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Grundlagen & Pathophysiologie

Die Langerhans-Zell-Histiozytose (LZH) ist eine klonale Proliferation pathologischer dendritischer Zellen, die morphologisch und immunphänotypisch den physiologischen Langerhans-Zellen der Haut ähneln, sich aber genetisch als myeloische Vorläuferzellen mit gestörter Differenzierung erweisen. Die Erkrankung zeigt ein außergewöhnlich breites klinisches Spektrum – von der spontan ausheilenden isolierten Knochenläsion bis zur lebensbedrohlichen Multisystemerkrankung mit Organdysfunktion, besonders bei sehr jungen Säuglingen.

~40–50
Neuerkrankungen/Jahr in Deutschland (0–14 Jahre)
1–4 J.
Häufigkeitsgipfel im Kleinkindalter
Breites Spektrum
Von unifokaler Knochenläsion bis Multisystemerkrankung mit Risikoorganbeteiligung
nahezu 100 %
Überleben bei Niedrigrisiko-Erkrankung ohne Risikoorganbeteiligung

Onkogenese & Zellursprung

Die LZH nimmt eine biologische Sonderstellung zwischen rein reaktiver und klassisch neoplastischer Erkrankung ein. Historisch als reaktive/entzündliche Erkrankung eingestuft, hat der Nachweis klonaler, wiederkehrender Mutationen des MAPK-Signalwegs (v. a. BRAF-V600E) in den Läsionszellen zu einer Neueinordnung als myeloische Neoplasie geführt. Die pathologischen Zellen entstehen aus myeloischen dendritischen Zell-Vorläufern, deren Differenzierung und Migration durch die aberrante Signalwegaktivierung gestört ist.

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BRAF-V600E-Mutation

Die häufigste onkogene Alteration bei LZH; führt zu konstitutiver Aktivierung des MAPK/ERK-Signalwegs, der normalerweise Zellproliferation und -differenzierung reguliert. Diese Mutation ist identisch mit der beim malignen Melanom bekannten Alteration, tritt bei der LZH aber in einem gänzlich anderen zellulären Kontext auf.

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Klonalität als neoplastisches Kriterium

Der Nachweis, dass die pathologischen Zellen in den Läsionen klonal (von einer gemeinsamen Vorläuferzelle abstammend) sind, war ein Schlüsselbefund für die Umklassifizierung der LZH von einer rein reaktiven zu einer neoplastischen, wenn auch biologisch besonderen Erkrankung.

„Misguided Myeloid Differentiation"-Modell

Aktuelles Krankheitsmodell: Je nach Entwicklungsstadium der myeloischen Vorläuferzelle, in der die MAPK-Mutation auftritt, resultiert eine unterschiedlich ausgeprägte klinische Form – von lokalisierter Erkrankung (Mutation in bereits gewebeständigen Vorläufern) bis zur disseminierten Multisystemerkrankung (Mutation in früheren, zirkulierenden hämatopoetischen Vorläuferzellen).

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CD1a/CD207(Langerin)-Expression

Die pathologischen Zellen exprimieren charakteristisch CD1a und CD207 (Langerin), ein für Langerhans-Zellen spezifisches Protein, das an der Bildung der ultrastrukturell charakteristischen Birbeck-Granula beteiligt ist – zentrale immunhistochemische und ultrastrukturelle Diagnosekriterien.

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Entzündliches Mikromilieu

Trotz der klonalen, neoplastischen Grundlage sind LZH-Läsionen histologisch von einem ausgeprägten entzündlichen Begleitinfiltrat (Eosinophile, Lymphozyten, Makrophagen) geprägt, das wesentlich zur Gewebeschädigung und Symptomatik beiträgt.

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Bevorzugte Manifestationsorte

Knochen (häufigste Lokalisation, v. a. Schädel), Haut, Lymphknoten, Lunge, Leber, Milz, Knochenmark, Hypophyse/Hypothalamus (Diabetes insipidus); die sogenannten „Risikoorgane" (Leber, Milz, Knochenmark) bestimmen maßgeblich die Prognose.

