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Grundlagen & Definition

Die Bronchiolitis ist eine akute virale Infektion der kleinen Atemwege (Bronchiolen) im Säuglingsalter, definiert als erste Episode von Tachypnoe, Husten und Giemen/feinblasigen Rasselgeräuschen bei einem Kind < 12 Monaten (in manchen Definitionen bis 24 Monaten) im Rahmen eines viralen Atemwegsinfekts. Das Respiratory Syncytial Virus (RSV) ist mit Abstand der häufigste Erreger.

Abgrenzung zur obstruktiven Bronchitis: Die Bronchiolitis betrifft definitionsgemäß Säuglinge bei der ersten Episode einer viralen unteren Atemwegsinfektion mit vorwiegend feinblasigen Rasselgeräuschen und Tachydyspnoe; die obstruktive Bronchitis des Kleinkindalters ist eher durch (rezidivierendes) Giemen gekennzeichnet. Beide Entitäten überschneiden sich klinisch und stellen ein Kontinuum dar.

Pathophysiologische Kaskade

RSV-Infektion Tröpfchen-/Schmierinfektion
Epithelnekrose Zilienverlust, Zelldebris
Ödem & Hypersekretion Mukös-zelluläre Pfröpfe
Bronchiolenobstruktion Air trapping, Atelektasen
Ventilations-Perfusions-Störung Hypoxämie
~70 %
RSV als Erreger der Bronchiolitis
~90 %
Kinder mit RSV-Infektion bis zum 2. Lj.
2–6 Mon.
Altersgipfel für schwere Verläufe
1–3 %
Hospitalisierungsrate aller Säuglinge/Saison

Warum ist die Bronchiolitis potenziell gefährlich?

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Enge Bronchiolen

Bereits geringe Schleimhautschwellung und Sekretansammlung führen bei den sehr kleinlumigen Bronchiolen des Säuglings zu erheblicher Widerstandserhöhung.

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Fehlende Kollateralventilation

Die Kollateralkanäle (Kohn-Poren) sind im Säuglingsalter noch nicht ausgereift – Verschluss einzelner Bronchiolen führt direkt zu Atelektasen.

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Trink-Atem-Koordination

Tachypnoe erschwert das Trinken erheblich – Dehydratation und Erschöpfung sind zentrale Komplikationen, nicht nur die Atemnot selbst.

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Apnoerisiko

Insbesondere Frühgeborene und junge Säuglinge (< 2–3 Monate) haben ein erhöhtes Risiko für zentrale/obstruktive Apnoen im Rahmen der RSV-Infektion.

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Klinische Symptome

Die Bronchiolitis beginnt typischerweise mit einem banalen Schnupfen und entwickelt sich über 2–3 Tage zu zunehmender Atemnot mit charakteristischem Auskultationsbefund.

KARDINALSYMPTOME

  • Initial Rhinitis, Husten, subfebrile Temperatur
  • Zunehmende Tachypnoe über 2–3 Tage
  • Feinblasige Rasselgeräusche (Knisterrasseln)
  • Exspiratorisches Giemen (variabel ausgeprägt)
  • Interkostale/subkostale Einziehungen

ERNÄHRUNGSBEZOGENE ZEICHEN

  • Reduziertes Trinkvolumen (< 50–75 % der Norm)
  • Verlängerte Trinkzeit, Trinkpausen wegen Dyspnoe
  • Erbrechen im Rahmen von Hustenattacken
  • Reduzierte Windelzahl (Dehydratationszeichen)

KLINISCHE UNTERSUCHUNGSBEFUNDE

  • Feinblasige, endinspiratorische Rasselgeräusche
  • Verlängertes Exspirium, ggf. Giemen
  • Hypersonorer Klopfschall (Überblähung)
  • Tachypnoe (> 60/min bei Säuglingen als Warnzeichen)

ALARMZEICHEN – SOFORTIGE VORSTELLUNG

  • SpO₂ < 90–92 % (Raumluft)
  • Apnoen (besonders bei Frühgeborenen)
  • Trinkmenge < 50 % der üblichen Menge
  • Deutliche Einziehungen, Nasenflügeln, Stöhnen
  • Zyanose, blasses/graues Hautkolorit, Lethargie

