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Grundlagen & Pathophysiologie

Die neonatale Sepsis ist eine systemische bakterielle Infektion des Neugeborenen mit potenziell rasch progredientem, lebensbedrohlichem Verlauf. Sie wird nach dem Manifestationszeitpunkt in eine Early-Onset-Sepsis (EOS) und eine Late-Onset-Sepsis (LOS) unterteilt, die sich in Erregerspektrum, Übertragungsweg und klinischem Bild unterscheiden.

Early-Onset vs. Late-Onset Sepsis

Early-Onset (<72 h)Peripartal erworben, vertikale Transmission
Übergangszone (72 h–7 Tage)Überlappende Charakteristika möglich
Late-Onset (>72 h)Meist nosokomial/postnatal erworben
~0,5–1‰
Inzidenz der Early-Onset-Sepsis bei reifen Neugeborenen
↑ bei FG
Deutlich höhere Late-Onset-Sepsis-Inzidenz bei sehr unreifen Frühgeborenen
<72 h
Definierendes Zeitfenster für Early-Onset-Sepsis
B-Strept./E.coli
Häufigste Erreger der Early-Onset-Sepsis

Risikofaktoren im Überblick

🦠

Mütterliche GBS-Kolonisierung

B-Streptokokken-Besiedlung des mütterlichen Genitaltrakts ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für eine Early-Onset-Sepsis.

💧

Vorzeitiger Blasensprung

Ein Blasensprung >18 Stunden vor Geburt erhöht das Risiko einer aufsteigenden Infektion und damit einer Early-Onset-Sepsis.

🌡️

Mütterliches Fieber/Chorioamnionitis

Intrapartales mütterliches Fieber und klinische Chorioamnionitis sind starke Prädiktoren für eine neonatale Infektion.

👶

Frühgeburtlichkeit

Sowohl für Early- als auch für Late-Onset-Sepsis der wichtigste Einzelrisikofaktor, bedingt durch unreife Immunfunktion und Hautbarriere.

💉

Invasive Katheter/Devices

Zentrale Venenkatheter und andere invasive Zugänge sind Haupteintrittspforten für die nosokomiale Late-Onset-Sepsis.

🏥

Verlängerter Intensivaufenthalt

Längere Verweildauer auf der neonatologischen Intensivstation erhöht kumulativ das Risiko einer Late-Onset-Sepsis.

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Klinische Symptome

Die klinische Präsentation der neonatalen Sepsis ist häufig unspezifisch und erfordert eine hohe klinische Wachsamkeit, da eine verzögerte Diagnose und Therapie die Prognose deutlich verschlechtert.

Allgemeine/systemische Zeichen

  • Temperaturinstabilität (Fieber oder Hypothermie)
  • Lethargie, verminderte Spontanaktivität
  • Trinkschwäche, Nahrungsunverträglichkeit
  • Graues, marmoriertes Hautkolorit
  • Verlängerte Rekapillarisierungszeit

Organbezogene Zeichen

  • Tachypnoe, Apnoen, Ateminsuffizienz
  • Tachykardie, Hypotonie, Schockzeichen
  • Abdominelle Distension
  • Ikterus (insbesondere bei früher Manifestation)
  • Petechien, Blutungsneigung bei fortgeschrittener Erkrankung
Verdacht

Klinischer Sepsisverdacht

Unspezifische klinische Zeichen bei bestehenden Risikofaktoren, Diagnostik und ggf. empirischer Therapiebeginn.

Gesichert

Kulturpositive Sepsis

Positive Blutkultur mit klinisch relevantem Erreger bestätigt die Diagnose.

Septischer Schock

Fortgeschrittene Sepsis

Kreislaufinsuffizienz mit Notwendigkeit von Volumen- und/oder Katecholamintherapie.

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Diagnostik

Die Diagnostik kombiniert klinische Risikoeinschätzung, mikrobiologischen Erregernachweis und laborchemische Entzündungsparameter, wobei die Therapieeinleitung bei klinischem Verdacht nicht auf das Kulturergebnis warten sollte.

  1. Klinische RisikoeinschätzungErfassung mütterlicher und kindlicher Risikofaktoren (GBS-Status, Blasensprungdauer, mütterliches Fieber) zur Einschätzung der Vortestwahrscheinlichkeit.
  2. Blutkultur vor AntibiotikagabeGoldstandard zum Erregernachweis; sollte immer vor Beginn der antibiotischen Therapie abgenommen werden.
  3. Laborchemische EntzündungsparameterCRP, Interleukin-6/-8, Blutbild mit Differenzialblutbild und Verhältnis unreifer zu reifer Neutrophiler (I/T-Ratio).
  4. Liquorpunktion bei BedarfBei klinischem Verdacht auf Meningitis oder positiver Blutkultur zur Beurteilung einer möglichen ZNS-Beteiligung.
  5. VerlaufsbeurteilungSerielle CRP-Bestimmungen und klinische Reevaluation zur Steuerung von Therapiedauer und -anpassung.
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Erreger & Pathophysiologie im Detail

Das Erregerspektrum unterscheidet sich deutlich zwischen Early- und Late-Onset-Sepsis und hat direkte Konsequenzen für die kalkulierte antibiotische Therapie.

