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Grundlagen & Pathophysiologie

Das Neuroblastom ist ein embryonaler Tumor, der aus unreifen Zellen der Neuralleiste entsteht – denselben Vorläuferzellen, aus denen sich normalerweise das sympathische Nervensystem und das Nebennierenmark entwickeln. Es ist der häufigste extrakranielle solide Tumor des Kindesalters und zeigt ein außergewöhnlich breites biologisches Spektrum: von Tumoren, die spontan regredieren oder zu gutartigem Gewebe ausreifen, bis zu hochaggressiven, therapierefraktären Formen.

~130–150
Neuerkrankungen/Jahr in Deutschland (0–14 Jahre)
<2 J.
Häufigkeitsgipfel (mediane Diagnosealter ~18 Monate)
~90 %
Diagnose vor dem 5. Lebensjahr
extrem variabel
5-Jahres-Überleben: >90 % (Niedrigrisiko) bis <50 % (Hochrisiko)

Onkogenese & Zellursprung

Neuroblastome entstehen aus sympathischen Neuroblasten, die während der normalen embryonalen Entwicklung entlang des sympathischen Grenzstrangs und im Nebennierenmark wandern und ausreifen. Ein bemerkenswertes biologisches Charakteristikum des Neuroblastoms ist die Fähigkeit vieler Tumoren zur spontanen Regression oder Reifung zu einem gutartigen Ganglioneurom – ein Phänomen, das bei kaum einem anderen malignen Tumor des Menschen in dieser Häufigkeit beobachtet wird und die Grundlage für „Wait-and-see"-Strategien bei bestimmten Niedrigrisiko-Konstellationen bildet.

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MYCN-Amplifikation

Amplifikation des MYCN-Onkogens (typischerweise als extrachromosomale „Double Minutes" oder homogen färbende Regionen) ist der stärkste einzelne molekulare Hochrisikomarker und treibt aggressives, therapierefraktäres Tumorwachstum unabhängig vom Alter oder Stadium bei Diagnose.

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Spontane Regression & Reifung

Insbesondere bei Säuglingen mit Stadium 4S oder lokalisierten Tumoren kann eine spontane, unbehandelte Rückbildung des Tumors oder eine Ausreifung zu benignem Ganglioneurom-Gewebe auftreten – ein einzigartiges biologisches Phänomen, dessen molekulare Grundlagen (u. a. Telomerase-Regulation, Neurotrophin-Signalwege) Gegenstand intensiver Forschung sind.

ALK-Mutationen (familiär & sporadisch)

Aktivierende Mutationen des ALK-Gens finden sich sowohl bei sporadischen Neuroblastomen als auch als Keimbahnmutation bei der seltenen familiären Neuroblastom-Prädisposition; ALK ist zugleich eine der wenigen direkt zielgerichtet therapierbaren Alterationen beim Neuroblastom.

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Segmentchromosomale Aberrationen

Verlust von Chromosom 1p oder 11q sowie Zugewinn von 17q sind häufige, unabhängig vom MYCN-Status prognostisch ungünstige zytogenetische Marker, die auf genomische Instabilität und ein aggressiveres biologisches Verhalten hinweisen.

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Katecholamin-Produktion

Neuroblastomzellen produzieren – wie ihre physiologischen Vorläuferzellen – Katecholamine und deren Abbauprodukte (Vanillinmandelsäure, Homovanillinsäure), die im Urin nachweisbar sind und einen hochspezifischen, nahezu universell einsetzbaren Diagnosemarker darstellen.

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Bevorzugte Lokalisationen

Nebenniere (häufigste Einzellokalisation, ~35–40 %), paraspinaler sympathischer Grenzstrang von Hals bis Becken (thorakal, abdominell, pelvin), selten zervikal; Metastasierung bevorzugt in Knochenmark, Knochen, Leber und Haut (v. a. bei Säuglingen).

