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Grundlagen & Pathophysiologie

Die akute myeloische Leukämie (AML) ist mit ~15–20 % die zweithäufigste akute Leukämie des Kindesalters. Sie entsteht durch klonale Transformation myeloischer Vorläuferzellen (Granulopoese, Erythropoese, Megakaryopoese oder Monopoese) mit Blockade der Ausreifung auf einer frühen Differenzierungsstufe und unkontrollierter Proliferation im Knochenmark.

~100
Neuerkrankungen/Jahr in Deutschland (0–14 Jahre)
bimodal
Häufigkeitsgipfel: Säuglinge + Adoleszenz
~15–20 %
Anteil an kindlichen Leukämien (vs. ~75–80 % ALL)
~60–70 %
5-Jahres-Ereignisfreies Überleben (Gesamtkollektiv, stark subgruppenabhängig)

Leukämogenese – Mehrstufiges Mutationsmodell

Die AML-Entstehung folgt einem Zwei-Klassen-Modell kooperierender Mutationen: Klasse-II-Mutationen (z. B. RUNX1-RUNX1T1, PML-RARA, CBFB-MYH11, KMT2A-Fusionen) stören primär die myeloische Differenzierung und Transkriptionsregulation, während Klasse-I-Mutationen (z. B. FLT3-ITD, RAS-Mutationen, KIT-Mutationen) proliferations- und überlebensfördernde Signalwege aktivieren. Erst das Zusammenspiel beider Mutationsklassen in derselben Zelle führt zur manifesten Leukämie.

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Kooperierende Mutationen

Differenzierungsblockierende Fusionsgene (Klasse II) allein reichen meist nicht aus; erst zusätzliche proliferationstreibende Mutationen (Klasse I, z. B. FLT3-ITD) führen zum vollständigen leukämischen Phänotyp – Grundlage aktueller zielgerichteter Therapieansätze.

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Sekundäre/Therapie-assoziierte AML

Nach vorheriger zytotoxischer Therapie (Alkylanzien, Topoisomerase-II-Hemmer) oder bei prä-existierendem myelodysplastischem Syndrom (MDS) kann sich eine sekundäre AML entwickeln – im Kindesalter selten, aber prognostisch ungünstiger.

Genetische Prädisposition

Down-Syndrom (Trisomie 21) prädisponiert stark zur myeloischen Leukämie des Down-Syndroms (ML-DS) mit GATA1-Mutationen; weitere Prädispositionssyndrome: Fanconi-Anämie, Kostmann-Syndrom (schwere kongenitale Neutropenie), Li-Fraumeni-Syndrom, familiäre Thrombozytopenie mit RUNX1-Keimbahnmutation, Noonan-Syndrom.

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Reifungsblockade

Fusionsproteine (z. B. PML-RARA blockiert Retinsäure-Rezeptor-vermittelte Differenzierung) arretieren die myeloische Reifung auf definierter Stufe → Akkumulation unreifer Myeloblasten anstelle funktionsfähiger Granulozyten/Monozyten/Erythrozyten/Thrombozyten.

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Knochenmarkverdrängung

Exponentielle Blastenproliferation verdrängt die normale Hämatopoese → Anämie, Neutropenie (paradox trotz oft hoher Gesamtleukozytenzahl, da funktionslose Blasten dominieren), Thrombozytopenie.

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Extramedulläre Ausbreitung

Blasten können Haut (Leukämia cutis), Zahnfleisch (Gingivahyperplasie bei monozytären Subtypen), ZNS und als solide Tumormasse (Chlorom/Myelosarkom) auftreten; Gerinnungsstörungen (v. a. bei akuter Promyelozytenleukämie) prägen das klinische Bild zusätzlich.

