01

Grundlagen & Definition

Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist der häufigste Erreger der akuten Bronchiolitis und der wichtigste Grund für Hospitalisierungen wegen Atemwegsinfektionen im 1. Lebensjahr. Nahezu alle Kinder haben bis zum 2. Geburtstag mindestens eine RSV-Infektion durchgemacht.

1.–2. Lj.
Altersgipfel der RSV-Bronchiolitis-Hospitalisierung
2–8 d
Inkubationszeit
~100%
Durchseuchung bis zum 2. Geburtstag
Herbst/Winter
Saisonale Häufung

Schlüsselkonzept: Die alterstypische Vulnerabilität für schwere Verläufe beruht auf dem physiologisch kleineren Bronchiolendurchmesser bei Säuglingen – bereits eine geringe zusätzliche Lumeneinengung durch Schleim und Ödem führt zu deutlich erhöhter Atemwegsobstruktion.

02

Klinische Symptome

KLINIK

  • Initial: Rhinitis, milder Husten, subfebrile Temperatur
  • Nach 2–3 Tagen: Tachypnoe, exspiratorisches Giemen/Knistern
  • Thorakale Einziehungen, Nasenflügeln, Überblähung
  • Trinkschwäche bei Säuglingen (nasale Obstruktion + Atemarbeit)
  • Apnoen möglich bei jungen Säuglingen (<2–3 Monate) und Frühgeborenen

RISIKOFAKTOREN FÜR SCHWEREN VERLAUF

  • Frühgeburtlichkeit (<35. SSW)
  • Chronische Lungenerkrankung (z. B. bronchopulmonale Dysplasie)
  • Hämodynamisch relevante angeborene Herzfehler
  • Immundefizienz, neuromuskuläre Erkrankungen
  • Alter <3 Monate bei Erkrankungsbeginn
03

Diagnostik

  1. Klinische Diagnose Typische Anamnese/Klinik bei Säugling meist ausreichend, Diagnose primär klinisch
  2. Pulsoxymetrie Zur Einschätzung des Schweregrads und der Hospitalisierungsindikation
  3. Respiratorische Erreger-PCR/Antigen-Schnelltest Nicht routinemäßig bei unkompliziertem Verlauf notwendig, sinnvoll bei stationärer Aufnahme (Kohortierung), Hochrisikopatienten oder unklarem Bild
  4. Röntgen-Thorax Nicht routinemäßig indiziert, nur bei V.a. Komplikation oder atypischem Verlauf
04

Erreger & Pathophysiologie

🔬 Pathophysiologie

RSV infiziert das respiratorische Epithel der kleinen Bronchiolen und verursacht eine direkte zytopathische Schädigung mit Nekrose der Epithelzellen, begleitet von einer ausgeprägten peribronchiolären Entzündungsreaktion mit Ödem, vermehrter Schleimproduktion und Zelldebris. Bei Säuglingen mit ihrem physiologisch kleineren Bronchiolendurchmesser führt bereits eine geringe zusätzliche Lumeneinengung durch Schleim und Ödem zu einer deutlich erhöhten Atemwegsobstruktion (Poiseuille-Gesetz), was die alterstypische Vulnerabilität für schwere Verläufe erklärt. Die Erkrankung hinterlässt keine belastbare Langzeitimmunität, sodass Reinfektionen im Leben üblich sind.

ParameterAngabe
ÜbertragungswegTröpfcheninfektion, Schmierinfektion (hohe Umweltstabilität auf Oberflächen)
Inkubationszeit2–8 Tage (im Mittel 4–6 Tage)
KontagiositätszeitraumMeist 3–8 Tage, bei Säuglingen/Immunsupprimierten deutlich länger möglich
05

Verlauf & Risikofaktoren

VerlaufsformKlinikManagement
Unkomplizierter VerlaufSelbstlimitierend über 7–14 Tage, ambulante Betreuung möglichSymptomatisch, engmaschige Verlaufskontrolle
Mittelschwerer VerlaufZunehmende Atemarbeit, TrinkschwächeGgf. stationäre Aufnahme, Sauerstoffgabe
Schwerer Verlauf/ApnoenHypoxämie, Apnoen, respiratorische ErschöpfungStationär, ggf. High-Flow/CPAP, Intensivüberwachung
06

Differenzialdiagnosen

ErkrankungWegweisende KlinikAbgrenzung
Ambulant erworbene PneumonieFokaler Auskultationsbefund, höheres FieberFokales statt diffuses Auskultationsmuster
Erstmanifestation Asthma bronchiale/obstruktive BronchitisRezidivierende Episoden, älteres Kind, Atopie-AnamneseAlter, Rezidivneigung, Ansprechen auf Bronchodilatatoren
FremdkörperaspirationPlötzlicher Beginn, einseitiges AtemgeräuschFehlende Infektzeichen initial, akutes Ereignis
PertussisStakkatohusten, inspiratorisches ZiehenCharakteristisches Hustenmuster, PCR-Nachweis
07

Therapie & Prävention

Die Therapie ist primär supportiv – eine kausale antivirale Standardtherapie existiert nicht.

