01

Grundlagen & Definition

Das Kawasaki-Syndrom (mukokutanes Lymphknotensyndrom) ist eine akute, selbstlimitierende Vaskulitis mittelgroßer Gefäße unklarer Ätiologie, bei der ein infektiöser Trigger bei genetisch prädisponierten Kindern angenommen wird. Es betrifft überwiegend Kinder <5 Jahre und ist in Industrienationen die häufigste Ursache erworbener Herzerkrankungen im Kindesalter, primär durch die Gefahr von Koronararterienaneurysmen.

~25%
Koronaraneurysma-Risiko bei unbehandeltem Kawasaki-Syndrom
<10 Tage
Zeitfenster für IVIG-Gabe zur Aneurysma-Prävention
3–5%
Restrisiko nach rechtzeitiger IVIG-Therapie
<5 J.
überwiegend betroffene Altersgruppe
02

Klinische Kriterien

HAUPTKRITERIEN (KLASSISCH)

  • Fieber ≥5 Tage (obligates Kriterium)
  • Bilaterale, nicht-eitrige Konjunktivitis
  • Enanthem: Erdbeerzunge, Lacklippen, gerötete Mundschleimhaut
  • Polymorphes Exanthem (stammbetont)
  • Extremitätenveränderungen: Erythem/Ödem Hände/Füße (akut), Schuppung (subakut, ab 2.–3. Woche)
  • Zervikale Lymphadenopathie (meist einseitig, >1,5 cm)

INKOMPLETTES KAWASAKI-SYNDROM

  • Fieber ≥5 Tage + nur 2–3 Hauptkriterien erfüllt
  • Häufiger bei Säuglingen <6 Monaten – höheres Aneurysma-Risiko bei verzögerter Diagnose
  • Ergänzende Labor-/Echokardiographie-Kriterien zur Diagnosesicherung heranziehen
  • Bei jedem unklaren Fieber >5 Tage im Säuglingsalter aktiv mitbedenken

Koronararterienaneurysmen – zentrale Komplikation: Ohne Behandlung entwickeln bis zu 25% der Kinder Koronararterienaneurysmen, die zu Myokardinfarkt, Thrombose oder plötzlichem Herztod führen können. Das Risiko ist bei rechtzeitiger IVIG-Therapie (innerhalb von 10 Tagen nach Fieberbeginn) auf ca. 3–5% reduzierbar. Größere Aneurysmen (Riesenaneurysmen) bergen ein lebenslang erhöhtes kardiovaskuläres Risiko und erfordern eine langfristige kardiologische Betreuung.

03

Diagnostik

  1. Klinische Diagnose anhand der Hauptkriterien Kein spezifischer Labortest verfügbar; Diagnose stützt sich auf Fieberdauer + Erfüllung der Haupt-/Nebenkriterien
  2. Labor als unterstützende Kriterien Erhöhtes CRP/BSG, Leukozytose, Thrombozytose (typischerweise ab 2. Krankheitswoche), Hypalbuminämie, sterile Pyurie, erhöhte Transaminasen
  3. Echokardiographie Bei Diagnosestellung, nach 1–2 Wochen und nach 6–8 Wochen zur Erfassung von Koronararterienveränderungen; obligater Bestandteil der Diagnostik und Verlaufskontrolle
  4. Ausschlussdiagnostik Abgrenzung zu Scharlach, viralen Exanthemen, Toxic-Shock-Syndrom und – bei entsprechender Anamnese – PIMS-TS
04

Pathophysiologie

🔬 Pathophysiologie

Die Ätiologie des Kawasaki-Syndroms ist nicht abschließend geklärt; angenommen wird eine abnorme, überschießende Immunantwort auf einen bislang nicht sicher identifizierten Trigger (diskutiert werden verschiedene virale und bakterielle Auslöser) bei genetisch prädisponierten Kindern. Die resultierende systemische Vaskulitis betrifft bevorzugt mittelgroße muskuläre Arterien, insbesondere die Koronararterien, mit einer initialen entzündlichen Infiltration der Gefäßwand (Endothelaktivierung, Zytokinausschüttung u.a. IL-1, IL-6, TNF-α), die zu einer Destruktion der elastischen Lamina und in der Folge zu Aneurysmabildung, Stenosierung oder Thrombose führen kann.

05

Inkomplettes Kawasaki-Syndrom

KonstellationVorgehen
Fieber ≥5 Tage + 2–3 HauptkriterienErgänzende Labor-/Echokardiographie-Kriterien zur Diagnosesicherung heranziehen
Säugling <6 Monate mit unklarem Fieber >5 TageKawasaki-Syndrom aktiv mitbedenken – höheres Risiko bei atypischer Präsentation
Grenzwertige LaborkonstellationEngmaschige klinische und echokardiographische Verlaufskontrolle
06

Differenzialdiagnosen

ErkrankungWegweisende KlinikAbgrenzung
ScharlachSandpapierartiges Exanthem, positiver Streptokokken-TestKürzere Fieberdauer, Erregernachweis
PIMS-TSZeitlicher Zusammenhang mit SARS-CoV-2, oft ausgeprägtere GI-/kardiale SymptomatikAnamnese, SARS-CoV-2-Serologie
Virale Exantheme (Masern, EBV)Andere Prodromi, andere ExanthemcharakteristikSerologie/PCR-Differenzierung
Toxic-Shock-SyndromHypotonie/Schock im Vordergrund, rascherer BeginnAndere hämodynamische Konstellation
07

Therapie

  • 1. WAHL Intravenöse Immunglobuline (IVIG) + ASS

    IVIG: 2 g/kg als Einzelinfusion über 10–12 Stunden, idealerweise innerhalb der ersten 10 Krankheitstage. Acetylsalicylsäure (ASS): initial hochdosiert 30–50 mg/kg/d in 4 ED, nach Entfieberung Reduktion auf niedrig dosiert 3–5 mg/kg/d für mindestens 6–8 Wochen.

