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Grundlagen & Pathophysiologie

Das Non-Hodgkin-Lymphom (NHL) des Kindesalters umfasst eine heterogene Gruppe hochmaligner, meist sehr rasch proliferierender lymphatischer Neoplasien ohne die charakteristischen Hodgkin-Reed-Sternberg-Zellen. Im Gegensatz zum Erwachsenenalter, wo indolente (langsam wachsende) Lymphome häufig sind, dominieren im Kindesalter fast ausschließlich hochaggressive Entitäten mit extrem hoher Zellteilungsrate – dies bestimmt sowohl die oft dramatische klinische Präsentation als auch das Therapieprinzip kurzer, aber sehr intensiver Behandlungsblöcke.

~100
Neuerkrankungen/Jahr in Deutschland (0–14 Jahre)
~7 %
Anteil an allen kindlichen Krebserkrankungen
3 Hauptgruppen
Burkitt-Lymphom, lymphoblastisches Lymphom, großzelliges (anaplastisches/diffus-großzelliges) Lymphom
>85–90 %
Ereignisfreies 5-Jahres-Überleben (subtypabhängig)

Onkogenese & Zellursprung

Die drei Hauptentitäten des kindlichen NHL entstehen aus unterschiedlichen lymphatischen Reifungsstufen und Zelllinien, was ihre jeweils eigene Biologie und Therapieprinzipien erklärt: Das Burkitt-Lymphom entsteht aus reifen Keimzentrums-B-Zellen mit der namensgebenden MYC-Translokation als zentralem, praktisch alleinigem onkogenem Treiber; das lymphoblastische Lymphom ist biologisch nahezu identisch mit der akuten lymphoblastischen Leukämie (ALL) unreifer Vorläuferzellen, unterscheidet sich klinisch aber durch primär extramedulläre statt Knochenmarkmanifestation; das großzellige anaplastische Lymphom entsteht aus aktivierten T-Zellen mit charakteristischer ALK-Fusion.

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MYC-Translokation (Burkitt-Lymphom)

Die charakteristische t(8;14)-Translokation (seltener Varianten mit Chromosom 2 oder 22) bringt das MYC-Onkogen unter die Kontrolle der hochaktiven Immunglobulin-Genregion einer reifen B-Zelle → massive Überexpression des Proliferationstreibers MYC und dadurch extrem hohe Zellteilungsrate (eine der höchsten aller humanen Tumoren).

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Biologische Nähe zur ALL (lymphoblastisches Lymphom)

T-lymphoblastisches Lymphom und T-ALL sind biologisch nahezu identische Erkrankungen mit überlappenden genetischen Alterationen (v. a. NOTCH1-Mutationen); die willkürliche Konvention unterscheidet beide anhand des Blastenanteils im Knochenmark (<25 % = Lymphom, ≥25 % = Leukämie).

EBV-Assoziation (endemisches Burkitt-Lymphom)

Die endemische Form des Burkitt-Lymphoms (v. a. in malariaendemischen Regionen Afrikas) ist praktisch immer EBV-assoziiert, während die sporadische Form (in Europa/Nordamerika vorherrschend) seltener EBV-positiv ist – dennoch teilen beide Formen dieselbe MYC-Translokation als zentralen Treiber.

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ALK-Fusion (großzelliges anaplastisches Lymphom)

Die charakteristische NPM1-ALK-Fusion (t(2;5)) oder seltenere ALK-Fusionspartner führen zu konstitutiver Aktivierung der ALK-Tyrosinkinase, die im Kindesalter in der überwiegenden Mehrheit der großzelligen anaplastischen Lymphome nachweisbar ist – im Gegensatz zum Erwachsenenalter, wo ALK-negative Formen häufiger sind.

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Extrem hohe Proliferationsrate

Insbesondere das Burkitt-Lymphom zeigt eine der höchsten Zellverdopplungsraten aller humanen Tumoren (Tumorverdopplungszeit oft nur 24–48 Stunden) – dies erklärt sowohl die dramatische, oft binnen weniger Tage rasant fortschreitende klinische Präsentation als auch das hohe Risiko eines Tumorlysesyndroms bei Therapiebeginn.

