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Grundlagen & Pathophysiologie

Das Osteosarkom ist der häufigste primär maligne Knochentumor des Kindes- und Jugendalters. Definierendes histologisches Merkmal ist die direkte Produktion von Osteoid (unmineralisierter Knochenmatrix) durch die malignen Tumorzellen selbst – ein Charakteristikum, das das Osteosarkom von anderen Knochentumoren wie dem Ewing-Sarkom klar abgrenzt. Der Tumor zeigt eine auffällige epidemiologische Assoziation mit der Phase des schnellsten Knochenwachstums.

~50–60
Neuerkrankungen/Jahr in Deutschland (0–14 Jahre), deutlich mehr bei Einbeziehung der Adoleszenz
Adoleszenz
Deutlicher Häufigkeitsgipfel während des pubertären Wachstumsschubs
Metaphysär
Bevorzugte Lokalisation an den am schnellsten wachsenden Wachstumsfugen (Knie, proximaler Humerus)
~65–70 %
5-Jahres-Überleben bei lokalisierter Erkrankung

Onkogenese & Wachstumsschub-Assoziation

Die auffällige zeitliche Häufung des Osteosarkoms während der Adoleszenz und die bevorzugte Lokalisation an den Regionen mit der höchsten Wachstumsgeschwindigkeit (distale Femurmetaphyse, proximale Tibiametaphyse, proximale Humerusmetaphyse) legen einen Zusammenhang mit der intensiven osteoblastären Proliferation während des pubertären Wachstumsschubs nahe – Regionen mit besonders hoher physiologischer Zellteilungsrate scheinen anfälliger für die Akkumulation onkogener Ereignisse zu sein. Im Gegensatz zu vielen anderen pädiatrischen Tumoren fehlt dem Osteosarkom ein einzelnes definierendes Fusionsgen; stattdessen ist es durch eine ausgeprägte genomische Instabilität mit komplexen chromosomalen Umlagerungen gekennzeichnet.

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TP53-Inaktivierung

Verlust der Funktion des zentralen Tumorsuppressors TP53 (durch Mutation, Deletion oder komplexe strukturelle Umlagerungen) ist bei der überwiegenden Mehrheit der Osteosarkome nachweisbar und begünstigt die charakteristische genomische Instabilität des Tumors.

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RB1-Inaktivierung

Verlust der Funktion des Zellzyklus-Kontrollproteins RB1 (Retinoblastom-Protein) trägt zusätzlich zur unkontrollierten Proliferation osteoblastärer Vorläuferzellen bei; Kinder mit hereditärem Retinoblastom (RB1-Keimbahnmutation) haben ein deutlich erhöhtes Osteosarkom-Risiko, besonders in zuvor bestrahlten Körperregionen.

Chromothripsis & komplexe genomische Umlagerungen

Osteosarkome zeigen eine der höchsten Raten an Chromothripsis (katastrophaler, einmaliger chromosomaler Zerstörung mit anschließender fehlerhafter Reparatur) unter allen humanen Tumoren – ein zentraler Mechanismus der ausgeprägten genomischen Komplexität.

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Li-Fraumeni-Syndrom (TP53-Keimbahnmutation)

Kinder mit Li-Fraumeni-Syndrom haben ein deutlich erhöhtes Osteosarkom-Risiko als Teil des charakteristischen Tumorspektrums dieses Prädispositionssyndroms, was die zentrale Bedeutung von TP53 für die Osteosarkom-Entstehung unterstreicht.

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Osteoid-Produktion als Definitionsmerkmal

Die charakteristische Fähigkeit der Tumorzellen, direkt unmineralisierte Knochenmatrix (Osteoid) zu produzieren, ist das zentrale histologische Definitionskriterium und unterscheidet das Osteosarkom von anderen malignen Knochentumoren wie dem Ewing-Sarkom, das kein Osteoid bildet.

