01

Grundlagen & Definition

Sepsis ist definiert als eine lebensbedrohliche Organdysfunktion, die durch eine fehlregulierte Wirtsantwort auf eine Infektion verursacht wird. Sie zählt zu den führenden Ursachen kindlicher Mortalität weltweit, insbesondere bei Neugeborenen und in Niedrig- und Mitteleinkommensländern.

<72h
Zeitfenster Early-onset-Sepsis nach Geburt
golden hour
Ziel-Zeit bis Therapiebeginn
~10–15%
Letalität schwerer pädiatrischer Sepsis trotz Therapie
Frühgeburt
bedeutendster nicht-genetischer Risikofaktor

Schlüsselkonzept: Die Unterscheidung zwischen neonataler Early-onset- (vertikale Transmission) und Late-onset-Sepsis (oft nosokomial) sowie der ambulant erworbenen Sepsis bei älteren Kindern ist zentral für die kalkulierte Antibiotikatherapie.

02

Klinische Symptome

KLINIK NEUGEBORENES/SÄUGLING

  • Temperaturinstabilität (Fieber oder Hypothermie)
  • Trinkschwäche, Erbrechen, aufgetriebenes Abdomen
  • Tachykardie, Tachypnoe, Apnoen
  • Blasses/marmoriertes Hautkolorit, verlängerte Rekapillarisierungszeit
  • Lethargie, Irritabilität, muskuläre Hypotonie

KLINIK ÄLTERES KIND

  • Fieber, Schüttelfrost, deutlich reduzierter Allgemeinzustand
  • Tachykardie, Tachypnoe (altersadaptierte Grenzwerte)
  • Verlängerte Rekapillarisierungszeit, kühle Extremitäten (kalter Schock) oder warme Extremitäten (warmer Schock)
  • Petechien/Purpura (v.a. bei Meningokokken)
  • Bewusstseinsveränderung, verminderte Urinausscheidung
03

Diagnostik

  1. Klinische Sepsis-Kriterien / Vitalparameter Altersadaptierte Grenzwerte für Herzfrequenz, Atemfrequenz, Blutdruck; Kapillarfüllungszeit, Bewusstseinslage
  2. Blutkulturen (2 Sets, vor Antibiose) Goldstandard zum Erregernachweis; Abnahmevolumen altersadaptiert
  3. Entzündungsparameter CRP, Procalcitonin (PCT steigt schneller und spezifischer bei bakterieller Genese), Differentialblutbild (Neutropenie oder Neutrophilie, I/T-Ratio bei Neonaten)
  4. Fokussuche Urinstatus/-kultur, Liquorpunktion (bei fehlender Kontraindikation), Röntgen-Thorax bei respiratorischer Symptomatik
  5. Laktat & Organfunktion Laktat als Perfusionsmarker, Nieren-/Leberwerte, Gerinnung (Verbrauchskoagulopathie/DIC-Screening)
  6. Reevaluation nach Therapiebeginn Engmaschige klinische und laborchemische Verlaufskontrolle, Anpassung der Antibiose nach Erregernachweis
04

Erregerspektrum & Pathophysiologie

GruppeHäufigste ErregerBesonderheiten
Neonatal Early-onset (<72h)Gruppe-B-Streptokokken, E. coli, seltener Listeria monocytogenesVertikale Transmission, mütterliche GBS-Kolonisation als Risikofaktor
Neonatal Late-onset (>72h–3 Mon.)Koagulasenegative Staphylokokken, S. aureus, E. coli, Klebsiella, Candida spp.Häufig nosokomial (Katheter-assoziiert), v.a. bei Frühgeborenen/NICU
Säugling/Kleinkind, community-acquiredS. pneumoniae, N. meningitidis, S. aureusMeningokokken-Sepsis mit fulminantem Verlauf möglich (Purpura fulminans)
Nosokomial/immunsupprimiertGramnegative Enterobakterien, Pseudomonas aeruginosa, Candida spp.Bei zentralvenösem Katheter, Neutropenie, onkologischen Patienten

🔬 Pathophysiologie

Die Sepsis-Kaskade beginnt mit der Erkennung mikrobieller Bestandteile (PAMPs, z. B. Lipopolysaccharide) durch Toll-like-Rezeptoren des angeborenen Immunsystems, was eine systemische Zytokinausschüttung (TNF-α, IL-1β, IL-6) auslöst. Es folgt eine generalisierte endotheliale Dysfunktion mit gesteigerter Gefäßpermeabilität, Vasodilatation und mikrovaskulärer Thrombosierung, die in eine Gewebehypoperfusion und Organdysfunktion mündet. Bei Neugeborenen ist das Immunsystem durch eine physiologisch verminderte Chemotaxis, reduzierte Komplementaktivität und eine noch unreife Zytokinantwort gekennzeichnet, was die höhere Vulnerabilität für foudroyante Verläufe in dieser Altersgruppe erklärt.