Unifokale, multifokale & Risikoorgan-Beteiligung

FormDefinitionCharakteristika
Single-System-Erkrankung, unifokalEinzelne Läsion in nur einem Organsystem (meist Knochen)Günstigste Form, oft spontane Rückbildung möglich, geringste Therapieintensität erforderlich
Single-System-Erkrankung, multifokalMehrere Läsionen innerhalb desselben Organsystems (z. B. mehrere Knochenherde)Etwas intensivere Therapie als unifokal, aber insgesamt weiterhin günstige Prognose
Multisystem-Erkrankung ohne RisikoorganbeteiligungBeteiligung mehrerer Organsysteme, aber ohne Leber-, Milz- oder KnochenmarkbeteiligungIntensivere Therapie erforderlich, insgesamt weiterhin gute Prognose
Multisystem-Erkrankung mit RisikoorganbeteiligungZusätzliche Beteiligung von Leber, Milz und/oder KnochenmarkHöchste Therapieintensität erforderlich; deutlich ernstere Prognose, besonders bei jungen Säuglingen und unzureichendem initialem Ansprechen

Bedeutung der Risikoorganbeteiligung: Die Beteiligung von Leber, Milz und/oder Knochenmark („Risikoorgane") ist der wichtigste einzelne prognostische Faktor bei der LZH und bestimmt maßgeblich die Therapieintensität. Säuglinge mit ausgeprägter Multisystemerkrankung und Risikoorganbeteiligung können ein rasch progredientes, potenziell lebensbedrohliches Krankheitsbild mit Zytopenien, Leberfunktionsstörung und Gerinnungsstörungen entwickeln.

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Klinische Symptome

Die Symptomatik der LZH ist ausgesprochen vielgestaltig und reicht von einer isolierten, zufällig entdeckten Knochenläsion bis zur schweren Multisystemerkrankung mit Organdysfunktion. Häufigste Erstmanifestation ist eine schmerzhafte Knochenläsion, oft am Schädel.

Knochen-, Haut- und Organmanifestationen

KNOCHENBETEILIGUNG

  • Schmerzhafte, tastbare Schwellung, häufigste Lokalisation Schädel
  • Pathologische Fraktur bei ausgeprägter ossärer Destruktion
  • Bei Wirbelbeteiligung: Vertebra plana (charakteristische Höhenminderung eines Wirbelkörpers)
  • Zahnlockerung bei Kieferbeteiligung

HAUTBETEILIGUNG

  • Seborrhoisch anmutender, oft therapieresistenter Ausschlag (v. a. Kopfhaut, Windelbereich)
  • Petechiale oder papulöse Hautveränderungen
  • Bei Säuglingen oft erste sichtbare Manifestation

ENDOKRINOLOGISCHE MANIFESTATION

  • Diabetes insipidus durch Hypophysenhinterlappen-/Hypothalamus-Beteiligung
  • Polyurie, Polydipsie als Leitsymptome
  • Kann Jahre vor oder nach anderen LZH-Manifestationen auftreten

ALLGEMEINSYMPTOME (BEI MULTISYSTEMERKRANKUNG)

  • Fieber, Gedeihstörung, Reizbarkeit bei Säuglingen
  • Hepatosplenomegalie
  • Blässe, Blutungsneigung bei Knochenmarkbeteiligung

Risikoorganbeteiligung & Diabetes insipidus

ManifestationKlinisches BildHäufigkeit / KontextKlinische Bedeutung
Leberbeteiligung (Risikoorgan)Hepatomegalie, Transaminasenerhöhung, Gerinnungsstörung, Hypoalbuminämie, Ikterus bei ausgeprägter BeteiligungBei Multisystemerkrankung, v. a. SäuglingeWichtigster prognostischer Faktor; kann zu sklerosierender Cholangitis mit Leberversagen führen
Milzbeteiligung (Risikoorgan)Splenomegalie, Hypersplenismus mit ZytopenienBei MultisystemerkrankungTrägt zusammen mit Knochenmarkbeteiligung zur hämatologischen Verschlechterung bei
Knochenmarkbeteiligung (Risikoorgan)Anämie, Thrombozytopenie, Neutropenie, erhöhte InfektanfälligkeitBei ausgeprägter Multisystemerkrankung, v. a. junge SäuglingeBestimmt zusammen mit Leber-/Milzbeteiligung die höchste Risikokategorie
Pulmonale BeteiligungTachypnoe, Husten, Pneumothorax-Risiko (v. a. bei Rauchern im Jugendalter)Seltener bei Kindern als bei erwachsenen (Raucher-)PatientenHochauflösende CT-Bildgebung zur Beurteilung des charakteristischen zystisch-nodulären Musters
Diabetes insipidus (ZNS-Risikoläsion)Ausgeprägte Polyurie/Polydipsie, bei unbehandeltem Verlauf ElektrolytentgleisungBei Beteiligung von Hypophysenhinterlappen/HypothalamusMeist irreversibel; wichtiger Risikofaktor für spätere neurodegenerative LZH-Folgeerkrankung
Hämatologisch-hepatischer Notfall

