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Grundlagen & Pathophysiologie

Das akute rheumatische Fieber ist eine postinfektiöse, immunvermittelte Multisystemerkrankung, die 2–4 Wochen nach einer Pharyngitis durch Streptococcus pyogenes (Gruppe-A-Streptokokken) auftritt. Zentraler pathophysiologischer Mechanismus ist das molekulare Mimikry zwischen bakteriellen und humanen Gewebeproteinen, das zu Karditis, Polyarthritis, Chorea und Hautmanifestationen führt – die Karditis kann zu bleibenden Herzklappenschäden führen.

Pathophysiologische Grundlagen – Molekulares Mimikry

Streptokokken-PharyngitisGruppe-A-Streptokokken
Latenzphase2–4 Wochen
Molekulares MimikryAnti-M-Protein-AK kreuzreagieren
GewebeschädigungHerz, Gelenke, ZNS, Haut
Chronische FolgeRheumatische Herzklappenerkrankung
2–4 Wochen
Typische Latenz zwischen Streptokokken-Pharyngitis und Erstmanifestation
>30 Mio.
Menschen weltweit mit rheumatischer Herzerkrankung als Spätfolge
5–15 Jahre
Typischer Altersgipfel des akuten rheumatischen Fiebers
~60 %
Anteil der Patienten mit Karditis als führender Erstmanifestation

Pathophysiologische Grundlagen im Detail

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Molekulares Mimikry am M-Protein

Antikörper gegen das M-Protein der Zellwand von Streptococcus pyogenes kreuzreagieren mit humanen Strukturproteinen aufgrund struktureller Epitop-Ähnlichkeit – insbesondere mit kardialem Myosin, Gelenkstrukturen und Basalganglien-Neuronen. Dieser Mechanismus erklärt das charakteristische Multisystembefallsmuster.

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Karditis – Pankarditis-Prinzip

Bei der rheumatischen Karditis sind potenziell alle drei Herzschichten betroffen (Endokard, Myokard, Perikard = Pankarditis). Am klinisch bedeutsamsten ist die Valvulitis, v.a. der Mitralklappe (Mitralinsuffizienz) und seltener der Aortenklappe, die durch wiederholte Schübe zu progredienter, irreversibler Klappenschädigung führen kann.

Sydenham-Chorea – ZNS-Kreuzreaktivität

Anti-Streptokokken-Antikörper kreuzreagieren mit Neuronen der Basalganglien (v.a. Nucleus caudatus, Putamen) und stören die dopaminerge Signalübertragung → choreatiforme, unwillkürliche Bewegungen. Die Chorea tritt oft verzögert auf (Wochen bis Monate nach dem Infekt), teils als isolierte Spätmanifestation ohne begleitende Arthritis.

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Polyarthritis – Immunkomplex-vermittelt

Die wandernde Polyarthritis großer Gelenke wird primär durch Immunkomplex-Ablagerung in der Synovia vermittelt und ist charakteristisch selbstlimitierend ohne bleibende Gelenkschäden (im Gegensatz zur Karditis) – ein wichtiges differenzialdiagnostisches Unterscheidungsmerkmal zu anderen Arthritis-Formen.

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Rheumatogene Streptokokken-Stämme

Nicht alle Streptokokken-A-Stämme sind gleichermaßen "rheumatogen" – bestimmte M-Protein-Serotypen (z.B. M1, M3, M5, M6, M18, M24) zeigen eine besonders hohe Assoziation mit der Auslösung des rheumatischen Fiebers, was die geographische und zeitliche Variabilität der Erkrankungshäufigkeit teilweise erklärt.

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Globale epidemiologische Unterschiede

In Industrieländern ist das rheumatische Fieber durch verbesserte Lebensbedingungen und frühzeitige Antibiotikatherapie selten geworden, bleibt jedoch in vielen Entwicklungsländern sowie bei indigenen Bevölkerungsgruppen (z.B. in Ozeanien, Teilen Afrikas) eine der häufigsten Ursachen erworbener Herzerkrankungen im Kindesalter.