05

Wirtsfaktoren & genetische Suszeptibilität

🧬 Wirtsfaktoren & genetische Suszeptibilität

Frühgeburtlichkeit stellt den bedeutendsten nicht-genetischen Risikofaktor für neonatale Sepsis dar (unreifes Immunsystem, invasive Maßnahmen). Genetisch werden Polymorphismen im TNF-α-Promotor, im TLR4-Gen sowie im Mannose-bindenden-Lektin-Gen (MBL2) mit erhöhter Suszeptibilität für schwere Sepsisverläufe und höherer Mortalität assoziiert. Bei rezidivierenden schweren bakteriellen Infektionen, insbesondere mit ungewöhnlichen Erregern oder Lokalisationen, sollte an einen primären Immundefekt (z. B. schwere kombinierte Immundefizienz, chronische Granulomatose, Komplementdefekte) gedacht und eine immunologische Abklärung eingeleitet werden.

RisikofaktorKlinische Relevanz
FrühgeburtlichkeitBedeutendster nicht-genetischer Risikofaktor
Zentralvenöser KatheterWichtigster Risikofaktor für nosokomiale Late-onset-Sepsis
Fehlende/unzureichende GBS-ProphylaxeErhöhtes Risiko für Early-onset-GBS-Sepsis
Primärer ImmundefektBei rezidivierenden/atypischen schweren Infektionen aktiv suchen
06

Differenzialdiagnosen

ErkrankungWegweisende KlinikAbgrenzung
Virale Infektion mit KreislaufbeteiligungMeist weniger stark ausgeprägte OrgandysfunktionPCT-Verlauf, Blutkultur negativ
Metabolische Krise (angeborene Stoffwechselerkrankung)Oft mit Azidose, Hypoglykämie, unklarer BewusstseinsstörungMetabolisches Screening, Ammoniak
Kardiogener Schock (angeborener Herzfehler)Herzgeräusch, andere Vitalparameter-KonstellationEchokardiographie
Kawasaki-Syndrom/PIMS-TSZusätzliche mukokutane Zeichen, andere FieberdauerLeitkriterien, Echokardiographie
07

Kalkulierte Antibiotikatherapie

  • NEONATAL EARLY-ONSET Ampicillin + Gentamicin (oder Cefotaxim)

    Ampicillin: 100–200 mg/kg/d i.v. in 2–3 ED (Listerien- und GBS-Abdeckung) + Gentamicin: 4–5 mg/kg/d i.v. in 1 ED (synergistische Wirkung gegen GBS, Abdeckung gramnegativer Erreger). Bei V.a. Meningitis Umstellung auf Ampicillin + Cefotaxim wegen besserer Liquorgängigkeit.

  • NEONATAL LATE-ONSET Vancomycin + Cefotaxim (nosokomiales Spektrum)

    Vancomycin: 30–45 mg/kg/d i.v. in 3–4 ED (Spiegelkontrolle empfohlen), zur Abdeckung koagulasenegativer Staphylokokken und MRSA. + Cefotaxim: 150–200 mg/kg/d i.v. in 3–4 ED.

  • SÄUGLING/KIND, AMBULANT ERWORBEN Ceftriaxon/Cefotaxim ± Vancomycin

    Ceftriaxon: 80–100 mg/kg/d i.v. in 1–2 ED (max. 4 g/d), oder Cefotaxim: 150–200 mg/kg/d i.v. in 3–4 ED. Bei V.a. S. aureus zusätzlich Vancomycin: 60 mg/kg/d i.v. in 4 ED.