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Bevorzugte Manifestationsorte

Burkitt-Lymphom: v. a. abdominell (Ileozökalregion), bei endemischer Form auch Kiefer/Gesichtsschädel. Lymphoblastisches Lymphom: v. a. mediastinal (T-Zell-Typ) oder Lymphknoten/Haut (B-Zell-Typ, seltener). Großzelliges anaplastisches Lymphom: generalisierte Lymphadenopathie, häufig mit extranodalem Befall (Haut, Knochen, Weichteile).

Hauptsubtypen (WHO)

SubtypAnteil (Kinder)ZellursprungCharakteristika
Burkitt-Lymphom (inkl. Burkitt-Leukämie)~40–50 %Reife Keimzentrums-B-ZelleMYC-Translokation t(8;14); extrem hohe Proliferationsrate; „Sternenhimmel"-Histologiebild (Makrophagen zwischen Tumorzellen); häufigste Lokalisation abdominell
Lymphoblastisches Lymphom (T- und B-Vorläufer-Typ)~25–30 %Unreife T- oder B-VorläuferzelleBiologisch nahezu identisch zur ALL; T-Typ überwiegt (~75–80 % der lymphoblastischen Lymphome) mit typischer Mediastinalmasse; NOTCH1-Mutationen häufig bei T-Typ
Diffus-großzelliges B-Zell-Lymphom~10–15 %Reife/aktivierte B-ZelleHeterogenere molekulare Gruppe als beim Erwachsenen; im Kindesalter meist gutes Ansprechen auf intensive Chemotherapie
Großzelliges anaplastisches Lymphom (ALCL)~10–15 %Aktivierte, meist zytotoxische T-ZelleALK-Fusion in der überwiegenden Mehrheit der pädiatrischen Fälle; CD30-Positivität als definierendes Merkmal; oft mit Fieber und Hautbeteiligung

Burkitt-Lymphom vs. Burkitt-Leukämie: Beide Erkrankungen sind biologisch identisch (identische MYC-Translokation, identischer Immunphänotyp) und unterscheiden sich rein konventionell durch den Anteil der Knochenmarkbeteiligung: Bei <25 % Blasten im Knochenmark spricht man von Burkitt-Lymphom, bei ≥25 % von Burkitt-Leukämie (reife B-ALL) – beide werden nach identischen, hochintensiven NHL-Protokollen behandelt, nicht nach klassischen ALL-Protokollen.

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Klinische Symptome

Die Symptomatik des kindlichen Non-Hodgkin-Lymphoms ist geprägt von rascher, oft dramatischer Progredienz über Tage bis wenige Wochen und stark subtypabhängig in Lokalisation und klinischem Bild. Anders als beim Hodgkin-Lymphom steht häufig nicht die klassische Lymphadenopathie, sondern eine akute abdominelle oder mediastinale Symptomatik im Vordergrund.

Subtypspezifische Manifestation

BURKITT-LYMPHOM (ABDOMINELL)

  • Akute Bauchschmerzen, tastbare Raumforderung
  • Ileozökale Lokalisation kann Invaginations-ähnliches Bild verursachen
  • Aszites, rasche Zunahme des Bauchumfangs
  • Bei Kieferbefall (endemische Form): Schwellung im Kiefer-/Gesichtsbereich

LYMPHOBLASTISCHES LYMPHOM (MEDIASTINAL)

  • Husten, Belastungsdyspnoe, obere Einflussstauung
  • Rasch progrediente Mediastinalmasse (v. a. T-Zell-Typ)
  • Pleuraerguss, Perikarderguss möglich
  • Lymphadenopathie zervikal/supraklavikulär begleitend häufig

GROSSZELLIGES ANAPLASTISCHES LYMPHOM

  • Generalisierte Lymphadenopathie
  • Ausgeprägte B-Symptomatik (Fieber, Gewichtsverlust) häufiger als bei anderen NHL-Subtypen
  • Hautbeteiligung (knotige Läsionen)
  • Knochen-/Weichteilbefall möglich

ALLGEMEINE WARNZEICHEN

  • Extrem rasche Symptomprogredienz (oft Tage statt Wochen)
  • Ausgeprägtes Krankheitsgefühl, rascher Leistungsverlust
  • Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust (B-Symptomatik) subtypabhängig unterschiedlich häufig
  • ZNS-Symptomatik bei Beteiligung (Kopfschmerzen, Hirnnervenausfälle)

