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Grundlagen & Pathophysiologie

Die Migräne ist die häufigste primäre Kopfschmerzerkrankung mit ärztlichem Behandlungsbedarf im Kindesalter und zeigt gegenüber der Erwachsenenmigräne einige charakteristische Besonderheiten in Verlauf, Symptomatik und Attackendauer. Pathophysiologisch wird eine komplexe Interaktion aus neuronaler Übererregbarkeit, der sogenannten kortikalen Streudepolarisation (bei Migräne mit Aura) und einer Aktivierung des trigeminovaskulären Systems angenommen.

~5–10 %
Prävalenz im Kindesalter, altersabhängig zunehmend
1–72 Std. (Kinder oft kürzer)
Attackendauer je nach IHS-Kriterien, im Kindesalter häufig verkürzt
Nach Pubertät ♀ > ♂
Geschlechtsverteilung, vor der Pubertät noch ausgeglichen
Häufig familiär
Positive Familienanamnese bei einem Großteil der betroffenen Kinder
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Kortikale Streudepolarisation

Bei der Migräne mit Aura wird eine sich langsam über den Kortex ausbreitende neuronale Depolarisationswelle als pathophysiologisches Korrelat der Aura-Symptomatik angesehen.

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Trigeminovaskuläre Aktivierung

Die Aktivierung des trigeminovaskulären Systems mit Freisetzung vasoaktiver Neuropeptide (u. a. CGRP) gilt als zentraler Mechanismus der Kopfschmerzentstehung selbst.

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Genetische Prädisposition

Migräne zeigt eine deutliche familiäre Häufung mit komplexem, polygenem Erbgang; bei der seltenen familiären hemiplegischen Migräne sind spezifische monogene Ursachen bekannt.

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Kürzere Attacken im Kindesalter

Im Vergleich zur Erwachsenenmigräne verlaufen kindliche Migräneattacken häufig kürzer, was in den diagnostischen Kriterien der International Headache Society (IHS) für das Kindesalter berücksichtigt wird.

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Häufiger bilaterale Lokalisation

Anders als bei Erwachsenen ist die Kopfschmerzlokalisation im Kindesalter häufiger bilateral (frontal/temporal) statt streng einseitig.

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Episodische Syndrome als Vorläufer

Bestimmte episodische Syndrome des Kleinkindalters (z. B. zyklisches Erbrechen, benigner paroxysmaler Schwindel) gelten als mögliche frühe Vorläufer oder Migräne-Äquivalente.

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Klassifikation

Die Migräne wird nach den Kriterien der International Classification of Headache Disorders (ICHD) klassifiziert, mit einigen für das Kindesalter angepassten Kriterien.

FormCharakteristikaHäufigkeit
Migräne ohne AuraHäufigste Form; pulsierender, meist bilateraler Kopfschmerz mit Begleitsymptomen (Übelkeit, Photo-/Phonophobie)~80 % der kindlichen Migränefälle
Migräne mit AuraVorausgehende, meist visuelle (seltener sensible/sprachliche) neurologische Symptome vor oder zu Beginn des Kopfschmerzes~15–20 % der kindlichen Migränefälle
Chronische MigräneKopfschmerzen an ≥15 Tagen/Monat über mindestens 3 Monate, davon ≥8 Tage mit MigränecharakterSelten, aber bedeutsam bei erheblicher Beeinträchtigung
Familiäre hemiplegische MigräneSeltene, monogen bedingte Form mit Hemiparese als Teil der Aura-SymptomatikSehr selten, autosomal-dominanter Erbgang

Kindspezifische Migränevarianten (episodische Syndrome)

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Zyklisches Erbrechen

Rezidivierende, stereotype Episoden intensiven Erbrechens mit dazwischenliegenden beschwerdefreien Intervallen, gilt als mögliches Migräne-Äquivalent im Kleinkindalter.

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Benigner paroxysmaler Schwindel

Kurze, rezidivierende Schwindelepisoden bei Kleinkindern ohne begleitenden Kopfschmerz, häufig Vorläufer einer späteren Migräneerkrankung.

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Abdominelle Migräne

Rezidivierende, mittelliniennahe Bauchschmerzepisoden mit begleitender Übelkeit, oft ohne prominenten Kopfschmerz, bei familiärer Migränebelastung.

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Klinische Symptome

Die klassische Migräneattacke zeigt charakteristische Kopfschmerzmerkmale und Begleitsymptome, die sich im Kindesalter in einigen Punkten von der Erwachsenenmigräne unterscheiden.