INSS/INRG-Stadien & Sonderformen

Stadium/SonderformDefinitionCharakteristika
Lokalisiert (INRG L1/L2)Tumor auf ein Kompartiment beschränkt, mit (L2) oder ohne (L1) bildgebende Risikofaktoren (Gefäß-/Organummauerung)Meist chirurgisch gut angehbar; bei L1 oft alleinige Resektion ausreichend
Metastasiert (INRG M)Disseminierte Fernmetastasierung (Knochenmark, Knochen, Leber, entfernte Lymphknoten)Häufigste Präsentation bei älteren Kindern; meist Hochrisikokonstellation
Stadium 4S / MS (Sonderform)Säuglinge <18 Monate mit kleinem Primärtumor und Metastasierung beschränkt auf Haut, Leber und/oder minimale Knochenmarkbeteiligung (<10 %), ohne KnochenmetastasenBemerkenswert günstige Prognose trotz Metastasierung; hohe Rate spontaner Regression; Therapie oft zurückhaltend („Wait and see")
Ganglioneurom / GanglioneuroblastomAusgereiftere, benigne bzw. intermediär-maligne Tumoren derselben ZelllinieSpektrum der Ausreifung von hochmalignem Neuroblastom bis vollständig benignem Ganglioneurom

Stadium 4S als biologische Besonderheit: Säuglinge mit Stadium 4S (bzw. MS nach INRG-Klassifikation) zeigen trotz nachgewiesener Metastasierung eine bemerkenswert günstige Prognose mit hoher Rate spontaner Tumorregression. Viele dieser Kinder werden daher zunächst nur beobachtet („Wait and see"), mit Therapieeinleitung nur bei Symptomatik oder bedrohlicher Organbeteiligung (z. B. massive Hepatomegalie mit Beeinträchtigung der Atmung).

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Klinische Symptome

Die Symptomatik des Neuroblastoms ist außerordentlich vielgestaltig und wird primär durch die Primärtumorlokalisation entlang des sympathischen Nervensystems sowie bei fortgeschrittener Erkrankung durch Metastasierung bestimmt. Viele Kinder präsentieren sich mit einer tastbaren, oft schmerzlosen abdominellen Raumforderung.

Lokalisationsabhängige Symptomatik

ABDOMINELL (NEBENNIERE/RETROPERITONEUM)

  • Tastbare, oft harte, unregelmäßige und die Mittellinie überschreitende Raumforderung
  • Bauchschmerzen, Völlegefühl
  • Obstipation durch Kompression
  • Häufigste Primärlokalisation insgesamt

THORAKAL (POSTERIORES MEDIASTINUM)

  • Häufig Zufallsbefund im Röntgen-Thorax
  • Husten, Atemnot bei größeren Tumoren
  • Horner-Syndrom bei zervikothorakaler Grenzstrangbeteiligung
  • Meist bessere Prognose als abdominelle Lokalisation

ZERVIKAL / PARASPINAL („SANDUHRTUMOR")

  • Horner-Syndrom (Ptosis, Miosis, Enophthalmus) bei zervikaler Beteiligung
  • Spinale Kompressionssymptomatik bei paraspinalem Wachstum durch die Foramina intervertebralia
  • Akute oder progrediente motorische/sensible Ausfälle, Blasen-/Mastdarmstörungen

ALLGEMEINSYMPTOME

  • Fieber, Gewichtsverlust, Blässe
  • Knochenschmerzen bei ossärer Metastasierung (Hinken, Laufunwilligkeit)
  • Periorbitale Ekchymosen („Waschbärenaugen") bei orbitaler Metastasierung
  • Bei Säuglingen: subkutane, bläuliche Hautknötchen (v. a. Stadium 4S)