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Klinische Symptome

Das klinische Bild folgt den Jones-Major-Kriterien: Karditis, Polyarthritis, Sydenham-Chorea, Erythema marginatum und subkutane Knötchen – ergänzt durch unspezifische Minor-Kriterien wie Fieber und Arthralgie.

Die Jones-Major-Kriterien im Detail

Karditis (~50–70 %)

Prognosebestimmend

Neues Herzgeräusch (v.a. Mitralinsuffizienz-Geräusch), Perikarditis (Reibegeräusch, Erguss), Kardiomegalie, Herzinsuffizienzzeichen; subklinische Karditis (nur echokardiographisch nachweisbar) heute anerkanntes Kriterium.

Polyarthritis (~60–75 %)

Wandernd, selbstlimitierend

Befall großer Gelenke (Knie, Sprunggelenke, Ellbogen, Handgelenke) nacheinander ("wandernd"); stark schmerzhaft, sehr gutes Ansprechen auf NSAR; heilt ohne bleibende Gelenkschäden aus.

Sydenham-Chorea (~10–30 %)

Oft verzögert

Unwillkürliche, unregelmäßige Bewegungen (v.a. Gesicht, Hände); emotionale Labilität; kann isoliert Wochen bis Monate nach dem Infekt auftreten, teils ohne vorausgegangene erkennbare Arthritis/Karditis.

Erythema marginatum (<5 %)

Selten, aber spezifisch

Randbetontes, ringförmiges, blasses Zentrum aufweisendes Erythem, v.a. am Stamm und proximalen Extremitäten; flüchtig, wandernd, meist schmerz- und juckreizfrei.

Subkutane Knötchen (<5 %)

Seltenstes Kriterium

Schmerzlose, feste Knötchen über Knochenvorsprüngen (Ellbogen, Knie, Achillessehne, Wirbelsäule); meist assoziiert mit schwerer Karditis.

Minor-Kriterien

Unspezifische Zusatzbefunde

Fieber, Arthralgie (ohne Arthritis), erhöhte Entzündungswerte (CRP/BSG), verlängertes PR-Intervall im EKG – zählen nur in Kombination mit Majorkriterien und Streptokokken-Nachweis.

KARDITIS – LEITSYMPTOME

  • Neues Herzgeräusch (v.a. Mitralinsuffizienz)
  • Tachykardie außer Verhältnis zum Fieber
  • Perikardreiben, Perikarderguss
  • Kardiomegalie im Röntgen-Thorax
  • Herzinsuffizienzzeichen (bei schwerer Karditis)
  • Subklinische Karditis nur echokardiographisch

POLYARTHRITIS – LEITSYMPTOME

  • Befall großer Gelenke, asymmetrisch
  • "Wandernd" – ein Gelenk klingt ab, nächstes beginnt
  • Starke Schmerzen, Schwellung, Überwärmung
  • Dramatisches Ansprechen auf NSAR (24–48 Std.)
  • Keine bleibenden Gelenkschäden
  • Bei atypisch mildem Verlauf: "Poly-Arthralgie" möglich

SYDENHAM-CHOREA – LEITSYMPTOME

  • Unwillkürliche, unregelmäßige Bewegungen
  • Betroffen: Gesicht, Zunge, Hände, Arme
  • Verstärkung bei Stress, Sistieren im Schlaf
  • Muskelhypotonie ("Milchmädchen-Griff")
  • Emotionale Labilität, Verhaltensauffälligkeiten
  • Kann isoliert, verzögert auftreten (bis Monate später)

LABOR-/EKG-BEFUNDE

  • CRP, BSG deutlich erhöht
  • ASL-Titer erhöht (Verlaufsanstieg wichtiger)
  • Anti-DNase B erhöht
  • Verlängertes PR-Intervall (EKG)
  • Leukozytose
  • Anämie der chronischen Entzündung möglich
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Diagnostik

Die Diagnose stützt sich auf die revidierten Jones-Kriterien 2015, die eine Kombination aus Major- und Minor-Kriterien mit dem obligaten Nachweis einer vorausgegangenen Streptokokken-A-Infektion fordern – unter Berücksichtigung des individuellen Populationsrisikos.

