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Grundlagen & Pathophysiologie

Die Frühgeborenenretinopathie ist eine pathologische, vaskuloproliferative Erkrankung der noch unvollständig entwickelten retinalen Gefäße Frühgeborener und zählt zu den wichtigsten vermeidbaren Ursachen kindlicher Erblindung weltweit.

Zweiphasiges Krankheitsmodell

Phase 1: Postnataler GefäßwachstumsstoppRelativer Sauerstoffüberschuss im Vergleich zur intrauterinen Situation
Phase 2: Pathologische NeovaskularisationRelative Hypoxie der noch avaskulären Netzhautperipherie triggert überschießendes Gefäßwachstum
Fortschreitende fibrovaskuläre ProliferationZunehmendes Risiko für Traktion
NetzhautablösungBei fehlender Behandlung im fortgeschrittenen Stadium
<32 SSW / <1500 g
Klassische Screening-Grenzwerte der Hauptrisikogruppe
Zweiphasig
Initialer Gefäßwachstumsstopp gefolgt von pathologischer Neovaskularisation
Stadien I–V
Internationale Klassifikation nach Schweregrad, Zone und Ausdehnung
Vermeidbare Erblindungsursache
Bei rechtzeitigem Screening und Therapie in den meisten Fällen abwendbar

Risikofaktoren im Überblick

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Extreme Unreife

Je niedriger Gestationsalter und Geburtsgewicht, desto höher das ROP-Risiko und der potenzielle Schweregrad.

🫁

Sauerstofftherapie

Sowohl unzureichend kontrollierte Hyperoxie als auch stark schwankende Sauerstoffsättigungswerte begünstigen die Entstehung einer ROP.

📉

Postnatale Wachstumsretardierung

Ein unzureichendes postnatales Gewichts- und IGF-1-Wachstum ist mit einem erhöhten ROP-Risiko assoziiert.

🦠

Neonatale Sepsis

Systemische Infektionen können über inflammatorische Mechanismen das ROP-Risiko zusätzlich erhöhen.

🩸

Wiederholte Bluttransfusionen

Werden als möglicher zusätzlicher Risikofaktor für die Entwicklung und Progression einer ROP diskutiert.

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Bronchopulmonale Dysplasie

Als Marker einer besonders unreifen und komplizierten postnatalen Entwicklung häufig mit erhöhtem ROP-Risiko assoziiert.

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Klinische Symptome

Die ROP verläuft in ihrer frühen, therapeutisch relevanten Phase klinisch vollständig ohne äußerlich erkennbare Symptome – erst im fortgeschrittenen Stadium werden Auffälligkeiten sichtbar.

Frühphase

  • Keine äußerlich erkennbaren Symptome
  • Ausschließlich durch Fundusuntersuchung erkennbar
  • Kind klinisch unauffällig hinsichtlich der Augen

Fortgeschrittenes Stadium (unbehandelt)

  • Leukokorie (weißlicher Pupillenreflex)
  • Strabismus
  • Fehlende visuelle Fixation
  • Nystagmus bei bilateraler schwerer Beteiligung
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Diagnostik

Die Diagnostik basiert auf einem strukturierten, zeitlich definierten augenärztlichen Screening-Protokoll mittels indirekter Ophthalmoskopie bei allen Risikokindern.

  1. Festlegung der Screening-PopulationDefinition der zu screenenden Risikogruppe anhand von Gestationsalter und Geburtsgewicht nach nationalem Protokoll.
  2. Erste augenärztliche UntersuchungZeitlich festgelegter Beginn der ersten Fundusuntersuchung, abgestimmt auf das Gestationsalter des Kindes.
  3. Indirekte binokulare OphthalmoskopieStandarduntersuchungsmethode zur Beurteilung von Zone, Stadium und Ausmaß der retinalen Gefäßveränderungen.
  4. Serielle VerlaufsuntersuchungenRegelmäßige Wiederholungsuntersuchungen in festgelegten Intervallen bis zur vollständigen Gefäßreifung oder Behandlungsentscheidung.
  5. Digitale Fundusfotografie (ergänzend)Kann zur Dokumentation und ggf. telemedizinischen Beurteilung ergänzend eingesetzt werden.
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Stadien & Klassifikation im Detail

Die internationale Klassifikation beschreibt die ROP anhand von Stadium, Zone und Ausdehnung sowie dem Vorliegen einer sogenannten „Plus-Disease".

