Grundlagen & Pathophysiologie
Die neonatale Sepsis ist eine systemische bakterielle Infektion des Neugeborenen mit potenziell rasch progredientem, lebensbedrohlichem Verlauf. Sie wird nach dem Manifestationszeitpunkt in eine Early-Onset-Sepsis (EOS) und eine Late-Onset-Sepsis (LOS) unterteilt, die sich in Erregerspektrum, Übertragungsweg und klinischem Bild unterscheiden.
Early-Onset vs. Late-Onset Sepsis
Risikofaktoren im Überblick
Mütterliche GBS-Kolonisierung
B-Streptokokken-Besiedlung des mütterlichen Genitaltrakts ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für eine Early-Onset-Sepsis.
Vorzeitiger Blasensprung
Ein Blasensprung >18 Stunden vor Geburt erhöht das Risiko einer aufsteigenden Infektion und damit einer Early-Onset-Sepsis.
Mütterliches Fieber/Chorioamnionitis
Intrapartales mütterliches Fieber und klinische Chorioamnionitis sind starke Prädiktoren für eine neonatale Infektion.
Frühgeburtlichkeit
Sowohl für Early- als auch für Late-Onset-Sepsis der wichtigste Einzelrisikofaktor, bedingt durch unreife Immunfunktion und Hautbarriere.
Invasive Katheter/Devices
Zentrale Venenkatheter und andere invasive Zugänge sind Haupteintrittspforten für die nosokomiale Late-Onset-Sepsis.
Verlängerter Intensivaufenthalt
Längere Verweildauer auf der neonatologischen Intensivstation erhöht kumulativ das Risiko einer Late-Onset-Sepsis.
Klinische Symptome
Die klinische Präsentation der neonatalen Sepsis ist häufig unspezifisch und erfordert eine hohe klinische Wachsamkeit, da eine verzögerte Diagnose und Therapie die Prognose deutlich verschlechtert.
Allgemeine/systemische Zeichen
- Temperaturinstabilität (Fieber oder Hypothermie)
- Lethargie, verminderte Spontanaktivität
- Trinkschwäche, Nahrungsunverträglichkeit
- Graues, marmoriertes Hautkolorit
- Verlängerte Rekapillarisierungszeit
Organbezogene Zeichen
- Tachypnoe, Apnoen, Ateminsuffizienz
- Tachykardie, Hypotonie, Schockzeichen
- Abdominelle Distension
- Ikterus (insbesondere bei früher Manifestation)
- Petechien, Blutungsneigung bei fortgeschrittener Erkrankung
Klinischer Sepsisverdacht
Unspezifische klinische Zeichen bei bestehenden Risikofaktoren, Diagnostik und ggf. empirischer Therapiebeginn.
Kulturpositive Sepsis
Positive Blutkultur mit klinisch relevantem Erreger bestätigt die Diagnose.
Fortgeschrittene Sepsis
Kreislaufinsuffizienz mit Notwendigkeit von Volumen- und/oder Katecholamintherapie.
Diagnostik
Die Diagnostik kombiniert klinische Risikoeinschätzung, mikrobiologischen Erregernachweis und laborchemische Entzündungsparameter, wobei die Therapieeinleitung bei klinischem Verdacht nicht auf das Kulturergebnis warten sollte.
- Klinische RisikoeinschätzungErfassung mütterlicher und kindlicher Risikofaktoren (GBS-Status, Blasensprungdauer, mütterliches Fieber) zur Einschätzung der Vortestwahrscheinlichkeit.
- Blutkultur vor AntibiotikagabeGoldstandard zum Erregernachweis; sollte immer vor Beginn der antibiotischen Therapie abgenommen werden.
- Laborchemische EntzündungsparameterCRP, Interleukin-6/-8, Blutbild mit Differenzialblutbild und Verhältnis unreifer zu reifer Neutrophiler (I/T-Ratio).
- Liquorpunktion bei BedarfBei klinischem Verdacht auf Meningitis oder positiver Blutkultur zur Beurteilung einer möglichen ZNS-Beteiligung.
- VerlaufsbeurteilungSerielle CRP-Bestimmungen und klinische Reevaluation zur Steuerung von Therapiedauer und -anpassung.