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Bevorzugte Lokalisation & Ausbreitung

Metaphysäre Region der langen Röhrenknochen (v. a. distales Femur, proximale Tibia, proximaler Humerus); Metastasierung fast ausschließlich hämatogen, mit der Lunge als mit Abstand häufigster Metastasenlokalisation, seltener andere Knochen.

Histologische Subtypen & Lokalisationen

SubtypAnteilCharakteristika
Konventionelles (klassisches) Osteosarkom~80–90 %Häufigster Subtyp; osteoblastische, chondroblastische oder fibroblastische Differenzierungsmuster; intramedullär entstehend mit charakteristischer Kortikalisdurchbrechung
Teleangiektatisches Osteosarkom~3–5 %Ausgeprägt blutgefäßreiche, zystische Struktur; kann radiologisch mit einer aneurysmatischen Knochenzyste verwechselt werden
Parostales OsteosarkomseltenOberflächlich am Knochen wachsend statt intramedullär; meist niedriggradig maligne mit deutlich günstigerer Prognose
Periostales OsteosarkomseltenZwischen Periost und Kortikalis wachsend; intermediäre Malignität zwischen konventionellem und parostalem Typ
Sekundäres Osteosarkom (bei Morbus Paget oder nach Bestrahlung)selten im KindesalterEntsteht auf dem Boden vorbestehender Knochenerkrankung oder nach vorheriger Strahlentherapie; im Kindesalter am ehesten strahlungsassoziiert bei hereditärem Retinoblastom

Osteosarkom bei hereditärem Retinoblastom: Kinder mit RB1-Keimbahnmutation (hereditäres Retinoblastom) tragen ein deutlich erhöhtes lebenslanges Osteosarkom-Risiko, das durch eine vorangegangene Strahlentherapie (z. B. wegen des Retinoblastoms selbst) in der bestrahlten Körperregion zusätzlich verstärkt wird – ein wichtiger Grund für die zunehmende Zurückhaltung mit der externen Bestrahlung beim Retinoblastom.

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Klinische Symptome

Die Symptomatik des Osteosarkoms wird durch zunehmenden Knochenschmerz und lokale Schwellung geprägt, oft zunächst als „Wachstumsschmerz" oder Sportverletzung fehlgedeutet. Der progrediente, insbesondere nächtliche Charakter der Schmerzen ist ein wichtiger klinischer Hinweis auf eine ernstere Ursache.

Knochenschmerz & Schwellung

KNOCHENSCHMERZ

  • Zunächst intermittierend, im Verlauf zunehmend persistierend
  • Charakteristische Zunahme in Ruhe/nachts (wichtiges Warnzeichen)
  • Oft zunächst als Wachstumsschmerz oder Sportverletzung fehlgedeutet
  • Häufigste Lokalisation: kniegelenknahe Region (distales Femur, proximale Tibia)

LOKALE SCHWELLUNG

  • Tastbare, oft druckschmerzhafte Weichteilschwellung über dem betroffenen Knochen
  • Überwärmung der Haut über der Schwellung möglich
  • Zunehmende Bewegungseinschränkung des benachbarten Gelenks
  • Hinken bei Beteiligung der unteren Extremität

ALLGEMEINSYMPTOME

  • Meist keine ausgeprägte B-Symptomatik (im Gegensatz zum Ewing-Sarkom)
  • Gelegentlich leichtes Fieber
  • Gewichtsverlust selten, meist erst bei fortgeschrittener/metastasierter Erkrankung

DIAGNOSTISCHE VERZÖGERUNG

  • Häufig mehrmonatige Anamnese bis zur Diagnosestellung durch initiale Fehldeutung
  • Anamnese eines vorausgegangenen Bagatelltraumas kann fälschlich als Ursache angenommen werden
  • Bei persistierendem, progredientem Knochenschmerz stets Bildgebung erwägen

