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Die vier Komponenten der Tetralogie

Die Fallot-Tetralogie ist der häufigste zyanotische angeborene Herzfehler und besteht aus vier anatomischen Komponenten, die embryologisch auf eine einzige Ursache zurückgehen: die anteriore Verlagerung des Infundibularseptums. Erstmals beschrieben wurde sie 1888 von Étienne-Louis Arthur Fallot. Trotz des Namens „Tetra" haben alle vier Komponenten eine gemeinsame embryologische Wurzel.

Ventrikelseptumdefekt (VSD) Großer, nicht-restriktiver perimembranöser/subarteriellärer VSD. Druckausgleich zwischen LV und RV (= kein VSD-Geräusch, kein Gradient). Obligate Komponente.
Pulmonalstenose (RVOTO) RVOT-Obstruktion (subvalvulär/valvulär/supravalvulär). Schweregrad variabel – bestimmt den Ausmaß des R→L-Shunts. Infundibuläre Hypertrophie dynamisch.
Reitende Aorta Aorta liegt „reitend" über dem VSD (Dextroposition). Nimmt Blut aus beiden Ventrikeln auf. Aortenüberreiten >50 % = double outlet RV (DORV). Wichtig für chirurgische Planung.
Rechtsventrikuläre Hypertrophie Sekundär durch RVOTO und erhöhte RV-Druckbelastung. Keine primäre Ursache, sondern Folge. RV-Hypertrophie progressive nach Geburt durch sinkenden Lungenwiderstand.

Einheitliche embryologische Ursache: Alle vier Komponenten entstehen durch die anteriore und kraniale Verlagerung des Infundibularseptums. Dies führt gleichzeitig zu: (1) unvollständiger VSD-Fusion, (2) RVOT-Obstruktion, (3) Aortenverlagerung nach rechts und (4) sekundärer RV-Hypertrophie. Die Schwere der RVOTO (Pulmonalstenose) bestimmt die Klinik: Je hochgradiger die PS, desto mehr Rechts-Links-Shunt und desto ausgeprägter die Zyanose.

7–10 %
Anteil an allen angeborenen Herzfehlern – häufigster zyanotischer Herzfehler
~15 %
Assoziation mit 22q11-Deletion (DiGeorge-Syndrom) – genetische Diagnostik wichtig
3–6 LM
Optimales Alter für Totalkorrektur – vor Auftreten schwerer Tet-Spells
<1 %
OP-Mortalität der Totalkorrektur in erfahrenen Kinderherzentren

Varianten der Fallot-Tetralogie

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ToF mit Pulmonalatresie

Schwerstes Spektrum: keine Perfusion über RVOT. Ductusabhängige Lungenperfusion. Häufig MAPCAs (majoreaortopulmonale Kollateralen). Komplexe mehrstufige Chirurgie notwendig.

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ToF mit fehlender Pulmonalklappe

Abwesende oder rudimentäre Pulmonalklappe → freie Pulmonalinsuffizienz + Pulmonalklappenring-Hypoplasie → massive Dilatation der Pulmonalarterie → Bronchialkompression (Stridor!).

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ToF mit AVSD (AV-Kanal)

Kombination aus ToF und AVSD. Häufig bei Trisomie 21. Erhöhte Komplexität chirurgisch. Seltene Kombination. AV-Klappen-Rekonstruktion + VSD-Patch + RVOT-Relief.

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Pink Fallot (milde RVOTO)

Geringe RVOTO → minimaler R→L-Shunt → wenig Zyanose (acyanotische Form). Kann mit L→R-Shunt dominiert sein wie VSD-Physiologie. Diagnose oft verzögert. Tet-Spells seltener.

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Klinische Symptome

Die Klinik der Fallot-Tetralogie hängt direkt vom Grad der Pulmonalstenose ab. Neugeborene mit kritischer RVOTO sind sofort zyanotisch; milde Formen werden erst im Verlauf symptomatisch. Charakteristisch ist die Hockstellung zur Kupierung von Zyanoseattacken.

