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Grundlagen & Physiologie

Der Ductus arteriosus Botalli ist eine normale fetale Gefäßverbindung zwischen der Aorta descendens und der linken Pulmonalarterie, die den Lungenkreislauf im Fötus umgeht (da die Lungen noch nicht belüftet sind). Postpartal sollte er sich durch Sauerstoffanstieg und Prostaglandin-Abfall innerhalb von 24–72 Stunden funktionell und innerhalb von 2–3 Wochen anatomisch schließen. Bleibt dieser Verschluss aus, spricht man vom persistierenden Ductus arteriosus (PDA) – mit einem Links-Rechts-Shunt zwischen Aorta und Pulmonalkreislauf.

Normaler Ductusverschluss: Funktioneller Verschluss: Anstieg des arteriellen pO₂ nach der Geburt → Kontraktion der Ductuswand → funktioneller Verschluss innerhalb 24–72 h. Mechanismus: O₂-empfindliche Kaliumkanäle in der glatten Muskulatur des Ductus → Depolarisation → Ca²⁺-Einstrom → Kontraktion. Gleichzeitig: Abfall der Prostaglandine (PGE₂, PGI₂) → weniger Relaxation. Anatomischer Verschluss (Ligamentum arteriosum): 2–3 Wochen. Beim Frühgeborenen: unreife Ductuswand, niedrigere O₂-Sensitivität, höhere Prostaglandin-Spiegel → häufiger Persistenz.

5–10 %
Anteil an allen angeborenen Herzfehlern beim Reifgeborenen
~30 %
PDA-Rate bei Frühgeborenen <32 SSW; bis 80 % bei <28 SSW
♀ > ♂
Weibliche Prädominanz (2:1) beim isolierten PDA des Reifgeborenen
Röteln
Mütterliche Rötelninfektion im 1. Trimenon → PDA häufigste kardiale Fehlbildung

Pathophysiologie nach Ductusgröße

Kleiner PDAkeine Hämodynamik
Mittelgroßer PDAL→R-Shunt moderat
Großer PDAHerzinsuffizienz
Pulm. HypertonieDruckangleichung
EisenmengerR→L · Zyanose Beine

Risikofaktoren & Ursachen

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Frühgeburtlichkeit

Häufigster Risikofaktor. Unreife glatte Gefäßmuskulatur, erhöhte Prostaglandinsensitivität. Hämodynamisch signifikanter PDA (hsPDA) verschlechtert Prognose: NEC, IVH, BPD, Lungenperfusion.

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Röteln-Embryopathie

Röteln-Infektion im 1. Trimenon → PDA häufigste Herzfehlbildung der Röteln-Embryopathie. Weitere: periphere Pulmonalstenose, VSD. Heute durch Impfprogramm selten geworden.

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Höhenlage

Erhöhte PDA-Inzidenz in Hochlagen (Hypoxie-bedingt erhöhte Prostaglandinspiegel). Geografisch v.a. in Andenregion, Himalaya bekannt. Ductusverschluss durch O₂ verzögert.

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Genetische Faktoren

Überwiegend multifaktoriell. Assoziiert mit: Noonan-Syndrom, Char-Syndrom (TFAP2B-Mutation), Rubinstein-Taybi, Holt-Oram. Familiäres Vorkommen <3 %.

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Klinische Symptome

Die Klinik reicht vom asymptomatischen Zufallsbefund (kleiner PDA, „silent ductus") bis zur schweren Herzinsuffizienz mit Versagen im Säuglingsalter. Das klassische Leitsymptom ist das kontinuierliche Maschinengeräusch (Gibson-Murmur). Beim Frühgeborenen steht die systemische Hypoperfusion im Vordergrund.

