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Grundlagen & Definition

Die kindlichen interstitiellen Lungenerkrankungen (children's Interstitial Lung Disease, chILD) bezeichnen eine heterogene Gruppe seltener, diffuser Lungenparenchymerkrankungen mit gestörtem Gasaustausch, die sich in Klinik, Bildgebung und Histologie deutlich von den entsprechenden Erkrankungen des Erwachsenenalters unterscheiden. Der Begriff umfasst über 200 verschiedene Entitäten, von denen viele ausschließlich im Säuglings- und Kleinkindalter auftreten.

Schlüsselkonzept – altersspezifische Klassifikation: Die 2013 etablierte chILD-Klassifikation unterscheidet grundlegend zwischen Erkrankungen, die spezifisch im Säuglingsalter (< 2 Jahre) auftreten (z. B. neuroendokrine Zellhyperplasie des Säuglings, pulmonale interstitielle Glykogenose, Surfactant-Dysfunktionsstörungen) und solchen, die in allen Altersgruppen vorkommen können (z. B. Hypersensitivitätspneumonitis, Sarkoidose, Autoimmunerkrankungs-assoziierte ILD).

~1–2
Pro 100.000 Kinder (geschätzte Gesamtprävalenz)
> 200
Verschiedene bekannte Entitäten
chILD-EU
Größtes europäisches Register (LMU München)
Variabel
Prognose stark abhängig von der spezifischen Entität
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Klinische Symptome

Trotz der großen Heterogenität der zugrundeliegenden Entitäten zeigt sich ein gemeinsames klinisches Kernsymptommuster, das den Verdacht auf eine chILD-Erkrankung lenken sollte.

KARDINALSYMPTOME

  • Chronische Tachypnoe
  • Belastungsdyspnoe bzw. Trinkschwäche durch Atemarbeit (Säuglinge)
  • Knisterrasseln bei Auskultation
  • Chronischer, meist unproduktiver Husten

WACHSTUM & ALLGEMEINZUSTAND

  • Gedeihstörung
  • Erhöhter Energiebedarf durch chronische Atemarbeit
  • Trommelschlegelfinger/Uhrglasnägel im fortgeschrittenen Verlauf

SÄUGLINGSSPEZIFISCHE ZEICHEN

  • Chronische Tachypnoe seit den ersten Lebensmonaten (NEHI-typisch)
  • Häufig zunächst als „rezidivierende Bronchiolitis" fehlgedeutet
  • Kein Ansprechen auf Bronchodilatatoren/Antibiotika

WARNSIGNALE FÜR SCHWEREN VERLAUF

  • Progrediente Hypoxämie, zunehmender O₂-Bedarf
  • Pulmonale Hypertonie (Spätfolge)
  • Respiratorische Insuffizienz
  • Ausgeprägte Wachstumsverzögerung
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Diagnostik

Die chILD-Diagnostik erfordert einen strukturierten, mehrstufigen Ansatz unter Einbindung klinischer, radiologischer, genetischer und ggf. histologischer Verfahren.