Pathologische Fraktur & Metastasierung

ManifestationKlinisches BildHäufigkeit / KontextKlinische Bedeutung
Pathologische FrakturAkuter, oft im Verhältnis zum Trauma disproportionaler Schmerz und Funktionsverlust nach BagatelltraumaBei ausgeprägter tumorbedingter KnochenschwächungKann die operative Planung (Extremitätenerhalt vs. Amputation) erheblich erschweren
Pulmonale MetastasierungMeist asymptomatisch bei Diagnose, gelegentlich Husten bei ausgeprägtem BefallHäufigste Fernmetastasenlokalisation (~10–20 % bei Diagnose)Röntgen-Thorax/CT-Thorax obligater Bestandteil des initialen Stagings
Ossäre FernmetastasierungZusätzliche Knochenschmerzen an anderer LokalisationSelten bei Diagnose, häufiger bei RezidivSkelettszintigraphie/Ganzkörper-MRT zur Erfassung im Staging
Weichteilkomponente mit Gefäß-/NervenkompressionSensible/motorische Ausfälle bei ausgeprägter perifokaler WeichteilbeteiligungBei fortgeschrittenem LokalbefundWichtig für die Operationsplanung (Extremitätenerhalt-Fähigkeit)
Diagnostische Falle

Fehldeutung als Wachstumsschmerz oder Sportverletzung

Die zunächst intermittierende, oft belastungsabhängige Schmerzsymptomatik wird bei Jugendlichen häufig zunächst als „Wachstumsschmerz" oder Sportverletzung fehlgedeutet – bei Persistenz über mehrere Wochen, zunehmender Intensität oder nächtlicher Schmerzverstärkung sollte zeitnah eine Röntgenaufnahme erfolgen.

Orthopädischer Notfall

Pathologische Fraktur

Eine Fraktur durch tumorgeschwächten Knochen kann die Möglichkeit einer extremitätenerhaltenden Operation gefährden und erfordert eine sorgfältige interdisziplinäre Neubewertung des Therapiekonzepts.

Zeitkriterium

Persistenz >2–4 Wochen als Abklärungsgrund

Ein Knochenschmerz, der über mehrere Wochen persistiert oder progredient ist, insbesondere mit nächtlicher Verstärkung, rechtfertigt unabhängig vom Trauma-Kontext eine zeitnahe Röntgenaufnahme der betroffenen Region.

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Diagnostik

Die Diagnostik des Osteosarkoms beginnt mit der konventionellen Röntgenaufnahme, die häufig bereits charakteristische Hinweise liefert, gefolgt von MRT zur genauen lokalen Ausdehnungsbeurteilung, Biopsie zur histologischen Sicherung und Ganzkörper-Staging mit besonderem Fokus auf die Lunge als häufigste Metastasenlokalisation.

  1. Anamnese & KlinikSchmerzcharakter (Dauer, nächtliche Zunahme, Belastungsabhängigkeit), vorausgegangene Traumata (oft Zufallsbefund, nicht ursächlich), Familienanamnese (Li-Fraumeni-Syndrom, hereditäres Retinoblastom); körperliche Untersuchung: Palpation der betroffenen Region (Schwellung, Überwärmung, Druckschmerz), Bewegungsumfang des benachbarten Gelenks, neurovaskulärer Status der Extremität.
  2. Röntgen & MRTRöntgenaufnahme in zwei Ebenen: erste, oft bereits richtungsweisende Untersuchung mit klassischen Zeichen wie destruierender Osteolyse, periostaler Reaktion (Codman-Dreieck, „Sunburst"-Phänomen) und variabler Mineralisation der Tumormatrix. MRT der gesamten betroffenen Knochenregion (inkl. angrenzender Gelenke): zentrale Methode zur präzisen Beurteilung der intra- und extraossären Tumorausdehnung, Weichteilbeteiligung, Gefäß-/Nervenbeziehung und „Skip-Läsionen" (separate Tumorherde im selben Knochen).
  3. Biopsie & Ganzkörper-StagingStanzbiopsie oder offene Biopsie durch ein mit der späteren definitiven Operation koordiniertes Zentrum (Biopsiezugang muss bei der endgültigen Resektion mitentfernt werden können); Histopathologie mit Nachweis Osteoid-produzierender maligner Zellen als definierendem Kriterium. Röntgen-Thorax/CT-Thorax: obligater Bestandteil des Stagings zur Erfassung pulmonaler Metastasen. Skelettszintigraphie oder Ganzkörper-MRT/PET-CT: zur Erfassung möglicher ossärer Fernmetastasen oder Skip-Läsionen.
  4. BasislaborAlkalische Phosphatase und LDH (oft erhöht, prognostisch relevant, korreliert grob mit Tumorlast), Differentialblutbild, Nierenfunktionsparameter (Baseline vor Cisplatin-Therapie).
  5. Weitere Basisdiagnostik vor TherapiebeginnAudiometrie: Baseline vor Cisplatin-Therapie (Ototoxizität). Echokardiographie: Baseline vor Anthrazyklin-Therapie. Fertilitätsberatung bei postpubertären Jugendlichen vor gonadotoxischer Therapie.