  1. Klinische Untersuchung & AnamneseAnamnese einer Halsschmerz-Episode 2–4 Wochen zuvor (kann bereits abgeklungen sein); systematische Untersuchung auf Karditis (Auskultation, Herzinsuffizienzzeichen), Arthritis (Gelenkstatus, wandernder Charakter), Chorea (unwillkürliche Bewegungen, Muskeltonus), Haut (Erythema marginatum, subkutane Knötchen); Erfassung des individuellen Populationsrisikos (niedrig vs. moderat/hoch, abhängig von regionaler Inzidenz der rheumatischen Herzerkrankung).
  2. Revidierte Jones-Kriterien 2015 anwendenErstmanifestation: 2 Majorkriterien ODER 1 Majorkriterium + 2 Minorkriterien, PLUS Nachweis einer vorausgegangenen Streptokokken-A-Infektion (obligat, außer bei isolierter Chorea oder schleichend beginnender Karditis). Rezidiv bei bekanntem rheumatischem Fieber: 2 Major, 1 Major + 2 Minor, oder 3 Minor-Kriterien (niedrigere Schwelle bei Rezidiv, da Vortestwahrscheinlichkeit höher).
  3. Nachweis der Streptokokken-A-InfektionPositiver Rachenabstrich oder Antigen-Schnelltest zum Zeitpunkt der Diagnose (oft bereits negativ, da Latenzzeit); ASL-Titer (Antistreptolysin-O) und Anti-DNase B als wichtigste serologische Nachweise; ansteigender Titer im Verlauf (2 Proben im Abstand von 2–4 Wochen) aussagekräftiger als Einzelwert; bei alleiniger Chorea können beide Antikörper bereits normalisiert sein (lange Latenz).
  4. Echokardiographie (obligat bei jedem Verdacht)Klappenmorphologie (v.a. Mitral- und Aortenklappe), Regurgitationsgrad, Klappenverdickung; Perikarderguss; linksventrikuläre Funktion; subklinische Karditis (Nachweis nur echokardiographisch, ohne Auskultationsbefund) wird nach den revidierten Kriterien 2015 als Karditis-Nachweis anerkannt.
  5. Populationsrisiko-adaptierte KriterienNiedrigrisiko-Population (Inzidenz rheumatisches Fieber ≤2/100.000 Schulkinder oder Prävalenz rheumatische Herzerkrankung ≤1/1.000): monoartikuläre Arthritis zählt nicht als Major, CRP-Schwelle höher. Moderates/hohes Risiko: polyarthritische, monoartikuläre und Poly-Arthralgie-Präsentationen können als Major- bzw. Minor-Kriterium gewertet werden, niedrigere CRP-/BSG-Schwellenwerte.

Revidierte Jones-Kriterien 2015 im Überblick

KategorieKriteriumBemerkung
Major-KriterienKarditis (klinisch oder subklinisch/echokardiographisch)Wichtigstes prognosebestimmendes Kriterium
Polyarthritis (bzw. Mono-/Poly-Arthralgie je nach Risikopopulation)Häufigstes Kriterium, aber ohne Folgeschäden
Sydenham-ChoreaKann isoliert auftreten, auch ohne Streptokokken-Nachweis
Erythema marginatumSelten, aber hochspezifisch
Subkutane KnötchenSeltenstes Kriterium, meist bei schwerer Karditis
Minor-KriterienPolyarthralgie (Niedrigrisiko) / Monoarthralgie (hohes Risiko)Nur werten, wenn Arthritis nicht bereits als Major gezählt
Fieber ≥38,5°CUnspezifisch
BSG ≥60 mm/h und/oder CRP ≥3 mg/dlSchwellenwerte populationsabhängig unterschiedlich
Verlängertes PR-Intervall (EKG)Nur werten, wenn Karditis nicht bereits als Major gezählt

