Grundlagen & Definition
Die Harnwegsinfektion (HWI) zählt zu den häufigsten bakteriellen Infektionen im Kindesalter und ist eine wichtige Ursache für Fieber ohne Fokus, insbesondere bei Säuglingen. Die Unterscheidung zwischen unterem HWI (Zystitis) und oberem HWI (Pyelonephritis) ist prognostisch relevant, da Pyelonephritiden das Risiko für Nierennarben und langfristige Folgeschäden bergen.
Klinische Symptome
KLINIK SÄUGLING
- Fieber ohne erkennbaren Fokus, oft einziges Symptom
- Trinkschwäche, Erbrechen, Gedeihstörung
- Irritabilität, übelriechender Urin
- Ikterus (bei Neugeborenen als Hinweis möglich)
KLINIK KLEINKIND/SCHULKIND
- Dysurie, Pollakisurie, imperativer Harndrang
- Flankenschmerz, klopfschmerzhaftes Nierenlager (Pyelonephritis)
- Fieber >38,5°C spricht für Pyelonephritis
- Neu aufgetretene Harninkontinenz (sekundäre Enuresis)
Diagnostik
- Uringewinnung Mittelstrahlurin bei kontinenten Kindern, Katheterurin oder suprapubische Punktion bei Säuglingen zur Vermeidung von Kontamination
- Urinstatus/-stix Leukozyturie, Nitrit (hohe Spezifität, aber falsch-negativ bei kurzer Blasenverweildauer), Blut/Eiweiß
- Urinkultur mit Erregernachweis Goldstandard zur Diagnosesicherung; signifikante Keimzahl altersabhängig und methodenabhängig
- Labor bei V.a. Pyelonephritis CRP/PCT als Hinweis auf renale Beteiligung, Blutbild, Kreatinin bei beidseitigem Befall/Säugling
- Bildgebung nach Erstmanifestation Sonographie der Nieren/ableitenden Harnwege bei jedem ersten fieberhaften HWI; Miktionszysturethrogramm (MCU) bei Rezidiv, sonographischer Auffälligkeit oder Risikofaktoren
Erregerspektrum & Pathophysiologie
| Erreger | Häufigkeit | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Escherichia coli | ~80–90% aller pädiatrischen HWI | Uropathogene Stämme mit P-Fimbrien zur Adhäsion an Uroepithel |
| Klebsiella spp., Proteus mirabilis | 5–10% | Proteus assoziiert mit Struvitsteinen (Harnalkalisierung) |
| Enterococcus spp., Staphylococcus saprophyticus | selten | S. saprophyticus v.a. bei sexuell aktiven Jugendlichen |
🔬 Pathophysiologie
Die Mehrzahl der HWI entsteht durch aszendierende Infektion mit Erregern der periurethralen/fäkalen Flora. Prädisponierend wirken ein vesikoureteraler Reflux (VUR), funktionelle oder anatomische Blasenentleerungsstörungen sowie angeborene Fehlbildungen des Harntrakts. Bei Säuglingen begünstigt zudem die kürzere Urethra bei Mädchen sowie eine fehlende Zirkumzision bei Jungen die Erregeraszension. Rezidivierende Pyelonephritiden können über eine Vernarbung des Nierenparenchyms langfristig zu arterieller Hypertonie und chronischer Niereninsuffizienz führen.
Genetische & anatomische Prädisposition
🧬 Genetische & anatomische Prädisposition
Der vesikoureterale Reflux (VUR) zeigt eine familiäre Häufung mit polygenem Erbgang; Geschwister und Nachkommen von Betroffenen haben ein deutlich erhöhtes Risiko und sollten bei rezidivierenden HWI mitbeurteilt werden. Es werden Assoziationen mit Polymorphismen in Genen der Uroepithel-Rezeptoren (z. B. CXCR1, TLR4) diskutiert, die die individuelle Suszeptibilität für aszendierende Infektionen beeinflussen. Angeborene Fehlbildungen des Harntrakts (z. B. Doppelnierenanlagen, Ureterabgangsstenose, Harnröhrenklappen bei Jungen) stellen wichtige strukturelle Risikofaktoren dar und sollten bei rezidivierenden oder atypisch verlaufenden HWI aktiv gesucht werden.
Differenzialdiagnosen
| Erkrankung | Wegweisende Klinik | Abgrenzung |
|---|---|---|
| Vulvovaginitis/Balanitis | Lokale Rötung/Ausfluss ohne systemische Zeichen | Urinkultur negativ, lokaler Befund |
| Appendizitis | Rechtsseitiger Unterbauchschmerz, wenig Miktionssymptome | Klinische Untersuchung, Sonographie |
| Fieber ohne Fokus anderer Genese | Fehlende Leukozyturie/Nitrit | Vollständige Fokussuche |
| Nierensteine/Urolithiasis | Kolikartige Schmerzen, Hämaturie | Sonographie/CT, Steinnachweis |
Therapie & Nachsorge
| Substanz | Dosierung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Cefixim (oral) | 8–10 mg/kg/d in 1–2 ED | Häufige ambulante Erstlinie bei unkomplizierter fieberhafter HWI |
| Amoxicillin/Clavulansäure | 50–90 mg/kg/d (bez. Amoxicillin) in 2–3 ED | Alternative, regionale Resistenzlage von E. coli beachten |
| Cefotaxim/Ceftriaxon i.v. | s. Dosierung Sepsis/Pneumonie | Bei Säuglingen <3 Monaten, klinisch schwerem Verlauf oder oraler Unverträglichkeit |
| Trimethoprim-Sulfamethoxazol | 6–12 mg/kg/d (bez. TMP) in 2 ED | Bei unkomplizierter Zystitis nach Resistogramm, nicht bei Säuglingen <2 Monaten |
Therapiedauer & Nachsorge: Unkomplizierte Zystitis 3–5 Tage, Pyelonephritis 7–10 Tage (bei gutem klinischem Ansprechen orale Therapie von Beginn an möglich, i.v.-Start bei Säuglingen/schwerem Verlauf). Bei Nachweis eines relevanten VUR oder rezidivierenden fieberhaften HWI: Diskussion einer Antibiotikaprophylaxe bzw. urologische Anbindung; DMSA-Szintigraphie zur Beurteilung von Nierennarben im Verlauf bei entsprechender Indikation.
Expertenzentren D-A-CH
Führende Zentren und Expert:innen für pädiatrische Infektiologie und Nephrologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Unkomplizierte Verläufe: hausärztliche/kinderärztliche Betreuung. Rezidivierende HWI, VUR-Abklärung, strukturelle Fehlbildungen: pädiatrisch-nephrologische/-urologische Anbindung.
Fachgesellschaften & Referenzorganisationen: DGPI – Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie · RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten · AWMF-Leitlinienregister · STIKO-Empfehlungen (aktueller Impfkalender) · Feigin & Cherry's Textbook of Pediatric Infectious Diseases. Angaben zu Expert:innen und Zentren gemäß öffentlich zugänglichen Angaben der jeweiligen Kliniken/Fachgesellschaften, Stand der Recherche 2025 – für aktuelle Sprechstundeninformationen bitte direkt bei der jeweiligen Klinik nachfragen.