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Grundlagen & Definition

Bronchiektasen sind irreversible, permanente Erweiterungen der Bronchien, die durch eine chronische Entzündungsreaktion mit Schädigung der Bronchialwand (Knorpel, glatte Muskulatur, elastisches Gewebe) entstehen. Sie stellen das gemeinsame morphologische Endstadium verschiedener zugrundeliegender Erkrankungen dar und sind – anders als bei Erwachsenen – im Kindesalter meist Ausdruck einer behandelbaren oder zumindest identifizierbaren Grunderkrankung.

Schlüsselkonzept – „Bronchiektasen sind ein Befund, keine eigenständige Diagnose": Bei jedem Kind mit radiologisch gesicherten Bronchiektasen muss eine systematische Ursachensuche erfolgen. Nur durch Identifikation und – wo möglich – Behandlung der zugrundeliegenden Ursache kann eine weitere Progression verhindert werden. Ein relevanter Anteil bleibt trotz umfassender Diagnostik idiopathisch.

Circulus vitiosus der Bronchiektasenentstehung

Initiale Schädigung Infektion, Obstruktion, Grunderkrankung
Gestörte mukoziliäre Clearance Sekretretention
Chronische bakterielle Besiedlung Persistierende Entzündung
Fortschreitende Wandschädigung Elastin-/Knorpelverlust
Bronchialerweiterung Irreversibel
Zunehmend
Erkannt durch verbesserte HR-CT-Verfügbarkeit
~40 %
Postinfektiöse Genese in vielen Kohorten
~10–25 %
Trotz Diagnostik ursächlich ungeklärt (idiopathisch)
HR-CT
Goldstandard der bildgebenden Diagnostik
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Klinische Symptome

Charakteristisch ist ein chronischer, meist täglich produktiver Husten, der über die typische Dauer eines viralen Infekts hinausgeht.

KARDINALSYMPTOME

  • Chronischer, feuchter/produktiver Husten > 4–8 Wochen
  • Täglicher, meist ganztägig vorhandener Auswurf (bei älteren Kindern)
  • Rezidivierende Atemwegsinfekte im gleichen Lungenareal
  • Belastungsintoleranz im fortgeschrittenen Verlauf

KLINISCHE UNTERSUCHUNGSBEFUNDE

  • Grobblasige, persistierende Rasselgeräusche
  • Lokalisiertes Giemen möglich
  • Trommelschlegelfinger/Uhrglasnägel (fortgeschrittene Fälle)
  • Gedeihstörung bei ausgeprägter chronischer Erkrankung

ASSOZIIERTE SYMPTOME JE NACH URSACHE

  • Chronische Rhinosinusitis (v.a. PCD)
  • Gedeihstörung, fettige Stühle (Mukoviszidose)
  • Rezidivierende Infekte anderer Organsysteme (Immundefekt)
  • Situs inversus (PCD-Hinweis)

WARNSIGNALE FÜR SCHWEREN VERLAUF

  • Hämoptyse
  • Zunehmende Belastungsdyspnoe
  • Chronische Hypoxämie
  • Zeichen der pulmonalen Hypertonie im fortgeschrittenen Verlauf
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Diagnostik

Die Diagnostik gliedert sich in den bildgebenden Nachweis der Bronchiektasen und die anschließende systematische Ursachensuche.

Bildgebender Nachweis

  1. Anamnese & klinischer Verdacht Chronischer produktiver Husten > 4–8 Wochen, rezidivierende Pneumonien im gleichen Lungenareal, Hämoptyse, Symptombeginn nach schwerer Atemwegsinfektion, Begleitsymptome (Sinusitis, Gedeihstörung).
  2. Röntgen-Thorax (initial, aber unzureichend sensitiv) Kann Hinweise geben (Bronchialwandverdickung, „tram tracks"), ist jedoch nicht sensitiv genug, um Bronchiektasen sicher auszuschließen.
  3. Hochauflösende Computertomographie (HR-CT) – Goldstandard Direkter Nachweis erweiterter, nicht verjüngender Bronchien mit dem charakteristischen „signet ring sign" (Bronchusdurchmesser > begleitendes Gefäß). Erlaubt zudem die Beurteilung von Verteilungsmuster (fokal vs. diffus) und Ausmaß – wichtige Hinweise auf die zugrundeliegende Ursache.
  4. Lungenfunktionsdiagnostik Meist obstruktives Muster, teils mit gemischt obstruktiv-restriktiver Komponente bei ausgedehnter Erkrankung; Verlaufskontrollen essenziell zur Progressionsbeurteilung.