Radiologische Leitbefunde

BefundBeschreibung
Destruierende OsteolyseUnregelmäßige, mottenfraßartige Knochenzerstörung ohne scharfe Begrenzung
Codman-DreieckDreieckige periostale Reaktion am Übergang zwischen abgehobenem Periost und normalem Kortex, als Ausdruck der raschen Tumorausbreitung
„Sunburst"-PhänomenStrahlenförmige periostale Knochenneubildung senkrecht zur Kortikalis, klassisches, wenn auch nicht beweisendes radiologisches Zeichen
Variable Tumormatrix-MineralisationVon rein osteolytisch bis stark sklerotisch-osteoblastisch, je nach Anteil der Osteoidproduktion und -mineralisation

Koordination von Biopsie und definitiver Operation: Die Biopsie muss so geplant werden, dass der Biopsiekanal bei der späteren definitiven Tumorresektion vollständig mitentfernt werden kann, um eine lokale Tumorzellverschleppung zu vermeiden. Dies erfordert eine enge Abstimmung zwischen Biopsie und dem später operierenden Team, idealerweise am selben spezialisierten Sarkomzentrum.

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Molekulargenetische Grundlagen

Anders als viele andere pädiatrische Tumoren besitzt das Osteosarkom kein einzelnes definierendes Fusionsgen. Stattdessen ist es durch eine der höchsten Raten an genomischer Instabilität und chromosomaler Komplexität unter allen humanen Tumoren gekennzeichnet, mit TP53- und RB1-Inaktivierung als zentralen, wiederkehrenden Mechanismen.

Zentrale onkogene Mechanismen

Mehrheit der Fälle

TP53-Inaktivierung

Verlust der Funktion dieses zentralen Tumorsuppressors durch Mutation, Deletion oder komplexe strukturelle Umlagerungen (häufig im Rahmen von Chromothripsis); begünstigt die charakteristische genomische Instabilität und das Fehlen wirksamer Zellzyklus-Kontrollpunkte.

Relevanter Anteil

RB1-Inaktivierung

Verlust der Zellzyklus-Kontrollfunktion von RB1 durch Mutation oder Deletion; kooperiert mit TP53-Verlust bei der Entstehung der unkontrollierten Proliferation osteoblastärer Vorläuferzellen.

Sehr häufig

Chromothripsis & komplexe strukturelle Umlagerungen

Katastrophale, einmalige chromosomale Zerstörungsereignisse mit anschließender fehlerhafter Reparatur führen zu einer außergewöhnlich komplexen, individuell sehr unterschiedlichen genomischen Landschaft ohne wiederkehrendes einzelnes Zielgen.