Paraneoplastische Syndrome & Metastasierung

ManifestationKlinisches BildHäufigkeit / KontextKlinische Bedeutung
Opsoklonus-Myoklonus-Ataxie-Syndrom (OMAS)Chaotische, unwillkürliche Augenbewegungen (Opsoklonus), Myoklonien, Ataxie – „Dancing Eyes, Dancing Feet"~2–3 % der Neuroblastom-Patienten, meist bei kleinen, gut differenzierten TumorenAutoimmun-vermitteltes paraneoplastisches Syndrom; oft residuale neurologische Langzeitfolgen trotz Tumorentfernung
Chronische Diarrhoe (VIP-Syndrom)Wässrige, sekretorische Diarrhoe, Hypokaliämie, Gedeihstörungselten, v. a. bei reiferen/differenzierteren TumorenDurch vasoaktives intestinales Peptid (VIP) vermittelt; sistiert meist nach Tumorentfernung
Knochenmark-/KnochenmetastasierungKnochenschmerzen, Anämie, Thrombozytopenie, Blässehäufig bei fortgeschrittenem/metastasiertem Stadium, besonders bei älteren KindernWichtiger diagnostischer und prognostischer Faktor; Knochenmarkpunktion/-biopsie obligat im Staging
Hepatomegalie (v. a. Stadium 4S)Ausgeprägte, teils massive Lebervergrößerung bei Säuglingencharakteristisch für Stadium 4S/MSKann durch Zwerchfellhochstand zu respiratorischer Beeinträchtigung führen – ggf. Therapieindikation trotz sonst günstiger Prognose
Neurochirurgischer Notfall

Akute spinale Kompression durch Sanduhrtumor

Bei paraspinalem Wachstum durch die Foramina intervertebralia kann eine akute Rückenmarkkompression mit rasch progredienten neurologischen Ausfällen auftreten – notfallmäßige Bildgebung und ggf. Dekompression/Therapieeinleitung zur Vermeidung bleibender Schäden erforderlich.

Endokrinologischer Notfall

Katecholamin-Krise

Selten, aber bei ausgeprägter Katecholaminausschüttung: Hypertonie, Tachykardie, Flush-Symptomatik, insbesondere bei Tumormanipulation (Biopsie, Operation) – perioperative Vorsicht und ggf. medikamentöse Vorbehandlung bei entsprechendem laborchemischem Nachweis.

Diagnostische Besonderheit

OMAS als Frühindikator

Das Opsoklonus-Myoklonus-Syndrom kann dem Nachweis eines fassbaren Tumors zeitlich vorausgehen und sollte bei entsprechender neurologischer Symptomatik im Kleinkindalter aktiv eine Neuroblastom-Suche (Bildgebung, Katecholaminmetabolite) nach sich ziehen.

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Diagnostik

Die Diagnostik des Neuroblastoms beruht auf der Kombination aus hochspezifischen Katecholaminmetaboliten im Urin, Bildgebung, Biopsie/Histopathologie und der nuklearmedizinischen MIBG-Szintigraphie – eine für das Neuroblastom besonders charakteristische Untersuchung, die auf der Anreicherung des Katecholamin-Analogons in sympathischem Gewebe beruht.

  1. Anamnese & KlinikSymptomdauer, abdominelle/thorakale Beschwerden, neurologische Symptomatik (Horner-Syndrom, spinale Symptome, Opsoklonus-Myoklonus); körperliche Untersuchung: sorgfältige Abdomenpalpation (Größe, Konsistenz, Mittellinienüberschreitung der Raumforderung), neurologischer Status, Hautinspektion (subkutane Knötchen bei Säuglingen), Fundoskopie (periorbitale Ekchymosen).
  2. Katecholaminmetabolite & BasislaborUrin-Katecholaminmetabolite (Vanillinmandelsäure, Homovanillinsäure): bei >90 % der Neuroblastome erhöht – hochspezifischer, nicht-invasiver Diagnosemarker, der bereits vor Biopsie den dringenden Verdacht erhärtet. Zusätzlich: Differentialblutbild (Zytopenien bei Knochenmarkbeteiligung), LDH, Ferritin, NSE (neuronenspezifische Enolase) als weitere Tumormarker.
  3. Bildgebung & MIBG-SzintigraphieSonographie/MRT/CT des Primärtumors: Beurteilung von Größe, Lokalisation, Gefäß-/Organbeziehung (Bildgebungsrisikofaktoren nach INRG). ¹²³I-MIBG-Szintigraphie: hochspezifische nuklearmedizinische Methode zur Erfassung von Primärtumor und Metastasen (v. a. Knochen), da die überwiegende Mehrheit der Neuroblastome das Radiopharmakon anreichert; bei MIBG-negativen Tumoren alternative PET-Bildgebung (¹⁸F-FDG-PET).
  4. Biopsie/Resektion & NeuropathologieHistopathologische Sicherung aus Tumorgewebe (Biopsie oder Resektat): Nachweis kleiner, runder, blauer Zellen mit charakteristischer Neuropil-Bildung; Differenzierungsgrad (undifferenziert bis reifes Ganglioneurom) nach der Internationalen Neuroblastom-Pathologie-Klassifikation (INPC). Obligate molekulare Zusatzdiagnostik: MYCN-Status, Ploidie, Segmentaberrationen (1p, 11q).
  5. KnochenmarkdiagnostikBilaterale Knochenmarkpunktion und -biopsie zur Erfassung einer möglichen Knochenmarkbeteiligung, obligater Bestandteil des Stagings bei allen außer den kleinsten, eindeutig lokalisierten Tumoren.