Systematische Ursachensuche (Non-CF-Bronchiektasen-Protokoll)

  1. Ausschluss zystische Fibrose Schweißtest bei jedem Kind mit Bronchiektasen obligat, unabhängig vom klinischen Gesamteindruck.
  2. Ausschluss primäre ciliäre Dyskinesie (PCD) Nasales NO, ggf. HSVA/Elektronenmikroskopie/Genetik bei entsprechendem klinischen Verdacht (chronische Rhinosinusitis, Situs-Anomalie).
  3. Immundefekt-Screening Immunglobulin-Quantifizierung (IgG, IgA, IgM), Impfantikörper-Titer, ggf. Lymphozyten-Subpopulationen bei Verdacht auf primären Immundefekt.
  4. Fremdkörperaspiration ausschließen Bronchoskopie bei fokalen/lokalisierten Bronchiektasen zum Ausschluss eines übersehenen, retinierten Fremdkörpers.
  5. Weitere gezielte Diagnostik nach klinischem Verdacht Allergische bronchopulmonale Aspergillose (Aspergillus-sIgE/-IgG), gastroösophagealer Reflux/Aspiration, Alpha-1-Antitrypsin-Mangel (bei entsprechender Klinik).

Praxishinweis: Auch bei fokalen, umschriebenen Bronchiektasen sollte eine grundlegende Basisdiagnostik (Schweißtest, Immunglobuline) erfolgen – lokalisierte Befunde schließen eine zugrundeliegende systemische Erkrankung nicht sicher aus.

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Ursachen

UrsachenkategorieBeispieleVerteilungsmuster im HR-CT
Postinfektiös Schwere Pneumonie (Adenovirus, Masern, Pertussis, bakteriell), Tuberkulose Variabel, oft fokal oder segmental im betroffenen Areal
Mukoviszidose CFTR-Mutation Typischerweise oberlappenbetont, beidseits
Primäre ciliäre Dyskinesie SFTPB, ABCA3 u.a. Zilien-Gene Diffus, oft basal betont, mit Situs-Anomalie assoziiert
Primäre Immundefekte Antikörpermangelsyndrome (CVID, XLA) Variabel, häufig diffus
Fremdkörperaspiration Übersehener/retinierter Fremdkörper Streng fokal/lokalisiert im betroffenen Segment
Allergische bronchopulmonale Aspergillose (ABPA) Assoziiert mit Asthma/CF Zentral betont
Chronische Aspiration Schluckstörung, schwerer GERD Basal, oft rechtsseitig betont
Idiopathisch Keine Ursache trotz Diagnostik identifizierbar Variabel
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Verlauf & Prognose

VerlaufsformCharakteristikPrognose
Behandelbare Grunderkrankung identifiziert Z. B. Immundefekt mit Substitutionsmöglichkeit, Fremdkörperentfernung Progressionsstopp bei erfolgreicher Ursachenbehandlung möglich
Fortbestehende Grunderkrankung (z. B. PCD, CF) Chronisches Atemwegsmanagement erforderlich Stabilisierung durch konsequente Therapie möglich
Idiopathische/unbehandelbare Ursache Fokus auf symptomatisches Atemwegsmanagement Variabel, regelmäßige Verlaufskontrolle wichtig

Bedeutung der Früherkennung: Je früher Bronchiektasen erkannt und die zugrundeliegende Ursache behandelt bzw. ein konsequentes Atemwegsmanagement etabliert wird, desto besser lässt sich die weitere Progression begrenzen – ein wichtiges Argument für eine niedrige Diagnostikschwelle bei chronischem produktivem Husten.