  • BEI IVIG-RESISTENZ Zweite IVIG-Gabe / Kortikosteroide

    Bei ca. 10–20% der Patienten persistiert oder rekurriert das Fieber trotz initialer IVIG-Gabe. In diesem Fall: zweite IVIG-Infusion (2 g/kg), alternativ oder in Kombination Methylprednisolon.

  • REFRAKTÄRER VERLAUF Biologika (Infliximab, Anakinra)

    Infliximab (TNF-α-Inhibitor, 5 mg/kg i.v. Einzeldosis) als Eskalationsoption bei mehrfacher IVIG-Resistenz. Anakinra (IL-1-Rezeptorantagonist) als weitere Option bei therapierefraktären, schweren Verläufen.

Nachsorge: Regelmäßige kardiologische Verlaufskontrollen mit Echokardiographie nach standardisiertem Schema (Diagnosestellung, 1–2 Wochen, 6–8 Wochen, ggf. länger bei Aneurysmanachweis). Kinder mit dokumentierten Koronararterienaneurysmen benötigen eine langfristige, risikoadaptierte kardiologische Betreuung inklusive Bewegungsempfehlungen und ggf. Antikoagulation bei größeren Aneurysmen. Lebendimpfungen (MMR, Varizellen) sollten wegen möglicher Interferenz mit IVIG um mindestens 11 Monate verschoben werden.

08

Expertenzentren D-A-CH

Führende Zentren und Expert:innen für pädiatrische Kardiologie und Infektiologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bei V.a. Kawasaki-Syndrom: umgehende Anbindung an ein Zentrum mit pädiatrisch-kardiologischer Expertise und Echokardiographie-Verfügbarkeit.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. med. Tilmann Kallinich
Sektionsleiter Rheumatologie / Autoinflammation
Charité Universitätsmedizin Berlin
BERLIN
Differentialdiagnostik von Fieber unklarer Genese und autoinflammatorischen Syndromen (u.a. PFAPA).
FUO-Abklärung
Prof. Dr. med. Markus Hufnagel
Ärztlicher Leiter Pädiatrische Infektiologie und Rheumatologie
Universitätsklinikum Freiburg
FREIBURG
Vorsitzender der DGPI; klinische Expertise zu Kawasaki-Syndrom und konnatalen Infektionen.
Kawasaki-Syndrom
Prof. Dr. med. Rolf Kaiser
Institut für Virologie / Konnatale Infektionen
Uniklinik Köln
KÖLN
Diagnostik konnataler viraler Infektionen (CMV, Herpes simplex); Forschung zu TORCH-Diagnostik-Algorithmen.
TORCH
Prof. Dr. med. Thomas Löscher
Tropenmedizin / Reisemedizin
Ludwig-Maximilians-Universität München
MÜNCHEN
Langjährige Expertise in tropen- und reisemedizinischer Diagnostik, u.a. Malaria und parasitäre Erkrankungen.
Tropenmedizin
🇦🇹 Österreich
Univ.-Prof. Dr. Julia Walochnik
Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin
Medizinische Universität Wien
WIEN
Parasitologische Diagnostik und Forschung, Schwerpunkt reiseassoziierte Parasitosen.
Parasitologie
Univ.-Prof. Dr. Volker Strenger
Pädiatrische Infektiologie
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz
GRAZ
Klinische Versorgung und Forschung zu Fieber unklarer Genese und seltenen Infektionskrankheiten.
FUO
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. med. Christoph Berger
Leiter Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene
Universitäts-Kinderspital Zürich
ZÜRICH
Leitung des Schweizerischen Kawasaki- und PIMS-TS-Registers; klinische Forschung zu konnatalen Infektionen.
Kawasaki-Register
Prof. Dr. med. Nicole Ritz
Chefärztin Pädiatrische Infektiologie
Kinderspital Luzern & Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB)
LUZERN / BASEL
Klinische Forschung zu Fieber unklarer Genese, tropenmedizinischen und seltenen Infektionskrankheiten.
FUO
Prof. Dr. med. Christoph Hatz
Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut
Swiss TPH, Basel
BASEL
Reise- und Tropenmedizin, Diagnostik und Management parasitärer Erkrankungen bei Kindern.
Reisemedizin

Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: DGPI – Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie · RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten · AWMF-Leitlinienregister · STIKO-Empfehlungen (aktueller Impfkalender) · Feigin & Cherry's Textbook of Pediatric Infectious Diseases. Angaben zu Expert:innen und Zentren gemäß öffentlich zugänglichen Angaben der jeweiligen Kliniken/Fachgesellschaften, Stand der Recherche 2025 – für aktuelle Sprechstundeninformationen bitte direkt bei der jeweiligen Klinik nachfragen.