Wichtiger Hinweis: Bei isolierter Sydenham-Chorea oder bei schleichend beginnender Karditis (indolent carditis) kann die Diagnose auch ohne serologischen Nachweis der vorausgegangenen Streptokokken-Infektion gestellt werden, da die Antikörpertiter zum Zeitpunkt dieser oft verzögerten Manifestationen bereits normalisiert sein können.

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Immungenetische Grundlagen

Nur ein kleiner Teil der Kinder mit unbehandelter Streptokokken-Pharyngitis entwickelt ein rheumatisches Fieber – dies deutet auf eine bedeutsame genetische Suszeptibilitätskomponente hin, die im Zusammenspiel mit rheumatogenen Streptokokken-Stämmen die individuelle Erkrankungswahrscheinlichkeit bestimmt.

Immunologische Schlüsselwege

Antigenpräsentation

HLA-Klasse-II-Assoziation

Bestimmte HLA-DR-Allele (populationsabhängig u.a. HLA-DR7, HLA-DR4, HLA-DR2) präsentieren Streptokokken-M-Protein-Peptide besonders effizient an CD4+-T-Zellen und begünstigen so die Entstehung kreuzreaktiver Antikörper und T-Zellen gegen humane Gewebeproteine.

B-Zell-Marker

D8/17-Antigen

Ein auf B-Lymphozyten exprimiertes Alloantigen (D8/17), das in Familien mit rheumatischem Fieber und Sydenham-Chorea gehäuft nachweisbar ist – als potenzieller Suszeptibilitätsmarker beschrieben, wenn auch nicht routinemäßig diagnostisch genutzt.

Mannose-bindendes Lektin

MBL2-Polymorphismen

Varianten im MBL2-Gen (Komplementsystem, angeborene Immunität) wurden mit erhöhter Suszeptibilität für rheumatisches Fieber assoziiert, möglicherweise über eine veränderte frühe Erregerabwehr und konsekutiv verstärkte adaptive Immunantwort.

Gen / FaktorFunktion / AssoziationKlassifikation
HLA-DR7 / HLA-DR4 / HLA-DR2MHC-Klasse-II-Moleküle; präsentieren Streptokokken-M-Protein-Peptide, die mit humanen Herz-, Gelenk- und ZNS-Epitopen kreuzreagieren (molekulares Mimikry); populationsabhängige Assoziation mit erhöhter Suszeptibilität nach Streptokokken-Infektion – unterschiedliche Allele in verschiedenen ethnischen Gruppen beschriebenHLA-Assoziation, polygen
D8/17 B-Zell-AntigenAlloantigen auf B-Lymphozyten; gehäuft nachweisbar bei Patienten mit rheumatischem Fieber und deren Familienangehörigen; diskutierter Suszeptibilitätsmarker, kein routinemäßig genutzter diagnostischer TestSuszeptibilitätsmarker, Forschungsgegenstand
MBL2 (Mannose-bindendes Lektin)Komponente des angeborenen Immunsystems (Lektin-Komplementweg); Polymorphismen mit verändertem Serumspiegel assoziiert; Varianten mit erhöhter Suszeptibilität für rheumatisches Fieber in einzelnen Populationsstudien beschriebenAngeborene Immunität, polygen
TNF-α-PromotorvariantenBeeinflussen die Höhe der TNF-α-Produktion im Rahmen der Immunantwort; assoziiert mit Schweregrad der Karditis in einzelnen Studien, jedoch uneinheitliche DatenlageZytokin-Regulation, polygen

Klinische Relevanz: Eine routinemäßige genetische Testung ist beim rheumatischen Fieber nicht indiziert. Die familiäre Häufung (Geschwister von Betroffenen haben ein mehrfach erhöhtes Risiko) rechtfertigt jedoch erhöhte Wachsamkeit und ggf. eine niedrigere Schwelle für eine antibiotische Therapie bei Streptokokken-Pharyngitis in betroffenen Familien.

