Grundlagen & Definition
Scharlach ist die toxinvermittelte Verlaufsform einer Infektion mit Streptococcus pyogenes (Gruppe-A-Streptokokken, GAS), meist im Rahmen einer Tonsillopharyngitis, ausgelöst durch erythrogene (pyrogene) Exotoxine bei entsprechend empfänglichem Wirt ohne protektive Antitoxin-Antikörper. GAS-Infektionen sind zudem klinisch relevant wegen ihrer Assoziation mit den nicht-eitrigen Folgeerkrankungen akutes rheumatisches Fieber und Poststreptokokken-Glomerulonephritis.
Klinische Symptome
KLINIK
- Akuter Beginn: Fieber, Halsschmerzen, Kopfschmerzen, Erbrechen
- Feinfleckiges, sandpapierartiges Exanthem, betont in Leisten/Achseln
- Periorale Blässe bei geröteten Wangen (Facies scarlatinosa)
- Himbeerzunge (initial weiß belegt, dann rot-glänzend)
- Tonsillopharyngitis mit Stippchenbelag, zervikale Lymphadenopathie
- Nach 1–2 Wochen: groblamellöse Schuppung, v.a. Hände/Füße
DIFFERENTIALDIAGNOSEN
- Virale Exantheme (Masern, Ringelröteln, Exanthema subitum)
- Kawasaki-Syndrom (bei anhaltendem Fieber >5 Tage)
- Toxic-Shock-Syndrom (Staphylokokken/Streptokokken)
- Medikamentenexanthem
Diagnostik
- Klinische Diagnose Typisches Exanthem, Facies scarlatinosa, Himbeerzunge in Kombination mit Tonsillopharyngitis
- Rachenabstrich – Schnelltest (Antigen) Hohe Spezifität, mäßige Sensitivität; positiver Schnelltest ausreichend zur Diagnosesicherung
- Rachenabstrich – Kultur Bei negativem Schnelltest und weiterhin klinischem Verdacht zur Bestätigung
- Centor-/McIsaac-Score Klinische Wahrscheinlichkeitsabschätzung einer GAS-Pharyngitis zur Steuerung der Testindikation
- Verlaufskontrolle bei V.a. Folgeerkrankung Urinstatus (Hämaturie/Proteinurie bei PSGN), Echokardiographie/Klinik bei V.a. ARF
Erreger & Pathogenese
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Erreger | Streptococcus pyogenes (Gruppe-A-Streptokokken, GAS) |
| Toxin | Erythrogene (pyrogene) Exotoxine A, B, C – lösen das Scharlach-Exanthem aus |
| Übertragung | Tröpfcheninfektion, direkter Kontakt; Inkubationszeit 2–5 Tage |
| Häufigkeitsgipfel | Kindergarten-/Schulalter (5–15 Jahre), gehäuft in Herbst/Winter |
🔬 Pathophysiologie
Das akute rheumatische Fieber (ARF) entsteht durch molekulare Mimikry: Antikörper gegen das M-Protein der Streptokokken kreuzreagieren mit kardialem Myosin, Gelenk- und ZNS-Gewebe, was 2–4 Wochen nach der GAS-Pharyngitis zu Karditis, Polyarthritis, Chorea minor, Erythema marginatum und subkutanen Knötchen führen kann (Jones-Kriterien). Die Poststreptokokken-Glomerulonephritis (PSGN) beruht auf Immunkomplexablagerungen in den Glomeruli, typischerweise 1–3 Wochen nach Pharyngitis oder 3–6 Wochen nach Hautinfektion (Impetigo), mit Hämaturie, Ödemen und Hypertonie. Im Gegensatz zum ARF ist die PSGN nicht durch adäquate Antibiotikatherapie der Streptokokken-Infektion sicher verhinderbar.
