Grundlagen & Pathophysiologie
Die Eosinophile Ösophagitis (EoE) ist eine chronisch-entzündliche, immun-antigengetriggerte Erkrankung des Ösophagus, die histologisch durch eine Eosinophilen-dominierte Entzündung mit ≥15 Eosinophilen pro hochauflösendem Gesichtsfeld (HPF) definiert ist. Sie gilt als die häufigste chronische entzündliche Erkrankung des Ösophagus und hat in den letzten drei Jahrzehnten eine dramatisch steigende Inzidenz erfahren. EoE ist eine atopische Erkrankung – sie tritt gehäuft bei Kindern mit Asthma, allergischer Rhinitis, atopischer Dermatitis und Nahrungsmittelallergien auf und wird durch nahrungsmittelgebundene Antigene (nicht IgE-vermittelt) ausgelöst.
Th2-Immunpathologie – Kernmechanismus: Nahrungsmittelantigene (Kuhmilch, Weizen, Ei, Soja) penetrieren die gestörte ösophageale Epithelbarriere → Präsentation durch dendritische Zellen → Aktivierung naiver T-Zellen → Th2-Polarisierung → IL-4, IL-5, IL-13-Produktion. IL-5 → Eosinophilen-Differenzierung im Knochenmark + Aktivierung im Gewebe. IL-13 → Eotaxin-3-Hochregulation im Ösophagusepithel → Eosinophilen-Rekrutierung. Chronische eosinophile Entzündung → Fibrose der Lamina propria → Strikturbildung. TSLP (Thymic Stromal Lymphopoietin) aus Epithelzellen amplifiziert die Th2-Antwort.
TSLP-Achse, Epithelbarriere & atopischer Marsch
Pathophysiologische Grundlagen
Eosinophile im Ösophagus
Normaler Ösophagus: keine Eosinophilen (einziges GI-Organ ohne physiologische Eosinophilen!). Bei EoE: ≥15 Eos/HPF als Diagnosekriterium; häufig deutlich höher (50–100 Eos/HPF). Eosinophile degranulieren → Major Basic Protein (MBP), Eosinophil Cationic Protein (ECP), Eosinophil Peroxidase (EPO) → direkte Epithelschädigung + Mastzelldegranulation → Symptome.
IL-5 & Eosinophilen-Biologie
IL-5 ist das Schlüsselzytokin der Eosinophilen-Kontrolle: Differenzierung im Knochenmark, Aktivierung, Überleben im Gewebe. IL-5-Überproduktion → Eosinophilie im Blut + Gewebe. Therapeutisch: Mepolizumab (Anti-IL-5) und Benralizumab (Anti-IL-5Rα) bei EoE in Studien; bei Kindern noch begrenzte Daten.
IL-13 & Eotaxin-3 (CCL26)
IL-13 → direkte Hochregulation von Eotaxin-3 (CCL26) im Ösophagusepithel → stärkster Chemoattraktant für Eosinophile im Ösophagus. IL-13 hemmt außerdem die Differenzierung der ösophagealen Epithelzellen → Barriereschwäche (↓ Desmoglein-1, ↓ Filaggrin). Doppelter Effekt: Rekrutierung + Perpetuierung. Therapeutisch: Tralokinumab (Anti-IL-13), Lebrikizumab in Studien.
TSLP & Alarmzytokine
TSLP (Thymic Stromal Lymphopoietin) aus Epithelzellen: „Notfallsignal" bei Barrierestörung → aktiviert dendritische Zellen → Th2-Polarisierung verstärkt; direkte Mastzellaktivierung. IL-33 (aus Epithelzellen/Mastzellen) → ILC2-Aktivierung → IL-5/IL-13. IL-25 (IL-17E) → ILC2 + Th2-Amplifikation. Therapeutisch: Tezepelumab (Anti-TSLP) bei EoE in Phase-II-Studien.
Fibrose & Remodeling
Chronische eosinophile Entzündung → TGF-β1-Überproduktion (aus Eosinophilen, Mastzellen) → Aktivierung ösophagealer Fibroblasten → Kollagendeposition in der Lamina propria → subepitheliale Fibrose → Ösophagus-Striktur, verminderte Compliance. Bei Kindern oft noch reversibel unter Therapie; bei jahrelanger unbehandelter EoE: irreversible Fibrose.
Ösophageale Barriere & CAPN14
CAPN14 (Calpain 14): Protease, die spezifisch im Ösophagusepithel exprimiert wird; EoE-Suszeptibilitätsgen. IL-13 → CAPN14-Hochregulation → Abbau von Desmoglein-1 (DSG1) → gestörte Tight Junctions → erhöhte Permeabilität für Nahrungsantigene → Teufelskreis. CAPN14-Inhibition als potenzieller therapeutischer Ansatz.