LEITSYMPTOME ToF

  • Zentrale Zyanose (Lippen, Schleimhäute, Fingernägel)
  • Trommelschlägelfinger, Uhrglasnägel (chronisch)
  • Belastungsdyspnoe, Belastungsintoleranz
  • Hockstellung (squatting) nach Belastung – pathognomonisch!
  • Polyzythämie (Hb oft 16–22 g/dl)
  • Hypoxämische Krisen (Tet-Spells)
  • Wachstumsverzögerung

AUSKULTATION & UNTERSUCHUNG

  • Raues Systolikum IV/VI, 2.–4. ICR li. parasternal (PS!)
  • Einzelner 2. Herzton (P2 fehlt / sehr leise)
  • Kein VSD-Geräusch (Druckausgleich)
  • RV-Hebung (parasternal links)
  • SpO₂ variabel: 65–90 % (je nach RVOTO-Grad)
  • Aortaler Ejektionston (bei reitender Aorta)

HOCKSTELLUNG (SQUATTING)

  • Kniebeuge nach Belastung oder Zyanoseanfall
  • Mechanismus: Knie-Brust-Lage ↑ SVR → R→L-Shunt ↓
  • Zusätzlich: venöser Rückstrom aus Beinen komprimiert
  • Funktionell: Sauerstoffsättigung steigt
  • Pathognomonisch für ToF im Kleinkindalter
  • Säuglinge: instinktiv Knie-Brust-Lage beim Füttern

KOMPLIKATIONEN UNKORRIGIERT

  • Zerebrale Abszesse (paradoxe Embolie durch R→L-Shunt)
  • Thromboembolien (Polyzythämie)
  • Hämoptyse (Kollateralgefäße)
  • Infektiöse Endokarditis
  • Hirnschäden durch schwere hypoxämische Krise
  • Plötzlicher Herztod (selten vor OP)
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Tet-Spell – Hypoxämische Krise

Der Tet-Spell (hypoxämische Krise) ist ein kardiopädiatrischer Notfall. Er entsteht durch einen akuten Anstieg des RVOT-Widerstands (infundibulärer Krampf) mit dramatischer Zunahme des R→L-Shunts und tiefster Zyanose. Tet-Spells treten meist zwischen dem 2. und 12. Lebensmonat auf, typischerweise morgens nach dem Aufwachen, beim Schreien, Pressen oder Füttern.

Pathomechanismus Tet-Spell: Trigger (Weinen, Agitation, Fieber, Anämie) → ↑ Herzfrequenz + ↑ Myokardkontraktilität → infundibuläre Muskulatur kontrahiert stärker (dynamische RVOTO-Zunahme) → pulmonaler Blutfluss ↓↓ → R→L-Shunt ↑↑ → SpO₂ ↓↓ → Azidose → Hyperventilation → weiterer RVOTO-Krampf (Teufelskreis). Ohne Behandlung: Bewusstlosigkeit → Krämpfe → hypoxischer Hirnschaden → Tod.

Akuttherapie Tet-Spell – Stufenschema

Schritt 1 Sofortmaßnahmen (immer, sofort)

Knie-Brust-Lage (Hockstellung): Kind in Knie-Brust-Position bringen (oder auf dem Arm des Elternteils mit angezogenen Knien). Erhöht SVR → vermindert R→L-Shunt. Sofortige Wirkung!

O₂-Gabe: Hochdosiert via Maske. Cave: O₂ hat wenig direkten Effekt auf RVOTO, aber vermindert hypoxischen pulmonalen Vasospasmus. Beruhigung des Kindes essentiell (Schreien verschlimmert Spell).

Schritt 2 Medikamentöse Therapie (bei anhaltendem Spell)

Morphin 0,1–0,2 mg/kg i.v./i.m./s.c.: Hemmt Atemzentrum-Aktivierung, Sedierung → ↓ infundibulärer Krampf. Erste-Wahl-Medikament bei Tet-Spell.

Propranolol 0,05–0,1 mg/kg i.v. langsam: β-Blocker → reduziert Herzfrequenz + infubuläre Kontraktilität → RVOTO-Krampf löst sich. Langsam injizieren (Bradykardie-Gefahr). Alternativ Esmolol-Infusion.

