Grundlagen & Definition
Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist der häufigste Erreger der akuten Bronchiolitis und der wichtigste Grund für Hospitalisierungen wegen Atemwegsinfektionen im 1. Lebensjahr. Nahezu alle Kinder haben bis zum 2. Geburtstag mindestens eine RSV-Infektion durchgemacht.
Schlüsselkonzept: Die alterstypische Vulnerabilität für schwere Verläufe beruht auf dem physiologisch kleineren Bronchiolendurchmesser bei Säuglingen – bereits eine geringe zusätzliche Lumeneinengung durch Schleim und Ödem führt zu deutlich erhöhter Atemwegsobstruktion.
Klinische Symptome
KLINIK
- Initial: Rhinitis, milder Husten, subfebrile Temperatur
- Nach 2–3 Tagen: Tachypnoe, exspiratorisches Giemen/Knistern
- Thorakale Einziehungen, Nasenflügeln, Überblähung
- Trinkschwäche bei Säuglingen (nasale Obstruktion + Atemarbeit)
- Apnoen möglich bei jungen Säuglingen (<2–3 Monate) und Frühgeborenen
RISIKOFAKTOREN FÜR SCHWEREN VERLAUF
- Frühgeburtlichkeit (<35. SSW)
- Chronische Lungenerkrankung (z. B. bronchopulmonale Dysplasie)
- Hämodynamisch relevante angeborene Herzfehler
- Immundefizienz, neuromuskuläre Erkrankungen
- Alter <3 Monate bei Erkrankungsbeginn
Diagnostik
- Klinische Diagnose Typische Anamnese/Klinik bei Säugling meist ausreichend, Diagnose primär klinisch
- Pulsoxymetrie Zur Einschätzung des Schweregrads und der Hospitalisierungsindikation
- Respiratorische Erreger-PCR/Antigen-Schnelltest Nicht routinemäßig bei unkompliziertem Verlauf notwendig, sinnvoll bei stationärer Aufnahme (Kohortierung), Hochrisikopatienten oder unklarem Bild
- Röntgen-Thorax Nicht routinemäßig indiziert, nur bei V.a. Komplikation oder atypischem Verlauf
Erreger & Pathophysiologie
🔬 Pathophysiologie
RSV infiziert das respiratorische Epithel der kleinen Bronchiolen und verursacht eine direkte zytopathische Schädigung mit Nekrose der Epithelzellen, begleitet von einer ausgeprägten peribronchiolären Entzündungsreaktion mit Ödem, vermehrter Schleimproduktion und Zelldebris. Bei Säuglingen mit ihrem physiologisch kleineren Bronchiolendurchmesser führt bereits eine geringe zusätzliche Lumeneinengung durch Schleim und Ödem zu einer deutlich erhöhten Atemwegsobstruktion (Poiseuille-Gesetz), was die alterstypische Vulnerabilität für schwere Verläufe erklärt. Die Erkrankung hinterlässt keine belastbare Langzeitimmunität, sodass Reinfektionen im Leben üblich sind.
| Parameter | Angabe |
|---|---|
| Übertragungsweg | Tröpfcheninfektion, Schmierinfektion (hohe Umweltstabilität auf Oberflächen) |
| Inkubationszeit | 2–8 Tage (im Mittel 4–6 Tage) |
| Kontagiositätszeitraum | Meist 3–8 Tage, bei Säuglingen/Immunsupprimierten deutlich länger möglich |
Verlauf & Risikofaktoren
| Verlaufsform | Klinik | Management |
|---|---|---|
| Unkomplizierter Verlauf | Selbstlimitierend über 7–14 Tage, ambulante Betreuung möglich | Symptomatisch, engmaschige Verlaufskontrolle |
| Mittelschwerer Verlauf | Zunehmende Atemarbeit, Trinkschwäche | Ggf. stationäre Aufnahme, Sauerstoffgabe |
| Schwerer Verlauf/Apnoen | Hypoxämie, Apnoen, respiratorische Erschöpfung | Stationär, ggf. High-Flow/CPAP, Intensivüberwachung |
Differenzialdiagnosen
| Erkrankung | Wegweisende Klinik | Abgrenzung |
|---|---|---|
| Ambulant erworbene Pneumonie | Fokaler Auskultationsbefund, höheres Fieber | Fokales statt diffuses Auskultationsmuster |
| Erstmanifestation Asthma bronchiale/obstruktive Bronchitis | Rezidivierende Episoden, älteres Kind, Atopie-Anamnese | Alter, Rezidivneigung, Ansprechen auf Bronchodilatatoren |
| Fremdkörperaspiration | Plötzlicher Beginn, einseitiges Atemgeräusch | Fehlende Infektzeichen initial, akutes Ereignis |
| Pertussis | Stakkatohusten, inspiratorisches Ziehen | Charakteristisches Hustenmuster, PCR-Nachweis |
Therapie & Prävention
Die Therapie ist primär supportiv – eine kausale antivirale Standardtherapie existiert nicht.
-
AMBULANT Supportive Basistherapie ▼
Nasensekret-Absaugung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr, engmaschige Verlaufskontrolle der Atemarbeit. Bronchodilatatoren, inhalative/systemische Kortikosteroide und Antibiotika zeigen bei unkomplizierter RSV-Bronchiolitis keinen gesicherten Nutzen.
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STATIONÄR Sauerstoff & Atemunterstützung ▼
Sauerstoffgabe bei Hypoxämie, ggf. Sondierung/i.v.-Substitution bei Trinkschwäche, ggf. High-Flow-Sauerstofftherapie oder CPAP bei zunehmender Atemarbeit.
-
SCHWER/APNOEN Intensivmedizinische Betreuung ▼
Bei respiratorischer Erschöpfung oder rezidivierenden Apnoen: intensivmedizinische Überwachung, ggf. Beatmungsunterstützung.
Prävention: Palivizumab (monoklonaler Anti-RSV-Antikörper, monatliche Gabe während der RSV-Saison) für definierte Hochrisikogruppen. Seit 2023/24 zusätzlich Nirsevimab (langwirksamer monoklonaler Antikörper, Einmalgabe) als breitere Immunisierungsoption für alle Säuglinge vor/während der ersten RSV-Saison verfügbar, sowie ein maternaler RSV-Impfstoff zur Gabe in der Schwangerschaft zum diaplazentaren Nestschutz.
Expertenzentren D-A-CH
Führende Zentren und Expert:innen für pädiatrische Pneumologie und Infektiologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Unkomplizierte Verläufe: hausärztliche/kinderärztliche Betreuung. Schwere Verläufe, Hochrisikopatienten: Anbindung an spezialisierte pädiatrisch-pneumologische Zentren.
Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: DGPI – Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie · RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten · AWMF-Leitlinienregister · STIKO-Empfehlungen (aktueller Impfkalender) · Feigin & Cherry's Textbook of Pediatric Infectious Diseases. Angaben zu Expert:innen und Zentren gemäß öffentlich zugänglichen Angaben der jeweiligen Kliniken/Fachgesellschaften, Stand der Recherche 2025 – für aktuelle Sprechstundeninformationen bitte direkt bei der jeweiligen Klinik nachfragen.