Akute Multiorganbeteiligung bei Säuglingen

Sehr junge Säuglinge mit ausgeprägter Risikoorganbeteiligung (Leber, Milz, Knochenmark) können ein rasch progredientes, potenziell lebensbedrohliches Krankheitsbild mit Zytopenien, Leberfunktionsstörung und Gerinnungsstörung entwickeln, das eine umgehende Therapieeinleitung erfordert.

Endokrinologischer Dauerschaden

Diabetes insipidus als meist irreversible Folge

Ein einmal manifester Diabetes insipidus bei ZNS-Beteiligung bildet sich unter Therapie in der Regel nicht zurück und erfordert eine lebenslange Desmopressin-Substitution sowie endokrinologische Verlaufskontrolle auf weitere Hypophysenvorderlappen-Ausfälle.

Diagnostisch relevant

Vertebra plana als radiologischer Hinweis

Die charakteristische, ausgeprägte Höhenminderung eines Wirbelkörpers (Vertebra plana) ist ein klassischer, wenn auch nicht beweisender radiologischer Hinweis auf eine LZH-Beteiligung der Wirbelsäule und sollte eine entsprechende bioptische Abklärung nach sich ziehen.

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Diagnostik

Die Diagnostik der LZH beruht auf der Biopsie mit CD1a/CD207-Immunhistochemie zur definitiven Diagnosesicherung, kombiniert mit einem umfassenden Ganzkörper-Staging zur Erfassung von Ausmaß und Organbeteiligung – letzteres entscheidend für die Risikostratifizierung.

  1. Anamnese & KlinikSymptomdauer, Hautveränderungen, Polyurie/Polydipsie (Diabetes insipidus), Fieber/Gedeihstörung bei Säuglingen; körperliche Untersuchung: vollständige Hautinspektion, Palpation von Leber/Milz/Lymphknoten, neurologischer Status, Wachstums-/Pubertätsstatus.
  2. Bildgebung & BasislaborRöntgen-Skelettstatus oder Ganzkörper-MRT: zur systematischen Erfassung aller Knochenläsionen. Abdomensonographie: Beurteilung von Leber-/Milzgröße und -struktur. MRT des Schädels/Hypophyse: bei Verdacht auf ZNS-Beteiligung oder Diabetes insipidus. Basislabor: Differentialblutbild (Zytopenien als Hinweis auf Knochenmarkbeteiligung), Leberfunktionsparameter, Gerinnungsstatus, Serum-/Urin-Osmolalität bei Verdacht auf Diabetes insipidus.
  3. Biopsie & ImmunhistochemieBiopsie der am leichtesten zugänglichen Läsion (Haut, Knochen, Lymphknoten); Histopathologie mit charakteristischem Infiltrat aus Langerhans-artigen Zellen mit gekerbtem/gefaltetem Zellkern, begleitet von Eosinophilen, Lymphozyten und Makrophagen. Obligate Immunhistochemie: CD1a und CD207 (Langerin) positiv, zusammen mit S100-Positivität; elektronenmikroskopischer Nachweis von Birbeck-Granula möglich, aber heute meist durch die Immunhistochemie ersetzt.
  4. Molekulare ZusatzdiagnostikBRAF-V600E-Mutationstestung aus dem Biopsiematerial mittels spezifischer Immunhistochemie, PCR oder Sequenzierung; bei fehlendem Nachweis erweiterte Testung auf andere MAPK-Signalweg-Alterationen (z. B. MAP2K1).
  5. Vollständiges Organ-StagingSystematische Erfassung aller potenziell betroffenen Organsysteme entsprechend dem Studienprotokoll, insbesondere der Risikoorgane (Leber, Milz, Knochenmark), da deren Beteiligung die Risikostratifizierung und Therapieintensität maßgeblich bestimmt.