StadiumBefundKlinische Bedeutung
Stadium IDemarkationslinie zwischen vaskularisierter und avaskulärer NetzhautMilde Form, häufig spontane Regression ohne Behandlungsbedarf
Stadium IIErhabene Randleiste (Ridge) statt flacher DemarkationslinieWeiterhin oft spontan regredient, engmaschige Verlaufskontrolle erforderlich
Stadium IIIExtraretinale fibrovaskuläre ProliferationBehandlungsrelevantes Stadium, insbesondere in Kombination mit „Plus-Disease" oder ungünstiger Zonenlokalisation
Stadium IVPartielle NetzhautablösungFortgeschrittenes Stadium mit erheblichem Visusrisiko, dringlicher Behandlungsbedarf
Stadium VVollständige NetzhautablösungSchwerstes Stadium mit hohem Erblindungsrisiko trotz Behandlung
„Plus-Disease"Zusätzliche Gefäßdilatation und -schlängelung der posterioren retinalen GefäßeWichtiger zusätzlicher Schweregrad- und Aktivitätsindikator, unabhängig vom Stadium behandlungsrelevant
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Screening im Detail

AspektBeschreibungBedeutung / Besonderheit
Screening-PopulationFrühgeborene unterhalb definierter Gestationsalters- und Geburtsgewichtsgrenzen sowie ausgewählte Risikokinder darüberNationale Protokolle legen die genauen Grenzwerte fest; erweiterte Kriterien bei zusätzlichen Risikofaktoren
Zeitpunkt der ErstuntersuchungFestgelegt in Abhängigkeit vom Gestationsalter bei GeburtWeder zu früh (Netzhaut noch nicht ausreichend beurteilbar) noch zu spät (Risiko einer verpassten frühen Behandlungsindikation)
UntersuchungsintervalleAbhängig vom Ausgangsbefund, reichen von wöchentlich bis mehrwöchentlichEngmaschigere Kontrollen bei grenzwertigen oder progredienten Befunden
Abschlusskriterien des ScreeningsVollständige Vaskularisierung der Netzhaut oder anderweitig gesicherter Ausschluss einer behandlungsbedürftigen ROPErst nach Erreichen definierter Kriterien kann das Screening beendet werden
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Differenzialdiagnosen

Andere Ursachen retinaler Auffälligkeiten oder einer Leukokorie im Säuglingsalter müssen von der klassischen ROP abgegrenzt werden.

DifferenzialdiagnoseÄhnlichkeitSchlüsselunterschiedDiagnostik
Familiäre exsudative Vitreoretinopathie (FEVR)Periphere retinale Gefäßveränderungen, ggf. NetzhautablösungGenetisch bedingt, tritt auch bei reif geborenen Kindern auf, oft familiäre HäufungGenetische Diagnostik, Familienanamnese
RetinoblastomLeukokorieIntraokulare Raumforderung statt peripherer Gefäßproliferation, unabhängig von FrühgeburtlichkeitBildgebung (Sonographie, MRT), ophthalmologische Untersuchung
Persistierender fetaler Glaskörper (PFV)Leukokorie, retinale TraktionMeist einseitig, mit charakteristischen Glaskörperresten, nicht an Frühgeburtlichkeit gebundenOphthalmologische Untersuchung, Bildgebung
Kongenitale KataraktLeukokorieTrübung der Linse statt retinaler Gefäßveränderung, unterschiedlicher ophthalmologischer BefundSpaltlampenuntersuchung
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Therapie

Die Therapie zielt auf die zeitgerechte Behandlung behandlungsbedürftiger Stadien ab, um eine Progression zur Netzhautablösung und damit eine drohende Erblindung zu verhindern.

  • STUFE 1Präventive Sauerstoffsteuerung

    Zielorientierte Sauerstoffsättigung: Sorgfältige Einhaltung definierter Sättigungszielbereiche bei allen Frühgeborenen zur Minimierung des ROP-Risikos.
    Vermeidung von Sättigungsschwankungen: Stabile, wenig schwankende Sauerstoffversorgung wird als günstiger für die retinale Gefäßentwicklung angesehen als stark fluktuierende Werte.

