Grundlagen & Definition
Die Bronchiolitis ist eine akute virale Infektion der kleinen Atemwege (Bronchiolen) im Säuglingsalter, definiert als erste Episode von Tachypnoe, Husten und Giemen/feinblasigen Rasselgeräuschen bei einem Kind < 12 Monaten (in manchen Definitionen bis 24 Monaten) im Rahmen eines viralen Atemwegsinfekts. Das Respiratory Syncytial Virus (RSV) ist mit Abstand der häufigste Erreger.
Abgrenzung zur obstruktiven Bronchitis: Die Bronchiolitis betrifft definitionsgemäß Säuglinge bei der ersten Episode einer viralen unteren Atemwegsinfektion mit vorwiegend feinblasigen Rasselgeräuschen und Tachydyspnoe; die obstruktive Bronchitis des Kleinkindalters ist eher durch (rezidivierendes) Giemen gekennzeichnet. Beide Entitäten überschneiden sich klinisch und stellen ein Kontinuum dar.
Pathophysiologische Kaskade
Warum ist die Bronchiolitis potenziell gefährlich?
Enge Bronchiolen
Bereits geringe Schleimhautschwellung und Sekretansammlung führen bei den sehr kleinlumigen Bronchiolen des Säuglings zu erheblicher Widerstandserhöhung.
Fehlende Kollateralventilation
Die Kollateralkanäle (Kohn-Poren) sind im Säuglingsalter noch nicht ausgereift – Verschluss einzelner Bronchiolen führt direkt zu Atelektasen.
Trink-Atem-Koordination
Tachypnoe erschwert das Trinken erheblich – Dehydratation und Erschöpfung sind zentrale Komplikationen, nicht nur die Atemnot selbst.
Apnoerisiko
Insbesondere Frühgeborene und junge Säuglinge (< 2–3 Monate) haben ein erhöhtes Risiko für zentrale/obstruktive Apnoen im Rahmen der RSV-Infektion.
Klinische Symptome
Die Bronchiolitis beginnt typischerweise mit einem banalen Schnupfen und entwickelt sich über 2–3 Tage zu zunehmender Atemnot mit charakteristischem Auskultationsbefund.
KARDINALSYMPTOME
- Initial Rhinitis, Husten, subfebrile Temperatur
- Zunehmende Tachypnoe über 2–3 Tage
- Feinblasige Rasselgeräusche (Knisterrasseln)
- Exspiratorisches Giemen (variabel ausgeprägt)
- Interkostale/subkostale Einziehungen
ERNÄHRUNGSBEZOGENE ZEICHEN
- Reduziertes Trinkvolumen (< 50–75 % der Norm)
- Verlängerte Trinkzeit, Trinkpausen wegen Dyspnoe
- Erbrechen im Rahmen von Hustenattacken
- Reduzierte Windelzahl (Dehydratationszeichen)
KLINISCHE UNTERSUCHUNGSBEFUNDE
- Feinblasige, endinspiratorische Rasselgeräusche
- Verlängertes Exspirium, ggf. Giemen
- Hypersonorer Klopfschall (Überblähung)
- Tachypnoe (> 60/min bei Säuglingen als Warnzeichen)
ALARMZEICHEN – SOFORTIGE VORSTELLUNG
- SpO₂ < 90–92 % (Raumluft)
- Apnoen (besonders bei Frühgeborenen)
- Trinkmenge < 50 % der üblichen Menge
- Deutliche Einziehungen, Nasenflügeln, Stöhnen
- Zyanose, blasses/graues Hautkolorit, Lethargie
RISIKOGRUPPEN FÜR SCHWEREN VERLAUF
- Frühgeburtlichkeit (< 32.–35. SSW)
- Alter < 3 Monate
- Hämodynamisch relevante Herzfehler
- Bronchopulmonale Dysplasie
- Immundefizienz, neuromuskuläre Erkrankungen
Schweregradeinteilung
| Schweregrad | Klinik | SpO₂ | Management |
|---|---|---|---|
| Leicht | Milde Tachypnoe, geringe Einziehungen, gutes Trinkverhalten | ≥ 94 % | Ambulant, engmaschige Verlaufskontrolle |
| Mittelgradig | Deutliche Tachypnoe, sichtbare Einziehungen, reduzierte Trinkmenge | 90–93 % | Stationäre Beobachtung erwägen |
| Schwer | Starke Einziehungen, Apnoen, Trinkverweigerung, Erschöpfung | < 90 % | Stationäre Aufnahme, ggf. Intensivüberwachung |
Diagnostik
Die Diagnose der Bronchiolitis erfolgt klinisch, gestützt auf Alter, typischen Auskultationsbefund und Verlauf. Apparative Zusatzdiagnostik ist bei typischem Verlauf nicht routinemäßig erforderlich.
Diagnostischer Algorithmus
- Anamnese Alter, Symptomverlauf über Tage, Trinkverhalten, Windelzahl, Frühgeburtlichkeit, Grunderkrankungen, Geschwisterkinder mit Atemwegsinfekt, Impfstatus, RSV-Prophylaxe erhalten?