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Molekulare Diagnostik

Die Labordiagnostik dient primär dem Nachweis der vorausgegangenen Streptokokken-A-Infektion sowie der Erfassung der aktuellen Entzündungsaktivität – eine kausale Gendiagnostik ist nicht indiziert.

Praxishinweis Titerverlauf: Ein einzelner ASL-Titer-Wert ist wenig aussagekräftig, da die Titer in der Bevölkerung stark variieren und altersabhängig sind. Ein signifikanter Titeranstieg zwischen zwei im Abstand von 2–4 Wochen entnommenen Proben ist deutlich beweiskräftiger als ein Einzelwert.

MethodeIndikationBedeutung / Besonderheit
Rachenabstrich / Streptokokken-SchnelltestBei akuter Halsschmerz-SymptomatikDirekter Erregernachweis; zum Zeitpunkt der Diagnose des rheumatischen Fiebers (2–4 Wochen nach Infekt) häufig bereits negativ
ASL-Titer (Antistreptolysin-O)Nachweis vorausgegangener Streptokokken-InfektionWichtigster serologischer Marker; Titeranstieg im Verlauf (2 Proben, 2–4 Wochen Abstand) aussagekräftiger als Einzelwert; kann bei isolierter Chorea bereits normalisiert sein
Anti-DNase BErgänzender serologischer Nachweis, v.a. bei negativem ASL-TiterBleibt oft länger erhöht als ASL-Titer; kombinierte Bestimmung erhöht die Nachweisrate der vorausgegangenen Infektion
CRP, BSGErfassung der aktuellen EntzündungsaktivitätTeil der Minor-Kriterien; Verlaufsparameter unter antiinflammatorischer Therapie; Schwellenwerte populationsabhängig unterschiedlich definiert
EKGScreening auf ReizleitungsstörungVerlängertes PR-Intervall als Minor-Kriterium; kann auf subklinische Karditis hinweisen, ist aber unspezifisch
EchokardiographieKarditis-Nachweis (klinisch oder subklinisch)Obligate apparative Untersuchung bei jedem Verdachtsfall; subklinische Karditis wird nach den Kriterien von 2015 als vollwertiger Karditis-Nachweis anerkannt
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Differenzialdiagnosen

Die wichtigsten Differenzialdiagnosen umfassen andere Ursachen kindlicher Arthritis, virale Myokarditis sowie Bewegungsstörungen, die von der Sydenham-Chorea abgegrenzt werden müssen.

