01

Grundlagen & Pathophysiologie

Das Long-QT-Syndrom (LQTS) ist eine hereditäre Ionenkanalerkrankung (Kanalopathie), die durch eine verlängerte kardiale Repolarisation gekennzeichnet ist (QTc >450–460 ms). Die gestörte Ionenkanal-Funktion (meist K⁺- oder Na⁺-Kanäle) verlängert das Aktionspotenzial → erhöhte Frühe Nachdepolarisationen (EADs) → Torsade de Pointes → Kammerflimmern → plötzlicher Herztod. LQTS ist die häufigste hereditäre Kanalopathie und ein wichtige Ursache für den plötzlichen Herztod im Kindes- und Jugendalter.

Ionenkanal-Pathophysiologie: LQT1: Verlust der IKs-Funktion (langsamer K⁺-Ausstromkanal, KCNQ1-Mutation) → verminderte K⁺-Repolarisation → verlängertes AP. LQT2: Verlust der IKr-Funktion (schneller K⁺-Kanal, KCNH2/hERG-Mutation) → ähnlicher Mechanismus. LQT3: Gain-of-function INa (persistenter Na⁺-Einstrom, SCN5A-Mutation) → verzögerte Repolarisation. Gemeinsam: QT-Verlängerung → Fenster für Frühe Nachdepolarisationen → Torsade de Pointes.

1 : 2.000
Häufigkeit in der Allgemeinbevölkerung; häufigste hereditäre Kanalopathie
LQT1+2
~80 % aller LQTS; LQT1 ~40–55 %, LQT2 ~30–40 %
♀ > ♂
Frauen haben höheres Symptomrisiko (längeres basales QT) bei LQT2
>15 Gene
Über 15 LQTS-Gene beschrieben; LQT1/2/3 machen ~90 % aus
02

LQTS-Typen – LQT1 / LQT2 / LQT3

LQT1 · ~40–55 %

KCNQ1 – IKs-Kanal

Trigger: Körperliche Belastung, insbesondere Schwimmen. Emotion, Tauchen (Vagus-Aktivierung). Selten Ruhe/Schlaf.
EKG: Breite, glatte T-Wellen mit langer QT-Basis. Keine Kerbe.
Therapie: Betablocker sehr wirksam (1. Wahl!). Schwimmverbot. Gute Prognose unter Betablocker.

LQT2 · ~30–40 %

KCNH2 (hERG) – IKr-Kanal

Trigger: Plötzliche Geräusche (Wecker, Telefon, Türklingel!), Erschrecken, emotionaler Stress. Bradykardie/Ruhe.
EKG: Bifide oder gekerbte T-Wellen. Relativ kurze QT-Basis, lange T-Welle.
Therapie: Betablocker (mäßig wirksam). ICD-Indikation häufiger als bei LQT1. K⁺-Supplementation (Kalium ↑ verbessert hERG-Funktion).

LQT3 · ~5–10 %

SCN5A – Na⁺-Kanal (Gain-of-function)

Trigger: Ruhe, Schlaf, Bradykardie (nächtliche Ereignisse!). Nicht Belastung.
EKG: Späte, spitze T-Wellen. Spätes T-Wellen-Onset. Langer isoelektrischer ST-Anteil.
Therapie: Betablocker weniger wirksam. Mexiletin (Na⁺-Kanalblocker) + BB. ICD häufig indiziert. Höchste Ereignisrate pro Episode.

Wichtige EKG-Charakteristika je Typ

TypGen / KanalT-Wellen-MorphologieHaupttriggerBetablocker-Effekt
LQT1KCNQ1 (IKs↓)Breite glatte T-Welle, lange BasisBelastung, SchwimmenSehr wirksam (>90 %)
LQT2KCNH2/hERG (IKr↓)Bifide / gekerbte T-WelleGeräusche, Erschrecken, StressMäßig wirksam
LQT3SCN5A (INa↑)Spät-onset T-Welle, lange ST-StreckeRuhe, Schlaf, BradykardieWenig wirksam
Jervell-Lange-NielsenKCNQ1 biallelischSehr langes QT (>500 ms)Belastung, StressBegrenzt; ICD
Romano-WardAutosomal-dominant, div.TypabhängigTypabhängigTypabhängig
03

QTc-Messung & Diagnostik

Die Diagnose des LQTS basiert auf QTc-Messung im 12-Kanal-EKG, dem klinischen Schwartz-Score und der genetischen Testung. Wichtig: das QT-Intervall ist herzfrequenzabhängig und muss korrigiert werden (QTc nach Bazett).

QTc-MESSUNG (BAZETT)

  • QTc = QT (ms) / √RR-Intervall (Sek.)
  • Messung: Ende T-Welle bis Beginn nächstes P
  • Bei bifider T-Welle: bis zweites Maximum
  • Normal: <440 ms ♂, <450 ms ♀
  • Pathologisch: >460 ms ♂, >470 ms ♀
  • Eindeutig: >500 ms (stark erhöhtes Risiko)
  • Messung bei HF 60–80/min; bei HF >100/min unzuverlässig

DIAGNOSTISCHES VORGEHEN

  • 12-Kanal-EKG (mehrfach, in Ruhe)
  • Holter-EKG (QTc-Maximum, Arrhythmien)
  • Belastungs-EKG: QTc-Verhalten unter Belastung
  • Familienanamnese (SCD in Familie?)
  • Schwartz-Score ≥3,5: hohe Wahrscheinlichkeit
  • Genetisches LQTS-Panel (LQT1/2/3 + seltene Typen)
  • Medikamenten-Anamnese (QT-verlängernde Medikamente!)
04

Schwartz-Score

Der Schwartz-Score berechnet die klinische Wahrscheinlichkeit eines LQTS aus EKG-Befunden, klinischer Symptomatik und Familienanamnese.

Schwartz-Score – LQTS-Diagnose-Score

3 PktQTc ≥480 ms
2 PktQTc 460–479 ms
1 PktQTc 450–459 ms (♂)
2 PktTorsade de Pointes dokumentiert
1 PktT-Wellen-Alternanz (makroskopisch)
1 PktGekerbte T-Wellen in mind. 3 Ableitungen
0,5 PktNiedrige Herzfrequenz (HF unter 2. Perzentile für Alter)
2 PktSynkope unter Belastung oder emotionalem Stress
1 PktSynkope ohne Trigger
0,5 PktKongenitale Taubheit (Jervell-Lange-Nielsen-Syndrom)
1 PktFamilienanamnese gesichertes LQTS (Erstgrad)
0,5 PktUnerklärter SCD bei Erstgradangehörigen <30 J.

Interpretation Schwartz-Score: ≤1 Punkt: niedrige LQTS-Wahrscheinlichkeit. 1,5–3 Punkte: intermediäre Wahrscheinlichkeit → genetisches Testing empfohlen. ≥3,5 Punkte: hohe LQTS-Wahrscheinlichkeit → klinische Diagnose, genetisches Testing zur Typbestimmung. Wichtig: LQTS-Diagnose kann auch bei normalem QTc gestellt werden (genetisch gesichert bei 10–15 % normale QTc im Ruhe-EKG).

05

Trigger & Torsade de Pointes

Torsade de Pointes (TdP): Polymorphe ventrikuläre Tachykardie mit drehendem QRS-Vektor um die isoelektrische Linie. Typischerweise durch kurz-lang-kurz-Sequenz ausgelöst (verlängertes QT nach einer Pause → Frühe Nachdepolarisation → TdP). Kann spontan terminieren (Synkope, Prä-Synkope) oder in Kammerflimmern (→ SCD) degenerieren. Akuttherapie: Magnesium i.v. 25–50 mg/kg, Herzfrequenz anheben (Pacing), elektrische Kardioversion bei Instabilität.