Onkologische Notfälle

NotfallKlinisches BildAssoziierter SubtypKlinische Bedeutung
Tumorlysesyndrom (TLS)Hyperkaliämie, Hyperphosphatämie, Hyperurikämie, Hypokalzämie, akutes NierenversagenV. a. Burkitt-Lymphom (extrem hohe Proliferationsrate, oft bereits vor Therapiebeginn spontan beginnend)Kann bereits bei Diagnosestellung vorliegen, noch vor jeglicher Therapie – engmaschiges Monitoring ab Aufnahme obligat
Mediastinale Raumforderung mit AtemwegskompressionAkute Atemnot, Orthopnoe, obere Einflussstauung, Synkopenneigung bei LagewechselV. a. lymphoblastisches Lymphom (T-Zell-Typ)Höchste Vorsicht bei Sedierung/Narkose; Diagnostik nach Möglichkeit in sitzender Position
Abdominelle KomplikationenDarminvagination, Perforation, Blutung bei ileozökaler TumormasseV. a. Burkitt-LymphomAkutchirurgisches Konsil bei entsprechender Symptomatik; Operation kann in Einzelfällen notfallmäßig vor onkologischer Diagnosesicherung erforderlich werden
Spinale KompressionRückenschmerzen, motorische/sensible Ausfälle, Blasen-/MastdarmstörungenBei paraspinaler/epiduraler Beteiligung, subtypübergreifend möglichNotfallmäßige Bildgebung (MRT) und Therapieeinleitung zur Vermeidung bleibender neurologischer Schäden
Zentraler Notfall 1

Spontanes Tumorlysesyndrom vor Therapiebeginn

Beim Burkitt-Lymphom kann sich aufgrund der extrem hohen spontanen Zellumsatzrate bereits vor jeglicher Therapie ein Tumorlysesyndrom entwickeln – ein Umstand, der bei anderen pädiatrischen Malignomen selten ist und sofortiges labordiagnostisches Monitoring bereits bei Aufnahme erfordert.

Zentraler Notfall 2

Atemwegskompression durch Mediastinalmasse

Bei ausgeprägter Mediastinalmasse besteht ein hohes Risiko der akuten Atemwegs-/Gefäßkompression, insbesondere unter Sedierung oder Flachlagerung – interdisziplinäre Absprache mit Anästhesie vor jeder Maßnahme obligat.

Diagnostische Dringlichkeit

Extrem kurzes Zeitfenster bis zur Therapieeinleitung

Aufgrund der außergewöhnlich hohen Proliferationsrate insbesondere des Burkitt-Lymphoms muss die diagnostische Abklärung so zügig wie möglich erfolgen – jede Verzögerung kann zu rascher klinischer Verschlechterung führen.

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Diagnostik

Die Diagnostik des Non-Hodgkin-Lymphoms muss aufgrund der raschen Progredienz ohne Verzögerung erfolgen. Goldstandard ist die Biopsie des am leichtesten zugänglichen befallenen Gewebes (Lymphknoten, Aszites, Pleuraerguss oder Knochenmark), kombiniert mit einem zügigen Ganzkörper-Staging.

  1. Anamnese & KlinikSymptomdauer (typisch kurz, Tage bis wenige Wochen), abdominelle/mediastinale Beschwerden, B-Symptomatik; körperliche Untersuchung: Palpation aller Lymphknotenstationen, Abdomenpalpation (Raumforderung, Aszites), Auskultation (Mediastinalbeteiligung), Hautinspektion (bei V. a. ALCL).
  2. Basislabor & BildgebungDifferentialblutbild, obligates Tumorlyse-Screening (Kalium, Phosphat, Kalzium, Harnsäure, LDH – oft massiv erhöht bei Burkitt-Lymphom als Ausdruck der hohen Proliferationsrate), Nierenwerte, Gerinnung. Abdomensonographie: häufig erste bildgebende Methode bei abdomineller Symptomatik. Ganzkörper-MRT oder PET-CT: zur vollständigen Ausbreitungsdiagnostik. Röntgen-Thorax/CT-Thorax: obligat bei V. a. Mediastinalbeteiligung vor Sedierung.
  3. Biopsie & Staging (zügig, ohne Verzögerung)Biopsie des am leichtesten und sichersten zugänglichen Gewebes: Exzisions-/Stanzbiopsie eines Lymphknotens, Aszites-/Pleurapunktion mit zytologischer/durchflusszytometrischer Aufarbeitung, oder Knochenmarkpunktion bei entsprechender Beteiligung – abhängig von individueller Präsentation wird die am wenigsten invasive, aber diagnostisch ausreichende Methode gewählt, um keine Zeit zu verlieren. Immunphänotypisierung (Durchflusszytometrie), Zytogenetik/Molekulargenetik aus demselben Material.
  4. LiquordiagnostikLumbalpunktion mit Zytospin zur ZNS-Status-Bestimmung, analog zum Vorgehen bei ALL; besonders wichtig bei lymphoblastischem und Burkitt-Lymphom aufgrund der bekannten ZNS-Affinität.
  5. Weitere Diagnostik vor TherapiebeginnEchokardiographie: Baseline vor Anthrazyklin-Therapie. HLA-Typisierung bei Hochrisikokonstellation. Bei akuter abdomineller Symptomatik: chirurgisches Konsil zur Abklärung einer möglichen Notfalloperation (Invagination, Perforation).