RISIKOGRUPPEN FÜR SCHWEREN VERLAUF

  • Frühgeburtlichkeit (< 32.–35. SSW)
  • Alter < 3 Monate
  • Hämodynamisch relevante Herzfehler
  • Bronchopulmonale Dysplasie
  • Immundefizienz, neuromuskuläre Erkrankungen

Schweregradeinteilung

SchweregradKlinikSpO₂Management
Leicht Milde Tachypnoe, geringe Einziehungen, gutes Trinkverhalten ≥ 94 % Ambulant, engmaschige Verlaufskontrolle
Mittelgradig Deutliche Tachypnoe, sichtbare Einziehungen, reduzierte Trinkmenge 90–93 % Stationäre Beobachtung erwägen
Schwer Starke Einziehungen, Apnoen, Trinkverweigerung, Erschöpfung < 90 % Stationäre Aufnahme, ggf. Intensivüberwachung
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Diagnostik

Die Diagnose der Bronchiolitis erfolgt klinisch, gestützt auf Alter, typischen Auskultationsbefund und Verlauf. Apparative Zusatzdiagnostik ist bei typischem Verlauf nicht routinemäßig erforderlich.

Diagnostischer Algorithmus

  1. Anamnese Alter, Symptomverlauf über Tage, Trinkverhalten, Windelzahl, Frühgeburtlichkeit, Grunderkrankungen, Geschwisterkinder mit Atemwegsinfekt, Impfstatus, RSV-Prophylaxe erhalten?
  2. Klinische Untersuchung Atemfrequenz, Einziehungen, Auskultation (feinblasige RG, Giemen), Hydratationsstatus, Trinkverhalten direkt beobachten wenn möglich.
  3. Pulsoxymetrie Obligat bei jeder Vorstellung – zentraler objektiver Parameter für Schweregrad und Entscheidung zur stationären Aufnahme.
  4. Einschätzung von Risikofaktoren Frühgeburtlichkeit, Alter < 3 Monate, kardiale/pulmonale Vorerkrankungen, Immundefizienz erhöhen das Risiko für schweren Verlauf und senken die Schwelle zur stationären Aufnahme.
  5. Erregerdiagnostik (selektiv) RSV-Antigenschnelltest/PCR aus Nasopharyngealsekret – primär zur Kohortierung bei stationärer Aufnahme, nicht routinemäßig ambulant erforderlich, da therapeutisch meist ohne Konsequenz.
  6. Röntgen-Thorax (selektiv) Nicht routinemäßig indiziert. Erwägen bei unklarem/atypischem Verlauf, Verdacht auf Komplikation (Pneumonie, Atelektase) oder vor Verlegung auf Intensivstation.
  7. Labordiagnostik (selektiv) Blutgasanalyse bei schwerem Verlauf zur Beurteilung von Hyperkapnie/respiratorischer Erschöpfung. Routinemäßige Blutbild-/CRP-Bestimmung nicht erforderlich bei typischem Bild.

Praxishinweis: Röntgen-Thorax, Virusdiagnostik und Labor sind bei der typischen, unkomplizierten Bronchiolitis nicht routinemäßig indiziert und ändern in der Regel nichts am therapeutischen Vorgehen.

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Pathophysiologie & Erreger

RSV infiziert die Epithelzellen der terminalen Bronchiolen, verursacht direkte zytopathische Effekte und löst eine ausgeprägte lokale Entzündungsreaktion mit Ödem, Hypersekretion und Zelldebris aus.

Erreger der Bronchiolitis

ErregerAnteilSaisonalitätBesonderheiten
RSV (Respiratory Syncytial Virus) ~60–70 % Herbst–Winter (Nordhalbkugel: Okt.–März) Hauptursache schwerer Verläufe; Syncytienbildung in Zellkultur namensgebend
Rhinovirus ~15–20 % Ganzjährig Zunehmend erkannter Trigger, auch bei älteren Säuglingen
Humanes Metapneumovirus ~5–10 % Winter–Frühjahr Klinisch RSV-ähnlich, etwas älteres Erkrankungsalter
Parainfluenza-, Adenoviren, Bocavirus ~5–10 % Variabel Seltener alleinige Ursache, teils Koinfektionen

Immunologische Besonderheit: Die RSV-Infektion induziert keine langanhaltende protektive Immunität – Reinfektionen im Kindes- und Erwachsenenalter sind die Regel, verlaufen jedoch meist milder als die Erstinfektion im Säuglingsalter.