Klassifikation nach Organbeteiligung (vereinfacht)

KlassifikationDefinition
Single-System, unifokalEine Läsion in einem Organsystem
Single-System, multifokalMehrere Läsionen in einem Organsystem
Multisystem ohne Risikoorgane≥2 Organsysteme betroffen, ohne Leber-/Milz-/Knochenmarkbeteiligung
Multisystem mit RisikoorganbeteiligungZusätzliche Beteiligung von Leber, Milz und/oder Knochenmark

Bedeutung der Immunhistochemie zur Diagnosesicherung: Der kombinierte Nachweis von CD1a und CD207 (Langerin) in der Biopsie gilt heute als diagnostischer Goldstandard und hat die früher notwendige, aufwändigere elektronenmikroskopische Suche nach Birbeck-Granula weitgehend abgelöst. Diese hochspezifische Immunhistochemie erlaubt eine zuverlässige Abgrenzung von anderen Histiozytosen und reaktiven Erkrankungen.

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Molekulargenetische Grundlagen

Die Molekulargenetik der LZH wird von wiederkehrenden Alterationen des MAPK/ERK-Signalwegs dominiert, mit der BRAF-V600E-Mutation als häufigster Einzelalteration – ein Befund, der die Neuklassifikation der LZH als klonale, myeloische Neoplasie entscheidend begründet hat.

Zentrale onkogene Mechanismen

~50–60 %

BRAF-V600E-Mutation

Häufigste Einzelalteration; führt zu konstitutiver Aktivierung der BRAF-Kinase und nachgeschalteter Dauererregung des MAPK/ERK-Signalwegs, der normalerweise Zellproliferation und -differenzierung reguliert.

Subset der BRAF-negativen Fälle

MAP2K1-Mutationen

Zweithäufigste Alteration, betrifft eine nachgeschaltete Kinase im selben MAPK-Signalweg; funktionell ähnlicher Effekt wie BRAF-V600E über einen alternativen Signalweg-Knotenpunkt.

seltener

Andere MAPK-Signalweg-Alterationen

Seltenere Alterationen in weiteren MAPK-Signalweg-Genen (z. B. ARAF, andere BRAF-Varianten); praktisch alle bislang identifizierten LZH-Fälle zeigen letztlich eine Alteration desselben Signalwegs.

BRAF-V600E & MAPK-Signalweg im Detail

AlterationHäufigkeitFunktion / MechanismusKlinisch-therapeutische Bedeutung
BRAF-V600E~50–60 % aller LZH-FällePunktmutation führt zu konstitutiver Kinaseaktivität von BRAF unabhängig von vorgeschalteten Signalen, dauerhafte Aktivierung von MEK/ERKDirekt therapeutisch adressierbar durch BRAF-Inhibitoren (z. B. Vemurafenib, Dabrafenib), etabliert bei therapierefraktärer/rezidivierter Erkrankung
MAP2K1(MEK1)-MutationSubset der BRAF-Wildtyp-FälleAktivierende Mutation der MEK1-Kinase, direkt nachgeschaltet von BRAF im selben SignalwegPotenziell adressierbar durch MEK-Inhibitoren, zunehmend Gegenstand klinischer Studien
Andere seltene MAPK-Signalweg-AlterationenKleinerer Anteil der übrigen FälleVerschiedene, aber funktionell konvergente Aktivierungsmechanismen desselben SignalwegsUntermauert das Konzept der LZH als „MAPK-Signalweg-Erkrankung" unabhängig von der spezifischen Einzelmutation
Zellulärer Kontext der MutationVariabel je nach Entwicklungsstadium der UrsprungszelleDasselbe Mutationsspektrum in unterschiedlich weit differenzierten myeloischen Vorläuferzellen erklärt das klinische Spektrum von lokalisierter bis disseminierter ErkrankungZentrales Element des aktuellen „Misguided Myeloid Differentiation"-Krankheitsmodells

BRAF-Inhibitoren als Beispiel zielgerichteter Therapie: Die Entdeckung der BRAF-V600E-Mutation bei der LZH hat zur klinischen Erprobung von BRAF-Inhibitoren geführt, die ursprünglich für das BRAF-mutierte maligne Melanom entwickelt wurden. Dies stellt ein eindrückliches Beispiel für die Übertragung zielgerichteter Therapieprinzipien zwischen völlig unterschiedlichen Tumorentitäten dar, sofern dieselbe molekulare Alteration vorliegt, und hat besonders bei therapierefraktärer LZH neue Behandlungsoptionen eröffnet.

