Grundlagen & Definition
Pertussis wird durch Bordetella pertussis verursacht und ist hochkontagiös (Kontagionsindex nahezu 100% bei fehlender Immunität). Besonders gefährdet sind junge Säuglinge <6 Monaten, bei denen die Erkrankung foudroyant und potenziell letal verlaufen kann (u.a. durch Apnoen statt des klassischen Hustens).
Klinische Symptome
KLASSISCHER VERLAUF (3 STADIEN)
- Stadium catarrhale (1–2 Wochen): unspezifischer Schnupfen, leichter Husten, subfebrile Temperatur
- Stadium convulsivum (2–6 Wochen): stakkatoartige Hustenattacken, inspiratorisches Ziehen (Reprise), postbetussives Erbrechen
- Stadium decrementi (Wochen bis Monate): allmähliches Abklingen der Hustenattacken
SÄUGLING <6 MONATE
- Oft kein typisches Stadienbild
- Apnoen können führendes/einziges Symptom sein
- Zyanose während Hustenattacken
- Trinkschwäche, Erschöpfung
- Höchstes Risiko für Komplikationen und Letalität
Warnzeichen beim jungen Säugling: Apnoen, Zyanose-Episoden, Bradykardie während Hustenanfällen sowie ausgeprägte Leukozytose (>50.000–100.000/µl mit Lymphozytose) sind Hinweise auf einen schweren, potenziell komplizierten Verlauf mit Risiko für pulmonale Hypertonie und Multiorganversagen („maligner Pertussis"). Stationäre Aufnahme und Monitoring bei allen Säuglingen <3–6 Monaten mit V.a. Pertussis empfohlen.
Diagnostik
- Klinischer Verdacht Anamnestisch anhaltender Husten >2 Wochen mit Stakkatocharakter, Reprisen, postbetussivem Erbrechen; Kontaktanamnese
- PCR aus Nasopharyngealabstrich/-sekret Methode der Wahl, hohe Sensitivität v.a. im Stadium catarrhale/frühen Stadium convulsivum
- Kultur Hohe Spezifität, aber geringere Sensitivität und langsames Wachstum; v.a. in den ersten 2 Wochen sinnvoll
- Serologie (Anti-Pertussistoxin-IgG) Sinnvoll bei späterer Vorstellung (>2–3 Wochen Hustendauer), wenn PCR/Kultur meist bereits negativ
- Blutbild Ausgeprägte Lymphozytose (v.a. bei jungen Säuglingen) als unterstützender Hinweis, prognostisch bei sehr hohen Werten ungünstig
Erreger & Pathophysiologie
🔬 Pathophysiologie
Bordetella pertussis adhäriert selektiv an den zilientragenden Epithelzellen des Respirationstrakts und produziert mehrere Virulenzfaktoren, allen voran das Pertussistoxin, das die Zilienfunktion lähmt (gestörte mukoziliäre Clearance) und systemisch zu ausgeprägter Lymphozytose führt. Weitere Faktoren wie das trachealen Zytotoxin schädigen direkt das respiratorische Epithel und tragen zur charakteristischen, wochenlang persistierenden Hustensymptomatik bei, die trotz Antibiotikatherapie (welche primär die Kontagiosität, weniger den bereits etablierten Husten beeinflusst) fortbestehen kann.
| Parameter | Angabe |
|---|---|
| Übertragungsweg | Tröpfcheninfektion, hochkontagiös |
| Inkubationszeit | 7–14 Tage (Spanne 5–21 Tage) |
| Kontagiositätszeitraum | Höchste Kontagiosität im Stadium catarrhale, bis ca. 3 Wochen nach Hustenbeginn ohne Therapie |
Verlauf nach Alter
| Altersgruppe | Typischer Verlauf | Risiko |
|---|---|---|
| Säugling <6 Monate | Oft atypisch, Apnoen im Vordergrund | Höchstes Risiko für Komplikationen/Letalität |
| Kleinkind/Schulkind | Klassisches 3-Stadien-Bild | Meist gutartiger, wenn auch langwieriger Verlauf |
| Adoleszente/Erwachsene (auch Geimpfte) | Oft atypisch, persistierender Husten | Wichtige, oft unerkannte Infektionsquelle für Säuglinge |
Differenzialdiagnosen
| Erkrankung | Wegweisende Klinik | Abgrenzung |
|---|---|---|
| RSV-Bronchiolitis | Obstruktive Symptomatik, jüngeres Alter typisch | Anderes Hustenmuster, PCR-Differenzierung |
| Virale Bronchitis | Kürzere Hustendauer, weniger Stakkatocharakter | PCR/Kultur negativ für Bordetella |
| Fremdkörperaspiration | Plötzlicher Beginn, einseitiges Atemgeräusch | Anamnese, Bildgebung |
| Chlamydia-trachomatis-Pneumonie (Säugling) | Stakkatohusten ohne Reprisen, meist afebril | PCR-Differenzierung, andere Altersgruppe (Neugeborene) |
Therapie & Umgebungsprophylaxe
| Substanz | Dosierung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Azithromycin | 10 mg/kg/d oral an Tag 1, dann 5 mg/kg/d Tag 2–5 (Neugeborene: 10 mg/kg/d für 5 Tage) | Mittel der Wahl, auch bei Neugeborenen zugelassen |
| Clarithromycin | 15 mg/kg/d in 2 ED für 7 Tage | Alternative ab dem 1. Lebensmonat |
| Trimethoprim-Sulfamethoxazol | 8 mg/kg/d (bez. TMP) in 2 ED für 14 Tage | Bei Makrolid-Unverträglichkeit, nicht bei Neugeborenen <2 Monaten |
Umgebungsprophylaxe & Meldepflicht: Chemoprophylaxe (gleiches Regime wie Therapie) für enge Haushaltskontakte sowie besonders gefährdete Kontaktpersonen (ungeimpfte Säuglinge, Schwangere im letzten Trimenon) unabhängig vom eigenen Impfstatus, idealerweise innerhalb von 21 Tagen nach Exposition. Meldepflicht nach IfSG bei Erkrankung und Tod an Pertussis. Wichtigste Präventionsmaßnahme: Grundimmunisierung im Säuglingsalter sowie „Cocooning"-Strategie – Pertussis-Auffrischimpfung von Eltern, Geschwistern und engen Kontaktpersonen sowie Impfung in der Schwangerschaft (28.–32. SSW) zum Nestschutz des Neugeborenen.
Expertenzentren D-A-CH
Führende Zentren und Expert:innen für pädiatrische Infektiologie und Impfmedizin in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Unkomplizierte Verläufe: hausärztliche/kinderärztliche Betreuung. Junge Säuglinge mit V.a. Pertussis: stationäre Aufnahme und Monitoring empfohlen.
Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: DGPI – Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie · RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten · AWMF-Leitlinienregister · STIKO-Empfehlungen (aktueller Impfkalender) · Feigin & Cherry's Textbook of Pediatric Infectious Diseases. Angaben zu Expert:innen und Zentren gemäß öffentlich zugänglichen Angaben der jeweiligen Kliniken/Fachgesellschaften, Stand der Recherche 2025 – für aktuelle Sprechstundeninformationen bitte direkt bei der jeweiligen Klinik nachfragen.