Erreger & Pathophysiologie im Detail
Das Erregerspektrum unterscheidet sich deutlich zwischen Early- und Late-Onset-Sepsis und hat direkte Konsequenzen für die kalkulierte antibiotische Therapie.
| Erreger | Typische Manifestation | Besonderheit |
|---|---|---|
| Streptococcus agalactiae (Gruppe-B-Streptokokken) | Überwiegend Early-Onset-Sepsis | Häufigster Erreger der EOS bei reifen Neugeborenen; vertikale Transmission unter der Geburt; Grundlage der intrapartalen Antibiotikaprophylaxe |
| Escherichia coli | Early- und Late-Onset-Sepsis | Besonders häufig bei Frühgeborenen; kann mit Meningitis assoziiert sein |
| Koagulase-negative Staphylokokken | Überwiegend Late-Onset-Sepsis | Häufigster Erreger der nosokomialen LOS, meist katheterassoziiert, insgesamt eher milderer Verlauf |
| Klebsiella spp. / Enterobacter spp. | Late-Onset-Sepsis | Relevante nosokomiale Erreger, Problematik zunehmender Antibiotikaresistenzen berücksichtigen |
| Listeria monocytogenes | Seltener, aber schwer verlaufender Erreger der EOS | Assoziiert mit bestimmten mütterlichen Ernährungsexpositionen; kann mekoniumhaltiges Fruchtwasser verursachen |
Labordiagnostik im Detail
| Methode | Indikation | Bedeutung / Besonderheit |
|---|---|---|
| Blutkultur | Bei jedem klinischen Sepsisverdacht, vor Antibiotikagabe | Goldstandard; ausreichendes Blutvolumen entscheidend für die Sensitivität |
| C-reaktives Protein (CRP) | Initial und im Verlauf (seriell) | Initial oft noch normwertig, Anstieg typischerweise verzögert um mehrere Stunden; Verlaufskontrolle sensitiver als Einzelwert |
| Interleukin-6/-8 | Frühdiagnostik, ergänzend zum CRP | Rascherer Anstieg als CRP, daher wertvoll in der Frühphase der Sepsis |
| Differenzialblutbild / I/T-Ratio | Basisdiagnostik bei Sepsisverdacht | Erhöhte I/T-Ratio (unreife zu reife Neutrophile) als zusätzlicher Hinweis auf eine Infektion |
| Liquordiagnostik | Bei Meningitisverdacht oder positiver Blutkultur | Zellzahl, Eiweiß, Glukose und Erregernachweis zur Beurteilung einer ZNS-Beteiligung |
| Prokalzitonin (ergänzend) | Zusätzlicher Entzündungsmarker in ausgewählten Zentren | Physiologischer postnataler Anstieg in den ersten Lebensstunden muss bei der Interpretation berücksichtigt werden |
Differenzialdiagnosen
Zahlreiche nicht-infektiöse und infektiöse Erkrankungen können der neonatalen Sepsis klinisch ähneln und müssen berücksichtigt werden.
| Differenzialdiagnose | Ähnlichkeit | Schlüsselunterschied | Diagnostik |
|---|---|---|---|
| Atemnotsyndrom (RDS) | Ateminsuffizienz, Temperaturinstabilität | Radiologisch typisches feingranuläres Muster, Ansprechen auf Surfactant, meist fehlende Infektionszeichen im Verlauf | Röntgen-Thorax, CRP-Verlauf |
| Angeborene Stoffwechselerkrankungen | Lethargie, Trinkschwäche, Bewusstseinstrübung | Charakteristische metabolische Laborveränderungen (Ammoniak, Laktat), oft symptomfreies Intervall | Erweitertes Stoffwechsellabor |
| Angeborener Herzfehler mit Kreislaufinsuffizienz | Blässe, Tachykardie, Kreislaufinstabilität | Spezifischer echokardiographischer Befund, oft fehlendes Ansprechen auf antibiotische Therapie | Echokardiographie, Hyperoxietest |
| Neonatale Hypoglykämie | Lethargie, Zittrigkeit, Apnoen | Rasche klinische Besserung nach Glukosegabe, kein Infektionsnachweis | Blutzuckerbestimmung |
| Nekrotisierende Enterokolitis | Temperaturinstabilität, Lethargie, Kreislaufinstabilität | Führende abdominelle Symptomatik, charakteristischer Röntgenbefund (Pneumatosis intestinalis) | Röntgen-Abdomen |
Therapie
Die Therapie der neonatalen Sepsis erfordert einen zeitkritischen, kalkulierten Therapiebeginn, der nach Erregernachweis gezielt angepasst wird, ergänzt durch supportive intensivmedizinische Maßnahmen bei schwerem Verlauf.