INRG-Stadieneinteilung (vereinfacht)

StadiumDefinition
L1Lokalisierter Tumor ohne Beteiligung lebenswichtiger Strukturen (keine bildgebungsdefinierten Risikofaktoren)
L2Lokoregionärer Tumor mit ≥1 bildgebungsdefiniertem Risikofaktor (z. B. Gefäßummauerung, Organüberschreitung)
MDisseminierte Fernmetastasierung (außer Stadium MS)
MSMetastasierte Erkrankung bei Kindern <18 Monaten mit Metastasierung beschränkt auf Haut, Leber und/oder minimale Knochenmarkbeteiligung

MIBG-Szintigraphie als Alleinstellungsmerkmal: Die ¹²³I-MIBG-Szintigraphie ist eine für das Neuroblastom besonders charakteristische und hochsensitive Untersuchung, da das Radiopharmakon strukturell dem Noradrenalin ähnelt und selektiv von sympathischem Gewebe (einschließlich Tumorzellen) aufgenommen wird. Sie ist damit sowohl für das initiale Staging als auch für die spätere Therapieverlaufskontrolle zentral und kann bei entsprechender Anreicherung auch therapeutisch (¹³¹I-MIBG-Therapie) genutzt werden.

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Molekulargenetische Grundlagen

Die Molekulargenetik des Neuroblastoms ist untrennbar mit seiner ausgeprägten biologischen Heterogenität verknüpft: Dieselbe histologische Diagnose kann je nach MYCN-Status, Ploidie und Segmentaberrationen ein völlig unterschiedliches klinisches Verhalten zeigen – von spontaner Regression bis zu therapierefraktärem, letalem Verlauf.

Zentrale onkogene Mechanismen

~20–25 %

MYCN-Amplifikation

Meist als extrachromosomale „Double Minutes" oder homogen färbende chromosomale Regionen; führt zu massiver Überexpression des MYCN-Onkoproteins mit stark proliferationsförderndem Effekt – stärkster einzelner Hochrisikofaktor unabhängig von Alter und Stadium.

~6–10 % (sporadisch)

ALK-Mutation/-Amplifikation

Aktivierende Punktmutationen oder seltener Amplifikation des ALK-Gens; bei familiären Neuroblastom-Fällen liegt oft eine ALK-Keimbahnmutation zugrunde – ALK ist eine der wenigen direkt zielgerichtet therapierbaren Alterationen beim Neuroblastom.

variabel

Ploidie (DNA-Gehalt der Tumorzellen)

Hyperdiploide Tumoren (v. a. bei jungen Säuglingen) zeigen ein deutlich günstigeres biologisches Verhalten als diploide/near-diploide Tumoren – ein relativ einfach zu bestimmender, aber wichtiger prognostischer Marker, besonders bei jungen Säuglingen.