  • SUPPORTIV Flüssigkeitstherapie, Kreislaufunterstützung

    Initiale Flüssigkeitsboli: 10–20 ml/kg kristalloide Lösung über 5–10 Minuten. Bei Flüssigkeit-refraktärem Schock: Noradrenalin als Katecholamin der ersten Wahl, alternativ Adrenalin. Frühzeitige intensivmedizinische Anbindung bei Schockzeichen.

GBS-Prävention: Mütterliches GBS-Screening (36.–37. SSW) und intrapartale Antibiotikaprophylaxe (Penicillin G oder Ampicillin) bei positivem Nachweis reduzieren die Early-onset-GBS-Sepsis deutlich. Bei unzureichender oder fehlender Prophylaxe trotz Risikofaktoren: engmaschiges klinisches Monitoring des Neugeborenen für mindestens 24–48 Stunden.

08

Expertenzentren D-A-CH

Führende Zentren und Expert:innen für pädiatrische Infektiologie und Neonatologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Unkomplizierte Verläufe: hausärztliche/kinderärztliche Betreuung. Schwere Sepsis, Neugeborenensepsis, V.a. Immundefekt: Anbindung an spezialisierte Zentren mit interdisziplinärer Anbindung.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. med. Markus Hufnagel
Ärztlicher Leiter Pädiatrische Infektiologie und Rheumatologie
Universitätsklinikum Freiburg
FREIBURG
Vorsitzender der DGPI; klinische und translationale Forschung zu invasiven bakteriellen Infektionen und Impfstrategien.
Invasive Infektionen
Prof. Dr. med. Johannes Hübner
Leiter Pädiatrische Infektiologie
Dr. von Haunersches Kinderspital, LMU München
MÜNCHEN
Diagnostik und Management komplexer pädiatrischer Infektionskrankheiten; Antibiotic Stewardship im Kindesalter.
Antibiotic Stewardship
Prof. Dr. med. Reinhard Berner
Direktor Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
DRESDEN
Angeborene Immundefekte und deren infektiologische Manifestationen; Mitherausgeber des DGPI-Handbuchs.
Immundefekte
Prof. Dr. med. Ulrich Heininger
Pädiatrische Infektiologie / Impfmedizin
Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB), zuvor Erlangen
BASEL / ERLANGEN
Langjährige Expertise zu Pertussis, Impfstrategien und Infektionsepidemiologie im Kindesalter.
Pertussis
🇦🇹 Österreich
Univ.-Prof. Dr. Andrea Grisold
Pädiatrische Infektiologie / Klinische Mikrobiologie
Medizinische Universität Graz
GRAZ
Diagnostik bakterieller Infektionen im Kindesalter; Schnittstelle Mikrobiologie und pädiatrische Infektiologie.
Mikrobiologische Diagnostik
Univ.-Prof. Dr. Volker Strenger
Pädiatrische Infektiologie
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz
GRAZ
Klinische Versorgung und Forschung zu bakteriellen Infektionskrankheiten, u.a. Osteomyelitis und Atemwegsinfektionen.
Osteomyelitis
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. med. Christoph Berger
Leiter Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene
Universitäts-Kinderspital Zürich
ZÜRICH
Leitung des Schweizerischen Referenzzentrums für invasive bakterielle Infektionen; Vorsitz EKIF.
Invasive Infektionen
Prof. Dr. med. Nicole Ritz
Chefärztin Pädiatrische Infektiologie
Kinderspital Luzern & Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB)
LUZERN / BASEL
Klinische Forschung zu pädiatrischen Infektionskrankheiten und Impfstoffstudien.
Impfstoffstudien
PD Dr. med. Petra Zimmermann
Pädiatrische Infektiologie
Fribourg Hospital & Universität Fribourg
FRIBOURG
Forschung zu Impfstoffwirkung und immunologischen Aspekten pädiatrischer Infektionskrankheiten.
Impfimmunologie

Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: DGPI – Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie · RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten · AWMF-Leitlinienregister · STIKO-Empfehlungen (aktueller Impfkalender) · Feigin & Cherry's Textbook of Pediatric Infectious Diseases. Angaben zu Expert:innen und Zentren gemäß öffentlich zugänglichen Angaben der jeweiligen Kliniken/Fachgesellschaften, Stand der Recherche 2025 – für aktuelle Sprechstundeninformationen bitte direkt bei der jeweiligen Klinik nachfragen.