-
STUFE 1Kalkulierte Antibiotikatherapie▼
Sofortiger Therapiebeginn: Bei klinischem Sepsisverdacht unverzüglicher Beginn einer breiten Kombinationstherapie nach Abnahme der Blutkultur, ohne auf das Kulturergebnis zu warten.
Erregerspektrum-adaptierte Wahl: Bei Early-Onset-Sepsis Abdeckung von B-Streptokokken und gramnegativen Enterobakterien; bei Late-Onset-Sepsis zusätzliche Berücksichtigung von Staphylokokken und nosokomialen Erregern entsprechend lokalem Resistenzprofil.
Reevaluation nach 36–48 Stunden: Anpassung oder Beendigung der Therapie basierend auf Kulturergebnis, klinischem Verlauf und CRP-Verlauf. -
STUFE 2Gezielte, erregerspezifische Therapie▼
Deeskalation nach Antibiogramm: Umstellung auf ein möglichst schmales, erregerspezifisches Antibiotikum sobald Erreger und Resistenzprofil bekannt sind.
Therapiedauer: Richtet sich nach Erreger, klinischem Verlauf und ggf. Vorliegen einer Meningitis; bei unkomplizierter Bakteriämie meist kürzere, bei Meningitis deutlich längere Therapiedauer.
Fokussuche: Bei Late-Onset-Sepsis systematische Suche nach infektiösem Fokus (z.B. Katheterinfektion, Pneumonie) zur gezielten Fokussanierung. -
STUFE 3Supportive Intensivtherapie▼
Kreislaufstabilisierung: Volumentherapie und ggf. Katecholamingabe bei septischem Schock zur Aufrechterhaltung einer adäquaten Organperfusion.
Respiratorische Unterstützung: Von Sauerstoffgabe bis zur invasiven Beatmung je nach Ausmaß der respiratorischen Beeinträchtigung.
Gerinnungs- und Blutzuckermanagement: Engmaschige Kontrolle und Korrektur von Koagulopathie, Thrombozytopenie und Blutzuckerentgleisungen. -
STUFE 4Prävention▼
Intrapartale Antibiotikaprophylaxe: Bei bekannter mütterlicher GBS-Kolonisierung oder relevanten Risikofaktoren zur Reduktion der Early-Onset-Sepsis-Inzidenz.
Hygienemaßnahmen auf der Neonatologie: Konsequente Händehygiene, Kathetermanagement-Protokolle und Antibiotic-Stewardship-Programme zur Reduktion nosokomialer Late-Onset-Sepsis-Fälle.
Förderung der Muttermilchernährung: Assoziiert mit einem reduzierten Risiko für Late-Onset-Sepsis, insbesondere bei Frühgeborenen.
Monitoring unter Therapie – Übersicht
Laborchemisches Monitoring
Serielle CRP- und Blutbildkontrollen zur Beurteilung des Therapieansprechens und zur Steuerung der Therapiedauer.
Kreislaufmonitoring
Kontinuierliche Überwachung von Herzfrequenz, Blutdruck und Rekapillarisierungszeit bei jedem Sepsisverdacht.
Antibiotic Stewardship
Regelmäßige Reevaluation der Notwendigkeit und Dauer der antibiotischen Therapie zur Vermeidung von Übertherapie und Resistenzentwicklung.
Neurologisches Monitoring
Bei Meningitis engmaschige neurologische Verlaufsbeurteilung und ggf. Bildgebung zur Erfassung von Komplikationen.
Prognose: Bei frühzeitiger Diagnose und zeitgerechtem Therapiebeginn ist die Prognose der unkomplizierten neonatalen Sepsis überwiegend gut. Eine verzögerte Diagnosestellung, ein septischer Schock oder eine begleitende Meningitis sind jedoch mit einer relevanten Morbidität und Mortalität sowie einem erhöhten Risiko für neurologische Langzeitfolgen assoziiert – dies unterstreicht die Bedeutung eines niedrigschwelligen klinischen Verdachts und einer konsequenten Diagnostik und Therapie.
Expertenzentren D-A-CH
Spezialisierte neonatologisch-infektiologische Zentren für die Versorgung der neonatalen Sepsis in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Fachgesellschaften & Ressourcen: GNPI – Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin · Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) · AWMF-Leitlinie Bakterielle Infektionen bei Neugeborenen · Swiss Neonatal Network