MYCN, ALK & Segmentaberrationen im Detail

AlterationHäufigkeitFunktion / MechanismusPrognostische Bedeutung
MYCN-Amplifikation~20–25 % aller Neuroblastome, höhere Rate bei fortgeschrittenem StadiumMassive Überexpression des MYCN-Transkriptionsfaktors treibt Zellproliferation, hemmt Differenzierung, fördert genomische InstabilitätStärkster Hochrisikofaktor überhaupt; automatische Hochrisikoeinstufung unabhängig von Alter/Stadium
1p-Deletion~25–35 %, häufig mit MYCN-Amplifikation assoziiertVerlust von Tumorsuppressorgenen auf Chromosom 1p, u. a. im Bereich möglicher DifferenzierungsregulatorenUngünstig, unabhängiger Risikofaktor
11q-Deletion~35–45 %, meist unabhängig von MYCN-AmplifikationVerlust einer Region mit vermuteten Tumorsuppressorgenen; definiert eine eigene molekulare Hochrisikogruppe auch ohne MYCN-AmplifikationUngünstig, eigenständiger Hochrisikomarker
17q-Zugewinnhäufig, oft in Kombination mit 1p-VerlustZugewinn eines Chromosomenabschnitts mit vermuteten OnkogenenUngünstig, häufig Ko-Faktor bei aggressiverer Erkrankung
ALK-Mutation (F1174L, R1275Q u. a.)~6–10 % sporadisch, praktisch immer bei familiärem NeuroblastomKonstitutive Aktivierung der ALK-Tyrosinkinase, verstärkt Proliferations- und ÜberlebenssignaleDirekt therapeutisch adressierbar durch ALK-Inhibitoren (z. B. Crizotinib), zunehmend in Kombinationstherapien integriert
HyperdiploidieHäufiger bei Säuglingen mit lokalisierter ErkrankungNumerischer statt struktureller Chromosomenaberrationstyp; assoziiert mit besserem ChemotherapieansprechenGünstig, besonders bei jungen Säuglingen
TERT-Rearrangements / ATRX-MutationSubset der Fälle, oft bei älteren KindernBeide Mechanismen aktivieren die Telomerase bzw. alternative Telomerverlängerungswege und ermöglichen so unbegrenzte ZellteilungAssoziiert mit aggressiverem, chronisch-progredientem Verlauf, insbesondere bei älteren Kindern

ALK-Inhibitor-Therapie als Präzedenzfall der Präzisionsonkologie: Die Entdeckung von ALK-Mutationen beim Neuroblastom hat zur klinischen Erprobung von ALK-Inhibitoren geführt, die ursprünglich für ALK-positive Lungenkarzinome bei Erwachsenen entwickelt wurden – ein Beispiel für die zunehmende Übertragung zielgerichteter Therapieprinzipien zwischen Tumorentitäten unterschiedlichen Alters, sofern dieselbe molekulare Alteration vorliegt.

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Molekulargenetische Diagnostik & MRD

Die Verlaufskontrolle beim Neuroblastom stützt sich auf eine Kombination aus Katecholaminmetaboliten im Urin, MIBG-Szintigraphie und Bildgebung – bei MYCN-amplifizierten Tumoren zunehmend ergänzt durch molekulare Verlaufsmarker wie zirkulierende Tumor-DNA.

Verlaufsschema: Serielle Bestimmung der Katecholaminmetabolite im Urin (oft individuell verlaufsspezifisch erhöht und daher gut als patientenindividueller Marker nutzbar) sowie MIBG-Szintigraphie zur Beurteilung von Primärtumor- und Metastasenansprechen in festgelegten Intervallen während und nach Therapie.

MethodeDurchführung / AussagekraftIndikation beim Neuroblastom
Urin-Katecholaminmetabolite im VerlaufWiederholte Bestimmung von Vanillinmandelsäure/Homovanillinsäure als einfacher, nicht-invasiver VerlaufsparameterBei initial erhöhten Werten guter Marker für Therapieansprechen und Rezidiverkennung
MIBG-Szintigraphie im VerlaufBeurteilung von Primärtumor- und Metastasenansprechen (Curie-Score als semiquantitatives Maß)Zentrale bildgebende Verlaufsmethode bei MIBG-avidem Tumor
Knochenmark-VerlaufsdiagnostikWiederholte Punktion/Biopsie zur Beurteilung der KnochenmarkremissionBei initial positivem Knochenmarkbefund obligater Bestandteil der Ansprechbeurteilung
Molekulare Verlaufsmarker (zirkulierende Tumor-DNA)Nachweis MYCN-amplifizierter oder anderer tumorspezifischer DNA-Fragmente im BlutZunehmend Gegenstand von Forschungsprotokollen als sensitiverer Marker für minimale Resterkrankung
Bildgebung (MRT/CT) des Primärtumors und möglicher MetastasenBeurteilung von Größenverlauf und Resektabilität im TherapieverlaufErgänzend zur nuklearmedizinischen Bildgebung, besonders präoperativ zur OP-Planung