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Molekulargenetische Diagnostik & MRD

Die Verlaufskontrolle bei der LZH stützt sich auf klinische Beurteilung des Therapieansprechens nach standardisierten Kriterien, ergänzt durch serielle Bildgebung betroffener Organe und – bei BRAF-V600E-positiven Fällen – zunehmend durch molekulare Verlaufsmarker mittels zirkulierender Tumor-DNA.

Ansprechbeurteilung nach standardisierten Kriterien: Das Therapieansprechen wird nach etablierten LZH-spezifischen Kriterien (aktiv, regredient, stabil, progredient) in festgelegten Intervallen (initial nach 6 Wochen Induktionstherapie) beurteilt und ist zentral für die weitere Therapieentscheidung, insbesondere bei Risikoorganbeteiligung.

MethodeDurchführung / AussagekraftIndikation bei LZH
Standardisierte Ansprechbeurteilung (klinisch)Beurteilung von Aktivität, Größenverlauf und Organfunktion nach etablierten Kriterien in festen IntervallenZentraler Verlaufsparameter, besonders wichtig nach der initialen Induktionsphase
Bildgebung der Primärläsionen im VerlaufRöntgen/MRT zur Beurteilung von Knochenläsionen, Sonographie von Leber/MilzErgänzend zur klinischen Beurteilung, v. a. bei initial ausgedehnter Erkrankung
Laborchemische Verlaufskontrolle (bei Risikoorganbeteiligung)Differentialblutbild, Leberfunktionsparameter, GerinnungsstatusEngmaschig bei initialer Risikoorganbeteiligung zur Beurteilung der Organfunktionserholung
BRAF-V600E-Verlaufsmarker (zirkulierende Tumor-DNA)Nachweis mutierter zellfreier DNA im Blut als potenziell sensitiver molekularer MarkerZunehmend Gegenstand von Forschungsprotokollen zur MRD-Bestimmung und Rezidiverkennung
Endokrinologische VerlaufskontrolleWachstums-/Pubertätsverlauf, Elektrolyt-/Osmolalitätskontrolle bei bestehendem Diabetes insipidusLangfristig, da Diabetes insipidus und andere Hypophysenausfälle meist irreversibel bleiben

Bedeutung des initialen Ansprechens für die Prognose: Das Ansprechen nach der ersten Therapiephase (meist nach ~6 Wochen) ist ein wichtiger prognostischer Indikator, insbesondere bei Risikoorganbeteiligung: Ein unzureichendes Ansprechen zu diesem frühen Zeitpunkt erfordert eine rasche Therapieintensivierung, um eine weitere Organverschlechterung zu vermeiden.

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Differenzialdiagnose

Die LZH muss je nach Manifestationsort von zahlreichen anderen Erkrankungen abgegrenzt werden – von benignen Hauterkrankungen des Säuglings bis zu anderen Knochenläsionen und Histiozytosen.

DifferenzialdiagnoseUnterscheidungsmerkmaleAbklärung
Seborrhoische Dermatitis (Säuglinge)Fehlendes klonales Infiltrat, kein Ansprechen auf spezifische LZH-Diagnostik erforderlich, meist selbstlimitierendKlinischer Verlauf, ggf. Biopsie bei Therapieresistenz oder atypischem Verlauf
Osteomyelitis (Knochenläsion)Meist mit Erregernachweis, andere Bildgebungscharakteristik, Entzündungsparameter deutlicher erhöhtEntzündungsparameter, Blutkulturen, MRT-Morphologie, ggf. Biopsie mit mikrobiologischer Aufarbeitung
Ewing-Sarkom / andere maligne Knochentumoren (Knochenläsion)Andere Histologie und Immunhistochemie (CD1a/CD207 negativ), andere Altersverteilung und WachstumsdynamikHistopathologie, Immunhistochemie
Rosai-Dorfman-Erkrankung (andere Histiozytose)Andere Immunhistochemie (S100 positiv, aber CD1a/CD207 negativ), oft ausgeprägte Lymphadenopathie mit EmperipoleseImmunhistochemie, Histopathologie
Erdheim-Chester-Erkrankung (andere Histiozytose)Andere Immunhistochemie (CD68/CD163 statt CD1a/CD207), typischerweise andere Skelettbeteiligungsmuster, meist ErwachsenenerkrankungImmunhistochemie, Skelettbeteiligungsmuster
Lymphom mit Knochen-/HautbeteiligungAndere Immunhistochemie (lymphatische statt histiozytäre Marker)Immunhistochemie, Histopathologie
Zentraler Diabetes insipidus anderer UrsacheKein Nachweis einer LZH-Läsion in Bildgebung/Biopsie, andere zugrundeliegende Ursache (z. B. Keimzelltumor der Pinealisregion)MRT der Hypophysenregion, ggf. Biopsie bei unklarem Befund, Ausschluss anderer ZNS-Läsionen