Klinische Symptome
EoE zeigt eine ausgeprägte altersabhängige Symptomwandlung: Säuglinge und Kleinkinder zeigen unspezifische Fütterungsstörungen, während ältere Kinder und Jugendliche die typische Dysphagie und Nahrungsimpaktionen entwickeln. Das Erkennen dieser Altersabhängigkeit ist entscheidend für eine frühzeitige Diagnose.
Altersabhängige Symptomwandlung
Fütterungsstörungen
Nahrungsverweigerung / Trinkschwäche; prolongiertes Füttern; Erbrechen / Regurgitation; Gedeihstörung / Gewichtsverlust; Irritabilität beim Füttern; GERD-ähnliches Bild (PPI-refraktär!); Schluckbeschwerden seltener artikulierbar. Häufig als GERD oder Kuhmilchproteinallergie fehldiagnostiziert.
Bauchschmerzen & Erbrechen
Epigastrische / retrosternale Schmerzen; Erbrechen / Regurgitation nach bestimmten Speisen; Übelkeit; selektiveres Essverhalten (Vermeidung fester Speisen); Schluckbeschwerden zunehmend artikulierbar; GERD-ähnliche Symptome; Wachstumsstörung möglich.
Dysphagie & Impaktation
Dysphagie für feste Speisen (Fleisch, Brot, trockene Nahrung) als Leitsymptom; Nahrungsimpaktionen (Notfallvorstellung!); langsames Essen, extensives Kauen, Trinken beim Essen; Schmerzen retrosternal; Bolusobstruktion. Symptommuster nähert sich dem Erwachsenenbild.
INTESTINALE SYMPTOME (ALTERSÜBERGREIFEND)
- Dysphagie für feste Speisen (Leitsymptom älterer Kinder)
- Odynophagie (Schmerzen beim Schlucken)
- Retrosternale / epigastrische Schmerzen
- Nahrungsregurgitation (unverdaut)
- Häufiges Erbrechen (besonders nach trockenen Speisen)
- Nahrungsimpaktionen (Notfall!)
- Selektive Nahrungsablehnung / Vermeidungsverhalten
- PPI-refraktäre „GERD"-Symptome (→ EoE denken!)
VERHALTENSÄNDERUNGEN & KOMPENSATION
- Extrem langsames Essen (Zeit für Boluspropulsion)
- Exzessives Kauen vor dem Schlucken
- Trinken zu jedem Bissen (Nahrung „hinunterspülen")
- Speisen zerdrücken / in kleine Stücke schneiden
- Vermeidung von Fleisch, Brot, Nüssen
- Soziale Isolation bei Mahlzeiten (Scham)
- Mahlzeiten-Angst; Essensaversion
- Gewichtsverlust / Gedeihstörung durch Vermeidung
ATOPISCHE KOMORBIDITÄTEN
- Atopische Dermatitis (~50 %)
- Allergische Rhinitis / Rhinokonjunktivitis (~50–60 %)
- Asthma bronchiale (~30–40 %)
- Nahrungsmittelallergien IgE-vermittelt (~20–30 %)
- Erhöhtes Gesamt-IgE (~70 %)
- Bluteosinophilie (mild, nicht immer vorhanden)
- Positive Hauttests (Prick, Atopie-Patch) auf Nahrungsmittel
KOMPLIKATIONEN
- Nahrungsimpaktionen / Bolusobstruktion (Notfall!)
- Ösophageale Strikturen (bei chron. unbehandelter EoE)
- Ösophageale Ringbildung (Trachealisierung des Ösophagus)
- Spontane ösophageale Perforation (Boerhaave-ähnlich, sehr selten)
- Gedeihstörung / Untergewicht
- Psychosoziale Belastung durch Essenseinschränkungen
- Angststörungen rund um Mahlzeiten
Diagnostik
Die Diagnose der EoE erfordert zwingend eine Ösophago-Gastro-Duodenoskopie (ÖGD) mit Biopsien. Die Klinik allein reicht nicht aus. Histologisches Kriterium: ≥15 Eosinophile/HPF. Vor Diagnose muss eine GERD als Ursache ausgeschlossen werden (PPI-Therapieversuch oder pH-Metrie).
- Anamnese (zielgerichtet)Dysphagie-Anamnese: seit wann; welche Konsistenzen betroffen (fest > flüssig → EoE; flüssig = neurogen!); Kompensationsstrategien (langsam essen, trinken beim Essen); Notfallbesuche wegen Impaktionen; Ernährungsanamnese: Vermeidung bestimmter Nahrungsmittel; Wachstumsparameter. Atopie-Anamnese: Asthma, AR, AD, Nahrungsmittelallergien. Familienanamnese: EoE, Atopie, eosinophile GI-Erkrankungen. Saisonale Symptomvariation (Pollen-Assoziation bei EoE möglich!).