ErregerTypische ManifestationBesonderheit
Streptococcus agalactiae (Gruppe-B-Streptokokken)Überwiegend Early-Onset-SepsisHäufigster Erreger der EOS bei reifen Neugeborenen; vertikale Transmission unter der Geburt; Grundlage der intrapartalen Antibiotikaprophylaxe
Escherichia coliEarly- und Late-Onset-SepsisBesonders häufig bei Frühgeborenen; kann mit Meningitis assoziiert sein
Koagulase-negative StaphylokokkenÜberwiegend Late-Onset-SepsisHäufigster Erreger der nosokomialen LOS, meist katheterassoziiert, insgesamt eher milderer Verlauf
Klebsiella spp. / Enterobacter spp.Late-Onset-SepsisRelevante nosokomiale Erreger, Problematik zunehmender Antibiotikaresistenzen berücksichtigen
Listeria monocytogenesSeltener, aber schwer verlaufender Erreger der EOSAssoziiert mit bestimmten mütterlichen Ernährungsexpositionen; kann mekoniumhaltiges Fruchtwasser verursachen
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Labordiagnostik im Detail

MethodeIndikationBedeutung / Besonderheit
BlutkulturBei jedem klinischen Sepsisverdacht, vor AntibiotikagabeGoldstandard; ausreichendes Blutvolumen entscheidend für die Sensitivität
C-reaktives Protein (CRP)Initial und im Verlauf (seriell)Initial oft noch normwertig, Anstieg typischerweise verzögert um mehrere Stunden; Verlaufskontrolle sensitiver als Einzelwert
Interleukin-6/-8Frühdiagnostik, ergänzend zum CRPRascherer Anstieg als CRP, daher wertvoll in der Frühphase der Sepsis
Differenzialblutbild / I/T-RatioBasisdiagnostik bei SepsisverdachtErhöhte I/T-Ratio (unreife zu reife Neutrophile) als zusätzlicher Hinweis auf eine Infektion
LiquordiagnostikBei Meningitisverdacht oder positiver BlutkulturZellzahl, Eiweiß, Glukose und Erregernachweis zur Beurteilung einer ZNS-Beteiligung
Prokalzitonin (ergänzend)Zusätzlicher Entzündungsmarker in ausgewählten ZentrenPhysiologischer postnataler Anstieg in den ersten Lebensstunden muss bei der Interpretation berücksichtigt werden
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Differenzialdiagnosen

Zahlreiche nicht-infektiöse und infektiöse Erkrankungen können der neonatalen Sepsis klinisch ähneln und müssen berücksichtigt werden.

DifferenzialdiagnoseÄhnlichkeitSchlüsselunterschiedDiagnostik
Atemnotsyndrom (RDS)Ateminsuffizienz, TemperaturinstabilitätRadiologisch typisches feingranuläres Muster, Ansprechen auf Surfactant, meist fehlende Infektionszeichen im VerlaufRöntgen-Thorax, CRP-Verlauf
Angeborene StoffwechselerkrankungenLethargie, Trinkschwäche, BewusstseinstrübungCharakteristische metabolische Laborveränderungen (Ammoniak, Laktat), oft symptomfreies IntervallErweitertes Stoffwechsellabor
Angeborener Herzfehler mit KreislaufinsuffizienzBlässe, Tachykardie, KreislaufinstabilitätSpezifischer echokardiographischer Befund, oft fehlendes Ansprechen auf antibiotische TherapieEchokardiographie, Hyperoxietest
Neonatale HypoglykämieLethargie, Zittrigkeit, ApnoenRasche klinische Besserung nach Glukosegabe, kein InfektionsnachweisBlutzuckerbestimmung
Nekrotisierende EnterokolitisTemperaturinstabilität, Lethargie, KreislaufinstabilitätFührende abdominelle Symptomatik, charakteristischer Röntgenbefund (Pneumatosis intestinalis)Röntgen-Abdomen
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Therapie

Die Therapie der neonatalen Sepsis erfordert einen zeitkritischen, kalkulierten Therapiebeginn, der nach Erregernachweis gezielt angepasst wird, ergänzt durch supportive intensivmedizinische Maßnahmen bei schwerem Verlauf.

  • STUFE 1Kalkulierte Antibiotikatherapie

    Sofortiger Therapiebeginn: Bei klinischem Sepsisverdacht unverzüglicher Beginn einer breiten Kombinationstherapie nach Abnahme der Blutkultur, ohne auf das Kulturergebnis zu warten.
    Erregerspektrum-adaptierte Wahl: Bei Early-Onset-Sepsis Abdeckung von B-Streptokokken und gramnegativen Enterobakterien; bei Late-Onset-Sepsis zusätzliche Berücksichtigung von Staphylokokken und nosokomialen Erregern entsprechend lokalem Resistenzprofil.
    Reevaluation nach 36–48 Stunden: Anpassung oder Beendigung der Therapie basierend auf Kulturergebnis, klinischem Verlauf und CRP-Verlauf.