TP53, RB1 & chromosomale Instabilität im Detail

AlterationHäufigkeitFunktion / MechanismusKlinisch-genetische Bedeutung
TP53-Inaktivierung (somatisch)Mehrheit der sporadischen OsteosarkomeVerlust der zentralen Tumorsuppressorfunktion (Zellzyklus-Arrest, Apoptose-Induktion bei DNA-Schaden); oft durch komplexe strukturelle statt klassische PunktmutationenZentraler pathogenetischer Mechanismus; nicht als eigenständiger klinischer Routine-Biomarker etabliert, aber Grundlage der genomischen Instabilität
TP53-Keimbahnmutation (Li-Fraumeni-Syndrom)Kleiner, aber relevanter Anteil, besonders bei jungen Patienten mit positiver FamilienanamneseWie somatische TP53-Inaktivierung, aber bereits in der Keimbahn vorhandenBedeutsam für Familienberatung; erhöhtes Risiko weiterer Tumoren im Li-Fraumeni-Spektrum (Mammakarzinom, Hirntumoren u. a.)
RB1-InaktivierungRelevanter Anteil, u. a. bei hereditärem RetinoblastomVerlust der Zellzyklus-Kontrolle über den G1/S-Übergang, kooperiert mit TP53-VerlustBei RB1-Keimbahnmutation (hereditäres Retinoblastom) deutlich erhöhtes Osteosarkom-Risiko, besonders in bestrahlten Körperregionen
MDM2/CDK4-AmplifikationSubset der Fälle, häufiger beim parostalen/niedriggradigen SubtypAmplifikation negativer Regulatoren von TP53 (MDM2) bzw. positiver Zellzyklus-Treiber (CDK4)Funktionell äquivalenter Effekt zur direkten TP53/RB1-Inaktivierung über alternative Mechanismen

Fehlendes einzelnes therapeutisches Zielmolekül: Im Gegensatz zu vielen anderen pädiatrischen Tumoren mit einem klar definierten, therapeutisch adressierbaren Fusionsgen (z. B. ALK, NPM1-ALK) fehlt dem Osteosarkom aufgrund seiner ausgeprägten genomischen Komplexität bislang ein vergleichbares, breit einsetzbares molekulares Zielmolekül – dies erklärt, warum die konventionelle, intensive Kombinationschemotherapie trotz jahrzehntelanger Forschung weiterhin das therapeutische Rückgrat bildet.

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Molekulargenetische Diagnostik & MRD

Die Verlaufskontrolle beim Osteosarkom stützt sich zentral auf das histologische Ansprechen (Grad der Tumornekrose) nach neoadjuvanter Chemotherapie im Resektat – der stärkste unabhängige Prognosefaktor der Erkrankung – ergänzt durch serielle Bildgebung.

Histologisches Ansprechen als Leitparameter: Nach neoadjuvanter Chemotherapie wird im Resektionspräparat der Anteil vitalen (lebensfähigen) Tumorgewebes im Verhältnis zur Tumornekrose quantifiziert. Ein „gutes Ansprechen" (meist definiert als ≥90 % Tumornekrose) ist mit einer deutlich besseren Prognose assoziiert als ein „schlechtes Ansprechen" und steuert die postoperative Therapieentscheidung maßgeblich.

MethodeDurchführung / AussagekraftIndikation beim Osteosarkom
Histologisches Ansprechen (Tumornekrosegrad)Quantifizierung des vitalen Tumorzellanteils im Resektat nach neoadjuvanter ChemotherapieZentraler, stärkster unabhängiger Prognosefaktor; steuert postoperative Therapieintensität
Serielle Bildgebung der PrimärtumorregionMRT zur Beurteilung von Tumorgröße und Ansprechen vor der geplanten OperationErgänzend zur histologischen Beurteilung, v. a. präoperativ
Alkalische Phosphatase & LDH im VerlaufSerielle Bestimmung als grober laborchemischer Verlaufsparameter, korreliert mit TumorlastErgänzender, weniger spezifischer Verlaufsmarker
Röntgen-Thorax/CT-Thorax im VerlaufRegelmäßige Kontrolle zur Früherkennung pulmonaler Metastasen/RezidiveZentrale Nachsorgeuntersuchung über mehrere Jahre, da pulmonale Rezidive die häufigste Rezidivform darstellen
Audiometrie & Nierenfunktion im VerlaufErfassung von Cisplatin-bedingter Oto-/NephrotoxizitätRegelmäßig während und nach Chemotherapie

Konsequenz eines schlechten histologischen Ansprechens: Bei unzureichender Tumornekrose nach neoadjuvanter Chemotherapie wird in vielen aktuellen Protokollen eine Anpassung der postoperativen Chemotherapie diskutiert, auch wenn der Nutzen einer reinen Therapieintensivierung bei schlechtem Ansprechen in Studien nicht durchgehend eindeutig belegt werden konnte – ein aktives Forschungsfeld zur weiteren Therapieoptimierung.