- Labor-BasisscreeningBlutbild mit Differenzial (Eosinophilie? – fehlt bei 50 %!); Gesamt-IgE (erhöht bei ~70 %); spezifische IgE (sIgE) gegen häufige EoE-Trigger: Milch (f2), Weizen (f4), Ei (f1), Soja (f14), Erdnuss, Nüsse (Orientierung, kein Goldstandard für EoE-Trigger); Allergiediagnostik: Prick-Test + Atopie-Patch-Test (APT) bei ausgewiesenen Allergiespezialisten. Wichtig: negative Allergiediagnostik schließt Nahrungsmittel-Trigger nicht aus! EoE ist nicht IgE-vermittelt.
- ÖGD mit Biopsien – GoldstandardBiopsien aus mindestens 2 verschiedenen Ösophagusabschnitten (proximal + distal obligat; ggf. mittleres Drittel); mindestens 2–4 Biopsien pro Lokalisation. Histologisches Diagnosekriterium: ≥15 Eosinophile/HPF in der Biopsie mit dem höchsten Wert. Begleithistologie: eosinophile Mikroabszesse, Oberflächenexfoliation, Basalzellhyperplasie, subepitheliale Fibrose, Eosinophilen-Degranulation. Biopsien auch aus Magen und Duodenum (DD eosinophile Gastritis, Zöliakie). Wichtig: Biopsien auch bei makroskopisch unauffälligem Ösophagus – Schleimhaut kann normal aussehen!
- Endoskopischer Befund & EREFS-ScoreEREFS (EoE Endoscopic Reference Score): standardisierte Beurteilung. Fixierte Ringe (Trachealisierung / Korrugation): 0–3. Exsudate (weißliche Plaques): 0–2. Furchen (longitudinale Furchung): 0–2. Ödem (Schleimhautödem, Vaskulärzeichnung reduziert): 0–1. Strikturen: 0–1. Maximaler EREFS-Score: 9 Punkte. EoE-typische Befunde: Ringe, Furchen, weißliche Exsudate, Ödeme, Strikturen, „Crêpe-paper"-Schleimhaut (reißt bei Biopsie). Normal-Endoskopie: schließt EoE nicht aus!
- GERD-Ausschluss (obligat vor EoE-Diagnose)PPI-Therapieversuch (8 Wochen hochdosiert: Omeprazol 1–2 mg/kg/d, max. 40 mg 2×/d) mit anschließender Kontroll-ÖGD. Persistierende Eosinophilie trotz PPI → EoE bestätigt. Alternative: pH-Impedanz-Metrie (saure Refluxexposition ausschließen). Wichtig: PPI können EoE-Symptome und Histologie verbessern (PPI-responsive eosinophile Ösophagitis = PPI-REE; wird nach aktuellen Leitlinien 2018 als EoE-Subform betrachtet).
EREFS-Score – Endoskopische Kriterien der EoE
| EREFS-Kriterium | Ausprägung / Punkte | Klinische Bedeutung |
|---|---|---|
| E – Exsudate | 0 = keine; 1 = <10 % Oberfläche; 2 = >10 % Oberfläche (weiße Plaques / Exsudate) | Eosinophilen-Mikroabszesse; Degranulationsprodukte; starke Assoziation mit Entzündungsaktivität |
| R – Ringe (Ringbildung) | 0 = keine; 1 = leichte Korrugation; 2 = moderate Ringe nicht passierbar für Standard-Endoskop; 3 = ausgeprägte Ringe, Ösophagus eng | Fibrotische Ringbildung (Trachealisierung); Zeichen chronischer Fibrose; Risiko für Impaktionen und Strikturen |
| E – Ödeme | 0 = keine; 1 = vorhanden (Schleimhautödem, verminderte Gefäßzeichnung, blasse Schleimhaut) | Akute Entzündungsaktivität; reversibel unter Therapie; Gefäßzeichnung als Indikator |
| F – Furchen (Furchenbildung) | 0 = keine; 1 = vorhanden (vertikale Furchung der Ösophagusschleimhaut) | Longitudinale Furchen entlang der Ösophaguslängsachse; typisches EoE-Zeichen; Schleimhautfragilität |
| S – Strikturen | 0 = keine; 1 = vorhanden (Ösophagusenge, Standard-Endoskop <9 mm nicht passierbar) | Fortgeschrittene Fibrose; Therapie: Dilatation; erhöhtes Perforationsrisiko bei EoE (vs. andere Ursachen) |
„Crêpe-paper"-Ösophagus: Bei EoE ist die Schleimhaut mechanisch fragil und reißt bei Biopsieentnahme leicht ein – dieser Befund ist pathognomonisch. Der Befund entspricht der subepithelial geschwächten Gewebeintegrität durch Fibrose und eosinophile Infiltration. Kein Abbruch der ÖGD – sorgfältige Biopsien trotzdem entnehmen, da therapeutisch entscheidend.