FAB-/WHO-Subtypen

FAB-SubtypBezeichnungAnteil (Kinder)Charakteristika
M0/M1/M2Akute myeloische Leukämie ohne/mit Ausreifung~25–30 %M2 häufig assoziiert mit t(8;21) RUNX1-RUNX1T1 und Auer-Stäbchen; relativ günstige Prognose bei Core-Binding-Factor-AML
M3Akute Promyelozytenleukämie (APL)~5–10 %PML-RARA t(15;17); charakteristische Auer-Bündel; hohes Blutungsrisiko durch disseminierte intravasale Gerinnung (DIC); exzellentes Ansprechen auf ATRA + Arsentrioxid
M4/M4EoAkute myelomonozytäre Leukämie~15–20 %M4Eo mit Eosinophilie assoziiert mit inv(16)/t(16;16) CBFB-MYH11; Core-Binding-Factor-AML mit günstiger Prognose
M5Akute monoblastäre/monozytäre Leukämie~15–20 %Häufig bei Säuglingen; oft KMT2A(MLL)-Rearrangement; Gingivahyperplasie, Hautinfiltration (Leukämia cutis), ZNS-Beteiligung häufiger
M6Akute ErythroleukämieseltenProliferation unreifer Erythroblasten; im Kindesalter sehr selten
M7Akute Megakaryoblastäre Leukämie~5–10 % (bei Down-Syndrom deutlich häufiger)Bei Down-Syndrom als „myeloische Leukämie des Down-Syndroms" (ML-DS) mit GATA1-Mutation und sehr guter Prognose; sporadische M7 ohne Down-Syndrom prognostisch ungünstiger

Myeloische Leukämie des Down-Syndroms (ML-DS): Kinder mit Trisomie 21 entwickeln häufig eine transiente abnormale Myelopoese (TAM) in der Neugeborenenperiode (GATA1-Mutation), die sich spontan zurückbilden kann, aber bei ca. 20 % der betroffenen Kinder innerhalb der ersten 4 Lebensjahre in eine manifeste ML-DS (meist FAB M7) übergeht. Diese Form spricht auf deutlich reduzierte Chemotherapie-Intensität exzellent an (Überlebensraten >80 %), erfordert aber wegen erhöhter Toxizität (v. a. Anthrazykline) angepasste Protokolle.

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Klinische Symptome

Die Symptomatik der AML entwickelt sich häufig rascher und akuter als bei der ALL, oft über Tage. Sie resultiert primär aus der Knochenmarkinsuffizienz (Anämie, Neutropenie, Thrombozytopenie) sowie – subtypabhängig – aus charakteristischen extramedullären Manifestationen und Gerinnungsstörungen.

Knochenmarkinsuffizienz – Leitsymptome

ANÄMIE

  • Blässe (Haut, Konjunktiven)
  • Müdigkeit, Leistungsknick, Schwäche
  • Tachykardie, Belastungsdyspnoe
  • Kopfschmerzen, Schwindel

THROMBOZYTOPENIE / GERINNUNGSSTÖRUNG

  • Petechien, Hämatome (spontan, disproportional)
  • Schleimhautblutungen (Epistaxis, Zahnfleischbluten)
  • Bei APL (M3): schwere Blutungsneigung durch DIC
  • Selten: schwere Blutungen (ZNS, gastrointestinal)

NEUTROPENIE (FUNKTIONELL)

  • Rezidivierende oder persistierende Infekte
  • Fieber unklarer Genese (häufig Erstsymptom)
  • Trotz oft hoher Gesamtleukozytenzahl funktionslose Blasten
  • Sepsis-Risiko bei febriler Neutropenie

ALLGEMEINSYMPTOME

  • Fieber, Abgeschlagenheit, Gewichtsverlust
  • Knochenschmerzen (seltener/weniger prominent als bei ALL)
  • Appetitlosigkeit
  • Rasche Verschlechterung des Allgemeinzustands möglich

Extramedulläre Manifestationen

OrgansystemManifestationHäufigkeit / SubtypKlinische Bedeutung
HautLeukämia cutis: bläulich-rote, derbe Knötchen/Plaques durch Blasteninfiltration; „Blueberry-Muffin-Baby" bei kongenitaler AMLv. a. bei monozytären Subtypen (M4/M5)Kann isoliert vor systemischer Manifestation auftreten
GingivaZahnfleischhyperplasie durch Blasteninfiltrationtypisch bei M4/M5Wichtiger klinischer Hinweis auf monozytäre Differenzierung
Chlorom (Myelosarkom)Solide extramedulläre Tumormasse aus myeloischen Blasten (Haut, Orbita, Knochen, Weichteile)~5–10 %, gehäuft bei KMT2A-RearrangementKann der Knochenmarkmanifestation vorausgehen; Biopsie kann AML fehldiagnostizieren als Sarkom
ZNSKopfschmerzen, Erbrechen, Hirnnervenausfälle, selten Papillenödem~5–15 % bei DiagnoseLiquorpunktion mit Zytospin vor Therapiebeginn; höhere ZNS-Beteiligungsrate als bei ALL
Leber / MilzHepatosplenomegalie durch Blasteninfiltrationvariabel, subtypabhängigWeniger ausgeprägt als typischerweise bei ALL
Gerinnungssystem (v. a. APL/M3)Disseminierte intravasale Gerinnung (DIC) mit gleichzeitiger Blutungs- und Thromboseneigungnahezu obligat bei APLLebensbedrohlicher Notfall – sofortige Diagnosesicherung und ATRA-Gabe bereits bei klinischem Verdacht
Onkologischer Notfall 1