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Differenzialdiagnose

Das Osteosarkom muss von anderen malignen und benignen Knochenläsionen des Kindes- und Jugendalters abgegrenzt werden, wobei die Osteoid-Produktion und das Verteilungsmuster wichtige differenzierende Faktoren darstellen.

DifferenzialdiagnoseUnterscheidungsmerkmaleAbklärung
Ewing-SarkomMeist diaphysär statt metaphysär, keine Osteoid-Produktion, andere Immunhistochemie (CD99 stark positiv), EWSR1-Fusionsgen, oft ausgeprägtere B-SymptomatikHistopathologie (fehlendes Osteoid), Immunhistochemie, Molekulargenetik, Lokalisation
OsteomyelitisOft mit Fieber, Entzündungszeichen im Labor (CRP, BSG deutlich erhöht), andere Bildgebungscharakteristik, Erregernachweis möglichEntzündungsparameter, Blutkulturen, MRT-Morphologie, ggf. Biopsie mit mikrobiologischer Aufarbeitung
Aneurysmatische KnochenzysteBenigne, zystische Läsion; kann radiologisch dem teleangiektatischen Osteosarkom ähneln, aber ohne maligne ZellproliferationHistopathologie, ggf. Biopsie bei unklarem radiologischem Befund
Osteoidosteom / OsteoblastomBenigne osteoblastische Läsionen, meist kleiner, oft mit charakteristischem nächtlichem Schmerz, der gut auf NSAR anspricht (Osteoidosteom)Bildgebung, Histopathologie bei Unklarheit
Fibröse DysplasieBenigne fibro-ossäre Läsion mit charakteristischem „Milchglas"-Aspekt in der Bildgebung, meist ohne progrediente SchmerzsymptomatikBildgebungsmorphologie, ggf. Histopathologie
Ossifizierendes Hämatom / Myositis ossificansAnamnese eines vorausgegangenen relevanten Traumas, charakteristischer zeitlicher Verlauf mit zunehmender peripherer OssifikationAnamnese, Bildgebungsverlauf, ggf. Biopsie bei atypischem Verlauf

Bedeutung der histologischen Osteoid-Detektion: Der definitive Nachweis von durch maligne Zellen produziertem Osteoid ist das zentrale histopathologische Kriterium zur Abgrenzung des Osteosarkoms von anderen kleinrundzelligen oder osteoblastischen Knochenläsionen, insbesondere vom Ewing-Sarkom, das kein Osteoid bildet. Eine sorgfältige, umfassende histopathologische und immunhistochemische Aufarbeitung jeder Biopsie ist daher unverzichtbar für die korrekte Diagnosestellung.

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Therapie

Die Therapie des Osteosarkoms folgt dem etablierten Prinzip neoadjuvante Chemotherapie → chirurgische Resektion → postoperative (adjuvante) Chemotherapie, wobei das histologische Ansprechen im Resektat die postoperative Therapieentscheidung maßgeblich mitbestimmt. Extremitätenerhaltende Operationstechniken haben die früher übliche primäre Amputation weitgehend abgelöst.

Histologisches Ansprechen als Leitgröße

Gutes Ansprechen

≥90 % Tumornekrose

Deutlich bessere Prognose; Fortführung der etablierten Chemotherapiekombination in der postoperativen Phase ohne zusätzliche Intensivierung.

