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Grundlagen & Pathophysiologie

Die bronchopulmonale Dysplasie (BPD) ist die häufigste chronische Lungenerkrankung der Frühgeburtlichkeit und entsteht durch das Zusammenspiel von unreifem Lungengewebe, mechanischer Beatmung, Sauerstofftoxizität und Entzündungsprozessen, die die normale Alveolar- und Gefäßentwicklung stören.

„Alte" vs. „Neue" BPD

Unreife LungeSakkuläres Entwicklungsstadium
Beatmung/O₂-ExpositionBarotrauma, oxidativer Stress
EntzündungskaskadeZytokinvermittelte Gewebsschädigung
Gestörte AlveolarisierungVereinfachte, vergrößerte Alveolen
Pulmonal-vaskuläre DysplasieRisiko für pulmonale Hypertonie
~40–50 %
Inzidenz bei Frühgeborenen <28 SSW bzw. <1000 g Geburtsgewicht
28. LT
Definierender Zeitpunkt für chronischen Sauerstoffbedarf
36 SSW
Korrigiertes Alter zur endgültigen Schweregradeinteilung
↑Inzidenz
Trotz Überleben zunehmend unreiferer Frühgeborener eher steigend

Risikofaktoren im Überblick

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Extreme Unreife

Je niedriger Gestationsalter und Geburtsgewicht, desto höher das BPD-Risiko – der mit Abstand stärkste Einzelfaktor.

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Mechanische Beatmung

Hohe Tidalvolumina und Beatmungsdrücke verursachen Volu-/Barotrauma mit konsekutiver Entzündungsreaktion und gestörter Alveolarisierung.

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Sauerstofftoxizität

Hohe inspiratorische Sauerstoffkonzentrationen fördern oxidativen Stress und schädigen das unreife Lungenepithel und -gefäßsystem.

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Perinatale Infektion/Chorioamnionitis

Intrauterine und postnatale Infektionen triggern eine systemische Entzündungsreaktion, die die pulmonale Entwicklung zusätzlich beeinträchtigt.

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Hämodynamisch relevanter PDA

Ein anhaltend offener Ductus arteriosus mit relevantem Links-rechts-Shunt kann durch pulmonale Überflutung die Lungenschädigung verstärken.

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Postnatale Mangelernährung

Unzureichende Nährstoffzufuhr beeinträchtigt Wachstum und Reparaturprozesse des Lungengewebes und erhöht das BPD-Risiko.

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Klinische Symptome

Die BPD manifestiert sich als anhaltender Sauerstoff- und/oder Beatmungsbedarf über die akute RDS-Phase hinaus, mit charakteristischen klinischen und funktionellen Zeichen einer chronischen Lungenerkrankung.

Kardinalsymptome

Respiratorische Zeichen

  • Anhaltender Sauerstoffbedarf über den 28. Lebenstag hinaus
  • Tachydyspnoe, thorakale Einziehungen
  • Rezidivierende Bronchospastik/Giemen
  • Häufige respiratorische Exazerbationen bei Infekten

Systemische Begleiterscheinungen

  • Gedeihstörung durch erhöhten Energiebedarf
  • Verzögerte motorische Entwicklung möglich
  • Zeichen der Rechtsherzbelastung bei pulmonaler Hypertonie
  • Erhöhte Infektanfälligkeit der Atemwege
Mild

Leichte BPD

Sauerstoffbedarf bei 28 Lebenstagen, aber nicht mehr bei 36 SSW korrigiertem Alter.

Moderat

Mittelschwere BPD

Sauerstoffbedarf <30 % bei 36 SSW korrigiertem Alter.

Schwer

Schwere BPD

Sauerstoffbedarf ≥30 % und/oder positive Druckbeatmung bei 36 SSW korrigiertem Alter.

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Diagnostik

Die BPD-Diagnose ist eine klinische Verlaufsdiagnose, definiert über die Dauer des Sauerstoff-/Beatmungsbedarfs, ergänzt durch bildgebende und funktionelle Zusatzdiagnostik zur Schweregradeinschätzung und Komplikationserkennung.

  1. Longitudinale Erfassung des SauerstoffbedarfsDokumentation von FiO₂ und Atemunterstützung ab Geburt bis mindestens 36 SSW korrigiertes Alter zur Schweregradklassifikation.
  2. Physiologischer Sauerstoff-ReduktionstestBei Grenzbefunden standardisierte Testung des tatsächlichen Sauerstoffbedarfs zur Vermeidung einer Überdiagnose.
  3. Röntgen-ThoraxVerlaufsbeurteilung von Überblähung, streifigen Verdichtungen und zystischen Arealen als radiologisches Korrelat des Lungenumbaus.
  4. EchokardiographieScreening auf pulmonale Hypertonie und Rechtsherzbelastung, insbesondere bei moderater bis schwerer BPD.
  5. Blutgasanalyse und ggf. PolysomnographieBeurteilung von chronischer respiratorischer Insuffizienz und schlafbezogenen Atemstörungen bei ausgeprägter Erkrankung.
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Pathophysiologie im Detail

Die „neue" BPD unterscheidet sich pathophysiologisch deutlich von der klassischen, historisch beschriebenen Form und ist primär durch eine Entwicklungsstörung der Alveolarisierung und Gefäßbildung statt durch fibrotische Vernarbung charakterisiert.