  • STUFE 2Gezielte, erregerspezifische Therapie

    Deeskalation nach Antibiogramm: Umstellung auf ein möglichst schmales, erregerspezifisches Antibiotikum sobald Erreger und Resistenzprofil bekannt sind.
    Therapiedauer: Richtet sich nach Erreger, klinischem Verlauf und ggf. Vorliegen einer Meningitis; bei unkomplizierter Bakteriämie meist kürzere, bei Meningitis deutlich längere Therapiedauer.
    Fokussuche: Bei Late-Onset-Sepsis systematische Suche nach infektiösem Fokus (z.B. Katheterinfektion, Pneumonie) zur gezielten Fokussanierung.

  • STUFE 3Supportive Intensivtherapie

    Kreislaufstabilisierung: Volumentherapie und ggf. Katecholamingabe bei septischem Schock zur Aufrechterhaltung einer adäquaten Organperfusion.
    Respiratorische Unterstützung: Von Sauerstoffgabe bis zur invasiven Beatmung je nach Ausmaß der respiratorischen Beeinträchtigung.
    Gerinnungs- und Blutzuckermanagement: Engmaschige Kontrolle und Korrektur von Koagulopathie, Thrombozytopenie und Blutzuckerentgleisungen.

  • STUFE 4Prävention

    Intrapartale Antibiotikaprophylaxe: Bei bekannter mütterlicher GBS-Kolonisierung oder relevanten Risikofaktoren zur Reduktion der Early-Onset-Sepsis-Inzidenz.
    Hygienemaßnahmen auf der Neonatologie: Konsequente Händehygiene, Kathetermanagement-Protokolle und Antibiotic-Stewardship-Programme zur Reduktion nosokomialer Late-Onset-Sepsis-Fälle.
    Förderung der Muttermilchernährung: Assoziiert mit einem reduzierten Risiko für Late-Onset-Sepsis, insbesondere bei Frühgeborenen.

Monitoring unter Therapie – Übersicht

🩸

Laborchemisches Monitoring

Serielle CRP- und Blutbildkontrollen zur Beurteilung des Therapieansprechens und zur Steuerung der Therapiedauer.

🫀

Kreislaufmonitoring

Kontinuierliche Überwachung von Herzfrequenz, Blutdruck und Rekapillarisierungszeit bei jedem Sepsisverdacht.

💊

Antibiotic Stewardship

Regelmäßige Reevaluation der Notwendigkeit und Dauer der antibiotischen Therapie zur Vermeidung von Übertherapie und Resistenzentwicklung.

🧠

Neurologisches Monitoring

Bei Meningitis engmaschige neurologische Verlaufsbeurteilung und ggf. Bildgebung zur Erfassung von Komplikationen.

Prognose: Bei frühzeitiger Diagnose und zeitgerechtem Therapiebeginn ist die Prognose der unkomplizierten neonatalen Sepsis überwiegend gut. Eine verzögerte Diagnosestellung, ein septischer Schock oder eine begleitende Meningitis sind jedoch mit einer relevanten Morbidität und Mortalität sowie einem erhöhten Risiko für neurologische Langzeitfolgen assoziiert – dies unterstreicht die Bedeutung eines niedrigschwelligen klinischen Verdachts und einer konsequenten Diagnostik und Therapie.

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Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte neonatologisch-infektiologische Zentren für die Versorgung der neonatalen Sepsis in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Universitätsklinikum Frankfurt
Neonatologie & pädiatrische Infektiologie
Perinatalzentrum Level 1
FRANKFURT AM MAIN
Antibiotic-Stewardship-Programm; Forschung zu neonatalen Biomarkern der Sepsis
Antibiotic Stewardship
Universitätsklinikum Freiburg
Neonatologie
Perinatalzentrum Level 1
FREIBURG
Versorgung schwerer Sepsisverläufe; strukturierte Hygiene- und Infektionspräventionsprogramme
Infektionsprävention
Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin (GNPI)
Nationales Fachnetzwerk
GNPI e.V.
DEUTSCHLAND
Nationale Leitlinienarbeit zu Diagnostik und Therapie der neonatalen Sepsis
GNPI-Leitlinien
🇦🇹 Österreich
Medizinische Universität Wien
Neonatologie
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Wien
WIEN
Diagnostik und Management der neonatalen Sepsis; interdisziplinäre Infektiologie-Konsile
Infektiologie-Konsile
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich
Neonatologie & pädiatrische Infektiologie
Perinatalzentrum Zürich
ZÜRICH
Beteiligung an Schweizer Sepsis-Surveillance-Programmen; Antibiotic Stewardship
Sepsis-Surveillance

Fachgesellschaften & Ressourcen: GNPI – Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin · Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) · AWMF-Leitlinie Bakterielle Infektionen bei Neugeborenen · Swiss Neonatal Network