St.-Jude/Murphy-Stadieneinteilung (vereinfacht)

StadiumDefinition
Stadium IEinzelner Tumor (extranodal) oder einzelne anatomische Lymphknotenregion, ohne Mediastinal-/Abdominalbeteiligung
Stadium IIEinzelner extranodaler Tumor mit regionaler Lymphknotenbeteiligung, oder ≥2 Lymphknotenregionen bzw. extranodale Tumoren auf einer Seite des Zwerchfells, vollständig resezierbarer gastrointestinaler Tumor
Stadium IIITumoren/Lymphknotenregionen auf beiden Seiten des Zwerchfells; alle primär intrathorakalen Tumoren; ausgedehnte, nicht resezierbare abdominelle Erkrankung; paraspinale/epidurale Tumoren
Stadium IVJede der obigen Konstellationen mit initialer ZNS- und/oder Knochenmarkbeteiligung (<25 % Blasten – bei ≥25 % Konvention als Leukämie)

Zeitkritische Diagnostik: Aufgrund der außerordentlich hohen Proliferationsrate insbesondere des Burkitt-Lymphoms darf die diagnostische Abklärung nicht durch unnötige Wartezeiten verzögert werden. Gleichzeitig muss bereits ab dem Zeitpunkt des ersten Aufnahmelabors ein engmaschiges Tumorlyse-Monitoring mit vorbeugender Hyperhydrierung und Harnsäuresenkung erfolgen, da ein Tumorlysesyndrom bereits vor Therapiebeginn auftreten kann.

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Molekulargenetische Grundlagen

Jeder der drei Hauptsubtypen des kindlichen Non-Hodgkin-Lymphoms wird durch eine jeweils eigene, weitgehend charakteristische molekulare Alteration definiert – eine Besonderheit, die Diagnose und Subtypisierung im Vergleich zu manch anderen pädiatrischen Malignomen erleichtert.

Zentrale onkogene Mechanismen

~80 %

MYC-Translokation t(8;14) (Burkitt-Lymphom)

Häufigste Variante der MYC-Translokation; bringt das MYC-Onkogen unter die Kontrolle des Immunglobulin-Schwerketten-Genlocus → massive, konstitutive MYC-Überexpression und dadurch extreme Proliferationsrate. Seltenere Varianten: t(2;8) und t(8;22) mit leichten Ketten.

~60 %

NOTCH1-Mutation (lymphoblastisches Lymphom, T-Typ)

Gain-of-Function-Mutationen aktivieren konstitutiv den NOTCH-Signalweg, der zentral für die normale T-Zell-Entwicklung ist; identisch zur Situation bei der T-ALL, was die enge biologische Verwandtschaft beider Erkrankungen unterstreicht.

~85–90 %

ALK-Fusion (großzelliges anaplastisches Lymphom)

Meist NPM1-ALK-Fusion durch t(2;5), seltener andere Fusionspartner; führt zu konstitutiver Aktivierung der ALK-Tyrosinkinase mit nachgeschalteter Aktivierung von STAT3 und anderen Proliferations-/Überlebenssignalwegen – im Kindesalter deutlich häufiger nachweisbar als bei Erwachsenen mit ALCL.