Besonderheit der Verlaufsbeurteilung bei Stadium 4S/MS: Bei Säuglingen mit Stadium 4S/MS und geplanter „Wait and see"-Strategie ist eine besonders engmaschige klinische und bildgebende Verlaufskontrolle notwendig, um eine unerwartete Progression (z. B. bedrohliche Hepatomegalie) frühzeitig zu erkennen und bei Bedarf rechtzeitig eine Therapie einzuleiten, ohne die Chance auf spontane Regression bei stabilem Verlauf ungenutzt zu lassen.

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Differenzialdiagnose

Das Neuroblastom muss von anderen abdominellen und thorakalen Raumforderungen des Kindesalters abgegrenzt werden, vor allem vom Nephroblastom (Wilms-Tumor) als häufigster Differenzialdiagnose bei abdomineller Lokalisation.

DifferenzialdiagnoseUnterscheidungsmerkmaleAbklärung
Nephroblastom (Wilms-Tumor)Intrarenal statt extrarenal/paraspinal, verdrängt statt ummauert meist Gefäße, seltener Mittellinienüberschreitung, keine erhöhten KatecholaminmetaboliteBildgebung (Organzuordnung), Urin-Katecholaminmetabolite (bei Neuroblastom erhöht), Histopathologie
Rhabdomyosarkom (retroperitoneal/paraspinal)Andere Histologie/Immunhistochemie (Desmin, Myogenin positiv), keine KatecholaminproduktionHistopathologie, Immunhistochemie, Urin-Katecholaminmetabolite negativ
Lymphom mit abdomineller ManifestationAndere Immunphänotypisierung, keine Katecholaminproduktion, oft andere WachstumsdynamikImmunhistochemie, Katecholaminmetabolite, Bildgebungsmuster
PhäochromozytomEbenfalls Nebennierenlokalisation und Katecholaminproduktion möglich, aber andere Zellmorphologie und meist andere Altersverteilung; im Kindesalter deutlich seltener als NeuroblastomHistopathologie, spezifisches Katecholaminprofil, genetische Testung (z. B. SDHB bei Verdacht)
Benigne Nebennierenblutung (Neugeborene)Meist perinatal, spontane Rückbildung im Verlauf, keine solide Raumforderung im Verlauf, normale KatecholaminmetaboliteSonographie-Verlauf, Katecholaminmetabolite negativ
GanglioneuromBenigne, ausgereifte Form derselben Zelllinie; oft Zufallsbefund, langsames/kein WachstumHistopathologie (fehlende unreife Neuroblastenkomponente)

Zentrale differenzialdiagnostische Bedeutung der Katecholaminmetabolite: Die Bestimmung der Urin-Katecholaminmetabolite ist bei jeder unklaren abdominellen oder paraspinalen Raumforderung des Kindesalters ein einfacher, nicht-invasiver und hochspezifischer erster Diagnostikschritt, der bei den meisten anderen Differenzialdiagnosen (Nephroblastom, Rhabdomyosarkom, Lymphom) negativ ausfällt und damit richtungsweisend zur weiteren Abklärung beiträgt.

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Therapie

Die Therapie des Neuroblastoms ist so heterogen wie seine Biologie: Sie reicht von reiner Beobachtung bei günstigster Konstellation bis zur maximal intensivierten Multimodaltherapie inklusive Hochdosis-Chemotherapie, Immuntherapie und Bestrahlung bei Hochrisiko-Erkrankung – gesteuert durch die INRG-Risikoklassifikation.