AUSKULTATIONSBEFUND

  • Kontinuierliches Maschinengeräusch (Gibson-Murmur)
  • 2. ICR links, infraklavikulär – Leitsymptom!
  • Systolisch + diastolisch ohne Unterbrechung
  • Verstärkung zur 2. Herztonspaltung hin
  • Pulsus celer et altus (große Blutdruckamplitude)
  • Capillary refill verlängert (großer PDA)
  • Frühgeborener: oft nur systolisches Geräusch

HERZINSUFFIZIENZ-ZEICHEN

  • Tachykardie, Tachypnoe
  • Schwitzen bei Fütterung (Säugling)
  • Gedeihstörung, Trinkschwäche
  • Hepatomegalie
  • Rezidivierende Atemwegsinfekte / Pneumonien
  • Großer Pulsdruck (>25 mmHg)

FRÜHGEBORENER (hsPDA)

  • Beatmungsversagen / FiO₂-Anstieg
  • Verschlechterung nach initialer Stabilisierung
  • Tachykardie, Hyperaktives Präkordium
  • Bounding pulses (springende Pulse)
  • Metabolische Azidose
  • Oligurie (Steal-Phänomen)
  • NEC-Risiko erhöht (mesenteriale Hypoperfusion)

DIFFERENZIALDIAGNOSEN

  • AV-Fistel (kontinuierliches Geräusch)
  • Aortopulmonales Fenster (AP-Fenster)
  • Truncus arteriosus communis
  • VSD + AR (kombiniert kontinuierlich)
  • Venengeräusch (venöses Summen, Halsvenens.)
  • Periphere Pulmonalstenose (Neugeborenes)
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Diagnostik

Die Echokardiographie ist der Goldstandard – sie bestätigt den Ductus, quantifiziert den Shunt und beurteilt die hämodynamische Relevanz. Bei Frühgeborenen ist Bedside-Echo (Point-of-Care) Standard auf der Neonatologie-Intensivstation.

Echokardiographie & weitere Diagnostik

  • 2D-Echo + FarbdopplerDarstellung des Ductus in der hohen parasternalen Kurzachse und suprasternalen Anlotung. Farbdoppler: retrograder Jet in die Pulmonalarterie (kontinuierlich). Größenmessung. Ausschluss ductusabhängiger Herzfehler!
  • PW/CW-Doppler: GradientMessung des Druckgradienten Ao → PA. Bei hohem Gradient: kleiner Shunt, wenig Hämodynamik. Bei niedrigem Gradient: großer PDA oder pulmonale Hypertonie → hämodynamisch kritisch. Pulsatilität der Pulmonalarterie.
  • Hämodynamik-Assessment (Frühgeburt)LA:Ao-Ratio (>1,4 = signifikant). LV-Dilatation. Diastolischer Fluss in der Aorta descendens: orthograd oder retrograd? Retrograder diastolischer Fluss in Truncus coeliacus und A. mesenterica → NEC-Risiko!
  • EKGLV-Hypertrophie bei großem PDA. LV-Volumenbelastung. Kein spezifischer EKG-Befund. Normal oder mild LVH.
  • Röntgen ThoraxKardiomegalie (groß). Vermehrte Lungengefäßzeichnung. Prominenter Aortenknopf. Beim Frühgeborenen: oft Überlagerung durch RDS-Bild.
  • Labor (Frühgeborener)BNP/NT-proBNP als Marker der hämodynamischen Signifikanz (Grenzwert >300–500 pg/ml altersabhängig). Laktat, BE (systemische Hypoperfusion). Kreatinin (Ibuprofen/Indomethacin-Kontraindikation bei NI).
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PDA beim Frühgeborenen

Der PDA des Frühgeborenen ist eine der häufigsten behandlungsbedürftigen Erkrankungen auf der Neonatologischen Intensivstation. Die Unreife der Ductuswand führt zur erhöhten Persistenzrate. Ein hämodynamisch signifikanter PDA (hsPDA) ist mit erhöhter Morbidität assoziiert.

Definition hämodynamisch signifikanter PDA (hsPDA): Echokardiographische Kriterien: Ductus-Diameter >1,5 mm/kg KG, LA:Ao-Ratio >1,4, retrograder diastolischer Fluss in der Aorta descendens, LV-Dilatation. Klinisch: Verschlechterung der Atemfunktion, Beatmungsversagen, Oligurie, Metabolische Azidose. Kombination klinischer und echokardiographischer Kriterien entscheidend – kein Echo-Kriterium allein ausreichend.