Hyperleukozytose / Leukostase

Leukozyten >100.000/µl, besonders bei monozytären Subtypen: erhöhtes Leukostase-Risiko (ZNS-Blutung, pulmonale Insuffizienz) durch die größeren, adhäsiveren myeloischen Blasten. Sofortige Hydrierung, ggf. Leukapherese, zügiger Therapiebeginn.

Onkologischer Notfall 2

DIC bei akuter Promyelozytenleukämie

PML-RARA-positive Blasten setzen prokoagulatorische Faktoren frei → schwere Blutungskomplikationen (v. a. intrakraniell) als häufigste Frühtodesursache. Bei klinischem/morphologischem Verdacht sofortiger Therapiebeginn mit ATRA noch vor genetischer Bestätigung.

Onkologischer Notfall 3

Tumorlysesyndrom (TLS)

Bei hoher Tumorlast/raschem Zellzerfall unter Therapiebeginn: Hyperkaliämie, Hyperphosphatämie, Hyperurikämie, Hypokalzämie. Prophylaxe: Hyperhydrierung, Rasburicase/Allopurinol.

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Diagnostik

Die Diagnose der AML beruht auf dem Goldstandard Knochenmarkpunktion mit Zytomorphologie, Zytochemie, Immunphänotypisierung, Zytogenetik und Molekulargenetik. Bei klinischem Verdacht auf APL (Gerinnungsstörung, typische Morphologie) muss die ATRA-Therapie bereits vor endgültiger molekularer Bestätigung begonnen werden.

  1. Anamnese & KlinikSymptomdauer (meist kurz), Blutungszeichen, Infektneigung, B-Symptomatik; Familienanamnese (Prädispositionssyndrome, Down-Syndrom); körperliche Untersuchung: Blässe, Petechien/Hämatome, Gingivahyperplasie, Hautinfiltrate, Hepatosplenomegalie, neurologischer Status.
  2. Basislabor & BlutbildDifferentialblutbild: Anämie, Thrombozytopenie, variable Leukozytenzahl mit Nachweis myeloischer Blasten im Blutausstrich (oft mit Auer-Stäbchen bei M2/M3). Zusätzlich obligat: Gerinnungsstatus (Quick/INR, PTT, Fibrinogen, D-Dimere – DIC-Screening, besonders bei V.a. APL!), LDH, Harnsäure, Elektrolyte (TLS-Screening), Leber-/Nierenwerte.
  3. Knochenmarkpunktion (Goldstandard)Aspiration aus Beckenkamm; Diagnosekriterium: ≥20 % myeloische Blasten im Knochenmark (WHO), Ausnahme bei definierenden Aberrationen (z. B. t(15;17), t(8;21), inv(16)) auch bei niedrigerem Blastenanteil. Zytomorphologie (FAB-Klassifikation), Zytochemie (Myeloperoxidase/Sudan-Schwarz positiv – Abgrenzung zur ALL), Immunphänotypisierung (Durchflusszytometrie: CD13, CD33, CD117, MPO, ggf. CD41/CD61 bei M7, CD14/CD64 bei M4/M5), Zytogenetik und Molekulargenetik aus derselben Punktion.
  4. LiquordiagnostikLumbalpunktion mit Zytospin zur ZNS-Status-Bestimmung; bei AML tendenziell höhere ZNS-Beteiligungsrate als bei ALL, insbesondere bei monozytären Subtypen und Hyperleukozytose.
  5. Bildgebung & weitere DiagnostikEchokardiographie: obligate Baseline vor Anthrazyklin-intensiver Therapie. Abdomensonographie: Hepatosplenomegalie, Organinfiltration. Bei Verdacht auf Chlorom: MRT der betroffenen Region. HLA-Typisierung frühzeitig bei Hochrisikokonstellation (Vorbereitung möglicher Stammzelltransplantation).