Diagnostischer Algorithmus

  1. Strukturierte Anamnese Symptombeginn und -verlauf, Familienanamnese (genetische Formen), Umweltexposition (Vögel, Schimmel – Hypersensitivitätspneumonitis), Medikamentenanamnese, Grunderkrankungen (Autoimmunerkrankungen, Immundefizienz).
  2. Hochauflösende Computertomographie (HR-CT) Zentrales bildgebendes Verfahren – Muster (Milchglastrübungen, retikuläre Zeichnung, zystische Veränderungen, Mosaikperfusion) liefern wichtige Hinweise auf die zugrundeliegende Entität und lenken die weitere Diagnostik.
  3. Genetische Panel-Diagnostik Bei Verdacht auf genetische Surfactant-Dysfunktionsstörung (SFTPB, SFTPC, ABCA3, NKX2-1) oder andere monogene chILD-Formen – kann in vielen Fällen eine Lungenbiopsie ersparen.
  4. Bronchoalveoläre Lavage Ausschluss von Infektionen, Nachweis von Lipidbeladenen Makrophagen (Aspirationshinweis), PAS-positivem Material (pulmonale alveoläre Proteinose) oder Hämosiderin-beladenen Makrophagen (diffuse alveoläre Hämorrhagie).
  5. Lungenbiopsie (bei unklarer nicht-invasiver Diagnostik) Video-assistierte thorakoskopische Biopsie (VATS) als bevorzugte Methode zur histologischen Diagnosesicherung, wenn klinisch-radiologisch-genetische Diagnostik nicht ausreichend ist. Sollte in erfahrenen Zentren mit spezialisierter pädiatrischer Lungenpathologie erfolgen.
  6. Weitere Zusatzdiagnostik Echokardiographie (pulmonale Hypertonie-Screening), Lungenfunktionsdiagnostik (Säuglings-Lungenfunktion in spezialisierten Zentren), Autoimmunserologie bei entsprechendem Verdacht.

Praxishinweis: Aufgrund der Seltenheit und diagnostischen Komplexität sollte jedes Kind mit Verdacht auf chILD frühzeitig an ein spezialisiertes chILD-Referenzzentrum angebunden werden – die genaue Klassifikation ist entscheidend für Therapieentscheidungen und Prognoseeinschätzung.

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Klassifikation nach Alter

Säuglingsspezifische Entitäten (< 2 Jahre)

EntitätCharakteristikPrognose
Neuroendokrine Zellhyperplasie des Säuglings (NEHI) Chronische Tachypnoe seit früher Säuglingszeit, charakteristisches HR-CT-Muster (Milchglas in Mittellappen/Lingula), unauffällige Biopsie außer neuroendokriner Zellhyperplasie Sehr günstig, meist spontane Besserung über Jahre
Pulmonale interstitielle Glykogenose (PIG) Respiratorische Insuffizienz in der Neonatalperiode, oft mit anderen Lungenerkrankungen (CLD, Fehlbildungen) assoziiert Variabel, oft gute Erholung bei Erwachsenwerden der Lunge
Surfactant-Protein-Erkrankungen (SP-B, SP-C, ABCA3) Siehe eigenständige Übersicht – von letaler neonataler Form bis chronischer ILD Stark genotypabhängig
Alveolarkapillardysplasie Schwerste neonatale pulmonale Hypertonie, meist letal Sehr ungünstig

Entitäten in allen Altersgruppen

KategorieBeispiele
Umweltbedingt/expositionsassoziiertHypersensitivitätspneumonitis (siehe eigenständige Übersicht)
Autoimmunerkrankungs-assoziiertILD im Rahmen juveniler Dermatomyositis, systemischem Lupus erythematodes, juveniler idiopathischer Arthritis
Granulomatöse ErkrankungenSarkoidose (siehe eigenständige Übersicht)
Immundefizienz-assoziiertLymphozytäre interstitielle Pneumonie, granulomatös-lymphozytäre ILD bei Immundefekten
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Verlauf & Prognose

VerlaufsformBeispielentitätPrognose
Selbstlimitierend/günstig NEHI, milde PIG Deutliche Besserung über Jahre, oft normale Lebenserwartung
Chronisch-stabil Milde Surfactant-Erkrankung, manche Autoimmun-ILD unter Therapie Stabilisierbar mit adäquater Therapie/Verlaufskontrolle
Progrediente Erkrankung Schwere Surfactant-Erkrankung, fortgeschrittene Fibrosierung Ungünstig, ggf. Lungentransplantation zu erwägen

Bedeutung der korrekten Klassifikation: Die enorme Bandbreite der Prognosen innerhalb der chILD-Gruppe unterstreicht, warum eine präzise diagnostische Einordnung essenziell ist – von einer gutartigen, selbstlimitierenden Erkrankung (NEHI) bis zu schwersten, potentiell letalen Formen kann die klinische Erstpräsentation ähnlich erscheinen.