MechanismusWirkungKlinische Relevanz
Gestörte AlveolarisierungReduzierte Anzahl, aber vergrößerte, einfach strukturierte AlveolenVerminderte Gasaustauschfläche als strukturelle Grundlage der chronischen Lungenfunktionseinschränkung
Pulmonal-vaskuläre DysplasieGestörte Angiogenese mit reduzierter alveolokapillärer GefäßdichtePrädisponiert für die Entwicklung einer pulmonalen Hypertonie, besonders bei schwerer BPD
Oxidativer StressReaktive Sauerstoffspezies überfordern die unreifen antioxidativen AbwehrmechanismenZellschädigung von Epithel und Endothel, Verstärkung der Entzündungsreaktion
Proinflammatorische Zytokine (u.a. IL-6, IL-8, TNF-α)Rekrutierung von Entzündungszellen in das LungengewebePerpetuierung der Gewebsschädigung; erhöhte Werte postnatal mit BPD-Risiko assoziiert
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Bildgebung & Funktionsdiagnostik

MethodeIndikationBedeutung / Besonderheit
Röntgen-ThoraxVerlaufskontrolle bei anhaltendem SauerstoffbedarfStreifige Verdichtungen, Überblähungsareale, ggf. zystische Veränderungen bei fortgeschrittener BPD
Thorax-CT (selektiv)Bei diagnostischer Unklarheit oder schwerem/atypischem VerlaufDetailliertere Darstellung des strukturellen Lungenumbaus; wegen Strahlenbelastung zurückhaltender Einsatz
EchokardiographieScreening auf pulmonale Hypertonie bei moderater/schwerer BPDBeurteilung von rechtsventrikulärem Druck, Septumkonfiguration und Trikuspidalklappen-Regurgitation
Kapilläre/arterielle BlutgasanalyseVerlaufsbeurteilung der respiratorischen SituationChronisch kompensierte respiratorische Azidose als typischer Befund bei anhaltender Erkrankung
Polysomnographie (selektiv)Bei Verdacht auf schlafbezogene AtemstörungenErfassung intermittierender Hypoxämien und Apnoen, relevant für die Entlassungsplanung
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Differenzialdiagnosen

Bei anhaltendem Sauerstoffbedarf über die Neugeborenenperiode hinaus müssen weitere Ursachen einer chronischen respiratorischen Insuffizienz aktiv ausgeschlossen werden.

DifferenzialdiagnoseÄhnlichkeitSchlüsselunterschiedDiagnostik
Zystische FibroseChronische respiratorische Symptomatik, GedeihstörungZusätzliche gastrointestinale Symptomatik (Mekoniumileus, Fettstühle); positives NeugeborenenscreeningSchweißtest, genetisches CFTR-Screening
Angeborene Herzfehler mit Links-rechts-ShuntTachydyspnoe, chronischer SauerstoffbedarfHerzgeräusch, spezifischer echokardiographischer Befund unabhängig von FrühgeburtlichkeitEchokardiographie
Interstitielle Lungenerkrankungen des KindesaltersChronische Tachydyspnoe, SauerstoffbedarfKann auch bei reifen Neugeborenen auftreten; spezifische HRCT- und ggf. genetische Befunde (SP-C, ABCA3)HRCT, ggf. Lungenbiopsie, Molekulargenetik
Trachea-/BronchomalazieStridor, rezidivierende AtemwegsobstruktionCharakteristischer exspiratorischer/inspiratorischer Stridor, endoskopisch nachweisbarer Kollaps der AtemwegeBronchoskopie
Gastroösophagealer Reflux mit AspirationRezidivierende respiratorische SymptomatikZeitlicher Zusammenhang mit Fütterung, ggf. Erbrechen; unabhängig von ursprünglicher RDS-SchwerepH-Metrie/Impedanzmessung, Breischluck
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Therapie

Die Therapie der BPD umfasst präventive Maßnahmen von Geburt an sowie ein strukturiertes Langzeitmanagement der bereits etablierten chronischen Lungenerkrankung mit Fokus auf Wachstum, respiratorische Stabilität und Vermeidung von Komplikationen.

  • STUFE 1Präventive Strategien von Geburt an

    Lungenprotektive Beatmung: Konsequente Anwendung niedriger Tidalvolumina, permissiver Hyperkapnie und frühzeitiger nicht-invasiver Atemunterstützung (CPAP) zur Vermeidung von Volu-/Barotrauma.
    Restriktive Sauerstoffzufuhr: Zielsättigungsbereiche zur Vermeidung von Hyperoxie, ohne dabei relevante Hypoxämiephasen zu riskieren.
    Koffeincitrat: Frühzeitiger Einsatz reduziert nachweislich die BPD-Rate zusätzlich zur Wirkung auf Apnoen.
    Postnatales Nährstoffmanagement: Frühzeitige, ausreichende Kalorien- und Proteinzufuhr zur Unterstützung von Lungenwachstum und Reparaturprozessen.