Bedeutung der Immunhistochemie zur Abgrenzung anderer Histiozytosen: Die charakteristische CD1a/CD207-Positivität ist entscheidend zur Abgrenzung der LZH von anderen, biologisch und therapeutisch unterschiedlichen Histiozytose-Formen (z. B. Rosai-Dorfman-Erkrankung, Erdheim-Chester-Erkrankung), die zwar ebenfalls histiozytäre Proliferationen darstellen, aber ein jeweils eigenes immunhistochemisches Profil und Therapiekonzept aufweisen.

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Therapie

Die Therapie der LZH ist streng risikoadaptiert nach Ausmaß und Organbeteiligung gestaffelt: Von der reinen Beobachtung oder lokalen Therapie bei unifokaler Erkrankung bis zur intensiven systemischen Chemotherapie bei Multisystemerkrankung mit Risikoorganbeteiligung, im Rahmen der internationalen LCH-IV-Studienkooperation.

Risikostratifizierung nach Organbeteiligung

Niedrigrisiko

Unifokale/multifokale Single-System-Erkrankung

Lokale Therapie (Kürettage, intraläsionale Kortikosteroid-Injektion) oder Beobachtung bei unifokalen Knochenläsionen, ggf. milde systemische Chemotherapie bei multifokaler Erkrankung.

Intermediärrisiko

Multisystem-Erkrankung ohne Risikoorgane

Systemische Kombinationschemotherapie über mehrere Monate; Prognose insgesamt weiterhin günstig.

Hochrisiko

Multisystem-Erkrankung mit Risikoorganbeteiligung

Beteiligung von Leber, Milz und/oder Knochenmark; intensivierte, verlängerte systemische Chemotherapie mit engmaschiger früher Ansprechbeurteilung, da das initiale Ansprechen entscheidend für die Prognose ist.

Therapiebausteine

Lokaltherapie (Niedrigrisiko)Kürettage/Steroidinjektion
Induktions-Chemotherapie~6 Wochen
Konsolidierung/Erhaltungmehrere Monate
Zielgerichtete Therapiebei Refraktärität
  1. Baustein 1Lokaltherapie (bei unifokaler Erkrankung)

    Ziel: Lokale Kontrolle der isolierten Läsion ohne systemische Therapiebelastung. Elemente: Kürettage der Knochenläsion und/oder intraläsionale Kortikosteroid-Injektion; bei manchen unifokalen Läsionen ist auch eine reine Beobachtung mit spontaner Rückbildung eine vertretbare Option.

  2. Baustein 2Induktions-Chemotherapie (bei Multisystem-Erkrankung)

    Ziel: Rasche Kontrolle der Krankheitsaktivität, besonders wichtig bei Risikoorganbeteiligung. Elemente: Kombination aus Vinblastin und Prednisolon als international etabliertes Standardrückgrat über die ersten Wochen, mit Ansprechbeurteilung nach festgelegtem Zeitpunkt (meist ~6 Wochen) zur Steuerung der weiteren Therapie.

  3. Baustein 3Konsolidierungs-/Erhaltungstherapie

    Ziel: Konsolidierung des initialen Ansprechens und Reduktion des Reaktivierungsrisikos. Elemente: Fortführung von Vinblastin/Prednisolon-Zyklen über insgesamt etwa 12 Monate; die längere Gesamttherapiedauer hat sich gegenüber kürzeren historischen Protokollen als reaktivierungsärmer erwiesen.

  4. Baustein 4Intensivierte Therapie bei Risikoorganbeteiligung/schlechtem Ansprechen

    Ziel: Aggressivere Krankheitskontrolle bei unzureichendem initialem Ansprechen oder ausgeprägter Risikoorganbeteiligung. Elemente: Intensivierte Kombinationschemotherapie (z. B. mit Cytarabin, Cladribin), in einzelnen refraktären Fällen Diskussion einer hämatopoetischen Stammzelltransplantation.