INRG-Risikogruppen

Niedrigrisiko

Beobachtung oder alleinige Resektion

Lokalisierte Tumoren ohne MYCN-Amplifikation, günstige Histologie; bei Säuglingen mit Stadium 4S/MS oft „Wait and see" wegen hoher Spontanregressionsrate; bei lokalisiertem Tumor oft alleinige chirurgische Resektion ausreichend.

Intermediärrisiko

Moderate Chemotherapie + Resektion

Lokalisierte oder metastasierte Tumoren ohne MYCN-Amplifikation, aber mit ungünstigeren klinischen/histologischen Merkmalen; Kombination aus Chemotherapie und chirurgischer Resektion, ohne die volle Hochrisikointensität.

Hochrisiko

Multimodale Maximaltherapie

MYCN-Amplifikation (unabhängig von Stadium/Alter) oder metastasierte Erkrankung bei älteren Kindern mit ungünstigen zusätzlichen Faktoren; intensivste verfügbare Therapie inkl. Hochdosis-Chemotherapie mit autologer Stammzelltransplantation, Bestrahlung und Immuntherapie.

Therapiebausteine

Induktions-ChemotherapieHochrisiko: mehrere Zyklen
Chirurgische ResektionPrimärtumorentfernung
Hochdosistherapie + StammzellrückgabeHochrisiko
Bestrahlung + Erhaltung/ImmuntherapieHochrisiko
  1. Baustein 1Induktions-Chemotherapie (bei Intermediär-/Hochrisiko)

    Ziel: Tumorverkleinerung zur Verbesserung der Resektabilität und Elimination von Mikrometastasen. Elemente: Kombinationen aus Platinderivaten (Cisplatin/Carboplatin), Etoposid, Vincristin, Cyclophosphamid und Anthrazyklinen in mehreren Zyklen; Intensität und Zyklenzahl risikoadaptiert.

  2. Baustein 2Chirurgische Resektion

    Ziel: Möglichst vollständige Entfernung des Primärtumors nach Vorbehandlung (bei Intermediär-/Hochrisiko) oder primär (bei Niedrigrisiko). Prinzip: Zeitpunkt und Ausmaß der Operation werden individuell nach Tumoransprechen und Gefäß-/Organbeziehung geplant; bei ausgeprägter Gefäßummauerung ggf. bewusst inkomplette Resektion zum Funktionserhalt.

  3. Baustein 3Hochdosis-Chemotherapie mit autologer Stammzellrückgabe (Hochrisiko)

    Ziel: Maximale Tumorzellelimination durch myeloablative Hochdosistherapie. Prinzip: Nach Sammlung autologer Stammzellen in der Induktionsphase erfolgt eine myeloablative Konditionierungstherapie (z. B. Busulfan/Melphalan) mit anschließender Rückgabe der zuvor gesammelten Stammzellen zur hämatopoetischen Regeneration.

  4. Baustein 4Lokale Bestrahlung & Erhaltungs-/Immuntherapie (Hochrisiko)

    Ziel: Konsolidierung der lokalen Tumorkontrolle und langfristige Elimination minimaler Resterkrankung. Elemente: Lokale Bestrahlung des Primärtumorbetts; anschließende Erhaltungstherapie mit Retinsäure (Differenzierungsinduktion residualer Tumorzellen) sowie – bei entsprechender Verfügbarkeit – Anti-GD2-Immuntherapie (monoklonaler Antikörper gegen das auf Neuroblastomzellen exprimierte Disialogangliosid GD2), die die Prognose der Hochrisikogruppe deutlich verbessert hat.

  5. SonderfallMIBG-Therapie / ALK-Inhibitoren / Rezidiv

    ¹³¹I-MIBG-Therapie: bei ausreichender Tumoranreicherung als gezielte, auf die Katecholamin-Aufnahme des Tumors gestützte Radionuklidtherapie, insbesondere bei Rezidiv oder refraktärer Erkrankung. ALK-Inhibitoren: bei nachgewiesener ALK-Mutation als zielgerichtete Therapieoption, häufig in Kombination mit konventioneller Therapie. Stadium 4S/MS: primär Beobachtung, Therapieeinleitung nur bei bedrohlicher Symptomatik (z. B. respiratorische Beeinträchtigung durch Hepatomegalie).