Schlechtes Ansprechen

<90 % Tumornekrose

Ungünstigere Prognose; in vielen Protokollen Diskussion einer Anpassung der postoperativen Chemotherapie, wenngleich der eindeutige Nutzen einer Therapieintensivierung bei schlechtem Ansprechen in Studien nicht durchgehend belegt ist.

Metastasierte Erkrankung

Pulmonale oder andere Fernmetastasen bei Diagnose

Deutlich ungünstigere Prognose; kombinierte systemische Chemotherapie mit chirurgischer Metastasektomie (insbesondere pulmonaler Metastasen) bei gutem Ansprechen.

Therapiebausteine

Neoadjuvante Chemotherapie~10 Wochen
Operation (extremitätenerhaltend wo möglich)Nach Reevaluation
Postoperative Chemotherapieansprechadaptiert
Metastasenmanagementbei Bedarf
  1. Baustein 1Neoadjuvante (präoperative) Chemotherapie

    Ziel: Tumorverkleinerung zur Verbesserung der Resektabilität, Elimination von Mikrometastasen, Ermöglichung des histologischen Ansprechen-Assessments. Elemente: Kombinationschemotherapie mit Cisplatin, Doxorubicin und hochdosiertem Methotrexat (mit Leukovorin-Rescue) als Standardrückgrat über mehrere Wochen.

  2. Baustein 2Operation (extremitätenerhaltend wo möglich)

    Ziel: Vollständige Tumorentfernung mit weiten Resektionsrändern unter größtmöglichem Funktionserhalt. Prinzip: Wo onkologisch vertretbar, extremitätenerhaltende Resektion mit endoprothetischem oder biologischem Rekonstruktionsverfahren (z. B. Allograft, vaskularisiertes Fibulatransplantat); Amputation nur bei ungünstiger Gefäß-/Nervenbeziehung, sehr jungem Alter mit begrenztem Wachstumspotenzial der Rekonstruktion, oder Komplikationen wie pathologischer Fraktur mit Kontamination.

  3. Baustein 3Postoperative (adjuvante) Chemotherapie

    Ziel: Elimination residualer Mikrometastasen entsprechend histologischem Ansprechen. Elemente: Fortführung der Cisplatin/Doxorubicin/Methotrexat-basierten Kombination; bei unzureichendem Ansprechen in manchen Protokollen Erwägung zusätzlicher Substanzen (z. B. Ifosfamid, Etoposid), wenngleich die Evidenz für den Zusatznutzen begrenzt ist.

  4. Baustein 4Management pulmonaler/anderer Metastasen

    Ziel: Vollständige Elimination auch der Fernmetastasen zur kurativen Behandlung. Prinzip: Chirurgische Metastasektomie (meist thorakoskopisch oder offen) pulmonaler Metastasen bei gutem Ansprechen auf die systemische Chemotherapie, da das Osteosarkom im Gegensatz zu vielen anderen Tumoren relativ chemotherapieresistente Metastasen zeigen kann und die komplette chirurgische Resektion oft entscheidend für die Prognose ist.

  5. SonderfallRezidiv / refraktäre Erkrankung

    Rezidiv/refraktäre Erkrankung: Erneute chirurgische Resektion (insbesondere bei isolierten pulmonalen Rezidiven) bleibt zentraler kurativer Ansatz; Salvage-Chemotherapie mit alternativen Substanzen bei nicht vollständig resektabler Erkrankung. Angesichts der begrenzten Wirksamkeit klassischer Chemotherapie bei rezidivierter Erkrankung ist die Erforschung neuer Substanzen (u. a. Multikinase-Inhibitoren) Gegenstand aktiver klinischer Studien.

Supportivtherapie & interdisziplinäre Nachsorge: Zentral sind engmaschiges Nierenfunktions- und Hörmonitoring (Cisplatin-Oto-/Nephrotoxizität), kardiologische Verlaufskontrollen nach Anthrazyklin-Exposition, umfassende orthopädische Rehabilitation nach extremitätenerhaltender Operation oder Amputation (Physiotherapie, ggf. Prothesenversorgung), Fertilitätsberatung bei postpubertären Jugendlichen sowie psychosoziale Begleitung von Kind und Familie über den langwierigen Behandlungs- und Rehabilitationsverlauf.