MYC, NOTCH1, ALK im Detail

AlterationSubtypFunktion / MechanismusKlinisch-therapeutische Bedeutung
MYC-Translokation (IGH-MYC t(8;14) u. Varianten)Burkitt-LymphomDeregulierte MYC-Expression unter Kontrolle eines Immunglobulin-Enhancers; MYC ist zentraler Transkriptionsfaktor für Zellwachstum und -teilungDefinierend für die Diagnose; keine direkte zielgerichtete Therapie verfügbar, aber Grundlage der spezifischen, sehr intensiven Kurzblock-Chemotherapie
NOTCH1/FBXW7-MutationLymphoblastisches Lymphom (T-Typ)NOTCH1-Gain-of-Function bzw. FBXW7-Funktionsverlust (verhindert NOTCH1-Abbau) → verstärkte NOTCH-Signalaktivität, zentral für T-Zell-Differenzierung und -ProliferationTendenziell eher günstiger innerhalb der T-Zell-Neoplasien; Gamma-Sekretase-Inhibitoren als experimenteller Ansatz in klinischer Erprobung
NPM1-ALK-Fusion t(2;5)Großzelliges anaplastisches LymphomKonstitutiv aktive ALK-Tyrosinkinase aktiviert STAT3, PI3K/AKT und RAS/MAPK-SignalwegeDirekt therapeutisch adressierbar durch ALK-Inhibitoren (z. B. Crizotinib), besonders bei Rezidiv/refraktärer Erkrankung etabliert
CD30-ExpressionGroßzelliges anaplastisches Lymphom (definierendes Merkmal)Zelloberflächenmarker, konstitutiv auf ALCL-Zellen exprimiertZielstruktur für Brentuximab Vedotin (Antikörper-Wirkstoff-Konjugat), zunehmend auch in der Erstlinientherapie eingesetzt
TP53-Mutation (selten bei Burkitt-Lymphom)Subset des Burkitt-LymphomsZusätzliche Beeinträchtigung der Zellzykluskontrolle neben der MYC-DeregulationKann mit etwas ungünstigerem Ansprechen assoziiert sein, im Kindesalter aber insgesamt seltener therapieentscheidend als bei anderen Malignomen

Molekular begründete gezielte Therapieansätze: Sowohl das ALK-Fusionsprotein beim großzelligen anaplastischen Lymphom als auch die CD30-Expression bieten heute etablierte zielgerichtete Therapieoptionen (ALK-Inhibitoren bzw. Brentuximab Vedotin), die zunehmend in Studienprotokolle zur Therapieoptimierung integriert werden – ein Kontrast zum Burkitt-Lymphom, bei dem die MYC-Deregulation bislang keine direkte medikamentöse Zielstruktur bietet und die intensive Chemotherapie das tragende Element bleibt.

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Molekulargenetische Diagnostik & MRD

Die Verlaufsdiagnostik beim kindlichen Non-Hodgkin-Lymphom stützt sich auf eine Kombination aus Bildgebung, subtypspezifischen molekularen Markern und – wo etabliert – MRD-Diagnostik, die in ihrer Ausprägung stark zwischen den drei Hauptsubtypen variiert.

Frühes Ansprechen als Steuerungsparameter: Insbesondere beim Burkitt-Lymphom ist das rasche initiale Ansprechen auf die Zytoreduktionsphase (Vorphase-Chemotherapie) mit gleichzeitig engmaschigem Tumorlyse-Monitoring ein wichtiger klinischer Frühindikator. Beim lymphoblastischen Lymphom kann – analog zur ALL – in ausgewählten Studienprotokollen eine MRD-ähnliche Diagnostik zur Anwendung kommen.

MethodeDurchführung / AussagekraftIndikation beim NHL
Bildgebung im Verlauf (Sonographie, MRT, PET-CT)Beurteilung des Ansprechens der initial befallenen ArealeZentrale Verlaufsmethode für alle Subtypen; Frequenz an Therapieprotokoll angepasst
MRD-Diagnostik (lymphoblastisches Lymphom)Analog zur ALL mittels Durchflusszytometrie oder molekularer Methoden, sofern ausreichend Tumorgewebe für die initiale Klon-Identifikation verfügbar warZunehmend in Studienprotokollen integriert, methodisch aber durch meist geringere initiale Tumorlast im Knochenmark limitiert
ALK-Fusionstranskript-MonitoringQuantitative RT-PCR auf NPM1-ALK-Transkript im Blut/KnochenmarkBei ALK-positivem großzelligem anaplastischem Lymphom als sensitiver molekularer Verlaufsmarker etabliert
Liquorzytologie im VerlaufErneute Untersuchung bei initial positivem ZNS-Befund oder klinischem Verdacht auf ZNS-RezidivSubtypübergreifend bei initialer ZNS-Beteiligung
Laborchemisches Tumorlyse-MonitoringEngmaschige Kontrolle von Kalium, Phosphat, Harnsäure, Kalzium, NierenwertenInsbesondere in den ersten Therapietagen bei Burkitt-Lymphom essenziell