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Prävention & RSV-Prophylaxe

Die Prävention der RSV-Bronchiolitis hat sich durch die Einführung breit verfügbarer monoklonaler Antikörper grundlegend gewandelt.

Immunprophylaxe im Überblick

Nirsevimab

Langwirksamer monoklonaler Anti-RSV-F-Protein-Antikörper. Einmalige Gabe schützt für eine gesamte RSV-Saison. Empfohlen für alle Säuglinge in ihrer ersten RSV-Saison sowie Risikokinder in der zweiten Saison.

Beyfortus® · i.m. · einmalig pro Saison

Palivizumab

Älterer monoklonaler Antikörper, monatliche Gabe während der RSV-Saison erforderlich. Zunehmend durch Nirsevimab abgelöst, in ausgewählten Hochrisikogruppen weiterhin im Einsatz.

Synagis® · i.m. · monatlich während Saison

Maternale RSV-Impfung

Aktive Impfung der Schwangeren (ca. 24.–36. SSW) zur transplazentaren Übertragung protektiver Antikörper auf das Neugeborene. Alternative zur postnatalen Nirsevimab-Gabe.

Abrysvo® · i.m. · während Schwangerschaft

Allgemeine präventive Maßnahmen

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Händehygiene

Konsequentes Händewaschen als effektivste Einzelmaßnahme zur Reduktion der Übertragung, besonders in Familien mit Neugeborenen.

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Stillen

Stillen reduziert nachweislich Häufigkeit und Schwere respiratorischer Infekte in den ersten Lebensmonaten.

🚭

Rauchfreie Umgebung

Vermeidung von Passivrauchexposition senkt das Risiko für schwere Verläufe erheblich.

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Kontaktreduktion in Risikosituationen

Meiden von Kita/Menschenansammlungen für Risikosäuglinge während der RSV-Hochsaison, wo praktikabel.

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Differenzialdiagnosen

Bei atypischem Verlauf, Erstmanifestation außerhalb des typischen Alters oder fehlender Besserung sollte eine erweiterte Differenzialdiagnostik erfolgen.

ErkrankungWegweisende KlinikDiagnostikAbgrenzung
Obstruktive Bronchitis (Rezidiv) Ältere Kleinkinder, wiederholte Episoden, mehr Giemen als feine RG Anamnese, klinischer Verlauf Höheres Alter, keine Erstepisode
Bakterielle Pneumonie Hohes Fieber, fokale Rasselgeräusche, deutlich reduzierter AZ Röntgen-Thorax, CRP Fokaler statt diffuser Befund, ausgeprägteres Fieber
Keuchhusten (Pertussis) Stakkatohusten, inspiratorisches Ziehen, Apnoen bei jungen Säuglingen PCR aus Nasopharyngealabstrich Charakteristisches Hustenmuster, oft afebril
Herzinsuffizienz / kardiale Vitien Tachypnoe, Hepatomegalie, Trinkschwäche, Gedeihstörung, Herzgeräusch Echokardiographie, EKG Fehlende Infektzeichen, kardiale Zusatzbefunde
Fremdkörperaspiration Plötzlicher Beginn, einseitiges Auskultationsbild Röntgen-Thorax, Bronchoskopie Akuter Beginn ohne vorangehenden Infekt
Bronchiolitis obliterans (postinfektiös) Persistierende Obstruktion > 4–6 Wochen nach Akutinfekt HR-CT (Mosaikmuster), Lungenfunktion Fehlende Erholung, chronischer statt akuter Verlauf – siehe eigenständige Übersicht
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Therapiemöglichkeiten

Die Therapie der Bronchiolitis ist überwiegend supportiv. Zahlreiche früher gebräuchliche Therapien (Bronchodilatatoren, Kortikosteroide, Antibiotika) haben in der aktuellen Evidenzlage bei unkomplizierter RSV-Bronchiolitis keinen belegten Nutzen.