  • STUFE 2Laserkoagulation

    Indikation: Bei behandlungsbedürftiger ROP, insbesondere Stadium III mit „Plus-Disease" oder ungünstiger Zonenlokalisation.
    Wirkprinzip: Ablation der avaskulären peripheren Netzhaut zur Reduktion des angiogenen Stimulus und damit Unterbrechung der pathologischen Gefäßproliferation.
    Zeitkritisches Vorgehen: Die Behandlung sollte zeitnah nach Diagnosestellung erfolgen, da sich der Befund rasch verschlechtern kann.

  • STUFE 3Anti-VEGF-Therapie

    Wirkprinzip: Intravitreale Injektion eines Anti-VEGF-Wirkstoffs zur Hemmung des vaskulären endothelialen Wachstumsfaktors, der die pathologische Neovaskularisation antreibt.
    Indikation: Insbesondere bei bestimmten aggressiven ROP-Formen oder bei Kontraindikationen bzw. eingeschränkter Durchführbarkeit der Laserkoagulation.
    Verlängerte Nachsorgepflicht: Nach Anti-VEGF-Therapie ist aufgrund des Risikos einer verzögerten Reaktivierung eine besonders lange und engmaschige augenärztliche Nachsorge erforderlich.

  • STUFE 4Vitreoretinale Chirurgie bei fortgeschrittener ROP

    Indikation: Bei bereits eingetretener partieller oder vollständiger Netzhautablösung (Stadium IV/V).
    Verfahren: Spezialisierte vitreoretinale Operationstechniken zur Wiederanlegung der Netzhaut, mit dem Ziel, zumindest ein gewisses Sehvermögen zu erhalten.
    Eingeschränkte Prognose: Trotz operativer Intervention ist die visuelle Prognose in fortgeschrittenen Stadien deutlich eingeschränkt.

Monitoring unter Therapie – Übersicht

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Ophthalmologisches Verlaufsmonitoring

Engmaschige augenärztliche Kontrollen bis zum Erreichen stabiler, ausgereifter Netzhautverhältnisse.

🫁

Sauerstoffsättigungs-Monitoring

Kontinuierliche Überwachung zur Einhaltung der Sättigungszielbereiche während der intensivmedizinischen Betreuung.

👓

Langzeit-Sehentwicklungsmonitoring

Strukturierte Nachsorge auch nach Abschluss der akuten ROP-Behandlung zur Erfassung von Refraktionsfehlern, Strabismus oder Amblyopie.

Prognose: Die überwiegende Mehrheit der milden ROP-Stadien (I und II) bildet sich spontan zurück und hinterlässt keine relevante Sehbeeinträchtigung. Bei rechtzeitig erkannter und behandelter höhergradiger ROP (Stadium III mit Plus-Disease) ist die Prognose durch Laser- oder Anti-VEGF-Therapie heute überwiegend gut. Fortgeschrittene Stadien mit bereits eingetretener Netzhautablösung sind hingegen mit einem erheblichen Risiko für eine bleibende, teils schwere Sehbehinderung assoziiert, was die zentrale Bedeutung des strukturierten Screenings unterstreicht.

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Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte neonatologisch-ophthalmologische Zentren für das ROP-Screening und die Behandlung in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Universitätsklinikum Köln
Ophthalmologie & Neonatologie
Zentrum für Frühgeborenenretinopathie
KÖLN
Strukturiertes ROP-Screening-Programm; Laser- und Anti-VEGF-Therapie
ROP-Screening-Zentrum
Universitätsklinikum Bonn
Ophthalmologie
Klinik für Augenheilkunde
BONN
Vitreoretinale Chirurgie bei fortgeschrittener ROP
Vitreoretinale Chirurgie
🇦🇹 Österreich
Medizinische Universität Wien
Ophthalmologie & Neonatologie
Universitätsklinik für Augenheilkunde Wien
WIEN
Österreichisches Referenzzentrum für Frühgeborenenretinopathie
Referenzzentrum Wien
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital Zürich
Ophthalmologie
Perinatalzentrum Zürich
ZÜRICH
Strukturiertes ROP-Screening und Langzeit-Sehentwicklungsnachsorge
Sehentwicklungsnachsorge

Fachgesellschaften & Ressourcen: Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) · GNPI – Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin · AWMF-Leitlinie Augenärztliche Screening-Untersuchung von Frühgeborenen