Folgeerkrankungen
Streptokokken-Toxic-Shock-Syndrom (STSS) & invasive GAS-Infektion: Seltene, aber potenziell foudroyante Komplikation mit hohem Fieber, Hypotonie/Schock, Multiorganversagen und ggf. nekrotisierender Fasziitis. Warnzeichen: unverhältnismäßig starke Schmerzen (v.a. bei Weichteilbeteiligung), rasche klinische Verschlechterung. Erfordert intensivmedizinische Betreuung, hochdosierte Antibiose (Penicillin + Clindamycin) und ggf. chirurgisches Débridement.
| Folgeerkrankung | Latenz | Klinik |
|---|---|---|
| Akutes rheumatisches Fieber | 2–4 Wochen nach Pharyngitis | Karditis, Polyarthritis, Chorea minor (Jones-Kriterien) |
| Poststreptokokken-Glomerulonephritis | 1–3 Wo. nach Pharyngitis / 3–6 Wo. nach Hautinfektion | Hämaturie, Ödeme, Hypertonie |
| Streptokokken-Toxic-Shock-Syndrom | Akut, foudroyant | Hypotonie, Multiorganversagen, ggf. nekrotisierende Fasziitis |
Differenzialdiagnosen
| Erkrankung | Wegweisende Klinik | Abgrenzung |
|---|---|---|
| Virale Pharyngitis | Meist Begleitsymptome wie Schnupfen/Husten | Fehlendes Exanthem, negativer Streptokokken-Test |
| Masern | Ausgeprägte Prodromi, Koplik-Flecken | Anderer Exanthemcharakter |
| Kawasaki-Syndrom | Fieber >5 Tage, weitere mukokutane Kriterien | Andere Fieberdauer, Leitkriterien |
| Arzneimittelexanthem | Zeitlicher Zusammenhang mit Medikation | Anamnese, negativer Streptokokken-Nachweis |
Therapie
| Substanz | Dosierung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Penicillin V (oral) | 50.000–100.000 IE/kg/d in 2–3 ED (max. 3 Mio. IE/d) für 7 Tage | Mittel der 1. Wahl, GAS bleibt universell Penicillin-empfindlich |
| Amoxicillin (oral) | 50 mg/kg/d in 1–2 ED (max. 1 g/d) für 7 Tage | Gleichwertige Alternative, bessere Verträglichkeit/Compliance |
| Cefadroxil | 30 mg/kg/d in 1–2 ED für 5–7 Tage | Bei Penicillin-Unverträglichkeit ohne Anaphylaxie-Anamnese |
| Clindamycin | 20–30 mg/kg/d in 3 ED für 10 Tage | Bei Penicillin-Allergie (Anaphylaxie) oder invasiver Infektion (Toxin-Suppression) |
Wiederzulassung zu Gemeinschaftseinrichtungen: Nach Beginn einer wirksamen Antibiotikatherapie besteht in der Regel nach 24 Stunden keine relevante Ansteckungsfähigkeit mehr. Ziel der Antibiotikatherapie ist neben der Symptomverkürzung vor allem die Prävention des akuten rheumatischen Fiebers – die PSGN wird durch die Therapie nicht sicher verhindert.
Expertenzentren D-A-CH
Führende Zentren und Expert:innen für pädiatrische Infektiologie und Kardiologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Unkomplizierter Scharlach: hausärztliche/kinderärztliche Betreuung. V.a. rheumatisches Fieber, invasive GAS-Infektion: spezialisierte Anbindung.
Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: DGPI – Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie · RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten · AWMF-Leitlinienregister · STIKO-Empfehlungen (aktueller Impfkalender) · Feigin & Cherry's Textbook of Pediatric Infectious Diseases. Angaben zu Expert:innen und Zentren gemäß öffentlich zugänglichen Angaben der jeweiligen Kliniken/Fachgesellschaften, Stand der Recherche 2025 – für aktuelle Sprechstundeninformationen bitte direkt bei der jeweiligen Klinik nachfragen.