Diagnosekriterien nach WHO/FAB

KriteriumDefinitionMethodeBedeutung
Blastenanteil≥20 % myeloische Blasten im Knochenmark (WHO); Ausnahme bei definierenden zytogenetischen AberrationenZytomorphologieDiagnosestellendes Kriterium; Abgrenzung zu MDS
ZytochemieMyeloperoxidase (MPO)- oder Sudan-Schwarz-Positivität; Esterase-Reaktion bei monozytären SubtypenSpezialfärbungenKlassische Abgrenzung AML vs. ALL (MPO in ALL negativ)
ImmunphänotypCD13, CD33, CD117, MPO (myeloisch); CD14/CD64 (monozytär); CD41/CD61/CD42 (megakaryozytär); CD235a (erythroid)Durchflusszytometrie (FACS)Liniendiagnose und Subtypisierung, besonders bei MPO-negativen Blasten
Zytogenetikt(15;17), t(8;21), inv(16)/t(16;16), KMT2A-Rearrangements, komplexer Karyotyp, Monosomie 7Karyogramm, FISHZentrale Risikostratifizierung (Core-Binding-Factor-AML günstig, komplexer Karyotyp ungünstig)
MolekulargenetikNPM1-Mutation, FLT3-ITD/-TKD, CEBPA-Doppelmutation, KIT-Mutation (bei CBF-AML)RT-PCR, NGSZusätzliche Risikomodifikation innerhalb zytogenetischer Gruppen (z. B. FLT3-ITD verschlechtert Prognose)
MRD (nach Induktion)Durchflusszytometrischer Nachweis residualer Blasten unterhalb der morphologischen NachweisgrenzeMultiparameter-FACS, ggf. molekulare Marker (NPM1, Fusionstranskripte)Wichtiger Prognosefaktor zur Steuerung der weiteren Therapieintensität

Notfalldiagnostik bei V.a. APL: Bei morphologischem Verdacht auf akute Promyelozytenleukämie (atypische Promyelozyten, Auer-Bündel, Gerinnungsstörung) muss die Therapie mit All-trans-Retinsäure (ATRA) unverzüglich begonnen werden – noch vor Vorliegen der zytogenetischen/molekularen Bestätigung (t(15;17)/PML-RARA), da jede Verzögerung das Blutungsrisiko durch die DIC drastisch erhöht.

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Molekulargenetische Grundlagen

Die kindliche AML ist molekulargenetisch stark heterogen. Rekurrente chromosomale Aberrationen (insbesondere die Core-Binding-Factor-Translokationen) und kooperierende Punktmutationen definieren distinkte biologische Subgruppen mit sehr unterschiedlicher Prognose und sind zentraler Bestandteil der WHO-Klassifikation und Risikostratifizierung.

Zentrale onkogene Mechanismen

~12–15 %

RUNX1-RUNX1T1 (t(8;21))

Core-Binding-Factor-AML; Fusionsprotein stört normale RUNX1-vermittelte myeloische Differenzierung; assoziiert mit M2-Morphologie und Auer-Stäbchen. Sehr gutes Ansprechen auf Hochdosis-Cytarabin-basierte Konsolidierung.

~5–10 %

PML-RARA (t(15;17))

Definierend für die akute Promyelozytenleukämie (APL); Fusionsprotein blockiert den Retinsäure-Rezeptor-vermittelten Differenzierungsweg. Einzigartiges Therapieprinzip: ATRA induziert direkte Ausdifferenzierung der Blasten (Differenzierungssyndrom als Therapiekomplikation beachten).

~5–8 %

KMT2A(MLL)-Rearrangements

Über 80 verschiedene Fusionspartner; besonders häufig bei Säuglings-AML; assoziiert mit monozytärer Differenzierung, Hyperleukozytose und ZNS-/Hautbeteiligung; prognostisch heterogen je nach Fusionspartner.