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Experten & Zentren

Die Behandlung des Osteosarkoms erfolgt an spezialisierten Sarkomzentren mit enger Kooperation zwischen pädiatrischer Onkologie und orthopädischer Tumorchirurgie, im Rahmen der COSS-Studiengruppe (Cooperative Osteosarkom-Studiengruppe). Nachfolgend eine Auswahl relevanter Expert:innen und Institutionen im deutschsprachigen Raum.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Stefan Bielack
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Klinikum Stuttgart, Olgahospital
STUTTGART
Langjährige internationale Studienleitung COSS (Cooperative Osteosarkom-Studiengruppe); histologisches Ansprechen und Risikostratifizierung; internationale EURAMOS-Kooperation
COSS-StudienleitungHistologisches Ansprechen
Prof. Dr. Andreas Leithner
Orthopädische Tumorchirurgie
Universitätsklinikum Graz (D-A-CH-Kooperation)
GRAZ (D-A-CH-Kooperation)
Extremitätenerhaltende Operationstechniken; endoprothetische Rekonstruktion; internationale Sarkomchirurgie-Standards
Extremitätenerhaltende ChirurgieEndoprothetik
Prof. Dr. Uta Dirksen
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitätsklinikum Essen
ESSEN
Knochentumor-Therapiekonzepte; internationale Studienkooperation; translationale Sarkomforschung
Knochentumor-TherapiekonzepteTranslationale Forschung
Prof. Dr. Daniel Baumhoer
Knochentumor-Referenzpathologie
Universitätsspital Basel (D-A-CH-Referenzzentrum)
BASEL (D-A-CH-Referenzzentrum)
Zentrale Referenzpathologie für Knochentumoren im deutschsprachigen Raum; molekulare Subtypisierung; Qualitätssicherung der Diagnosestellung
Knochentumor-ReferenzpathologieD-A-CH-Referenzzentrum
🇦🇹 Österreich
St. Anna Kinderspital, Wien
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
St. Anna Kinderspital, Wien
WIEN
Studienkoordination Knochentumoren Österreich; internationale COSS-/EURAMOS-Kooperation
COSS/EURAMOS ATStudienkoordination
CCRI – Children's Cancer Research Institute
Translationale Forschung Kinderonkologie
St. Anna Kinderkrebsforschung, Wien
WIEN
Molekulare Osteosarkom-Forschung; genomische Instabilität und Chromothripsis-Mechanismen
Molekulare ForschungGenomische Instabilität
🇨🇭 Schweiz
Universitätsspital Basel / Universitäts-Kinderspital beider Basel
Pädiatrische Onkologie / Orthopädische Tumorchirurgie
Universitätsspital Basel
BASEL
Kombiniertes Referenzzentrum für Knochentumor-Pathologie und -chirurgie; Schweizerische Beteiligung an COSS-/EURAMOS-Studien; SPOG-Kooperation
Referenzzentrum KnochentumorenCOSS/EURAMOS CH
SPOG – Swiss Pediatric Oncology Group
Nationale Studienkooperation Schweiz
SPOG-Netzwerk, koordiniert u. a. über Bern/Zürich
BERN / ZÜRICH
Schweizerische Beteiligung an internationalen Osteosarkom-Studien; nationales Kinderkrebsregister
SPOG-NetzwerkKinderkrebsregister

Fachgesellschaften & Ressourcen: GPOH – Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie · COSS – Cooperative Osteosarkom-Studiengruppe · EURAMOS – internationale Osteosarkom-Studienkooperation · kinderkrebsinfo.de – Patienten-/Elterninformation · Deutsches Kinderkrebsregister (DKKR), Mainz · SIOP – International Society of Paediatric Oncology · SPOG – Swiss Pediatric Oncology Group · St. Anna Kinderkrebsforschung (CCRI), Wien