- Klinische Untersuchung Atemfrequenz, Einziehungen, Auskultation (feinblasige RG, Giemen), Hydratationsstatus, Trinkverhalten direkt beobachten wenn möglich.
- Pulsoxymetrie Obligat bei jeder Vorstellung – zentraler objektiver Parameter für Schweregrad und Entscheidung zur stationären Aufnahme.
- Einschätzung von Risikofaktoren Frühgeburtlichkeit, Alter < 3 Monate, kardiale/pulmonale Vorerkrankungen, Immundefizienz erhöhen das Risiko für schweren Verlauf und senken die Schwelle zur stationären Aufnahme.
- Erregerdiagnostik (selektiv) RSV-Antigenschnelltest/PCR aus Nasopharyngealsekret – primär zur Kohortierung bei stationärer Aufnahme, nicht routinemäßig ambulant erforderlich, da therapeutisch meist ohne Konsequenz.
- Röntgen-Thorax (selektiv) Nicht routinemäßig indiziert. Erwägen bei unklarem/atypischem Verlauf, Verdacht auf Komplikation (Pneumonie, Atelektase) oder vor Verlegung auf Intensivstation.
- Labordiagnostik (selektiv) Blutgasanalyse bei schwerem Verlauf zur Beurteilung von Hyperkapnie/respiratorischer Erschöpfung. Routinemäßige Blutbild-/CRP-Bestimmung nicht erforderlich bei typischem Bild.
Praxishinweis: Röntgen-Thorax, Virusdiagnostik und Labor sind bei der typischen, unkomplizierten Bronchiolitis nicht routinemäßig indiziert und ändern in der Regel nichts am therapeutischen Vorgehen.
Pathophysiologie & Erreger
RSV infiziert die Epithelzellen der terminalen Bronchiolen, verursacht direkte zytopathische Effekte und löst eine ausgeprägte lokale Entzündungsreaktion mit Ödem, Hypersekretion und Zelldebris aus.
Erreger der Bronchiolitis
| Erreger | Anteil | Saisonalität | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| RSV (Respiratory Syncytial Virus) | ~60–70 % | Herbst–Winter (Nordhalbkugel: Okt.–März) | Hauptursache schwerer Verläufe; Syncytienbildung in Zellkultur namensgebend |
| Rhinovirus | ~15–20 % | Ganzjährig | Zunehmend erkannter Trigger, auch bei älteren Säuglingen |
| Humanes Metapneumovirus | ~5–10 % | Winter–Frühjahr | Klinisch RSV-ähnlich, etwas älteres Erkrankungsalter |
| Parainfluenza-, Adenoviren, Bocavirus | ~5–10 % | Variabel | Seltener alleinige Ursache, teils Koinfektionen |
Immunologische Besonderheit: Die RSV-Infektion induziert keine langanhaltende protektive Immunität – Reinfektionen im Kindes- und Erwachsenenalter sind die Regel, verlaufen jedoch meist milder als die Erstinfektion im Säuglingsalter.
Prävention & RSV-Prophylaxe
Die Prävention der RSV-Bronchiolitis hat sich durch die Einführung breit verfügbarer monoklonaler Antikörper grundlegend gewandelt.
Immunprophylaxe im Überblick
Nirsevimab
Langwirksamer monoklonaler Anti-RSV-F-Protein-Antikörper. Einmalige Gabe schützt für eine gesamte RSV-Saison. Empfohlen für alle Säuglinge in ihrer ersten RSV-Saison sowie Risikokinder in der zweiten Saison.
Beyfortus® · i.m. · einmalig pro SaisonPalivizumab
Älterer monoklonaler Antikörper, monatliche Gabe während der RSV-Saison erforderlich. Zunehmend durch Nirsevimab abgelöst, in ausgewählten Hochrisikogruppen weiterhin im Einsatz.
Synagis® · i.m. · monatlich während SaisonMaternale RSV-Impfung
Aktive Impfung der Schwangeren (ca. 24.–36. SSW) zur transplazentaren Übertragung protektiver Antikörper auf das Neugeborene. Alternative zur postnatalen Nirsevimab-Gabe.
Abrysvo® · i.m. · während SchwangerschaftAllgemeine präventive Maßnahmen
Händehygiene
Konsequentes Händewaschen als effektivste Einzelmaßnahme zur Reduktion der Übertragung, besonders in Familien mit Neugeborenen.
Stillen
Stillen reduziert nachweislich Häufigkeit und Schwere respiratorischer Infekte in den ersten Lebensmonaten.
Rauchfreie Umgebung
Vermeidung von Passivrauchexposition senkt das Risiko für schwere Verläufe erheblich.
Kontaktreduktion in Risikosituationen
Meiden von Kita/Menschenansammlungen für Risikosäuglinge während der RSV-Hochsaison, wo praktikabel.