Zytogenetische & molekulare Subgruppen – Risikorelevanz

Aberration / MarkerHäufigkeitFunktion / MechanismusPrognostische Bedeutung
RUNX1-RUNX1T1 t(8;21)~12–15 %Core-Binding-Factor (CBF)-Komplex gestört; RUNX1 ist Master-Transkriptionsfaktor der Hämatopoese; Fusionsprotein rekrutiert Korepressoren an RUNX1-Zielgene → DifferenzierungsblockGünstig (Core-Binding-Factor-AML)
CBFB-MYH11 inv(16)/t(16;16)~7–10 %Core-Binding-Factor-Beta-Fusion mit Myosin-Schwerkette; assoziiert mit myelomonozytärer Differenzierung und Eosinophilie (M4Eo)Günstig (Core-Binding-Factor-AML)
PML-RARA t(15;17)~5–10 %Blockiert Retinsäure-Rezeptor-alpha-vermittelte Differenzierung; therapeutisch einzigartig durch ATRA/Arsentrioxid direkt adressierbarSehr günstig unter ATRA-basierter Therapie
NPM1-Mutation~8–10 % (altersabhängig steigend)Nukleophosmin-Mutation führt zu aberranter zytoplasmatischer Lokalisation; stört ribosomale Biogenese und p53-RegulationGünstig, sofern ohne begleitende FLT3-ITD
FLT3-ITD~10–15 % (häufiger bei Adoleszenten)Interne Tandemduplikation des FLT3-Rezeptors → konstitutive Tyrosinkinase-Aktivierung, starkes Proliferationssignal (Klasse-I-Mutation)Ungünstig, besonders bei hoher allelischer Ratio; potenziell FLT3-Inhibitor-sensitiv
KMT2A(MLL)-Rearrangement~5–8 % (bei Säuglingen deutlich häufiger)Fusion mit zahlreichen Partnergenen → aberrante epigenetische HOX-Gen-Aktivierung, Differenzierungsblock; prognostisch heterogen je nach PartnerIntermediär bis ungünstig (partnerabhängig)
Monosomie 7 / komplexer Karyotyp~5 %Verlust von Chromosom 7 bzw. ≥3 unabhängige chromosomale Aberrationen; oft assoziiert mit TP53-Alterationen und genomischer InstabilitätHochrisiko
GATA1-Mutation (bei Down-Syndrom)~100 % der ML-DS-FälleTrunkierende GATA1-Mutation in fetalen megakaryozytär-erythroiden Vorläuferzellen (nur bei Trisomie 21 leukämogen); Grundlage von TAM und ML-DSSehr günstig unter reduzierter Therapieintensität
CEBPA-Doppelmutation~3–5 %Biallelische Mutation des CEBPA-Transkriptionsfaktors, zentral für granulozytäre DifferenzierungGünstig

FLT3-ITD als therapeutischer Angriffspunkt: Die interne Tandemduplikation des FLT3-Gens verschlechtert die Prognose deutlich, besonders bei hoher Mutationslast. Der Einsatz von FLT3-Tyrosinkinase-Inhibitoren (z. B. Midostaurin, in pädiatrischen Studien evaluiert) in Kombination mit konventioneller Chemotherapie ist Gegenstand aktueller Therapieoptimierungsstudien und kann die Prognose dieser Hochrisikogruppe verbessern.

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Molekulargenetische Diagnostik & MRD

Über die initiale Diagnosesicherung hinaus ist die Verlaufsdiagnostik mittels Minimal Residual Disease (MRD) auch bei der AML zunehmend zentraler Bestandteil der Therapiesteuerung, wenngleich methodisch heterogener als bei der ALL, da nicht immer ein spezifischer molekularer Marker verfügbar ist.

MRD-Messzeitpunkte bei AML: Standardisierte Beurteilung nach dem ersten Induktionszyklus (morphologisches Ansprechen, meist Tag 15 Zwischenkontrolle) sowie nach Abschluss der Induktion. Bei molekular definierten Subgruppen (NPM1, Fusionstranskripte wie RUNX1-RUNX1T1) ermöglicht die quantitative RQ-PCR eine besonders sensitive Verlaufsbeurteilung bis in die Erhaltungs-/Nachsorgephase.