Besonderheit des ALK-Transkript-Monitorings: Beim ALK-positiven großzelligen anaplastischen Lymphom erlaubt die quantitative Bestimmung des NPM1-ALK-Fusionstranskripts eine besonders sensitive, molekulare Verlaufskontrolle, die einem drohenden Rezidiv oft klinisch und radiologisch vorausgehen kann – ein diagnostischer Vorteil, der beim Burkitt-Lymphom mangels vergleichbar spezifischen molekularen Markers nicht in gleicher Weise zur Verfügung steht.

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Differenzialdiagnose

Die klinische Präsentation des Non-Hodgkin-Lymphoms ist stark lokalisationsabhängig und überlappt mit verschiedenen anderen akuten und malignen Erkrankungen des Kindesalters. Eine zügige Abklärung bei entsprechendem klinischem Verdacht ist wegen der raschen Progredienz besonders wichtig.

DifferenzialdiagnoseUnterscheidungsmerkmaleAbklärung
Akute lymphoblastische Leukämie (ALL)≥25 % Blasten im Knochenmark statt primär extramedullärer Manifestation (bei T-lymphoblastischem Lymphom rein konventionelle Abgrenzung)Knochenmarkpunktion mit Blastenquantifizierung
Hodgkin-LymphomSchmerzlose, langsam progrediente statt rasch wachsende Lymphadenopathie; andere Immunhistochemie (CD30/CD15 im typischen Muster, Hodgkin-Reed-Sternberg-Zellen)Histopathologie, Immunhistochemie, klinischer Verlauf
Neuroblastom (bei abdomineller Raumforderung)Meist retroperitoneal/adrenal statt ileozökal; Katecholaminmetabolite im Urin erhöht; andere Histologie/ImmunhistochemieUrin-Katecholaminmetabolite, Bildgebung, Histopathologie
Darminvagination anderer GeneseBei jüngeren Kindern häufig idiopathisch ohne zugrundeliegende Raumforderung; beim älteren Kind/Jugendlichen sollte eine zugrundeliegende Neoplasie (Burkitt-Lymphom) aktiv ausgeschlossen werdenAbdomensonographie, ggf. weiterführende Bildgebung bei atypischem Alter oder Rezidiv der Invagination
Infektiöse Mononukleose / andere virale LymphadenopathienGeneralisierte statt lokalisierte, rasch wachsende Lymphadenopathie; andere serologische/laborchemische BefundeEBV-Serologie/PCR, Blutbild, klinischer Verlauf
Osteomyelitis / Ewing-Sarkom (bei Knochenbeteiligung)Lokalisierte Knochenschmerzen mit Entzündungszeichen bzw. andere radiologische CharakteristikaBildgebung, Histopathologie bei unklarem Befund
Andere reaktive LymphadenopathienMeist langsameres Wachstum, begleitende Infektzeichen, spontane RückbildungKlinischer Verlauf, ggf. Biopsie bei Persistenz oder atypischem Verlauf

Diagnostische Wachsamkeit bei rezidivierender Invagination: Während die klassische Darminvagination beim Kleinkind meist idiopathisch ist, sollte bei älteren Kindern oder bei rezidivierender/atypischer Invagination stets eine zugrundeliegende Raumforderung – insbesondere ein Burkitt-Lymphom der Ileozökalregion – aktiv mittels Bildgebung ausgeschlossen werden, bevor eine rein symptomatische Behandlung erfolgt.