Molekulargenetische Grundlagen
EoE ist eine polygene Erkrankung mit starker Umweltkomponente. GWAS-Studien haben mehrere EoE-spezifische Suszeptibilitätsloci identifiziert, die sich von klassischen atopischen Erkrankungen unterscheiden. Besonders relevant: Gene der ösophagealen Epithelbarriere (CAPN14, DSG1) und der Th2-Immunantwort (TSLP, STAT6, IL5).
Immunologische Schlüsselwege
CAPN14 & DSG1
CAPN14 (Calpain 14): Stärkstes EoE-spezifisches Suszeptibilitätsgen; exprimiert selektiv im Ösophagusepithel; IL-13-induziert → Abbau von Desmoglein-1 (DSG1) → Barrierestörung → Antigenpenetration. DSG1: Desmosomales Adhäsionsprotein; Haploinsuffizienz → SAM-Syndrom (Severe Dermatitis, Allergies, Metabolic Wasting) mit EoE-Phänotyp.
TSLP & STAT6
TSLP-Promotor-Polymorphismen: erhöhte TSLP-Sekretion → verstärkte Th2-Polarisierung. STAT6 (Signal Transducer and Activator of Transcription 6): zentraler Transkriptionsfaktor der IL-4/IL-13-Signalwege; STAT6-Varianten assoziiert mit EoE-Risiko; Direkte Verbindung zu IL-13-induzierter Eotaxin-3-Expression.
IL5 & Eotaxin-3 (CCL26)
IL5-Promotor-Polymorphismen: erhöhte IL-5-Produktion → Eosinophilie. CCL26 (Eotaxin-3): stärkstes Chemoattrakin für Eosinophile im Ösophagus; IL-13-induziert; 53-fach hochreguliert in aktiver EoE; Serumwert als potenzieller Biomarker. PTGER4 (Prostaglandin-E-Rezeptor 4): Suszeptibilitätslocus; moduliert eosinophile Entzündung.
Suszeptibilitätsgene der eosinophilen Ösophagitis
| Gen / Locus | Chromosom | Funktion / Relevanz | Assoziation |
|---|---|---|---|
| CAPN14 | 2p23 | Calpain 14: Calcium-abhängige Protease; spezifisch im Ösophagusepithel exprimiert; IL-13-induziert → proteolytischer Abbau von Desmoglein-1 (DSG1) → Barrierestörung → erhöhte Antigenpenetration → Entzündungskreislauf; stärkstes EoE-spezifisches Suszeptibilitätsgen (GWAS); kein bekanntes Pendant bei anderen atopischen Erkrankungen | EoE-spezifisch; Barriere |
| TSLP | 5q22 | Thymic Stromal Lymphopoietin; epitheliales Alarmsignal bei Barrierestörung; aktiviert dendritische Zellen → Th2-Polarisierung; aktiviert Mastzellen direkt; TSLP-Promotor-SNP rs3806933: erhöhte TSLP-Expression → erhöhtes EoE-Risiko; TSLP-Spiegel erhöht in EoE-Biopsien; therapeutisch: Tezepelumab (Anti-TSLP) in EoE-Studien | Th2-Amplifikation |
| STAT6 | 12q13 | Signal Transducer and Activator of Transcription 6; zentraler Transkriptionsfaktor für IL-4 + IL-13-Signalwege; STAT6-Aktivierung → Eotaxin-3-Transkription + CAPN14-Induktion + Becherzell-Veränderungen; STAT6-Polymorphismen in EoE-GWAS; STAT6-Inhibitoren (z.B. Dupilumab hemmt JAK1/IL-4Rα-Achse upstream von STAT6) als therapeutischer Ansatz | IL-4/IL-13-Signaling |
| FLG (Filaggrin) | 1q21 | Epidermales Strukturprotein; Loss-of-function-Mutationen (R501X, 2282del4) → gestörte Hautbarriere → atopischer Marsch; FLG-Varianten auch mit ösophagealer Barrierestörung assoziiert; erhöhtes EoE-Risiko bei FLG-Mutationsträgern (unabhängig von atopischer Dermatitis); gemeinsamer Barriere-Suszeptibilitätsmechanismus Haut + Ösophagus | Atopische Komorbidität |
| DSG1 | 18q12 | Desmoglein-1: Desmosomales Zelladhäsionsprotein; wichtig für interzelluläre Verbindungen im Ösophagusepithel und in der Haut; IL-13 → CAPN14-Aktivierung → DSG1-Abbau → Barrierestörung; Haploinsuffizienz durch DSG1-Frameshift-Mutationen: SAM-Syndrom (schwere Dermatitis, Allergien, metabolisches Wasting) mit prominenter EoE-Beteiligung | Barriere, SAM-Syndrom |
| IL5 / IL5RA | 5q31 / 3p26 | IL-5: Schlüsselzytokin für Eosinophilen-Differenzierung, Aktivierung und Überleben; IL5-Promotor-Varianten → erhöhte IL-5-Produktion → Eosinophilie; IL5RA (IL-5-Rezeptor α): Varianten assoziiert mit eosinophilen GI-Erkrankungen; therapeutisch: Mepolizumab (Anti-IL-5), Benralizumab (Anti-IL-5Rα) in EoE-Studien | Eosinophilen-Achse |