MethodeDurchführung / NachweisgrenzeIndikation bei AML
Multiparameter-DurchflusszytometrieNachweis leukämie-assoziierter aberranter Immunphänotypen; Nachweisgrenze ca. 10⁻³–10⁻⁴Breit anwendbare Standardmethode, unabhängig vom Vorliegen eines molekularen Markers
RQ-PCR auf FusionstranskripteQuantifizierung von RUNX1-RUNX1T1, CBFB-MYH11 oder PML-RARA; Nachweisgrenze bis 10⁻⁵Hochsensitive Verlaufskontrolle bei CBF-AML und APL; PML-RARA-Monitoring entscheidend für Rezidiverkennung bei APL
NPM1-MRD (PCR)Quantifizierung der NPM1-Mutation als patientenspezifischer molekularer MarkerZuverlässiger MRD-Marker bei NPM1-mutierter AML unabhängig vom FLT3-Status
FISHNachweis spezifischer struktureller Aberrationen an Interphase-KernenErgänzend bei bekannter Zytogenetik zur Verlaufskontrolle, insbesondere bei KMT2A-Rearrangements
NGS-PanelErfassung von Begleitmutationen (FLT3-ITD-Ratio, KIT, RAS) im VerlaufZunehmend Standard zur Überwachung klonaler Evolution und Resistenzmechanismen

Besonderheit APL-Monitoring: Bei akuter Promyelozytenleukämie ist die quantitative PML-RARA-PCR nach Konsolidierung entscheidend, da ein molekularer Rückfall (PCR-Positivität ohne morphologisches Rezidiv) Monate vor einem klinisch manifesten Rezidiv auftreten kann und eine präemptive Therapieintensivierung ermöglicht.

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Differenzialdiagnose

Die klinische Präsentation der AML überlappt mit anderen Knochenmarkerkrankungen sowie – bei APL – mit primären Gerinnungsstörungen. Eine zeitnahe hämatologische Abklärung bei persistierender Zytopenie ist essenziell; bei Blutungsneigung mit Zytopenie muss eine APL aktiv bedacht werden.

DifferenzialdiagnoseUnterscheidungsmerkmaleAbklärung
Akute lymphoblastische Leukämie (ALL)Zytochemie MPO-negativ, TdT+, lymphatische Marker (CD19, CD79a bzw. CD3, CD7)Immunphänotypisierung, Zytochemie obligat zur Abgrenzung
Myelodysplastisches Syndrom (MDS)<20 % Blasten im Knochenmark, Dysplasiezeichen in mehreren Zellreihen, oft langsamerer VerlaufZytomorphologie, Blastenquantifizierung, Zytogenetik (Monosomie 7 auch bei MDS)
Aplastische AnämiePanzytopenie ohne Organomegalie oder Blasten; hypozelluläres, „leeres" KnochenmarkKnochenmarkbiopsie (Zellularität), keine Blastenvermehrung
Transiente abnormale Myelopoese (TAM, bei Down-Syndrom)Neugeborene mit Trisomie 21; GATA1-Mutation nachweisbar; häufig spontane Remission innerhalb weniger MonateKlinische Verlaufsbeobachtung, GATA1-Testung, engmaschige Blutbildkontrollen (Risiko späterer ML-DS)
Disseminierte intravasale Gerinnung anderer GeneseSepsis, Trauma-assoziierte DIC ohne leukämische Blasten im BlutbildBlutausstrich-Morphologie, Knochenmarkpunktion bei unklarer Genese obligat
Idiopathische thrombozytopenische Purpura (ITP)Isolierte Thrombozytopenie ohne Anämie/Blasten, normales Knochenmark falls punktiertCave: vor Steroidtherapie bei vermuteter ITP Blutausstrich zum Blasten-/AML-Ausschluss
Schwere kongenitale Neutropenie (Kostmann-Syndrom)Isolierte Neutropenie von Geburt an, rezidivierende schwere Infekte; erhöhtes eigenständiges AML-Transformationsrisiko im VerlaufMolekulargenetik (ELANE, HAX1), regelmäßige Knochenmarkkontrollen zur Früherkennung einer sekundären AML
Virale KnochenmarksuppressionParvovirus B19, EBV, CMV – meist vorübergehende Zytopenie, keine BlastenvermehrungVirusserologie/-PCR, Blutbildverlauf

Diagnostische Dringlichkeit bei V.a. APL: Jede Kombination aus Zytopenie und unerwarteter Blutungsneigung (disproportionale Hämatome, Schleimhautblutungen) sollte umgehend an eine akute Promyelozytenleukämie denken lassen. Eine Verzögerung der Diagnostik und ATRA-Therapie erhöht das Risiko letaler Blutungskomplikationen erheblich – im Zweifel Therapiebeginn vor vollständiger molekularer Bestätigung.