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Therapie

Die Therapie des kindlichen Non-Hodgkin-Lymphoms erfolgt subtypspezifisch und risikoadaptiert im Rahmen der NHL-BFM-Studiengruppe. Charakteristisch sind kurze, aber sehr intensive Chemotherapieblöcke – ein fundamentaler Unterschied zu den langgezogenen ALL-Protokollen, angepasst an die extreme Proliferationsdynamik insbesondere des Burkitt-Lymphoms.

Risikostratifizierung nach Subtyp

Burkitt-Lymphom

Stadien- & LDH-basierte Risikogruppen

Risikostratifizierung nach St.-Jude/Murphy-Stadium, Resektabilität und initialer LDH-Höhe (Marker der Tumorlast); Therapieintensität und -dauer richten sich nach diesen Faktoren, mit besonders kurzen, hochintensiven Blöcken bei niedrigem Stadium.

Lymphoblastisches Lymphom

ALL-analoge Risikostratifizierung

Therapieprinzipien und Risikostratifizierung eng an die ALL-Protokolle angelehnt (längere Therapiedauer als bei Burkitt-Lymphom), mit Anpassungen entsprechend Stadium und initialem Ansprechen.

Großzelliges anaplastisches Lymphom (ALCL)

ALK-Status & Stadium-basiert

Risikostratifizierung nach Stadium und Vorliegen bestimmter Hochrisikomerkmale (z. B. Haut-, Leber-, Lungen- oder mediastinale Beteiligung); ALK-Positivität erlaubt zusätzlich den Einsatz zielgerichteter Substanzen bei Rezidiv.

Therapiebausteine

Zytoreduktionsphase (Vorphase)~5–7 Tage
Intensive Kurzblöckesubtypabhängig, mehrere Zyklen
ZNS-Prophylaxeintrathekal, alle Blöcke begleitend
Erhaltung (nur bei bestimmten Subtypen)lymphoblastisches Lymphom
  1. Phase 1Zytoreduktionsphase (Vorphase)

    Ziel: Behutsame, initiale Tumorreduktion zur Vermeidung eines massiven Tumorlysesyndroms bei Beginn der vollen Therapieintensität – besonders wichtig beim Burkitt-Lymphom. Elemente: Niedrig dosiertes Cyclophosphamid und/oder Kortikosteroide über wenige Tage, begleitet von intensiver Hyperhydrierung und Harnsäuresenkung (Rasburicase/Allopurinol) sowie engmaschigem Labormonitoring.

  2. Phase 2Intensive Kurzblöcke (subtypspezifisch)

    Ziel: Rasche und vollständige Elimination der hochproliferativen Tumorzellpopulation. Burkitt-Lymphom: mehrere kurze (~5-tägige), sehr intensive Blöcke mit Hochdosis-Methotrexat, Hochdosis-Cytarabin, Cyclophosphamid, Vincristin, Anthrazyklin sowie Rituximab (Anti-CD20) in aktuellen Protokollen zusätzlich zur Chemotherapie. Lymphoblastisches Lymphom: ALL-ähnliche, aber etwas kürzere Gesamttherapie mit Induktion, Konsolidierung und Reinduktion. ALCL: ähnliche Kurzblöcke wie beim Burkitt-Lymphom, ergänzt um Vinblastin-Erhaltungskonzepte in ausgewählten Protokollen.

  3. Phase 3ZNS-Prophylaxe

    Ziel: Schutz vor ZNS-Rezidiv, besonders relevant bei Burkitt-Lymphom und lymphoblastischem Lymphom mit bekannter ZNS-Affinität. Elemente: Intrathekale Chemotherapie (meist Methotrexat, ggf. in Kombination) begleitend zu jedem systemischen Chemotherapieblock; bei initialem ZNS-Befall intensivierte intrathekale Therapie.

  4. Phase 4Erhaltungstherapie (nur lymphoblastisches Lymphom)

    Ziel: Analog zur ALL langfristige Elimination minimaler Resterkrankung. Elemente: Orales 6-Mercaptopurin und Methotrexat über mehrere Monate – im Gegensatz zum Burkitt-Lymphom und ALCL, bei denen nach Abschluss der intensiven Blöcke keine längere Erhaltungstherapie erforderlich ist.