| PTGER4 | 5p13 | Prostaglandin-E2-Rezeptor 4; reguliert eosinophile Entzündung und Mastzell-Aktivierung; EoE-GWAS-Treffer; PGE2-Signaling moduliert eosinophile Überlebenssignale; auch assoziiert mit CED (Morbus Crohn) → gemeinsame entzündliche GI-Suszeptibilitätswege; klinische Bedeutung für zukünftige Therapietargets | Eosinophile Regulation |
EoE als neue Entität – nicht klassische Allergie: EoE ist nicht IgE-vermittelt (kein anaphylaktisches Risiko). Nahrungsmitteltests (Prick, sIgE) sind bei EoE nur eingeschränkt prädiktiv für individuelle Trigger. Die Identifikation des Trigger-Nahrungsmittels erfolgt klinisch durch Eliminationsdiät + Kontroll-Endoskopie, nicht durch Allergiediagnostik allein. Dieser Unterschied zur klassischen Nahrungsmittelallergie ist für Elternberatung und Therapieplanung entscheidend.
Molekulare Diagnostik & Biomarker
Es gibt aktuell keinen validierten nicht-invasiven Biomarker, der die Endoskopie bei EoE ersetzt. Die Histologie bleibt Goldstandard. Mehrere Marker befinden sich in klinischer Entwicklung und könnten das Therapiemonitoring vereinfachen.
Non-invasives Monitoring als Zukunftsperspektive: Das größte ungelöste Problem der EoE ist die Notwendigkeit wiederholter Endoskopien zur Therapiekontrolle. Forschungsschwerpunkt: nicht-invasive Marker für eosinophile Aktivität. Vielversprechend: Eotaxin-3 im Plasma, eosinophile Knochenmarkaktivierungsmarker, Bluteosinophil-Zahl (unzuverlässig), Ösophagus-Gewebe-Impedanz. Orale Cytosponge (Kapselschwamm) als minimalinvasive Biopsie in Entwicklung.
| Methode | Referenzwert / Befund | Bedeutung bei EoE |
|---|---|---|
| ÖGD + Histologie (Goldstandard) | ≥15 Eos/HPF in ≥1 Biopsie; mind. 2 Lokalisationen; GERD ausgeschlossen | Diagnose und Therapiemonitoring; Kontroll-ÖGD nach 8–12 Wochen Therapie; Ziel: <15 Eos/HPF (Histologische Remission) |
| EREFS-Score (endoskopisch) | 0–9 Punkte; ≥3 Punkte: aktive EoE wahrscheinlich | Objektivierung der endoskopischen Aktivität; Verlaufskontrolle; EREFS ≥3 = klinisch aktiv; EREFS 0–2 = Endoskopische Remission |
| Bluteosinophile | Normal: <500/µl; bei EoE variabel erhöht | Unzuverlässiger Marker: fehlt bei ~50 % der aktiven EoE; hilfreich wenn erhöht, schließt EoE nicht aus wenn normal; zur Verlaufskontrolle eingeschränkt verwendbar |
| Gesamt-IgE + spezifisches IgE | Gesamt-IgE meist erhöht (~70 %); sIgE gegen Milch, Weizen, Ei, Soja | Orientierung für Allergie-Komorbidität; sIgE NICHT prädiktiv für EoE-Trigger! Atopie-Diagnostik, nicht EoE-spezifisch; Kombination Prick + APT (Atopie-Patch) für Trigger-Suche unter spezialisierter Allergologie |
| Eotaxin-3 (CCL26) im Plasma | Erhöht bei aktiver EoE; normalisiert unter Therapie (Forschung) | Vielversprechender Biomarker; korreliert mit histologischer Aktivität; noch kein klinisch validierter Routineeinsatz; Phase-II-Studien als Sekundärendpunkt |
| Ösophageale Impedanz-pH-Metrie | 24-h-Messung; saure Refluxexposition quantifizieren | GERD-Ausschluss vor EoE-Diagnose; alternative zu PPI-Therapieversuch; relevant wenn PPI-Ansprechen unklar |
| Atopie-Patch-Test (APT) | Nahrungsmittelantigene auf Haut (48/72 h Ablesung) | Kann Hinweise auf EoE-Trigger geben (Spättyp-Reaktion); sensitivität/Spezifität begrenzt; sinnvoll in Kombination mit Prick-Test an allergologischen Zentren; ersetzt nicht Eliminationsdiät + Endoskopie |
Differenzialdiagnosen
Dysphagie und ösophageale Eosinophilie haben verschiedene Ursachen. Die wichtigste Differenzialdiagnose ist die GERD (kann Eosinophilie im distalen Ösophagus verursachen), aber auch andere eosinophile GI-Erkrankungen müssen abgegrenzt werden.