Wichtiger Evidenzhinweis: Inhalative Bronchodilatatoren, systemische Kortikosteroide und Antibiotika sind bei der typischen viralen Bronchiolitis nicht routinemäßig indiziert – die aktuelle Leitlinienevidenz zeigt keinen konsistenten klinischen Nutzen bei unkompliziertem Verlauf. Ein individueller Therapieversuch kann in Einzelfällen (z. B. Atopie-Anamnese) erwogen werden.

Supportives Management nach Schweregrad

  • LEICHT Ambulantes Management

    Nasenpflege mit physiologischer Kochsalzlösung, häufige kleine Mahlzeiten, Beobachtung des Trinkverhaltens, Aufklärung über Warnzeichen und Verlauf (Symptommaximum meist Tag 3–5).

    Kochsalz-Nasenspülung · symptomatische Maßnahmen
  • MITTELGRADIG Stationäre Beobachtung

    Sauerstoffgabe bei SpO₂ < 90–92 %, Flüssigkeitszufuhr sichern (ggf. nasogastrale Sonde bei unzureichendem oralem Trinken), engmaschige Überwachung von Atemfrequenz und SpO₂.

    O₂-Gabe nach Bedarf · Flüssigkeitssubstitution
  • SCHWER Intensivierte Therapie

    High-Flow-Nasenkanülen-Sauerstofftherapie (HFNC) bei ausgeprägter Atemarbeit. Bei respiratorischer Erschöpfung/Apnoen: nicht-invasive Beatmung (CPAP), in schweren Fällen invasive Beatmung auf der Intensivstation.

    HFNC · CPAP · ggf. invasive Beatmung

Maßnahmen ohne belegten Routinenutzen

💨 Inhalative Bronchodilatatoren

Salbutamol zeigt in Studien keinen konsistenten Nutzen bei unkomplizierter RSV-Bronchiolitis; kein Routineeinsatz empfohlen.

💊 Systemische Kortikosteroide

Keine Verkürzung von Krankenhausaufenthalt oder Symptomdauer bei der reinen viralen Bronchiolitis belegt.

💉 Antibiotika

Nur bei nachgewiesener oder begründet vermuteter bakterieller Superinfektion (z. B. Pneumonie) indiziert.

🧂 Hypertone Kochsalzinhalation

Evidenz uneinheitlich; kann in einigen Zentren als Add-on bei stationärer Behandlung eingesetzt werden.

Notfallzeichen – sofortige Vorstellung erforderlich

SpO₂ < 90 % unter Raumluft, Apnoen, ausgeprägte Einziehungen, Nasenflügeln, Stöhnen, Trinkverweigerung, Zyanose oder Lethargie erfordern eine umgehende stationäre Vorstellung.

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Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte pädiatrisch-pneumologische und neonatologische Zentren für schwere Bronchiolitis-Verläufe in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Gesine Hansen
Kinderpneumologie & Neonatologie
Medizinische Hochschule Hannover
HANNOVER
RSV-Erkrankungen; neonatale Atemwegsinfektionen
RSV
Prof. Dr. Tobias Ankermann
Kinderpneumologie & Allergologie
UKSH Campus Kiel
KIEL
Atemwegsinfektionen im Säuglingsalter
Atemwegsinfekte
🇦🇹 Österreich
Dr. Ernst Eber
Pädiatrische Pneumologie
Medizinische Universität Graz
GRAZ
Säuglingspneumologie; bronchoskopische Diagnostik
Bronchoskopie
Prim. Dr. Angela Zacharasiewicz
Leiterin Pädiatrische Pneumologie & Allergologie
Wilhelminenspital Wien
WIEN
AG-Leiterin PPA (ÖGKJ); RSV-Prophylaxe-Empfehlungen
Leitlinien
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. Alexander Moeller
Leiter Kinderpneumologie
Universitäts-Kinderspital Zürich (Kispi)
ZÜRICH
Säuglings-Lungenfunktion; RSV-Erkrankungen
Lungenfunktion
Prof. Dr. Carmen Casaulta
Leiterin Pädiatrische Pneumologie
Inselspital Bern
BERN
Schwere Atemwegsinfektionen im Säuglingsalter
Atemwegsinfekte

Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: GPP – Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (D-A-CH, paediatrische-pneumologie.eu) · SGPP – Schweizerische Ges. für Pädiatrische Pneumologie · STIKO (RSV-Prophylaxe-Empfehlungen) · AWMF-Leitlinienregister