<28 SSW

Sehr Frühgeborene

PDA-Rate bis 80 %. Meist symptomatisch (hsPDA). Frühzeitige medikamentöse Therapie oder konservatives Management je nach Zentrum. Hohes Risiko für IVH, NEC, BPD, retinale Komplikationen.

28–32 SSW

Früh-Frühgeborene

PDA-Rate ~30–50 %. Oft spontaner Verschluss möglich. Konservatives Management + Echo-Kontrollen. Medikamentöse Therapie bei hsPDA. Individualisiertes Vorgehen.

Reifgeborener

Term-PDA

Selten spontaner Verschluss nach dem 1. Lebensmonat beim Reifgeborenen. Katheterinterventioneller Verschluss bevorzugt. Medikamentöser Verschluss ineffektiv (Ductuswand ausgereift). Elektiveingriff im 1. Lebensjahr.

Komplikation FrühgeborenerMechanismusKlinische Bedeutung
BPD (bronchopulm. Dysplasie)Pulmonale Hypervolämie → Lungenödem → BeatmungsversagenHäufigste Langzeitfolge; hsPDA erhöht BPD-Risiko
NEC (nekrotisierende Enterokolitis)Retrograder diastolischer Fluss in Mesenteralgefäßen → IschämieLebensbedrohlich; Risiko bei unbehandeltem hsPDA
IVH (intraventrikuläre Hirnblutung)Fluktuierende zerebrale Perfusion durch großen L→R-ShuntNeurologische Langzeitfolgen; Prophylaxe wichtig
Retinopathia praematurorumSystemische Hypoxie + HypoperfusionAssoziation mit hsPDA; Ophthalmologisches Screening
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Natürlicher Verlauf

Spontanverschluss: Reifgeborene: Spontanverschluss nach dem 3. Lebensmonat sehr selten (<5 %). Frühgeborene <28 SSW: Spontanverschluss möglich, aber selten ohne Behandlung bei hsPDA. Muskulärer „silent ductus" (echokardiographisch nachgewiesen, kein Geräusch, kein hämodynamischer Effekt): abwartendes Management gerechtfertigt. Kein spontaner Verschluss eines großen symptomatischen PDA nach dem 1. Lebensjahr.

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Therapie

Die Therapiestrategie hängt von Gestationsalter, Ductusgröße und hämodynamischer Relevanz ab. Beim Frühgeborenen steht der medikamentöse Verschluss im Vordergrund; beim Reifgeborenen ist der katheterinterventionelle Occluder-Verschluss die bevorzugte Methode.

Stufe 1 Konservatives Management (Frühgeborener, kleiner PDA)

Maßnahmen: Flüssigkeitsrestriktion (130–150 ml/kg/d). Optimierung Beatmung / CPAP. Diuretika (Furosemid) vorsichtig (erhöht Prostaglandine → kontraproduktiv?). PEEP-Optimierung. Sauerstoffoptimierung. Koffein-Therapie (indirekt günstig für Ductusverschluss).

Beobachtung: Tägliche klinische + Bedside-Echo-Evaluation. Spontanverschluss abwarten bei kleinen, nicht-hämodynamisch-signifikanten Ductus bei Frühgeborenen >28 SSW.

Stufe 2 Medikamentöser Verschluss – COX-Inhibitoren / Paracetamol (Frühgeborener)

Indomethacin i.v. (COX-1/2-Hemmer): 0,1–0,2 mg/kg alle 12–24 h × 3 Dosen. Erfolgsrate ~70–80 %. Nebenwirkungen: Niereninsuffizienz (reversibel), Thrombozytopenie, GI-Komplikationen, zerebrale Vasokonstriktion. KI: NI (Kreatinin >1,5), NEC, Blutungsneigung, Hyperbilirubinämie.

Ibuprofen i.v./p.o. (COX-Hemmer): 10 mg/kg d1, 5 mg/kg d2+3. Ähnliche Effektivität wie Indomethacin. Weniger zerebraler Vasokonstriktion. Bevorzugt in vielen europäischen Zentren.