  • AMBULANT Supportive Basistherapie

    Nasensekret-Absaugung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr, engmaschige Verlaufskontrolle der Atemarbeit. Bronchodilatatoren, inhalative/systemische Kortikosteroide und Antibiotika zeigen bei unkomplizierter RSV-Bronchiolitis keinen gesicherten Nutzen.

  • STATIONÄR Sauerstoff & Atemunterstützung

    Sauerstoffgabe bei Hypoxämie, ggf. Sondierung/i.v.-Substitution bei Trinkschwäche, ggf. High-Flow-Sauerstofftherapie oder CPAP bei zunehmender Atemarbeit.

  • SCHWER/APNOEN Intensivmedizinische Betreuung

    Bei respiratorischer Erschöpfung oder rezidivierenden Apnoen: intensivmedizinische Überwachung, ggf. Beatmungsunterstützung.

Prävention: Palivizumab (monoklonaler Anti-RSV-Antikörper, monatliche Gabe während der RSV-Saison) für definierte Hochrisikogruppen. Seit 2023/24 zusätzlich Nirsevimab (langwirksamer monoklonaler Antikörper, Einmalgabe) als breitere Immunisierungsoption für alle Säuglinge vor/während der ersten RSV-Saison verfügbar, sowie ein maternaler RSV-Impfstoff zur Gabe in der Schwangerschaft zum diaplazentaren Nestschutz.

08

Expertenzentren D-A-CH

Führende Zentren und Expert:innen für pädiatrische Pneumologie und Infektiologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Unkomplizierte Verläufe: hausärztliche/kinderärztliche Betreuung. Schwere Verläufe, Hochrisikopatienten: Anbindung an spezialisierte pädiatrisch-pneumologische Zentren.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. med. Markus Hufnagel
Ärztlicher Leiter Pädiatrische Infektiologie und Rheumatologie
Universitätsklinikum Freiburg
FREIBURG
Vorsitzender der DGPI; klinische Forschung zu viralen Infektionen und PIMS-TS im Kindesalter.
DGPI-Vorsitz
Prof. Dr. med. Johannes Hübner
Leiter Pädiatrische Infektiologie
Dr. von Haunersches Kinderspital, LMU München
MÜNCHEN
Diagnostik und Management viraler und komplexer pädiatrischer Infektionskrankheiten.
Infektiologie
Prof. Dr. med. Ulrich Heininger
Pädiatrische Infektiologie / Impfmedizin
Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB), zuvor Erlangen
BASEL / ERLANGEN
Langjährige Expertise zu impfpräventablen Erkrankungen (Masern, Mumps, Röteln) und Impfstrategien.
Impfmedizin
Prof. Dr. med. Tilmann Kallinich
Sektionsleiter Rheumatologie / PIMS-TS-Register
Charité Universitätsmedizin Berlin
BERLIN
Mitinitiator des bundesweiten PIMS-TS-Registers der DGPI/GKJR.
PIMS-TS-Register
🇦🇹 Österreich
Univ.-Prof. Dr. Volker Strenger
Pädiatrische Infektiologie
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz
GRAZ
Klinische Versorgung und Forschung zu viralen Infektionen und postinfektiösen Syndromen des Kindesalters.
Infektiologie
Univ.-Prof. Dr. Andrea Grisold
Pädiatrische Infektiologie / Klinische Mikrobiologie
Medizinische Universität Graz
GRAZ
Diagnostik viraler Infektionen im Kindesalter; Schnittstelle Virologie und pädiatrische Infektiologie.
Virologische Diagnostik
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. med. Christoph Berger
Leiter Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene
Universitäts-Kinderspital Zürich
ZÜRICH
Leitung des Schweizerischen PIMS-TS- und Kawasaki-Registers; Vorsitz EKIF.
PIMS-TS-Register
Prof. Dr. med. Nicole Ritz
Chefärztin Pädiatrische Infektiologie
Kinderspital Luzern & Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB)
LUZERN / BASEL
Klinische Forschung zu viralen Infektionen und Impfstoffstudien im Kindesalter.
Impfstoffstudien

Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: DGPI – Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie · RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten · AWMF-Leitlinienregister · STIKO-Empfehlungen (aktueller Impfkalender) · Feigin & Cherry's Textbook of Pediatric Infectious Diseases. Angaben zu Expert:innen und Zentren gemäß öffentlich zugänglichen Angaben der jeweiligen Kliniken/Fachgesellschaften, Stand der Recherche 2025 – für aktuelle Sprechstundeninformationen bitte direkt bei der jeweiligen Klinik nachfragen.