewählten Zentren zur Bronchiektasen-Früherkennung, mikrobiologisches Monitoring.

Praxishinweis: Ein positives Neugeborenenscreening ist kein Diagnosebeweis – jeder auffällige Screeningbefund muss durch einen Schweißtest in einem CF-Zentrum bestätigt werden.

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Molekulargenetik

CFTR-Mutationsklassen

Die Einteilung der CFTR-Varianten in funktionelle Klassen ist entscheidend für die Auswahl einer geeigneten CFTR-Modulatortherapie.

KlasseMechanismusBeispielmutationTherapierelevanz
Klasse I Fehlende Proteinsynthese (Stopp-Mutation) G542X, W1282X Kein CFTR-Protein; Modulatoren derzeit nur begrenzt wirksam
Klasse II Gestörtes Protein-Trafficking F508del (häufigste Mutation weltweit, ~70–90 % D-A-CH) Zielstruktur für Korrektor-Wirkstoffe (Elexacaftor, Tezacaftor)
Klasse III Gestörte Kanalregulation (Gating-Defekt) G551D Gutes Ansprechen auf Potentiator Ivacaftor
Klasse IV Reduzierte Kanalleitfähigkeit R117H Teilweises Ansprechen auf Potentiatoren
Klasse V Reduzierte CFTR-Proteinmenge 3849+10kbC→T Meist milderer Phänotyp
Klasse VI Reduzierte Membranstabilität 4326delTC Seltene Klasse, variables Ansprechen

Genotyp-Phänotyp-Korrelation: Klasse-I-bis-III-Mutationen sind mit einem schwereren, klassischen Phänotyp (pankreasinsuffizient) assoziiert, während Klasse-IV-bis-VI-Mutationen häufiger mit einem milderen, pankreassuffizienten Verlauf einhergehen. Diese Klassifikation ist zentral für die Auswahl der CFTR-Modulatortherapie.

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Verlauf & Komplikationen

KomplikationZeitpunkt/HäufigkeitBedeutung
Chronische Pseudomonas-aeruginosa-Besiedlung Zunehmend mit dem Alter Assoziiert mit beschleunigtem Lungenfunktionsverlust
Allergische bronchopulmonale Aspergillose (ABPA) Vor allem Adoleszenz Zusätzliche Verschlechterung der Lungenfunktion, eigene Therapie erforderlich
CF-assoziierter Diabetes mellitus Zunehmende Häufigkeit ab Adoleszenz Verschlechtert pulmonalen Verlauf; Insulintherapie erforderlich
Pneumothorax / Hämoptyse Fortgeschrittene Lungenerkrankung Akute Komplikationen, teils interventionsbedürftig

Prognostischer Wandel: Durch Neugeborenenscreening, verbesserte Atemwegstherapie und insbesondere die CFTR-Modulatoren hat sich die mediane Lebenserwartung von CF-Patienten in den letzten Jahrzehnten dramatisch verbessert – viele heute geborene Kinder mit CF werden voraussichtlich ein nahezu normales Lebensalter erreichen.

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Differenzialdiagnosen

ErkrankungWegweisende KlinikDiagnostikAbgrenzung
Primäre ciliäre Dyskinesie (PCD) Situs inversus, chronische Rhinosinusitis, Bronchiektasen Nasales NO, HSVA, Elektronenmikroskopie Normaler Schweißtest; keine Pankreasinsuffizienz
CFTR-related disorder (CFTR-RD) Isolierte kongenitale Aplasie des Vas deferens, milde Sinusitis Grenzwertiger Schweißtest, CFTR-Genetik Fehlt klassische Multisystem-Symptomatik; oft nur eine schwache CFTR-Mutation
Shwachman-Diamond-Syndrom Exokrine Pankreasinsuffizienz + Knochenmarkdysfunktion + Skelettanomalien SBDS-Genetik, Blutbild Normaler Schweißtest; hämatologische Beteiligung
Primäre Immundefekte Rezidivierende Infekte multipler Organsysteme Immunglobulin-Quantifizierung Keine Pankreas-/gastrointestinale Beteiligung; normaler Schweißtest
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Therapiemöglichkeiten

Die Behandlung der CF hat sich durch die Einführung kausaler CFTR-Modulatoren grundlegend gewandelt und ergänzt die weiterhin essenzielle symptomatische Atemwegs- und Ernährungstherapie.