Paracetamol i.v./p.o.: 15 mg/kg alle 6 h × 3–7 Tage. Wirkmechanismus: Hemmung der Peroxidase-Komponente der COX. Geringere NI-Toxizität. Zunehmend bei Kontraindikationen für Ibuprofen/Indomethacin eingesetzt. Evidenz wächst.

Stufe 3 Katheterinterventioneller Occluder-Verschluss (Reifgeborener / Kleinkind)

Methode der Wahl: Reifgeborene und Kleinkinder ab ~4–6 kg. Amplatzer Duct Occluder (ADO), Occlutech PDA-Occluder, Microvascular Plug. Transfemoraler venöser Zugang. Echokardiographie- oder Fluoroskopie-Kontrolle. Erfolgsrate >98 %.

Ergebnisse: Sofortiger Verschluss in >90 %. Residualshunt: <5 % nach 24 h. Komplikationen: Device-Embolisation (selten <1 %), Linke PA-Stenose (beim Kleinsäugling durch Occluder), Aorten-Einengung (sehr selten).

Stufe 4 Chirurgische Ligatur – Frühgeborener nach med. Versagen / sehr kleines Gewicht

Indikation: Frühgeborene mit hsPDA nach Versagen 2 medikamentöser Zyklen. Kontraindikation für medikamentöse Therapie. Sehr kleines Frühgeborenes (<750 g) mit kritischer Hämodynamik. Zugang: linkslaterale Thorakotomie ohne HLM. Technik: Ligatur oder Clipping des Ductus.

Komplikationen: Rekurrensparese (~5 %), Horner-Syndrom, Pneumothorax. Rückläufige Operationszahlen durch verbesserte medikamentöse Therapie und Katheter-Interventionen.

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Ductusabhängige Herzfehler – kritische Information

ACHTUNG – Prostaglandin E1 bei ductusabhängigen Vitien: Bei folgenden Herzfehlern hält der PDA lebensnotwendige Kreislaufverbindungen aufrecht. Prostaglandin E1 (Alprostadil) i.v. muss bis zur chirurgischen Korrektur gegeben werden. Spontaner oder medikamentöser Ductusverschluss → lebensbedrohlich! Diagnose oft durch Neugeborenenscreening (SpO₂-Screening) oder Echo.

VitiumAbhängigkeitKlinik ohne PDATherapie
Pulmonalatresie (+ / - VSD)PDA hält Lungenkreislauf aufrechtTiefe Zyanose, SchockPGE₁ → Ballon-Valvuloplastie oder systemopulmonaler Shunt
HLHS (Hypoplastisches Linksherzsyndrom)PDA hält Systemkreislauf aufrechtSchock, Azidose, TodPGE₁ → Norwood-OP
Kritische Aortenstenose / CoAPDA umgeht obstruierten KreislaufSchock, HerzversagenPGE₁ → Intervention / OP
TrikuspidalatresiePDA (+ ASD) für LungenperfusionZyanose, HerzinsuffizienzPGE₁ → systemopulmonaler Shunt
TGA ohne großen ASDPDA Mischung Parallel-KreisläufeSchwere ZyanosePGE₁ → Ballon-Atrioseptostomie → Switch-OP
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Expertenzentren D-A-CH

PDA-Management beim Frühgeborenen erfordert ein interdisziplinäres Neonatologie- und Kinderkardiologie-Team. Katheterinterventionelle Eingriffe sollten in Kinderherzkatheterlaboren mit Erfahrung in Kleinkindinterventionen durchgeführt werden.

Fachgesellschaften & Leitlinien: DGPK Leitlinie PDA 2022 · ESC/EACTS Guidelines Congenital Heart Disease 2020 · GNPI (Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin) PDA-Empfehlungen · Coceani F & Olley PM (Prostaglandin-Mechanismus) · EuroPDA-Studie (konservativ vs. interventionell) · TOFHLA-Studie (Paracetamol vs. Ibuprofen)