Volumen i.v.: 10–20 ml/kg NaCl 0,9 % → RV-Füllungsvolumen ↑ → pulmonaler Fluss ↑.

Schritt 3 Eskalation bei schwerem Spell

Phenylephrin (α-Agonist) 5–20 µg/kg i.v.: Erhöht SVR → reduziert R→L-Shunt direkt. Mittel der Wahl bei therapierefraktärem Spell.

Natriumbikarbonat: Bei metabolischer Azidose (pH <7,2) → verhindert weitere Azidose-bedingte Vasodilatation.

Intubation + Narkose: Bei Bewusstlosigkeit, SpO₂ <50 %. Ketamin 1–2 mg/kg (erhöht SVR, bronchodilatierend) bevorzugt. Notfall-OP evaluieren.

Prophylaxe Propranolol oral – Überbrückung bis Totalkorrektur

Propranolol p.o.: 1–4 mg/kg/d in 3–4 Dosen. Reduziert infundibuläre Krampfbereitschaft. Überbrückungstherapie bis elektive Totalkorrektur. Bei häufigen Spells: Vorziehen der OP-Indikation.

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Diagnostik

  • Echokardiographie (TTE) – PrimärdiagnostikNachweis aller 4 Komponenten. Messung RVOT-Gradient (CW-Doppler). Beurteilung Pulmonalklappe, -arterie (Annulus, PA-Bifurkation). Koronararterien-Verlauf (RCA-Querung RVOT?). SpO₂-Korrelation. Präoperative Anatomie-Klärung.
  • CT-Angiographie / cMRTPräoperativ: Pulmonalarterien-Morphologie, -Größe. Darstellung MAPCAs (bei ToF-PA). Koronararterien. PA-Bifurkation, -Hauptstämme. MRT postoperativ: RV-Funktion, Pulmonalinsuffizienz-Quantifizierung, RV-Volumen (Indikation PKE).
  • EKGRechtstyp (RVH). T-Wellen-Inversion V1–V4. Rechtsschenkelblock nach Totalkorrektur (fast 100 %). QRS-Dauer >180 ms nach OP: erhöhtes Arrhythmierisiko / SCD-Prädiktor.
  • Röntgen ThoraxKlassisch: „Holzschuhherz" (Coeur en sabot) – angehobene Herzspitze durch RVH, eingezogene Pulmonalbucht. Verminderte Lungengefäßzeichnung (verminderte Lungenperfusion).
  • Genetische Diagnostik22q11-Deletion (DiGeorge): ~15 % der ToF. Array-CGH oder FISH bei V.a. Syndrom. NKX2-5, TBX1. Trisomie 21 bei ToF + AVSD. Genetische Beratung der Familie.
  • HerzkatheterPräoperativ nur bei: unklarer Pulmonalvaskulatur (ToF-PA), Kollateralen-Darstellung (MAPCAs), Koronarmorphologie-Fragen. Nicht routinemäßig bei unkomplizierter ToF.
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Chirurgische Therapie

Die chirurgische Totalkorrektur ist der Standard der definitiven Therapie und sollte elektiv im Alter von 3–6 Monaten erfolgen – vor Auftreten häufiger Tet-Spells und vor Entwicklung schwerer RV-Hypertrophie. Bei symptomatischen Neugeborenen ggf. früher.

Palliativshunt Blalock-Taussig-Shunt (BT-Shunt) – Überbrückung

Indikation: Neugeborene mit kritischer Pulmonalatresie (ToF-PA) oder sehr kleinen Pulmonalarterien (PA-Hypoplasie). Ziel: Wachstum der Pulmonalarterien für spätere Totalkorrektur. Heute seltener – meist direkte Totalkorrektur bevorzugt.

Technik: Modifizierter BT-Shunt: Gore-Tex-Röhrchen zwischen A. subclavia und ipsilateraler Pulmonalarterie. Lage: klassisch rechts (früher) oder links. Führt zu Lungenperfusion bei RVOTO.