  5. SonderfallRezidiv / Immuntherapie / Stammzelltransplantation

    Rituximab (Anti-CD20): zunehmend fester Bestandteil der Erstlinientherapie bei Burkitt-Lymphom und anderen reifen B-Zell-Lymphomen. ALK-Inhibitoren (z. B. Crizotinib): bei ALK-positivem ALCL, insbesondere bei Rezidiv/refraktärer Erkrankung. Brentuximab Vedotin: bei CD30-positivem ALCL. Rezidiv/refraktäre Erkrankung generell: Salvage-Chemotherapie, Hochdosistherapie mit autologer oder allogener Stammzelltransplantation je nach Subtyp und Vorbehandlung.

Supportivtherapie: Aufgrund der Therapieintensität und des hohen Tumorlyserisikos besonders wichtig: konsequente Hyperhydrierung und Harnsäuresenkung ab Aufnahme, engmaschiges Elektrolyt-/Nierenfunktionsmonitoring in den ersten Therapietagen, Management der febrilen Neutropenie mit breiter antiinfektiver Abdeckung, Transfusionsmanagement sowie psychosoziale Begleitung von Kind und Familie angesichts des oft sehr raschen, dramatischen Krankheitsbeginns.

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Experten & Zentren

Die Behandlung des kindlichen Non-Hodgkin-Lymphoms erfolgt an spezialisierten kinderonkologischen Zentren im Rahmen der NHL-BFM-Studiengruppe. Nachfolgend eine Auswahl relevanter Expert:innen und Institutionen im deutschsprachigen Raum.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Birgit Burkhardt
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitätsklinikum Münster
MÜNSTER
Federführende Studienleitung NHL-BFM; Burkitt-Lymphom und reife B-Zell-Lymphome; internationale Studienkooperation (i-BFM); Rituximab-Integrationsstudien
NHL-BFM StudienleitungReife B-Zell-Lymphome
Prof. Dr. Wilhelm Wössmann
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
HAMBURG
Großzelliges anaplastisches Lymphom (ALCL); ALK-Diagnostik und zielgerichtete Therapie; internationale ALCL-Studienkooperation
ALCL-ForschungALK-Diagnostik
Prof. Dr. Wolfram Klapper
Hämatopathologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
KIEL
Zentrale Referenzhämatopathologie der NHL-BFM-Studien; molekulare Subtypisierung; Qualitätssicherung der Diagnosestellung bundesweit
ReferenzhämatopathologieNHL-BFM Netzwerk
Prof. Dr. Martin Zimmermann
Biostatistik / Studienzentrale NHL-BFM
Medizinische Hochschule Hannover
HANNOVER
Statistische Auswertung NHL-BFM-Studien; Risikoklassifikations-Modelle; Studienzentrale Kinderonkologie
StudienzentraleBiostatistik
🇦🇹 Österreich
Prof. Dr. Andishe Attarbaschi
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
St. Anna Kinderspital, Wien
WIEN
Studienkoordination NHL Österreich; reife B-Zell-Lymphome und lymphoblastisches Lymphom; internationale NHL-BFM-/i-BFM-Kooperation
NHL-BFM ATLymphoblastisches Lymphom
CCRI – Children's Cancer Research Institute
Translationale Forschung Kinderonkologie
St. Anna Kinderkrebsforschung, Wien
WIEN
Molekulare Diagnostik pädiatrischer Lymphome; ALK- und MYC-Referenzdiagnostik; präklinische Testung zielgerichteter Substanzen
Molekulare ReferenzdiagnostikALK/MYC-Forschung
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. Nicolas von der Weid
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB)
BASEL
Schweizerische Beteiligung an NHL-BFM-Studien; Langzeit-Follow-up-Programme; SPOG-Kooperation
NHL-BFM CHLangzeit-Follow-up
SPOG – Swiss Pediatric Oncology Group
Nationale Studienkooperation Schweiz
SPOG-Netzwerk, koordiniert u. a. über Bern/Zürich
BERN / ZÜRICH
Schweizerische Beteiligung an internationalen NHL-Studien; nationales Kinderkrebsregister; Qualitätssicherung
SPOG-NetzwerkKinderkrebsregister

Fachgesellschaften & Ressourcen: GPOH – Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie · NHL-BFM – internationale Studiengruppe (i-BFM) · kinderkrebsinfo.de – Patienten-/Elterninformation · Deutsches Kinderkrebsregister (DKKR), Mainz · SIOP – International Society of Paediatric Oncology · SPOG – Swiss Pediatric Oncology Group · St. Anna Kinderkrebsforschung (CCRI), Wien