Kopfschmerzcharakteristik

  • Pulsierender, pochender Charakter
  • Häufig bilateral (frontal/temporal), seltener streng einseitig als bei Erwachsenen
  • Mittlere bis starke Intensität
  • Verstärkung durch körperliche Aktivität

Begleitsymptome

  • Übelkeit, gelegentlich Erbrechen
  • Photophobie und Phonophobie
  • Blässe, Rückzugsbedürfnis, Wunsch nach Ruhe/Dunkelheit
  • Appetitlosigkeit

Aura-Symptomatik (bei Migräne mit Aura)

  • Visuelle Aura: Flimmerskotome, Zickzacklinien, Gesichtsfeldausfälle
  • Sensible Aura: Kribbelparästhesien, meist einseitig
  • Sprachliche Aura: vorübergehende Wortfindungsstörungen
  • Dauer meist 20–60 Minuten, dem Kopfschmerz vorausgehend

Prodromal- & Postdromalphase

  • Prodromale Stimmungs- oder Verhaltensänderung Stunden vor der Attacke
  • Postdromale Erschöpfung und Konzentrationsschwäche nach Abklingen des Kopfschmerzes

Kindspezifische Erkennung erleichtern: Kleinere Kinder können Migränesymptome oft nicht präzise verbalisieren – Blässe, Rückzugsverhalten, Wunsch nach Dunkelheit und Ruhe sowie eine positive Familienanamnese sind wichtige Zusatzhinweise bei unklarer Kopfschmerzsymptomatik im Kleinkindalter.

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Diagnostik

Die Diagnose der Migräne ist primär klinisch anhand der ICHD-Kriterien; apparative Zusatzdiagnostik ist bei typischem Verlauf und unauffälliger neurologischer Untersuchung meist nicht erforderlich.

  1. Ausführliche KopfschmerzanamneseCharakteristik, Lokalisation, Dauer, Begleitsymptome, Häufigkeit, Auslöser, Familienanamnese für Migräne
  2. Neurologische UntersuchungVollständige Untersuchung im Intervall und – wenn möglich – während einer Attacke; typischerweise unauffällig bei primärer Migräne
  3. KopfschmerztagebuchStrukturierte Dokumentation über mehrere Wochen zur Erfassung von Häufigkeit, Trigger und Verlauf, wichtige Grundlage für Therapieentscheidungen
  4. Bildgebung – nur bei WarnzeichenKraniale MRT indiziert bei fokal-neurologischen Zeichen, Wesensveränderung, ungewöhnlichem Verlaufsmuster oder Erstauftreten sehr starker Kopfschmerzen ("Donnerschlagkopfschmerz")
  5. Ausschluss sekundärer UrsachenGezielte Anamnese und Untersuchung zum Ausschluss von Hirndrucksymptomatik, Infektion oder anderen strukturellen Ursachen bei entsprechendem klinischem Verdacht

Zurückhaltende Bildgebung: Bei typischer Migränesymptomatik, unauffälliger neurologischer Untersuchung und fehlenden Warnzeichen ist eine routinemäßige kraniale Bildgebung nicht erforderlich – dies sollte auch bei ängstlichen Familien einfühlsam vermittelt werden.

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Trigger & Kopfschmerztagebuch

Die Identifikation individueller Triggerfaktoren ist ein zentraler Bestandteil des nicht-medikamentösen Managements.

Sehr häufig

Schlafmangel/-unregelmäßigkeit

Sowohl zu wenig Schlaf als auch stark wechselnde Schlafzeiten (z. B. am Wochenende) gehören zu den häufigsten berichteten Triggern.

Häufig

Unregelmäßige Mahlzeiten/Dehydratation

Ausgelassene Mahlzeiten und unzureichende Flüssigkeitszufuhr werden häufig als attackenauslösend berichtet.

Häufig

Stress & emotionale Belastung

Schulischer oder sozialer Stress sowie emotionale Belastungssituationen als relevante Triggerfaktoren, sowohl während als auch nach der Belastungsphase ("Erholungskopfschmerz").

Individuell variabel

Bildschirmzeit & Bewegungsmangel

Übermäßige Bildschirmzeit und mangelnde körperliche Aktivität werden von einem Teil der Familien als Trigger berichtet, wobei die Evidenzlage hier weniger eindeutig ist.

Selten, individuell

Bestimmte Nahrungsmittel

Bei einem kleineren Teil der Kinder werden spezifische Nahrungsmittel als Trigger identifiziert; eine pauschale Diät ohne individuellen Nachweis wird nicht empfohlen.

Hormonell

Menstruationszyklus

Bei Mädchen nach der Menarche kann eine zyklusabhängige Häufung der Migräneattacken auftreten.

Kopfschmerztagebuch als Basisinstrument: Ein über 4–8 Wochen geführtes Tagebuch mit Dokumentation von Häufigkeit, Dauer, Intensität, Begleitsymptomen und vermuteten Triggern liefert eine wichtige Grundlage sowohl für die individuelle Trigger-Identifikation als auch für die Entscheidung über eine mögliche Prophylaxetherapie.

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Differenzialdiagnose

Die wichtigste differenzialdiagnostische Aufgabe ist die Abgrenzung von sekundären Kopfschmerzursachen sowie von anderen primären Kopfschmerzsyndromen.