Supportivtherapie & Langzeitbetreuung: Zentral sind engmaschiges Management der Neutropenie und Infektionsprophylaxe während der Hochdosistherapie, Schmerztherapie bei Knochenmetastasen, endokrinologische und auditive Verlaufskontrollen (Platin-Ototoxizität), sowie psychosoziale Begleitung von Kind und Familie über den oft langwierigen, bei Hochrisikoerkrankung Jahre dauernden Behandlungsverlauf.

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Experten & Zentren

Die Behandlung des Neuroblastoms erfolgt an spezialisierten kinderonkologischen Zentren im Rahmen der deutschen Neuroblastom-Studiengruppe (GPOH) mit enger internationaler Vernetzung (SIOPEN). Nachfolgend eine Auswahl relevanter Expert:innen und Institutionen im deutschsprachigen Raum.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Frank Berthold
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitätsklinikum Köln
KÖLN
Langjährige Studienleitung der deutschen Neuroblastom-Studiengruppe (NB-Studien); MYCN-Risikostratifizierung; internationale SIOPEN-Kooperation
NB-StudienleitungRisikostratifizierung
Prof. Dr. Barbara Hero
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitätsklinikum Köln
KÖLN
Studienkoordination Neuroblastom-Register; Niedrigrisiko- und Beobachtungsstrategien; Langzeit-Follow-up
NB-RegisterBeobachtungsstrategien
Prof. Dr. Matthias Fischer
Molekulare Onkologie / Neuroblastom-Genomik
Universitätsklinikum Köln
KÖLN
Molekulare Risikostratifizierung; MYCN- und Segmentaberrationsdiagnostik; genomische Neuroblastom-Forschung; internationale Referenzarbeit
Molekulare RisikostratifizierungGenomik-Forschung
Prof. Dr. Thorsten Simon
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitätsklinikum Köln
KÖLN
Hochrisiko-Neuroblastom-Therapiekonzepte; Anti-GD2-Immuntherapie; MIBG-Therapie; internationale Studienkooperation
Hochrisiko-TherapieAnti-GD2-Immuntherapie
🇦🇹 Österreich
Prof. Dr. Ruth Ladenstein
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
St. Anna Kinderspital, Wien
WIEN
Internationale Studienleitung SIOPEN (European Neuroblastoma Group); Hochdosistherapie-Konzepte; Immuntherapie-Studien
SIOPEN-StudienleitungHochdosistherapie
CCRI – Children's Cancer Research Institute
Translationale Forschung Kinderonkologie
St. Anna Kinderkrebsforschung, Wien
WIEN
Molekulare Neuroblastom-Forschung; ALK-Diagnostik und präklinische Testung zielgerichteter Substanzen
Molekulare ForschungALK-Forschung
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. Nicolas von der Weid
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB)
BASEL
Schweizerische Beteiligung an SIOPEN-Studien; Langzeit-Follow-up-Programme; SPOG-Kooperation
SIOPEN CHLangzeit-Follow-up
SPOG – Swiss Pediatric Oncology Group
Nationale Studienkooperation Schweiz
SPOG-Netzwerk, koordiniert u. a. über Bern/Zürich
BERN / ZÜRICH
Schweizerische Beteiligung an internationalen Neuroblastom-Studien; nationales Kinderkrebsregister
SPOG-NetzwerkKinderkrebsregister

Fachgesellschaften & Ressourcen: GPOH – Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie · Deutsche Neuroblastom-Studiengruppe, Köln · SIOPEN – European Neuroblastoma Group · kinderkrebsinfo.de – Patienten-/Elterninformation · Deutsches Kinderkrebsregister (DKKR), Mainz · SIOP – International Society of Paediatric Oncology · SPOG – Swiss Pediatric Oncology Group · St. Anna Kinderkrebsforschung (CCRI), Wien