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Differenzialdiagnosen

ErkrankungWegweisende KlinikDiagnostikAbgrenzung
Protrahierte bakterielle Bronchitis (PBB) Chronischer feuchter Husten, gutes Ansprechen auf Antibiotikatherapie Klinisches Ansprechen, ggf. HR-CT zum Ausschluss Kein bildgebender Nachweis von Bronchiektasen; vollständige Rückbildung unter Therapie
Asthma bronchiale (schwer/therapierefraktär) Episodische statt kontinuierliche Symptomatik Spirometrie mit Reversibilität, HR-CT bei Bedarf Fehlender struktureller Bronchiektasen-Nachweis
Bronchiolitis obliterans Fixierte Obstruktion nach schwerer Infektion, Mosaikmuster im HR-CT HR-CT (Mosaikperfusion statt Bronchialerweiterung) Anderes CT-Muster; Obliteration der kleinen statt Erweiterung der größeren Atemwege
Chronische interstitielle Lungenerkrankung (chILD) Restriktives statt obstruktives Muster HR-CT, Lungenfunktion Anderes radiologisches Verteilungsmuster
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Therapiemöglichkeiten

Die Therapie kombiniert die Behandlung der zugrundeliegenden Ursache (wo möglich) mit einem konsequenten, lebenslangen Atemwegsmanagement zur Sekretmobilisation und Infektkontrolle.

Therapeutische Bausteine

Atemphysiotherapie

Tägliche, konsequente Sekretmobilisationstechniken (PEP-Systeme, autogene Drainage, oszillierende Atemwegssysteme) als zentrale Säule der Langzeittherapie.

PEP-Maske · Flutter/Acapella · autogene Drainage

Antibiotische Therapie

Frühzeitige, gezielte Behandlung von Exazerbationen gemäß Sputumkultur. Bei häufigen Exazerbationen (≥ 3/Jahr): Erwägung einer Langzeit-Makrolidtherapie zur Reduktion der Exazerbationsfrequenz.

Erregerspezifisch · ggf. Azithromycin-Langzeitprophylaxe

Mukolytika

Hypertone Kochsalzinhalation zur Erleichterung der Sekretmobilisation, häufig eingesetzt trotz begrenzter spezifischer Evidenz bei Non-CF-Bronchiektasen im Kindesalter.

Hypertone NaCl-Inhalation

Kausale Therapie der Grunderkrankung

Wo möglich: Immunglobulinsubstitution bei Antikörpermangel, Fremdkörperentfernung, CFTR-Modulatoren bei Mukoviszidose, konsequente Refluxtherapie bei Aspirationsgenese.

Ursachenspezifisch

Weitere Therapiebausteine

💉

Impfschutz

Vollständiger Impfschutz inkl. jährlicher Influenza- und Pneumokokken-Impfung zur Infektprävention.

🏃

Körperliche Aktivität

Regelmäßige Bewegung fördert zusätzlich die Sekretmobilisation und kardiopulmonale Fitness.

📊

Regelmäßige Verlaufskontrolle

Lungenfunktion, klinische Kontrolle und mikrobiologisches Monitoring in regelmäßigen Abständen zur Progressionsüberwachung.

🫁

Chirurgische Resektion (Ausnahmefälle)

Bei streng lokalisierten, symptomatischen Bronchiektasen mit rezidivierenden Infekten trotz konservativer Therapie in Einzelfällen erwägbar.

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Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte pädiatrisch-pneumologische Zentren mit Bronchiektasen-Expertise und umfassender Ursachendiagnostik.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Heymut Omran
Kinderpneumologie, PCD-Referenzzentrum
Universitätsklinikum Münster
MÜNSTER
Bronchiektasen bei PCD; umfassende Ursachendiagnostik
PCD-Referenzzentrum
Prof. Dr. Matthias Griese
Kinderpneumologie
Dr. von Haunersches Kinderspital, LMU München
MÜNCHEN
Non-CF-Bronchiektasen; seltene Lungenerkrankungen
Bronchiektasen
🇦🇹 Österreich
Dr. Ernst Eber
Pädiatrische Pneumologie
Medizinische Universität Graz
GRAZ
Bronchiektasen-Diagnostik; bronchoskopische Abklärung
Bronchoskopie
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. Claudia Kuehni
Epidemiologie & Pädiatrische Pneumologie
Universität Bern / Inselspital
BERN
Bronchiektasen-Register; PCD-Diagnostik
Register

Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: GPP – Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (D-A-CH, paediatrische-pneumologie.eu) · ERS Guideline Management of Children with Bronchiectasis · BEAT-PCD-Konsortium