| Erkrankung | Ähnlichkeit zur EoE | Schlüsselunterschied | Abklärung |
|---|---|---|---|
| Gastroösophagealer Reflux (GERD) | Sodbrennen, Regurgitation, retrosternaler Schmerz; ösophageale Eosinophilen möglich (distal) | Eosinophilie nur distal (≤10/HPF bei GERD); Besserung unter PPI; pH-Metrie: saure Exposition; kein typisches EoE-Endoskopiebild | PPI-Therapieversuch (8 Wo.) + Kontroll-Biopsie; pH-Impedanz-Metrie; EREFS-Score |
| Eosinophile Gastritis / Enteritis | Eosinophile Entzündung im GI-Trakt; Nahrungsmittel-Trigger; atopische Komorbidität | Eosinophilie im Magen/Dünndarm (nicht nur Ösophagus); andere Symptome (Bauchschmerzen, Diarrhoe, Proteinverlust); Biopsien Magen/Duodenum entscheidend | Biopsien aus Magen + Duodenum bei ÖGD; Blutbild; Albumin; ggf. Kapselendoskopie |
| Achalasie | Dysphagie für Festspeisen + Flüssigkeiten; Regurgitation unverdauter Speisen; Gewichtsverlust | Dysphagie auch für Flüssigkeiten (EoE: primär Festspeisen); Megaösophagus in Bildgebung; keine Eosinophilen histologisch; manometrisch: fehlende Relaxation UÖS | Röntgen-Kontrastmittelschluck; Ösophagus-Manometrie; ÖGD (Eosinophilen-Zahl normal) |
| Infektiöse Ösophagitis (Candida, HSV, CMV) | Odynophagie; Dysphagie; weißliche Beläge (Candida ähnlich Exsudate bei EoE) | Immunsuppression als Risikofaktor; akuter Beginn; Erregernachweis im Abstrich/Biopsie; keine atopische Anamnese; keine Eosinophilien typisch | Endoskopie + Abstrich / Biopsie (PAS, KOH, Immunhistochemie für HSV/CMV); Immunstatus |
| Ösophageale Striktur (andere Ursache) | Dysphagie für Festspeisen; Impaktionen; endoskopische Enge | Anamnese: Verätzung, OP, Bestrahlung, Sklerodermie; keine Eosinophilien; keine typischen EoE-Endoskopiebefunde (Furchen, Ringe diffus) | Anamnese; Biopsien (keine Eosinophilen bei posttraumatischer Striktur); Bildgebung |
| Kuhmilchprotein-Allergie (CMPA) Säugling | Erbrechen, Nahrungsverweigerung, Gedeihstörung; überlappende Symptome mit EoE im Säuglingsalter | CMPA: meist IgE-vermittelt (Sofortreaktion) oder nicht-IgE (delayed, diffus GI); EoE: ösophageale Eosinophilie; Histologie entscheidet; CMPA kann EoE koexistieren | ÖGD + Biopsien; Eliminationsdiät; sIgE; bei EoE: histologische Diagnose obligat |
| Motilitätsstörungen (z.B. diffuser Ösophagusspasmus) | Thoraxschmerzen, Dysphagie; gelegentlich Impaktionen | Keine Eosinophilien; normale Schleimhaut; Manometrie: hochamplitudige simultane Kontraktionen; keine atopische Anamnese | Manometrie (High-Resolution Manometry); ÖGD mit Biopsien; normale Histologie |
Therapiemöglichkeiten
Die Therapie der EoE verfolgt drei gleichwertige Säulen: Eliminationsdiät, topische Kortikosteroide und – neu zugelassen – Dupilumab (Biologikum, IL-4Rα-Antikörper). Ziel ist die histologische Remission (<15 Eos/HPF) und Symptomfreiheit. Eine Dauertherapie ist erforderlich, da EoE bei Absetzen der Therapie rezidiviert.