  • STUFE 2Medikamentöse Therapie bei etablierter BPD

    Diuretika: Bei Zeichen der pulmonalen Flüssigkeitsüberladung kurzfristiger Einsatz zur symptomatischen Verbesserung der Lungenmechanik, keine Dauertherapie ohne klare Indikation.
    Inhalative Bronchodilatatoren: Bei nachweisbarer reversibler Atemwegsobstruktion symptomorientierter Einsatz, individuelles Ansprechen variabel.
    Systemische/inhalative Kortikosteroide: Bei schwerer, therapierefraktärer BPD in ausgewählten Fällen unter sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung wegen möglicher Nebenwirkungen auf neurologische Entwicklung.

  • STUFE 3Respiratorisches Langzeitmanagement

    Heim-Sauerstofftherapie: Bei anhaltendem Sauerstoffbedarf strukturierte Entlassung nach Hause mit Sauerstoffgabe und regelmäßigem ambulantem Monitoring.
    Schrittweises Weaning: Kontrollierte, engmaschig überwachte Reduktion der Atemunterstützung entsprechend der klinischen und funktionellen Entwicklung.
    Infektprävention: RSV-Prophylaxe entsprechend Risikoprofil, konsequente Grundimmunisierung, Vermeidung von Tabakrauchexposition.

  • STUFE 4Langzeit-Nachsorge & interdisziplinäre Betreuung

    Pulmonologische Verlaufskontrollen: Regelmäßige Kontrollen von Wachstum, Lungenfunktion (soweit altersadäquat durchführbar) und Sauerstoffbedarf über die Neugeborenenperiode hinaus.
    Kardiologisches Monitoring: Verlaufsechokardiographien bei Kindern mit pulmonaler Hypertonie in der Vorgeschichte oder schwerer BPD.
    Entwicklungsneurologische Nachsorge: Strukturiertes Frühförderprogramm, da schwere BPD mit einem erhöhten Risiko für neurologische Entwicklungsverzögerungen assoziiert ist.

Monitoring unter Therapie – Übersicht

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Respiratorisches Monitoring

Regelmäßige Beurteilung von Sauerstoffbedarf, Atemarbeit und Wachstumsverlauf als zentrale Verlaufsparameter.

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Pulmonale Hypertonie-Screening

Echokardiographische Kontrollen bei moderater/schwerer BPD zur frühzeitigen Erkennung einer Rechtsherzbelastung.

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Wachstum & Ernährung

Engmaschige Gewichts- und Längenkontrollen; erhöhter Kalorienbedarf durch gesteigerte Atemarbeit berücksichtigen.

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Entwicklungsmonitoring

Strukturierte entwicklungsneurologische Nachuntersuchungen im Rahmen des Frühgeborenen-Nachsorgeprogramms.

Prognose: Die meisten Kinder mit BPD zeigen im Verlauf der ersten Lebensjahre eine deutliche respiratorische Besserung durch fortschreitendes Lungenwachstum, wobei eine erhöhte Anfälligkeit für Atemwegsinfekte und obstruktive Symptome bis ins Schulalter bestehen bleiben kann. Bei schwerer BPD mit pulmonaler Hypertonie ist die Prognose ernster und erfordert eine konsequente interdisziplinäre Langzeitbetreuung.

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Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte Zentren für die Langzeitbetreuung von Kindern mit bronchopulmonaler Dysplasie in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Universitätsklinikum Essen
Neonatologie & pädiatrische Pneumologie
Perinatalzentrum Essen
ESSEN
BPD-Langzeitnachsorge; strukturiertes Weaning-Programm; pulmonale Hypertonie-Screening
BPD-Nachsorgeprogramm
Universitätsklinikum Köln
Neonatologie
Perinatalzentrum Level 1
KÖLN
Intensivmedizinische Versorgung schwerer BPD; interdisziplinäre kardiopulmonale Betreuung
Interdisziplinäres Team
Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin (GNPI)
Nationales Fachnetzwerk
GNPI e.V.
DEUTSCHLAND
Leitlinienarbeit zu Prävention und Management der BPD
GNPI-Leitlinien
🇦🇹 Österreich
Medizinische Universität Innsbruck
Neonatologie
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Innsbruck
INNSBRUCK
Versorgung und Nachsorge Frühgeborener mit chronischer Lungenerkrankung
BPD-Nachsorge
🇨🇭 Schweiz
Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB)
Neonatologie & pädiatrische Pneumologie
Perinatalzentrum Basel
BASEL
Interdisziplinäre BPD-Sprechstunde; pulmonale Funktionsdiagnostik im Säuglingsalter
BPD-Sprechstunde

Fachgesellschaften & Ressourcen: GNPI – Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin · Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (GPP) · Swiss Neonatal Network · AWMF-Leitlinie Bronchopulmonale Dysplasie Frühgeborener