DifferentialdiagnoseÄhnlichkeitSchlüsselunterschiedDiagnostik
Reaktive Arthritis (post-streptokokken, nicht-rheumatisch)Arthritis nach Streptokokken-Infektion, erhöhte EntzündungswerteErfüllt nicht vollständige Jones-Kriterien (keine Karditis); Arthritis oft weniger wandernd, längere Latenz möglich; schlechteres NSAR-Ansprechen als klassisches rheumatisches FieberSorgfältige Anwendung der Jones-Kriterien; echokardiographischer Karditis-Ausschluss
Systemische juvenile idiopathische Arthritis (sJIA)Fieber, Arthritis, erhöhte EntzündungswerteLachsfarbenes, fieberkorreliertes Exanthem; chronischerer Verlauf; kein zwingender Streptokokken-Zusammenhang; Ferritin oft massiv erhöhtVerlaufsbeobachtung, Ferritin, ACR-Kriterien sJIA
Virale Myokarditis / PerikarditisKardiale Beteiligung, erhöhtes TroponinMeist ohne begleitende Polyarthritis; anderer Erregernachweis (Enteroviren, Adenoviren); kein Streptokokken-ZusammenhangKardiale MRT, Virus-PCR, Verlaufsmuster
Tic-Störungen / Tourette-SyndromUnwillkürliche Bewegungen (DD zur Sydenham-Chorea)Tics sind stereotyp und unterdrückbar (im Gegensatz zur Chorea); keine Muskelhypotonie; kein zeitlicher Streptokokken-Zusammenhang notwendigKlinische Bewegungsanalyse, Anamnese, ggf. ASL-Titer zur Abgrenzung
PANDAS/PANS (pädiatrisches autoimmunes neuropsychiatrisches Syndrom)Neuropsychiatrische Symptome nach Streptokokken-InfektionIm Vordergrund stehen Zwangssymptome und Verhaltensänderungen statt choreatiformer Bewegungsstörung; umstrittenes Krankheitskonzept, andere diagnostische KriterienKlinische Differenzierung, spezialisierte neuropsychiatrische Beurteilung
Infektiöse EndokarditisNeues Herzgeräusch, Fieber, erhöhte EntzündungswerteBlutkulturen positiv; oft prädisponierender Herzfehler oder Fremdmaterial; Vegetationen in der Echokardiographie; kein wanderndes Arthritis-MusterBlutkulturen (mehrfach), Duke-Kriterien, Echokardiographie
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Therapie

Die Therapie umfasst die Akutbehandlung der Entzündung und Symptomatik sowie – von größter prognostischer Bedeutung – die lebenslange bis langjährige Sekundärprophylaxe mit Penicillin zur Vermeidung von Rezidiven und progredienter Klappenschädigung.

  • STUFE 1Akuttherapie – Eradikation & Entzündungshemmung

    Eradikationstherapie: Penicillin V oral über 10 Tage oder Benzathin-Penicillin G als Einmalgabe i.m. – unabhängig davon, ob der aktuelle Rachenabstrich noch positiv ist, um verbleibende Streptokokken zu eliminieren und weitere Antigenexposition zu beenden. Bei Penicillinallergie: Makrolide (Erythromycin, Azithromycin) als Alternative.
    Antiinflammatorische Therapie bei Arthritis: Acetylsalicylsäure (hochdosiert, 80–100 mg/kg/d aufgeteilt auf 4–5 Einzeldosen) oder alternative NSAR (Naproxen); dramatisches Ansprechen innerhalb von 24–48 Stunden ist typisch und stützt retrospektiv die Diagnose.
    Kortikosteroide bei Karditis: Prednisolon 1–2 mg/kg/d bei mittelschwerer bis schwerer Karditis (Herzinsuffizienzzeichen, deutliche Kardiomegalie); Ausschleichen über mehrere Wochen; bei leichter Karditis ohne Herzinsuffizienz oft NSAR ausreichend.
    Bettruhe: Während der akuten Entzündungsphase, insbesondere bei Karditis, zur Entlastung des Herzens; Dauer abhängig vom Schweregrad.

  • STUFE 2Sekundärprophylaxe – Lebenslanger Rezidivschutz

    Benzathin-Penicillin G (i.m.): Standardtherapie der Wahl; Injektion alle 3–4 Wochen (bei Hochrisiko-Populationen ggf. alle 3 Wochen); deutlich bessere Wirksamkeit und Compliance als orale Dauertherapie, da unabhängig von täglicher Einnahmetreue.
    Orale Alternative: Penicillin V zweimal täglich, bei nachgewiesen schlechterer Compliance und höherer Rezidivrate im Vergleich zur i.m.-Gabe – nur bei fehlender Möglichkeit/Akzeptanz der Injektionstherapie.
    Dauer der Sekundärprophylaxe (abhängig vom Schweregrad): Rheumatisches Fieber ohne Karditis: mindestens 5 Jahre nach letztem Schub oder bis zum 21. Lebensjahr (was länger ist). Mit Karditis, aber ohne bleibenden Klappenschaden: 10 Jahre nach letztem Schub oder bis zum 21. Lebensjahr. Mit persistierendem Klappenschaden: 10 Jahre nach letztem Schub oder bis zum 40. Lebensjahr, bei manchen Patienten lebenslang (insbesondere bei hohem Reinfektionsrisiko oder schwerem Klappenschaden).
    Bei Penicillinallergie: Sulfadiazin oder Makrolide als orale Alternative zur Sekundärprophylaxe.

  • STUFE 3Therapie der Sydenham-Chorea

    Basismaßnahme: Die Chorea ist meist selbstlimitierend über Wochen bis Monate; primär symptomatische Behandlung, wenn die Beeinträchtigung im Alltag (Schule, Selbstversorgung) relevant ist.
    Symptomatische Therapie bei ausgeprägter Beeinträchtigung: Carbamazepin oder Valproat als Erstlinienoptionen zur Reduktion der choreatiformen Bewegungen; Haloperidol als Alternative bei unzureichendem Ansprechen (cave: extrapyramidale Nebenwirkungen).
    Immunmodulatorische Therapie bei schwerer/refraktärer Chorea: Kortikosteroide oder IVIG in ausgewählten schweren Fällen mit deutlicher Funktionsbeeinträchtigung, insbesondere bei begleitender psychiatrischer Symptomatik.
    Sekundärprophylaxe obligat: Auch bei isolierter Chorea ohne Nachweis von Karditis oder Arthritis ist die Penicillin-Sekundärprophylaxe indiziert, da das Risiko für spätere Karditis-Manifestation erhöht bleibt.

Monitoring unter Therapie – Übersicht

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Kardiale Verlaufskontrolle

Echokardiographie initial, nach 2–4 Wochen und nach mehreren Monaten zur Beurteilung von Klappenfunktion und Erholung; bei bekannter Karditis regelmäßige Langzeit-Kardiologie-Betreuung zur Erfassung progredienter Klappenschäden.

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Sekundärprophylaxe-Compliance

Regelmäßige Erinnerung an die Injektionstermine (alle 3–4 Wochen) als wichtigster einzelner prognostischer Faktor; strukturierte Aufklärung von Familie und Patient über die Notwendigkeit trotz Beschwerdefreiheit; Übergang in die Erwachsenenmedizin sorgfältig planen.

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Entzündungsverlauf

CRP, BSG zur Steuerung der antiinflammatorischen Therapiedauer; Normalisierung der Werte vor Beendigung der Akuttherapie anstreben; Ausschleichen von Kortikosteroiden unter laborchemischer Kontrolle.

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Zahnärztliche & invasive Prophylaxe

Bei Patienten mit nachgewiesenem Klappenschaden Endokarditisprophylaxe bei bestimmten zahnärztlichen und invasiven Eingriffen nach aktuellen kardiologischen Leitlinien besprechen; regelmäßige zahnärztliche Kontrollen zur Vermeidung von Eintrittspforten.

Prognose: Die Prognose des rheumatischen Fiebers ohne Karditis ist exzellent, mit vollständiger Ausheilung ohne Folgeschäden. Bei Karditis hängt die Langzeitprognose entscheidend von der konsequenten Sekundärprophylaxe ab – diese verhindert Rezidive, die kumulativ das Risiko einer progredienten, irreversiblen rheumatischen Herzklappenerkrankung erhöhen. Die Sydenham-Chorea heilt in den allermeisten Fällen folgenlos aus, kann aber in Einzelfällen über Jahre persistieren oder rezidivieren. Weltweit bleibt die rheumatische Herzklappenerkrankung eine bedeutende Ursache erworbener Herzerkrankungen, besonders in Regionen mit eingeschränktem Zugang zu Penicillin-Prophylaxe.

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Expertenzentren D-A-CH

Führende Experten und spezialisierte Zentren für rheumatisches Fieber, rheumatische Herzerkrankungen und Streptokokken-assoziierte Folgeerkrankungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Markus Hufnagel
Pädiatrische Infektiologie & Rheumatologie
Universitätsklinikum Freiburg – Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
FREIBURG
Streptokokken-assoziierte Folgeerkrankungen inkl. rheumatisches Fieber; PIMS-TS-Abgrenzung; pädiatrische Infektionsimmunologie-Forschung
Streptokokken-FolgeerkrankungenFreiburg
Prof. Dr. Nikolaus Haas
Pädiatrische Kardiologie
LMU Klinikum München – Kinderherzzentrum
MÜNCHEN
Erworbene Herzerkrankungen im Kindesalter; rheumatische Karditis; Klappendiagnostik und -verlauf; Echokardiographie-Referenzzentrum
Kinderherzzentrum MünchenKlappendiagnostik
Prof. Dr. Tilmann Kallinich
Pädiatrische Rheumatologie
Charité Universitätsmedizin Berlin – Zentrum für Chronisch Kranke Kinder
BERLIN
Postinfektiöse rheumatologische Erkrankungen; Differenzierung rheumatisches Fieber vs. reaktive Arthritis; GKJR-Arbeitsgruppe
Postinfektiöse RheumatologieGKJR
GKJR – Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie
Nationales Fachnetzwerk
Arbeitsgruppe postinfektiöse Rheumaerkrankungen der GKJR
DEUTSCHLAND
Nationale Leitlinien rheumatisches Fieber; Kooperation mit DGPI und DGPK; Register seltener postinfektiöser Erkrankungen im Kindesalter
GKJR-NetzwerkLeitlinienarbeit
🇦🇹 Österreich
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Wien
Pädiatrische Kardiologie & Rheumatologie
Medizinische Universität Wien
WIEN
Rheumatisches Fieber; rheumatische Karditis-Diagnostik; österreichisches Referenzzentrum für seltene postinfektiöse Erkrankungen
Referenzzentrum WienKarditis-Diagnostik
Prof. Dr. Daniel Gräfe
Pädiatrische Kardiologie
Medizinische Universität Graz – Kinderherzzentrum
GRAZ
Rheumatische Herzklappenerkrankung; pädiatrische Echokardiographie; Langzeitbetreuung nach rheumatischem Fieber
Kinderherzzentrum GrazKlappen-Langzeitbetreuung
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. Michael Hofer
Pädiatrische Rheumatologie
Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV) Lausanne – Pédiatrie
LAUSANNE
Rheumatisches Fieber; postinfektiöse Arthritis-Formen; Schweizer Register für pädiatrische Rheumaerkrankungen
Postinfektiöse Rheumatologie LausanneSchweizer Register
Universitäts-Kinderspital Zürich – Kardiologie
Pädiatrische Kardiologie
Universitäts-Kinderspital Zürich
ZÜRICH
Rheumatische Karditis und Klappendiagnostik; interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Rheumatologie und Infektiologie
Kardiologie ZürichInterdisziplinär
Prof. Dr. Daniela Kaiser
Pädiatrische Rheumatologie
Luzerner Kantonsspital – Kinderspital
LUZERN
Postinfektiöse rheumatologische Syndrome; Sekundärprophylaxe-Betreuung; Schweizer pädiatrische Rheumatologie-Netzwerk
Sekundärprophylaxe-BetreuungLuzern

Fachgesellschaften & Ressourcen: Gewitz MH et al., Circulation 2015 (revidierte Jones-Kriterien, AHA Scientific Statement) · World Heart Federation Criteria for Echocardiographic Diagnosis of Rheumatic Heart Disease · GKJR (Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie) · DGPK (Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie) · RHDAustralia Guideline for Rheumatic Fever and Rheumatic Heart Disease