CFTR-Modulatortherapie

Elexacaftor/Tezacaftor/Ivacaftor

Dreifach-Kombinationstherapie (Korrektor + Korrektor + Potentiator). Zugelassen für Patienten mit mindestens einer F508del-Mutation. Deutliche Verbesserung von Lungenfunktion, Schweißchlorid und Lebensqualität in Studien und klinischer Praxis.

Kaftrio® · ab 2 Jahre (je nach Zulassungsstatus)

Ivacaftor (Monotherapie)

Potentiator für Gating-Mutationen (Klasse III, z. B. G551D). Erster zugelassener CFTR-Modulator, deutliche klinische Verbesserung bei entsprechendem Genotyp.

Kalydeco® · ab 4 Monate (je nach Mutation)

Lumacaftor/Ivacaftor, Tezacaftor/Ivacaftor

Ältere Zweifach-Kombinationen für homozygote F508del-Patienten – zunehmend durch die Dreifachkombination abgelöst, teils weiterhin bei speziellen Genotypen eingesetzt.

Orkambi® · Symkevi®

Symptomatische Atemwegstherapie

💨

Mukolytika

Inhalative DNase (Dornase alfa) zur Reduktion der Sputumviskosität; hypertone Kochsalzlösung als Add-on.

🫁

Atemphysiotherapie

Tägliche Sekretmobilisation (PEP-Systeme, autogene Drainage) als lebenslange Basistherapie.

💊

Antibiotische Therapie

Frühzeitige Eradikationstherapie bei Erstnachweis von Pseudomonas aeruginosa; inhalative Dauertherapie (Tobramycin, Colistin) bei chronischer Besiedlung.

🍽️

Pankreasenzymsubstitution & Ernährung

Orale Pankreasenzyme zu jeder Mahlzeit bei exokriner Insuffizienz, fettlösliche Vitaminsubstitution (A, D, E, K), hochkalorische Ernährung.

Weitere Therapiebausteine

💉

Impfschutz

Vollständiger Impfschutz inkl. jährlicher Influenza- und Pneumokokken-Impfung.

🏃

Sport & Bewegung

Regelmäßige körperliche Aktivität fördert Sekretclearance und kardiopulmonale Fitness.

🧠

Psychosoziale Betreuung

Psychologische Mitbetreuung angesichts der Krankheitslast einer chronischen, therapieintensiven Erkrankung.

🫁

Lungentransplantation (Ultima Ratio)

Bei terminaler respiratorischer Insuffizienz trotz optimaler Therapie – seit CFTR-Modulatoren deutlich seltener erforderlich.

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Expertenzentren D-A-CH

Zertifizierte Mukoviszidose-Zentren mit multidisziplinärer Betreuung in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Marcus Mall
Leiter Kinderpneumologie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
BERLIN
CFTR-Grundlagenforschung; Mukoviszidose-Zentrum; CFTR-Modulatoren
CFTR-Forschung
Prof. Dr. Matthias Griese
Kinderpneumologie
Dr. von Haunersches Kinderspital, LMU München
MÜNCHEN
Mukoviszidose-Zentrum; seltene Lungenerkrankungen
CF-Zentrum
Prof. Dr. Gesine Hansen
Kinderpneumologie & Neonatologie
Medizinische Hochschule Hannover
HANNOVER
Mukoviszidose-Ambulanz; Frühdiagnostik
CF-Ambulanz
🇦🇹 Österreich
Prof. Dr. Zsolt Szépfalusi
Kinderpneumologie & -allergologie
AKH Wien / Medizinische Universität Wien
WIEN
Mukoviszidose-Zentrum Wien
CF-Zentrum
Dr. Ernst Eber
Pädiatrische Pneumologie
Medizinische Universität Graz
GRAZ
Mukoviszidose; bronchoskopische Diagnostik
CF-Zentrum
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. Carmen Casaulta
Leiterin Pädiatrische Pneumologie
Inselspital Bern
BERN
Mukoviszidose-Zentrum Bern; CFTR-Modulatoren
CF-Zentrum
Prof. Dr. Alexander Moeller
Leiter Kinderpneumologie
Universitäts-Kinderspital Zürich (Kispi)
ZÜRICH
Mukoviszidose-Zentrum Zürich; Säuglings-Lungenfunktion
CF-Zentrum

Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: Mukoviszidose e.V. (Deutschland) · Mukoviszidose Institut · CFCH Cystic Fibrosis Schweiz · ÖGKJ Arbeitsgruppe Mukoviszidose · ECFS – European Cystic Fibrosis Society · GPP – Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie