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Grundlagen & Pathogenese

Das Kawasaki-Syndrom ist eine akute, selbstlimitierende systemische Vaskulitis mittelgroßer Gefäße unbekannter Ätiologie, die bevorzugt Kinder unter 5 Jahren betrifft. Sie ist die häufigste erworbene Herzerkrankung im Kindesalter in Industrieländern und wichtigste Ursache für erworbene Koronararterienaneurysmen (KAA). Ohne Behandlung entwickeln 15–25 % der Kinder Koronarkomplikationen; mit frühzeitiger IVIG-Therapie sinkt die Rate auf <5 %.

Pathogenese: Unbekannte Ätiologie – wahrscheinlich infektiöser Trigger bei genetisch suszeptiblen Individuen. Überschießende Immunantwort: T-Zell-Aktivierung → Zytokin-Freisetzung (IL-1β, IL-6, TNF-α) → Endothelaktivierung → Vaskulitis mittelgroßer Arterien. Besondere Vulnerabilität der Koronararterien. Genetisch: ITPKC-Polymorphismus (asiatische Populationen), BLK, CD40L-Varianten. MIS-C (Multisystem Inflammatory Syndrome in Children) nach COVID-19 kann Kawasaki imitieren und überlappen.

80 %
Kinder unter 5 Jahren betroffen; Hauptgipfel 1–2 Jahre
♂ > ♀
Leichte Knabenwendigkeit (1,5:1); schwerere Koronarkomplikationen bei Knaben
<5 %
Koronaraneurysma-Rate mit frühzeitiger IVIG-Therapie (vs. 15–25 % unbehandelt)
Tag 10
Kritisches Therapiefenster – IVIG muss spätestens am 10. Fiebertag gegeben werden

Krankheitsphasen

AkutphaseTag 1–10 · Fieber · Vaskulitis
SubakutphaseTag 10–21 · Desquamation
RekonvaleszenzTag 21–60 · Rückbildung
ChronischAneurysma-Follow-up
LangzeitKHK-Risiko · Thrombose
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AHA-Diagnosekriterien

Die Diagnose ist eine klinische Diagnose basierend auf den AHA-Kriterien (2017): Fieber ≥5 Tage plus mindestens 4 von 5 Hauptkriterien – oder weniger Kriterien bei Nachweis von Koronararterienveränderungen.

👁️ Konjunktivitis Bilateral, nicht-eitrig, bulbär. Limbic sparing (Limbusbereich ausgespart). Kein Ausfluss.
👄 Mund/Rachen Erdbeerzunge, gerissene rote Lippen, Pharynxerythem, Schleimhautrötung.
🤚 Hand-/Fußveränd. Akut: Erythem + Ödem Handflächen/Fußsohlen. Subakut: periunguales Schälen.
🔴 Exanthem Polymorphes Exanthem (makulopapulös, nicht vesikulär). Stammbetont. Perineale Akzentuierung.
🫁 Lymphadenopathie Zervikal, einseitig, ≥1,5 cm. Mindestens 1 LK. Nicht-eitrig, schmerzend.
🌡️ Fieber ≥5 Tage Obligat. Hohes Fieber >38,5°C, anhaltend. Basis aller Kriterien.

Inkomplettes Kawasaki-Syndrom: Fieber ≥5 Tage + weniger als 4 Hauptkriterien, aber: Koronararterienveränderungen in der Echo ODER ≥3 Laborkriterien (CRP ≥3 mg/dl, BSG ≥40 mm/h, Albumin ≤3 g/dl, Anämie, Leukozyten ≥15.000/µl, Thrombozyten nach Tag 7 ≥450.000/µl, sterile Pyurie, ALT erhöht). Besonders Säuglinge <6 Monate (höchstes Aneurysmarisiko!) und Kinder >8 Jahre. Inkomplettes Kawasaki nicht übersehen – auch diese Kinder frühzeitig behandeln!

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Diagnostik & Labor

  • Echokardiographie – obligat bei DiagnoseKoronararterien-Messung (Z-Score-basiert, normiert auf KOF). Normwert: Z-Score <2,5. Echo bei Diagnose, nach 2 Wochen und nach 6–8 Wochen. Perikardialer Erguss? LV-Funktion? Myokarditis? Mitralklappeninsuffizienz?
  • EntzündungsmarkerCRP oft >10 mg/dl. BSG stark erhöht. Leukozyten >15.000/µl. Thrombozytose nach Tag 7 (bis 1.000.000/µl – charakteristisch!). Normochrome Anämie. Albumin erniedrigt. ALT erhöht (~50 %). Ferritin (MAS-Ausschluss).
  • Sterile PyurieLeukozyten im Urin ohne Bakteriennachweis. Pathognomonisch für Kawasaki (Urethritis als Teil der Vaskulitis). Wichtig: Keimnachweis sorgfältig ausschließen.
  • DifferenzialdiagnosenBlutkulturen (Sepsis, Scharlach). Rachenabstrich (Streptokokken). EBV/CMV-Serologie. Adenovirus. SARS-CoV-2-Serologie (MIS-C!). Blutausstrich (Lymphom).
  • EKGST-Veränderungen bei Myokarditis. QTc-Verlängerung. Tachykardie. AV-Block möglich. EKG bei Diagnose und im Follow-up.

MIS-C vs. Kawasaki-Syndrom: Post-COVID-19-Syndrom MIS-C kann Kawasaki klinisch imitieren. MIS-C: meist ältere Kinder (5–14 J.), SARS-CoV-2-Antikörper positiv, gastrointestinale Symptome prominent, häufiger LV-Dysfunktion und Schock als Koronaraneurysmen. SARS-CoV-2-Serologie bei jedem Kawasaki-Verdacht testen!

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Koronararterienaneurysmen (KAA)

Die gefürchtetste Komplikation. Koronararterien werden per Echo gemessen und als Z-Score relativ zur Körperoberfläche angegeben. Die Klassifikation bestimmt das Thromboserisiko und die Langzeittherapie.

Z-Score-Klassifikation & Risikogruppen (AHA 2017)

KlasseZ-Score / GrößeRisikoTherapie
NormalZ-Score <2,5Sehr niedrigKeine spezifische Antikoagulation
DilatationZ-Score 2,5–2,99NiedrigASS niedrig bis Normalisierung
Kleines AneurysmaZ-Score 3–4,99 / <5 mm abs.ModeratASS 3–5 mg/kg/d; Echo alle 3–6 Mo.
Mittelgroßes AneurysmaZ-Score 5–9,99 / 5–8 mm abs.HochASS + Enoxaparin oder Warfarin
Riesiges AneurysmaZ-Score ≥10 / ≥8 mm abs.Sehr hoch – KHK-Risiko!ASS + Warfarin INR 2–2,5; CT/MRT-Koronar; Chirurgische Planung

Riesige Aneurysmen – Komplikationen: Koronarthrombus (häufigste Komplikation, besonders bei Stase). Myokardinfarkt im Kindesalter! Koronarstenose durch Regression + Thrombosierung. Plötzlicher Herztod. Katheter-PCI oder Bypass-Chirurgie (CABG) bei obstruktiver KHK möglich.

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Therapie

Standardtherapie: hochdosiertes IVIG + Aspirin innerhalb der ersten 10 Fiebertage. Frühzeitige Therapie reduziert Koronaraneurysma-Rate von 15–25 % auf <5 %.

1. Wahl IVIG 2 g/kg + hochdosiertes Aspirin

IVIG (intravenöses Immunglobulin) 2 g/kg: Einzelinfusion über 10–12 Stunden i.v. Wirkmechanismus: Fc-Rezeptor-Blockade, Zytokin-Inhibition, Immunmodulation. Erfolgsrate: ~80–85 % Entfieberung innerhalb 36 h. Cave: IgA-Mangel → anaphylaktisches Risiko.

Aspirin (ASS) hochdosiert 30–50 mg/kg/d: In 4 Einzeldosen bis Entfieberung 48–72 h. Dann Reduktion auf niedrige Dosis 3–5 mg/kg/d einmal täglich (antithrombotisch). Fortführung 6–8 Wochen oder bis Echo-Befund normal.

IVIG-refraktär Therapie bei persistierendem Fieber >36 h nach IVIG

Definition: Persistierendes oder wiederkehrendes Fieber 36 h nach IVIG-Infusion. Betrifft ~15–20 %. Erhöhtes Koronaraneurysma-Risiko!

2. IVIG-Dosis 2 g/kg: Zweite Infusion → ~50 % sprechen an.

Infliximab 5 mg/kg i.v. (TNF-α-Hemmer): Schnelle Wirkung. Gute Evidenz. Zunehmend bevorzugt bei IVIG-Versagen. Ggf. gleichwertig oder überlegen zur 2. IVIG-Dosis.

Kortikosteroide: Prednisolon 2 mg/kg/d oder Methylprednisolon-Pulse bei schwerem refraktärem Verlauf. Japanische Studien: primär zusätzlich zu IVIG bei Hochrisiko-Score (Kobayashi ≥5) wirksam.

Anakinra (IL-1-Blocker): Ultima ratio bei multiplem IVIG-Versagen in Expertenzentren.

Antikoagulation Aneurysma-spezifische Antikoagulationstherapie

Kleines Aneurysma (Z 3–4,99): ASS 3–5 mg/kg/d allein bis Regression.

Mittelgroßes Aneurysma (Z 5–9,99): ASS + Enoxaparin (anti-Xa 0,5–1 IE/ml) oder Warfarin (INR 2,0–2,5). Aktivitätseinschränkung. Echo alle 3–6 Monate.

Riesiges Aneurysma (Z ≥10): ASS + Warfarin (INR 2,5–3,5) oder LMWH. Strikte Aktivitätsrestriktion. CT-Koronar-Angiographie oder invasive Koronar-Angiographie jährlich. Kardio-chirurgische Beratung bei Stenose.

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Langzeit-Follow-up

Das Follow-up richtet sich nach der Risikoklasse der Koronarbefunde bei Entlassung. Kinder ohne Koronarbefunde: Echo nach 6–8 Wochen, dann bei Normalität Entlassung. Kinder mit persistierenden Aneurysmen: lebenslange kardiologische Betreuung.

RisikoklasseEcho-Follow-upAktivitätMedikation
Keine KA-Veränderung6–8 Wochen, dann EntlassungKeine EinschränkungASS bis 6 Wochen, dann stop
Transiente DilatationBei Normalisierung: EntlassungKeine EinschränkungASS bis Normalisierung
Kleines AneurysmaAlle 3–6 MonateKeine Wettkampfsporteinschr.ASS 3–5 mg/kg/d dauerhaft
Mittelgroßes AneurysmaAlle 3–6 Monate; MRT jährl.Keine HochrisikosportartenASS + Antikoagulation
Riesiges AneurysmaAlle 3–6 Monate; CT/MRT jährl.Strenge EinschränkungASS + Warfarin/LMWH; ggf. CABG
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Expertenzentren D-A-CH

Kawasaki-Syndrom erfordert interdisziplinäre Betreuung durch Kinderkardiologie, Kinderrheumatologie und Neonatologie/Pädiatrie. Kinder mit Riesige-Aneurysmen in spezialisierten EMAH-Zentren im Erwachsenenalter.

Leitlinien & Referenzen: McCrindle BW et al. Circulation 2017 (AHA Kawasaki-Leitlinie) · Newburger JW et al. Circulation 2004 (IVIG) · Sundel RP: Kawasaki Disease, Rheum Dis Clin North Am 2015 · Kobayashi T et al. J Pediatr 2006 (Risiko-Score) · Burns JC: Kawasaki Disease Update, Indian Pediatrics 2009 · DGPK Kawasaki-Empfehlungen · GKJR (Ges. für Kinder-Rheumatologie)