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SÄULE 1Eliminationsdiät – kausale Behandlung▼
Empirische Eliminationsdiät: Kausaler Ansatz durch Elimination der Trigger-Nahrungsmittel ohne vorherige Allergiediagnostik. Verschiedene Strategien:
6-Food-Elimination (SFED): Elimination der 6 häufigsten Trigger gleichzeitig: Milch, Weizen, Ei, Soja, Nüsse/Erdnüsse, Fisch/Meeresfrüchte. Remissionsrate: ~72 %; anschließend systematische Wiedereinführung mit Endoskopie nach jeder Gruppe → Trigger-Identifikation. Nachteile: einschneidend, lange Dauer, viele Endoskopien (6+).
4-Food-Elimination (FFED): Elimination Milch + Weizen + Ei + Soja (Nüsse + Fisch weglassen). Remissionsrate: ~54 %; weniger aufwändig.
2-Food-Elimination (TFED): Nur Milch + Weizen eliminieren. Remissionsrate: ~43 %; minimal-invasiver Einstieg; für Kinder gut verträglich.
Step-up-Strategie: Beginne mit 2-Food (Milch + Weizen), bei Versagen Erweiterung auf 4- oder 6-Food → weniger Endoskopien.
Elementardiät (Aminosäure-Formula): Nur hypoallergene Aminosäure-Elementardiät; Remissionsrate ~90–95 %; Goldstandard für Remissionsinduktion; praktisch sehr einschränkend (kein normales Essen); meist nur für wenige Wochen zur Diagnosebestätigung oder bei refraktärer EoE.
Wichtig: Ernährungsberatung durch diätetische Fachkraft obligat! -
SÄULE 2Topische Kortikosteroide (TKS) – medikamentöse Erstlinie▼
Topische Kortikosteroide – Wirkprinzip: Inhalationskortikoide werden geschluckt (nicht inhaliert) → direkte Wirkung auf Ösophagusepithel → Hemmung der Th2-Immunantwort + Eosinophilen-Rekrutierung. Systemische Resorption minimal. Kein Einfluss auf Trigger-Allergen.
Fluticason-Propionat MDI (Dosisinhalator) geschluckt: 88–440 µg 2×/d (je nach Alter/Gewicht; Kinder ab 2–5 J.: 88 µg 2×/d; Schulkinder: 220 µg 2×/d); Inhalator in den Mund, aber NICHT inhalieren → Spray direkt schlucken; nach Anwendung 30 min nichts essen/trinken. Off-label-Anwendung. Remissionsrate: ~50–70 %.
Budesonid-Suspension / Budesonid-Orodispersible Tablets (ODT): Jorveza® (Budesonid 1 mg ODT): EU-zugelassen für EoE bei Erwachsenen; pädiatrische Zulassung (ab 11 J.) vorhanden; 2× 1 mg/d (abends und morgens auf Zunge lösen, hinunterschlucken, 30 min nüchtern danach); Remissionsrate ~80–90 % (besser als Fluticason). Wichtig: Candida-Ösophagitis als NW (~5–10 %) → Mundspülen nach jeder Anwendung empfehlen.
Therapiedauer: Erhaltungstherapie langfristig (≥12 Monate, oft dauerhaft) – EoE rezidiviert bei Absetzen in >90 % der Fälle. Regelmäßige Kontroll-ÖGD alle 6–12 Monate unter Therapie. -
SÄULE 3Dupilumab – Biologikum (neu zugelassen)▼
Dupilumab (Dupixent®): Monoklonaler Antikörper gegen IL-4Rα-Rezeptor → blockiert IL-4 UND IL-13-Signaling → doppelte Hemmung des Th2-Kernwegs. EU-Zulassung: EoE bei Erwachsenen und Jugendlichen ≥12 Jahre (2023); für Kinder <12 J. in klinischer Prüfung.
Dosierung: 12–17 J. / Körpergewicht 15–30 kg: 300 mg s.c. alle 4 Wochen; >30 kg: 300 mg alle 2 Wochen. Erwachsene: 300 mg alle 2 Wochen.
Wirksamkeit: PART A-Studie (EoE): 59 % histologische Remission (<6 Eos/HPF) vs. 6 % Placebo; signifikante Verbesserung Dysphagie-Score + EREFS. Vorteil: kein diätetischer Eingriff; wirkt gleichzeitig auf atopische Komorbiditäten (AD, AR, Asthma).
Sicherheitsprofil: Injektionsstellenreaktionen; Konjunktivitis (bekannte Nebenwirkung); keine Immunsuppression im klassischen Sinne; kein erhöhtes Infektionsrisiko; vor Beginn Impfstatus prüfen (Lebendimpfstoffe vorher abschließen).