07

Therapie

Die Behandlung der kindlichen AML erfolgt risikoadaptiert im Rahmen multizentrischer Studienprotokolle (in Deutschland/Österreich/Schweiz: AML-BFM). Im Vergleich zur ALL ist die Therapie kürzer, aber deutlich intensiver mit hochdosierter Chemotherapie und höherem Bedarf an intensivmedizinischer Supportivtherapie.

Risikostratifizierung

Standardrisiko (SR)

Günstige Prognosefaktoren

Core-Binding-Factor-AML (RUNX1-RUNX1T1, CBFB-MYH11); NPM1-Mutation ohne FLT3-ITD; CEBPA-Doppelmutation; gutes Ansprechen nach erstem Induktionszyklus; ML-DS bei Down-Syndrom.

Intermediärrisiko (IR)

Größte Patientengruppe

Normaler oder nicht eindeutig risikoklassifizierender Karyotyp; KMT2A-Rearrangements ohne Hochrisikopartner; mäßiges Ansprechen auf Induktion ohne Hochrisikomerkmale.

Hochrisiko (HR)

Ungünstige Prognosefaktoren

FLT3-ITD (v. a. hohe allelische Ratio ohne NPM1); Monosomie 7; komplexer Karyotyp; primäres Therapieversagen (persistierende Blasten nach Induktion) → Intensivierung, allogene Stammzelltransplantation in erster Remission empfohlen.

Protokollphasen (AML-BFM, vereinfacht)

Induktion I + II~8–10 Wochen
Konsolidierung~6–8 Wochen
Intensivierung (HAM)~4–6 Wochen
ZNS-Prophylaxe / Erhaltungvariabel
  1. Phase 1Induktion I + II

    Ziel: Erreichen einer kompletten Remission. Elemente: Klassisches „7+3"-Schema-Prinzip adaptiert: Cytarabin (kontinuierlich oder hochdosiert) kombiniert mit Anthrazyklin (Daunorubicin oder Idarubicin) und Etoposid über zwei aufeinanderfolgende Induktionszyklen. Bei APL abweichend: ATRA in Kombination mit Anthrazyklin/Arsentrioxid statt klassischer Induktionschemotherapie.

  2. Phase 2Konsolidierung

    Ziel: Konsolidierung der Remission, weitere Elimination residualer Blasten. Elemente: Hochdosis-Cytarabin-basierte Blöcke, bei Core-Binding-Factor-AML besonders wirksam. Zusammensetzung risikoadaptiert je nach zytogenetisch-molekularer Subgruppe.

  3. Phase 3Intensivierung (HAM-Block)

    Ziel: Weitere Reduktion der Resterkrankung bei intermediärem/hohem Risiko. Elemente: Hochdosis-Cytarabin + Mitoxantron (HAM-Schema); bei Hochrisikokonstellation Vorbereitung und Durchführung einer allogenen Stammzelltransplantation in erster Remission anstelle weiterer Chemotherapieblöcke.

  4. Phase 4ZNS-Prophylaxe & ggf. Erhaltung

    Ziel: Schutz vor ZNS-Rezidiv und (subgruppenabhängig) Konsolidierung des Therapieerfolgs. Elemente: Intrathekale Chemotherapie über den gesamten Behandlungsverlauf; anders als bei ALL i. d. R. keine langjährige orale Erhaltungstherapie – die AML-Behandlung ist insgesamt kürzer, aber intensiver.

  5. SonderfallAPL / Hochrisiko / Rezidiv / Stammzelltransplantation

    APL-spezifische Therapie: ATRA + Arsentrioxid (± Anthrazyklin) statt klassischer intensiver Chemotherapie – exzellente Prognose bei rechtzeitigem Therapiebeginn; Beachtung des Differenzierungssyndroms (Fieber, Ödeme, Lungeninfiltrate) als behandelbare Komplikation. Hochrisiko/Rezidiv: intensivierte Reinduktion, allogene Stammzelltransplantation, zunehmend Prüfung zielgerichteter Substanzen (FLT3-Inhibitoren) und Immuntherapien in Studien.