DifferenzialdiagnoseUnterscheidungsmerkmaleAbklärung
SpannungskopfschmerzMeist bilateral, drückend-dumpfer statt pulsierender Charakter, geringere Intensität, weniger ausgeprägte BegleitsymptomeKlinische Kriterien, siehe eigenständiges Krankheitsbild
Erhöhter intrakranieller Druck (z. B. Hydrozephalus, Raumforderung)Morgendliche Betonung, progrediente Verstärkung, begleitende neurologische Zeichen, Erbrechen ohne ÜbelkeitsphaseKraniale MRT bei entsprechendem Verdacht
Idiopathische intrakranielle HypertensionHäufig begleitende Sehstörungen, Stauungspapille bei FundoskopieAugenärztliche Untersuchung, Bildgebung, ggf. Lumbalpunktion mit Druckmessung
SinusitisBegleitende Zeichen des Infekts, andere Schmerzlokalisation und -charakteristikHNO-ärztliche Untersuchung, ggf. Bildgebung
MedikamentenübergebrauchskopfschmerzHäufiger Analgetikagebrauch in der Anamnese, chronifizierter VerlaufMedikamentenanamnese
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Therapie

Die Behandlung folgt einem multimodalen Konzept aus Verhaltensmaßnahmen, Trigger-Management, medikamentöser Akuttherapie und – bei häufigen Attacken – Prophylaxe.

Akuttherapie

SubstanzStellenwertBesonderheiten
IbuprofenErstlinientherapie der AkutattackeGute Wirksamkeitsevidenz im Kindesalter, frühzeitige Einnahme bei Attackenbeginn wichtig
ParacetamolAlternative ErstlinientherapieEtwas geringere Wirksamkeitsevidenz als Ibuprofen in vergleichenden Studien
Triptane (nasal/oral)Bei unzureichendem Ansprechen auf Analgetika, für bestimmte Substanzen im Kindesalter zugelassenAltersabhängige Zulassung beachten, gute Wirksamkeitsevidenz bei Jugendlichen
AntiemetikaBei ausgeprägter Übelkeit/Erbrechen als BegleittherapieUnterstützt die Wirksamkeit der analgetischen Therapie

Prophylaxe

VerhaltensmaßnahmenBasis bei jeder Migräne
Nicht-medikamentöse Prophylaxebei häufigen Attacken
Medikamentöse Prophylaxebei unzureichendem Ansprechen
Basis

Regelmäßiger Lebensstil

Regelmäßige Schlafzeiten, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und regelmäßige Mahlzeiten als Basismaßnahme bei jeder Form der kindlichen Migräne.

Gut belegt

Verhaltenstherapeutische Verfahren

Entspannungsverfahren, Biofeedback und kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze zeigen im Kindesalter eine gute Evidenz zur Reduktion der Attackenfrequenz.

Bei häufigen Attacken

Medikamentöse Prophylaxe

Bei erheblicher Beeinträchtigung oder hoher Attackenfrequenz kann eine medikamentöse Prophylaxe (verschiedene Substanzklassen mit unterschiedlicher Evidenzlage im Kindesalter) erwogen werden, stets in Kombination mit den nicht-medikamentösen Basismaßnahmen.

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Experten & Zentren

Die Betreuung der kindlichen Migräne erfolgt meist ambulant kinderärztlich oder neuropädiatrisch; bei chronischen oder therapierefraktären Verläufen ist die Anbindung an spezialisierte Kopfschmerzambulanzen sinnvoll.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Raymund Pothmann
Pädiatrische Schmerztherapie / Kopfschmerz
Deutsches Kinderschmerzzentrum
DATTELN
Langjährige Expertise in kindlicher Kopfschmerz- und Migränetherapie inkl. multimodaler Schmerztherapie
KinderkopfschmerzambulanzMultimodale Schmerztherapie
Prof. Dr. Boris Zernikow
Pädiatrische Schmerzmedizin
Vodafone Stiftungsinstitut für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin, Datteln
DATTELN
Führende deutsche Einrichtung für multimodale pädiatrische Kopfschmerz- und Schmerztherapie
Multimodale Schmerztherapie
🇦🇹 Österreich
Univ.-Prof. Dr. Martha Feucht
Pädiatrische Neurologie
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, AKH Wien
WIEN
Diagnostik und Betreuung kindlicher Kopfschmerzsyndrome inkl. Migräne
Kinderkopfschmerz-AmbulanzAKH Wien
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich – Neuropädiatrie
Kinderkopfschmerz-Sprechstunde
Kinderspital Zürich
ZÜRICH
Multimodale Diagnostik und Therapiesteuerung bei kindlicher Migräne und anderen Kopfschmerzsyndromen
Kinderkopfschmerz-Sprechstunde

Fachgesellschaften & Ressourcen: GNP – Gesellschaft für Neuropädiatrie · DMKG – Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft · AWMF-Leitlinie „Diagnostik und Therapie von Kopfschmerzen im Kindes- und Jugendalter" · International Headache Society (IHS) · kinderneurologie.eu