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Differenzialdiagnosen

ErkrankungWegweisende KlinikDiagnostikAbgrenzung
Mukoviszidose Gedeihstörung, Pankreasinsuffizienz, obstruktives statt restriktives Muster Schweißtest, CFTR-Genetik Multisystemische Beteiligung anderer Organe
Bronchiolitis obliterans (postinfektiös) Obstruktives statt restriktives Muster, Mosaikperfusion im HR-CT Lungenfunktion, HR-CT Obstruktives Ventilationsmuster statt restriktiv
Chronische Aspiration Assoziiert mit Schluckstörung/Reflux Videofluoroskopie, pH-Metrie Identifizierbare Aspirationsursache
Kardiale Erkrankung mit pulmonalvenöser Stauung Herzgeräusch, andere kardiale Zeichen Echokardiographie Kardiale statt primär pulmonale Ursache
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Therapiemöglichkeiten

Die Therapie richtet sich streng nach der zugrundeliegenden Entität – eine allgemeingültige „chILD-Therapie" existiert nicht.

Therapeutische Grundprinzipien

👁️

Watchful Waiting (bei günstigen Entitäten)

Bei NEHI und milder PIG steht die unterstützende Begleitung mit Wachstums- und Entwicklungsüberwachung im Vordergrund, da eine spontane Besserung über Jahre die Regel ist.

💊

Systemische Kortikosteroide

Bei entzündlich-fibrosierenden Formen (z. B. Autoimmun-assoziierte ILD) häufig eingesetzt, individuelles Ansprechen variabel.

💊 Hydroxychloroquin

Bei bestimmten Formen (u.a. NEHI, milde Surfactant-Erkrankungen) als Therapieversuch eingesetzt, Evidenzlage begrenzt.

🫁

Respiratorische Unterstützung

Sauerstofftherapie nach Bedarf bei chronischer Hypoxämie zur Prävention einer pulmonalen Hypertonie.

Supportive Maßnahmen & Langzeitmanagement

🍽️

Ernährungsoptimierung

Hochkalorische Ernährung zur Sicherung des Wachstums trotz erhöhtem Energiebedarf durch chronische Atemarbeit.

💉

Infektprävention

Vollständiger Impfschutz, RSV-Prophylaxe bei entsprechender Risikokonstellation, frühzeitige Behandlung interkurrenter Infekte.

📊

chILD-EU-Register

Einschluss in das europäische chILD-Register zur Verbesserung der Datenlage und individuellen Verlaufsbeobachtung in einem internationalen Netzwerk.

🫁

Lungentransplantation (Ausnahmefälle)

Bei terminaler respiratorischer Insuffizienz trotz optimaler Therapie in ausgewählten, schwersten Fällen zu evaluieren.

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Expertenzentren D-A-CH

Aufgrund der Seltenheit und diagnostischen Komplexität sollte die Betreuung von Kindern mit chILD in spezialisierten Referenzzentren erfolgen.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Matthias Griese
Kinderpneumologie, Leiter chILD-EU
Dr. von Haunersches Kinderspital, LMU München
MÜNCHEN
Weltweit führendes chILD-Referenzzentrum; chILD-EU-Register
chILD-Referenzzentrum
Prof. Dr. Gesine Hansen
Kinderpneumologie & Neonatologie
Medizinische Hochschule Hannover
HANNOVER
Interstitielle Lungenerkrankungen bei Säuglingen
chILD
🇦🇹 Österreich
Dr. Ernst Eber
Pädiatrische Pneumologie
Medizinische Universität Graz
GRAZ
Seltene interstitielle Lungenerkrankungen im Kindesalter
chILD
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. Alexander Moeller
Leiter Kinderpneumologie
Universitäts-Kinderspital Zürich (Kispi)
ZÜRICH
Interstitielle Lungenerkrankungen; chILD-EU-Kooperation
chILD

Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: chILD-EU-Register (München-koordiniert) · GPP – Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie · ERS Task Force chILD · children's Interstitial Lung Disease Foundation