  5. SonderfallBRAF-Inhibitoren / Rezidiv

    BRAF-Inhibitoren (z. B. Vemurafenib, Dabrafenib): bei nachgewiesener BRAF-V600E-Mutation als zielgerichtete Therapieoption, insbesondere bei schwer therapierefraktärer oder rezidivierter Multisystemerkrankung, mit oft raschem klinischem Ansprechen; Langzeittherapiedauer und optimale Kombination mit klassischer Chemotherapie sind Gegenstand aktueller Studien. Diabetes insipidus/endokrine Ausfälle: Desmopressin-Substitution und Hormonersatztherapie, unabhängig vom onkologischen Therapieverlauf, da diese Ausfälle meist irreversibel bleiben.

Supportivtherapie & interdisziplinäre Nachsorge: Zentral sind endokrinologische Verlaufskontrolle (Wachstum, Pubertät, Diabetes insipidus), neurologische Verlaufskontrolle auf die gefürchtete neurodegenerative LZH-Spätfolge (v. a. bei ZNS-Risikoläsionen und schädelnahen Läsionen), audiologische und Leberfunktionskontrollen im Verlauf, sowie psychosoziale Begleitung von Kind und Familie angesichts des oft chronisch-rezidivierenden Krankheitsverlaufs.

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Experten & Zentren

Die Behandlung der LZH erfolgt an spezialisierten kinderonkologischen Zentren im Rahmen der internationalen LCH-IV-Studienkooperation. Nachfolgend eine Auswahl relevanter Expert:innen und Institutionen im deutschsprachigen Raum.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Thomas Lehrnbecher
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitätsklinikum Frankfurt am Main
FRANKFURT AM MAIN
Deutsche Studienleitung LCH-IV; AWMF-Leitlinienautor; Risikostratifizierung und Therapiekonzepte der LZH
LCH-IV-Studienleitung DEAWMF-Leitlinienautor
Prof. Dr. Kai Lehmberg
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
HAMBURG
Histiozytäre Erkrankungen und Immundefekte; Risikoorganbeteiligung; internationale Studienkooperation
Histiozytäre ErkrankungenImmundefekt-Schnittstelle
Prof. Dr. Carl Friedrich Classen
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitätskinderklinik Rostock
ROSTOCK
Ansprechpartner Register der Non-Langerhans-Zell-Histiozytosen; differenzialdiagnostische Abgrenzung anderer Histiozytosen
Non-LCH-RegisterDifferenzialdiagnostik
Prof. Dr. Stephan Ehl
Pädiatrische Immunologie
Universitätsklinikum Freiburg
FREIBURG
Schnittstelle Histiozytosen und Immundefekte; immunologische Zusatzdiagnostik bei komplexen Verläufen
Immunologische DiagnostikHistiozytose-Immundefekt-Schnittstelle
🇦🇹 Österreich
Prof. Dr. Milen Minkov
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
St. Anna Kinderspital, Wien
WIEN
AWMF-Leitlinienautor LZH; langjährige internationale Studienerfahrung; Risikostratifizierung
AWMF-LeitlinienautorInternationale Studienerfahrung
Prof. Dr. Caroline Hutter
Pädiatrische Onkologie / Translationale Forschung
St. Anna Kinderspital / CCRI, Wien
WIEN
Molekulare LZH-Forschung; zelluläre Heterogenität und BRAF/MAPK-Signalweg-Biologie; wissenschaftliche Co-Leitung internationaler Studien
Molekulare LZH-ForschungBRAF/MAPK-Biologie
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich
Pädiatrische Onkologie
Universitäts-Kinderspital Zürich
ZÜRICH
Schweizerische Betreuung von LZH-Patient:innen, enge Kooperation mit internationalen Referenzzentren; SPOG-Anbindung
Schweizer AnlaufstelleInternationale Kooperation
SPOG – Swiss Pediatric Oncology Group
Nationale Studienkooperation Schweiz
SPOG-Netzwerk, koordiniert u. a. über Bern/Zürich
BERN / ZÜRICH
Schweizerische Beteiligung an internationalen LCH-IV-Studien; nationales Kinderkrebsregister
SPOG-NetzwerkKinderkrebsregister

Fachgesellschaften & Ressourcen: GPOH – Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie · LCH-IV – internationale Studienkooperation · kinderkrebsinfo.de – Patienten-/Elterninformation · Deutsches Kinderkrebsregister (DKKR), Mainz · SIOP – International Society of Paediatric Oncology · SPOG – Swiss Pediatric Oncology Group · St. Anna Kinderkrebsforschung (CCRI), Wien