Supportivtherapie: Aufgrund der Therapieintensität besonders wichtig: konsequentes Management der febrilen Neutropenie mit breiter antiinfektiver Abdeckung (inkl. antimykotischer Prophylaxe, da AML-Patienten ein höheres Pilzinfektionsrisiko als ALL-Patienten haben), intensives Transfusionsmanagement, Tumorlyseprophylaxe zu Therapiebeginn, kardiale Verlaufskontrollen (kumulative Anthrazyklindosis) sowie psychosoziale Begleitung von Kind und Familie.

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Experten & Zentren

Die Behandlung der kindlichen AML erfolgt ausschließlich an spezialisierten kinderonkologischen Zentren im Rahmen der AML-BFM-Studiengruppe. Nachfolgend eine Auswahl relevanter Expert:innen und Institutionen im deutschsprachigen Raum.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Dirk Reinhardt
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitätsklinikum Essen
ESSEN
Studienleitung AML-BFM; Risikostratifizierung; Core-Binding-Factor-AML; internationale AML-BFM/COG-Kooperation; ML-DS-Forschung
AML-BFM StudienleitungML-DS-Forschung
Prof. Dr. Ursula Creutzig
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie (emeritiert)
Medizinische Hochschule Hannover / vormals Studienzentrale AML-BFM
HANNOVER
Langjährige Leitung AML-BFM-Studien; Etablierung supportiver Standards; Down-Syndrom-assoziierte Leukämien; internationale Leitlinienarbeit
AML-BFM HistorieSupportivtherapie
Prof. Dr. Jan-Henning Klusmann
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie / Molekularbiologie
Universitätsklinikum Frankfurt / vormals Halle
FRANKFURT AM MAIN
GATA1-vermittelte Leukämogenese bei Down-Syndrom; molekulare AML-Forschung; Erythro-/Megakaryopoese-Regulation
GATA1-ForschungML-DS
Prof. Dr. Christian Flotho
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
Universitätsklinikum Freiburg
FREIBURG
Myeloproliferative Erkrankungen im Kindesalter; molekulare Diagnostik pädiatrischer Leukämien; RAS-Signalweg-Forschung
Myeloische NeoplasienRAS-Signalweg
AML-BFM Referenzlabore
Nationales Referenznetzwerk
Diverse universitäre Referenzzentren (u. a. Essen, Hannover, Freiburg)
DEUTSCHLAND
Zentrale Immunphänotypisierung, Zytogenetik, MRD-Referenzdiagnostik; Qualitätssicherung der AML-BFM-Studien
ReferenzdiagnostikQualitätssicherung
🇦🇹 Österreich
Prof. Dr. Michael Dworzak
Pädiatrische Hämatologie/Onkologie
St. Anna Kinderspital, Wien
WIEN
AML-Studienkoordination Österreich; MRD-Diagnostik mittels Durchflusszytometrie; internationale AML-BFM-Kooperation; Referenzlabor-Leitung
AML-BFM ATMRD-Durchflusszytometrie
CCRI – Children's Cancer Research Institute
Translationale Forschung Kinderonkologie
St. Anna Kinderkrebsforschung, Wien
WIEN
Grundlagenforschung myeloischer Leukämien; MRD-Methodenentwicklung; präklinische Testung zielgerichteter Substanzen (FLT3-Inhibitoren)
Translationale ForschungFLT3-Forschung
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. Jean-Pierre Bourquin
Pädiatrische Onkologie / Leukämieforschung
Universitäts-Kinderspital Zürich
ZÜRICH
Präklinische Leukämieforschung (PDX-Modelle) für AML und ALL; Rezidivbiologie; Schweizer Beteiligung an AML-BFM; SPOG-Kooperation
RezidivbiologiePDX-Modelle
SPOG – Swiss Pediatric Oncology Group
Nationale Studienkooperation Schweiz
SPOG-Netzwerk, koordiniert u. a. über Bern/Zürich
BERN / ZÜRICH
Schweizerische Beteiligung an internationalen AML-Studien; nationales Kinderkrebsregister; Qualitätssicherung; Langzeit-Follow-up-Programme
SPOG-NetzwerkKinderkrebsregister

Fachgesellschaften & Ressourcen: GPOH – Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie · AML-BFM – internationale Studiengruppe · kinderkrebsinfo.de – Patienten-/Elterninformation · Deutsches Kinderkrebsregister (DKKR), Mainz · SIOP – International Society of Paediatric Oncology · SPOG – Swiss Pediatric Oncology Group · St. Anna Kinderkrebsforschung (CCRI), Wien