Totalkorrektur Chirurgische Totalkorrektur – Standardtherapie

Zeitpunkt: Elektiv 3–6 Monate, bei Symptomen früher. Über 90 % der Kinder können im Säuglingsalter korrigiert werden. Gewicht >3,5–4 kg bevorzugt.

Chirurgische Schritte: (1) VSD-Verschluss (Dacron-Patch, transatrialer Zugang). (2) RVOT-Relief: Resektion infundibulärer Muskel, Patcherweiterung RVOT/Pulmonalklappe. (3) Bei schwerer Pulmonalklappenobstruktion: transanulärer Patch (TAP) → führt zu postoperativer PR.

Ergebnisse: OP-Mortalität <1 % in erfahrenen Zentren. Kompletter Rechtsschenkelblock postoperativ fast immer. RVOT-Relief-Grad bestimmt Ausmaß der postoperativen Pulmonalinsuffizienz (PR).

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Langzeitverlauf & Pulmonalinsuffizienz

Nach erfolgreicher Totalkorrektur leben die meisten Patienten gut, aber die Pulmonalinsuffizienz (PR) ist die häufigste Langzeitkomplikation und betrifft nahezu alle Patienten nach transanulärem Patch. Chronische PR führt zur progressiven RV-Dilatation und -Dysfunktion. Langzeit-Follow-up in EMAH-Zentren ist obligat.

Pulmonalinsuffizienz (PR) nach ToF-Korrektur: Nahezu 100 % der Patienten nach transanulärem Patch entwickeln eine signifikante PR. Chronische RV-Volumenüberlastung → RV-Dilatation → RV-Dysfunktion → ventrikuläre Tachykardie → plötzlicher Herztod. MRT-Indikation für Pulmonalklappenersatz (PKE): RVEDVI >160 ml/m² oder RVESVI >80 ml/m² oder signifikante Symptome.

Arrhythmien

Häufigste Spätkomplikation

Ventrikuläre Tachykardien (QRS >180 ms = Risikofaktor). Supraventrikuläre Tachykardien. Sinusknotendysfunktion. Herzrhythmusmonitoring im Verlauf essentiell. ICD bei Hochrisikopatienten.

Plötzlicher Herztod

Wichtigste Vermeidungsstrategie

Inzidenz ~0,2 % / Jahr bei ToF-Patienten. Prädiktoren: QRS >180 ms, RV-Dilatation, LV-Dysfunktion, induzierbare VT im EPS. ICD-Implantation bei definierten Risikogruppen.

Pulmonalklappenersatz (PKE)

Wichtigste Reintervention

Katheterinterventionell (Melody-Valve, SAPIEN-Pulmonale) oder chirurgisch. Indikation: RVEDVI >160 ml/m², Symptome. Zeitpunkt optimieren (vor irreversibler RV-Dysfunktion). Re-PKE nach 10–15 Jahren häufig nötig.

EMAH-Nachsorge

Lebenslange Betreuung

Jährliche Kardiologiekontrolle. EKG, Echo, Holter. MRT alle 3–5 Jahre (RV-Volumetrie). Sport: moderat möglich, Hochleistungssport individuell. Endokarditis-Prophylaxe bei Restbefunden.

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Expertenzentren D-A-CH

Die Fallot-Tetralogie erfordert lebenslange Betreuung in spezialisierten Kinderherzentren und später EMAH-Zentren (Erwachsene mit angeborenen Herzfehlern). Komplexe Varianten (ToF-PA, MAPCAs) gehören in hochspezialisierte Zentren mit Herzchirurgie, Katheterinterventionen und Intensivmedizin.

Leitlinien & Fachgesellschaften: ESC Guidelines on Adult Congenital Heart Disease 2020 · Apitz C et al. Lancet 2009 (ToF-Übersicht) · DGPK Leitlinie Fallot-Tetralogie · Gatzoulis MA: Pulmonary regurgitation after ToF-repair, Circulation 2012 · EMAH-Zertifizierung Deutschland · Warnes CA: ToF Adult, Circulation 2009 · Villafane J et al. JACC 2013 (ToF-Erwachsene)