Differenzialdiagnosen
Bei atypischem Verlauf, Erstmanifestation außerhalb des typischen Alters oder fehlender Besserung sollte eine erweiterte Differenzialdiagnostik erfolgen.
| Erkrankung | Wegweisende Klinik | Diagnostik | Abgrenzung |
|---|---|---|---|
| Obstruktive Bronchitis (Rezidiv) | Ältere Kleinkinder, wiederholte Episoden, mehr Giemen als feine RG | Anamnese, klinischer Verlauf | Höheres Alter, keine Erstepisode |
| Bakterielle Pneumonie | Hohes Fieber, fokale Rasselgeräusche, deutlich reduzierter AZ | Röntgen-Thorax, CRP | Fokaler statt diffuser Befund, ausgeprägteres Fieber |
| Keuchhusten (Pertussis) | Stakkatohusten, inspiratorisches Ziehen, Apnoen bei jungen Säuglingen | PCR aus Nasopharyngealabstrich | Charakteristisches Hustenmuster, oft afebril |
| Herzinsuffizienz / kardiale Vitien | Tachypnoe, Hepatomegalie, Trinkschwäche, Gedeihstörung, Herzgeräusch | Echokardiographie, EKG | Fehlende Infektzeichen, kardiale Zusatzbefunde |
| Fremdkörperaspiration | Plötzlicher Beginn, einseitiges Auskultationsbild | Röntgen-Thorax, Bronchoskopie | Akuter Beginn ohne vorangehenden Infekt |
| Bronchiolitis obliterans (postinfektiös) | Persistierende Obstruktion > 4–6 Wochen nach Akutinfekt | HR-CT (Mosaikmuster), Lungenfunktion | Fehlende Erholung, chronischer statt akuter Verlauf – siehe eigenständige Übersicht |
Therapiemöglichkeiten
Die Therapie der Bronchiolitis ist überwiegend supportiv. Zahlreiche früher gebräuchliche Therapien (Bronchodilatatoren, Kortikosteroide, Antibiotika) haben in der aktuellen Evidenzlage bei unkomplizierter RSV-Bronchiolitis keinen belegten Nutzen.
Wichtiger Evidenzhinweis: Inhalative Bronchodilatatoren, systemische Kortikosteroide und Antibiotika sind bei der typischen viralen Bronchiolitis nicht routinemäßig indiziert – die aktuelle Leitlinienevidenz zeigt keinen konsistenten klinischen Nutzen bei unkompliziertem Verlauf. Ein individueller Therapieversuch kann in Einzelfällen (z. B. Atopie-Anamnese) erwogen werden.
Supportives Management nach Schweregrad
-
LEICHT Ambulantes Management ▼
Nasenpflege mit physiologischer Kochsalzlösung, häufige kleine Mahlzeiten, Beobachtung des Trinkverhaltens, Aufklärung über Warnzeichen und Verlauf (Symptommaximum meist Tag 3–5).
Kochsalz-Nasenspülung · symptomatische Maßnahmen -
MITTELGRADIG Stationäre Beobachtung ▼
Sauerstoffgabe bei SpO₂ < 90–92 %, Flüssigkeitszufuhr sichern (ggf. nasogastrale Sonde bei unzureichendem oralem Trinken), engmaschige Überwachung von Atemfrequenz und SpO₂.
O₂-Gabe nach Bedarf · Flüssigkeitssubstitution -
SCHWER Intensivierte Therapie ▼
High-Flow-Nasenkanülen-Sauerstofftherapie (HFNC) bei ausgeprägter Atemarbeit. Bei respiratorischer Erschöpfung/Apnoen: nicht-invasive Beatmung (CPAP), in schweren Fällen invasive Beatmung auf der Intensivstation.
HFNC · CPAP · ggf. invasive Beatmung
Maßnahmen ohne belegten Routinenutzen
💨 Inhalative Bronchodilatatoren
Salbutamol zeigt in Studien keinen konsistenten Nutzen bei unkomplizierter RSV-Bronchiolitis; kein Routineeinsatz empfohlen.
💊 Systemische Kortikosteroide
Keine Verkürzung von Krankenhausaufenthalt oder Symptomdauer bei der reinen viralen Bronchiolitis belegt.
💉 Antibiotika
Nur bei nachgewiesener oder begründet vermuteter bakterieller Superinfektion (z. B. Pneumonie) indiziert.
🧂 Hypertone Kochsalzinhalation
Evidenz uneinheitlich; kann in einigen Zentren als Add-on bei stationärer Behandlung eingesetzt werden.
Notfallzeichen – sofortige Vorstellung erforderlich
SpO₂ < 90 % unter Raumluft, Apnoen, ausgeprägte Einziehungen, Nasenflügeln, Stöhnen, Trinkverweigerung, Zyanose oder Lethargie erfordern eine umgehende stationäre Vorstellung.
Expertenzentren D-A-CH
Spezialisierte pädiatrisch-pneumologische und neonatologische Zentren für schwere Bronchiolitis-Verläufe in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: GPP – Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (D-A-CH, paediatrische-pneumologie.eu) · SGPP – Schweizerische Ges. für Pädiatrische Pneumologie · STIKO (RSV-Prophylaxe-Empfehlungen) · AWMF-Leitlinienregister