LQTS-TypHaupttriggerVermeidungsmaßnahme
LQT1Schwimmen, Sport, BelastungSchwimmverbot! Begleitung beim Sport; Betablocker
LQT2Plötzliche Geräusche (Wecker!), Erschrecken, StressKein schriller Wecker; Kalium-Optimierung; Betablocker
LQT3Ruhe, Schlaf, BradykardieMexiletin; ICD; nächtliches Monitoring
Alle TypenQT-verlängernde Medikamente, Hypokaliämie, HypomagnesiämieMedikamentenliste prüfen (crediblemeds.org); Elektrolyte normal halten
06

Therapie

1. Wahl Betablocker – LQT1 und LQT2

Nicht-selektive Betablocker bevorzugt: Propranolol (1–4 mg/kg/d in 2–3 Dosen, max. 80–160 mg/d bei Jugendlichen) oder Nadolol. Nicht-selektive Betablocker (β1+β2) wirksamer als selektive bei LQTS. Nadolol: einmal täglich, bessere Compliance, bevorzugt bei LQT2. Ziel: Herzfrequenz-Senkung + QTc-Reduktion + Arrhythmie-Prävention.

Effektivität: LQT1: Betablocker reduziert Ereignisrate dramatisch (>90 % Schutz). LQT2: mäßig wirksam (~80 %). LQT3: wenig wirksam (~30 %) → Mexiletin bevorzugt.

Compliance: Betablocker nicht eigenmächtig absetzen! Abruptes Absetzen: Rebound-Tachykardie → erhöhtes Arrhythmierisiko. Sport mit Betablocker oft möglich (eingeschränkte Leistung akzeptieren).

LQT3-spezifisch Mexiletin (Na⁺-Kanalblocker) – LQT3

Mexiletin: Oraler Na⁺-Kanalblocker. Reduziert den persistenten INa bei LQT3 → QTc-Verkürzung. Dosierung: 5–8 mg/kg/d in 3 Dosen. Kombination mit Betablocker. Mexiletin + BB deutlich wirksamer als BB allein bei LQT3.

Herzschrittmacher: Bei LQT3 + Bradykardie: DDD-Schrittmacher verhindert bradykardieabhängige TdP. Frequenz auf 70–80/min halten.

ICD ICD-Indikation beim LQTS

Absolute Indikation (Klasse I): Überlebter Herzstillstand (SCD-Abort). Rezidivierende TdP/VF trotz Betablocker.

Relative Indikation (Klasse IIa): Synkopen trotz optimierter Betablocker-Therapie. LQT3 mit QTc >500 ms. Jervell-Lange-Nielsen-Syndrom. Hochrisiko-Patienten (QTc >500 ms + junges Alter + männliches Geschlecht bei LQT2).

S-ICD (subkutaner ICD): Keine transvenösen Leads. Option für junge Patienten. Cave: kein antibradykardes Pacing möglich → bei LQT3 mit Bradykardie problematisch.

Lifestyle Lebensstil-Anpassungen & QT-Medikamente

Sport und Aktivität: LQT1: Schwimmverbot (höchste Trigger-Gefahr!), andere Sportarten unter Betablocker möglich. LQT2: kein Leistungssport, Lärm-Trigger vermeiden. Alle: kein unkontrollierter Wettkampfsport ohne kardiologische Freigabe. Sportfreigabe individuell nach Risikoklasse.

QT-verlängernde Medikamente: Alle Patienten und Familien über die Liste informieren. Prüfung vor jeder Neuverschreibung unter: www.crediblemeds.org (kostenlos). Besonders relevant: Antibiotika (Makrolide, Fluorchinolone), Antiemetika (Ondansetron!), Antipsychotika, Azol-Antimykotika. Bei notwendiger Gabe: Monitoring + ggf. stationäre Überwachung.

Elektrolyte: Hypokaliämie und Hypomagnesiämie verlängern QT → konsequente Kontrolle. K⁺-reiche Ernährung (besonders LQT2). Elektrolytsubstitution bei Durchfall/Erbrechen.

07

Expertenzentren D-A-CH

LQTS erfordert Betreuung in spezialisierten Elektrophysiologie- und Arrhythmiezentren mit pädiatrisch-kardiologischer Expertise. Genetische Beratung und Familienscreening sind obligat.

Leitlinien & Referenzen: Priori SG et al. Eur Heart J 2015 (ESC Ventrikuläre Arrhythmien + SCD) · Schwartz PJ et al. Eur Heart J 2013 (Schwartz-Score Update) · Ackerman MJ et al. Heart Rhythm 2011 · DGPK Arrhythmie-Leitlinien · Goldenberg I et al. Circulation 2008 (LQT1/2/3 Risikostratifikation) · crediblemeds.org (QT-Medikamentenliste)