Indikation: Versagen oder Intoleranz von Diät + TKS; ausgeprägte atopische Komorbidität (synergistischer Effekt); bei Adoleszenten mit schwerem Verlauf als Erstlinie erwägen. -
STUFE 4PPI – adjuvante Therapie & GERD-Differenzierung▼
Protonenpumpeninhibitoren (PPI): Omeprazol 1–2 mg/kg/d (max. 40 mg 2×/d) × 8 Wochen als Diagnose-Therapieversuch (GERD-Ausschluss / PPI-responsive EoE). PPI können bei einem Teil der EoE-Patienten histologische Remission induzieren → „PPI-responsive EoE" = EoE-Subtyp (nach aktueller Nomenklatur, 2018). Mechanismus: nicht allein säurehemmend – PPI hemmen auch STAT6-Signaling und Eotaxin-3-Produktion. Kein Alleinstellungsmerkmal; adjuvante PPI-Therapie bei EoE + GERD-Komorbidität sinnvoll. Keine Dauertherapie als alleinige EoE-Behandlung.
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STUFE 5Endoskopische Dilatation + neue Biologika in Entwicklung▼
Endoskopische Ösophagusdilation: Bei symptomatischen Strikturen (Dysphagie trotz medikamentöser Remission) → Bougierung oder Ballondilation. Wichtig: Dilatation behandelt Symptome (Striktur), nicht Entzündung → immer kombiniert mit medikamentöser EoE-Therapie. Erhöhtes Perforationsrisiko bei EoE (Crêpe-paper-Mukosa) → vorsichtige schrittweise Dilatation (≤3 mm pro Sitzung, „rule of three").
Weitere Biologika in Entwicklung: Mepolizumab (Anti-IL-5): Phase-II moderat wirksam. Benralizumab (Anti-IL-5Rα): Phase-II läuft. Cendakimab (Anti-IL-13): Phase-III positive Daten (histologische Remission ~50 %). Tezepelumab (Anti-TSLP): Phase-II läuft. QAX576 (Anti-IL-13): Phase-II. Lirentelimab (Anti-Siglec-8, Mastzell/Eosinophil-Depletion): Phase-III bei eosinophilen GI-Erkrankungen.
Therapiemonitoring – Endoskopie-Protokoll
Histologische Remission
Ziel: <15 Eos/HPF in allen Biopsie-Lokalisationen. Strengeres Ziel nach aktuellen Leitlinien: <6 Eos/HPF (tiefe histologische Remission). Kontroll-ÖGD nach 8–12 Wochen Therapiebeginn; dann alle 6–12 Monate bei Remission.
EREFS-Verlauf
EREFS-Score bei jeder Kontroll-ÖGD dokumentieren. Ziel: EREFS 0–2 (endoskopische Remission). Ringe und Strikturen bessern sich langsamer (Fibrose) als Exsudate und Ödem (Entzündung). EREFS allein reicht nicht: Biopsien obligat trotz gutem Endoskopiebefund.
Diät-Wiedereinführung
Bei Eliminationsdiät: schrittweise Wiedereinführung einer Nahrungsmittelgruppe alle 6 Wochen; nach jeder Gruppe: ÖGD + Biopsien. Trigger-Identifikation durch Histologie, nicht durch Symptome allein (viele EoE-Patienten adaptieren an Symptome). Ernährungsberatung bei jeder Wiedereinführungsphase.
Atopie-Mitbehandlung
Komorbiditäten gleichzeitig behandeln: Dupilumab synergistisch bei AD + AR + EoE. Aeroallergen-Exposition (Pollen, Hausstaubmilbe) kann EoE-Exazerbationen triggern → saisonale Symptomvariation beachten. Allergie-Immuntherapie (SIT/SCIT) bei Pollenallergie und EoE: Vorsicht – kann EoE verschlechtern (beschrieben).
Prognose: EoE ist eine chronische, lebenslange Erkrankung. Ohne Therapie schreiten Fibrose und Strikturbildung fort. Unter konsequenter Therapie (TKS oder Diät oder Dupilumab) ist Symptomfreiheit und histologische Remission bei >70 % erreichbar. Frühzeitige Diagnose und Therapie verhindert die Fibroseentstehung – die einzige wirkliche irreversible Komplikation. Pädiatrische Frühdiagnose ist daher besonders wichtig.
Expertenzentren D-A-CH
Führende Experten und Zentren für Eosinophile Ösophagitis, eosinophile GI-Erkrankungen und Nahrungsmittelallergologie bei Kindern in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Fachgesellschaften & Ressourcen: DGVS S2k-Leitlinie Eosinophile Ösophagitis (AWMF 021-028) · ESPGHAN-Konsensus EoE 2014 + Update 2017 · ACAAI/AGA EoE-Guideline 2022 · AGA Clinical Practice Update EoE 2023 · ESSENTIALS-Register (Schweiz) · European EoE Reference Network (EoERN) · DGAKI – Deutsche Gesellschaft für Allergologie · EoE-Patientennetzwerk (eosinophile-oesophagitis.de) · Alex Straumann Memorial EoE Symposium · UpToDate EoE pädiatrisch