Grundlagen & Pathophysiologie
Die Hühnereiallergie ist die zweithäufigste Nahrungsmittelallergie im Kindesalter (nach Kuhmilch). Sie ist fast ausschließlich IgE-vermittelt und betrifft vorwiegend Säuglinge und Kleinkinder. Das Besondere ist die enge Abhängigkeit des klinischen Verlaufs von der Hitzestabilität der einzelnen Allergenkomponenten – entscheidend für Therapiestrategie und Prognose.
Klinisches Kernprinzip: Nicht alle Ei-Allergiker reagieren auf alle Eiformen gleich. Sensibilisierung gegen Ovomucoid (Gal d 1) – hitzestabiles Allergen – bedeutet Reaktion auf rohes und gekochtes/gebackenes Ei → strikte Karenz. Sensibilisierung nur gegen Ovalbumin (Gal d 2) – hitzelabiles Allergen – lässt eine Toleranz auf stark erhitztes Ei (Backwaren) oft zu → Baked-Egg-Protokoll. Diese Differenzierung durch Komponenten-Diagnostik ist klinisch hochrelevant.
Hitzestabilität – Therapieschlüssel der Hühnereiallergie
Pathophysiologische Grundlagen
IgE-vermittelte Sofortreaktion
Eiproteine (v.a. Ovomucoid, Ovalbumin) binden IgE auf Mastzellen und Basophilen → Degranulation → Histamin → Urtikaria, Angioödem, Erbrechen, Bronchospasmus. Onset: Minuten bis 2 h. Haut- und GI-Symptome dominieren im Kindesalter.
Denaturierung und Toleranz
Erhitzen (≥ 80°C × 30 min, z.B. in Backwaren) denaturiert Ovalbumin (Gal d 2) vollständig → IgE-Epitope zerstört → kein Binden an Mastzellen-IgE → Toleranz auf Baked Egg bei Gal-d-2-Mono-Sensibilisierung möglich. Ovomucoid (Gal d 1) denaturiert nicht → kein Baked-Egg-Effekt.
Gal d 1 (Ovomucoid) – Persistenz-Marker
Gal d 1 ist das dominante Allergen des Eiklars (11 % des Eiweißproteins). Trypsin-Inhibitor-Funktion. 8 IgE-bindende Epitope (linear + konformationell). Hoher Gal d 1-IgE → persistente Allergie, kein Toleranzerwerb durch Erhitzen → OIT evaluieren. Sinkende Gal d 1-IgE-Titer → Toleranzentwicklung wahrscheinlich.
Vogel-Ei-Syndrom
Primäre Vogelfedern-Sensibilisierung (Gal d 5 / α-Livetin aus Eidotter) → Kreuzreaktion mit Hühnereiproteinen. Typisch: Vogelhaltung → Federn-Allergie → dann Ei-Reaktion. Betrifft Eidotter primär. Erwachsene häufiger. Bird-Egg-Syndrome: selten bei Kindern, aber möglich bei Papageien-/Sittich-Haltung.
Impfungen & Eiallergie
MMR-Impfstoff (Masern, Mumps, Röteln): auf HEK293-Zellen gezüchtet, kein Ei-Anteil → sicher auch bei schwerer Eiallergie! Influenza-Impfstoff (ei-basiert): sehr geringer Ei-Proteingehalt; bei leichter Eiallergie meist sicher; bei anaphylaktischer Eiallergie: Rücksprache + Beobachtungszeit. Gelbfieber-Impfstoff: enthält Eiproteine → Kontraindikation bei schwerer Eiallergie.
Koexistenz mit anderen Allergien
Hühnereiallergie häufig mit Kuhmilchallergie koexistent (atopischer Marsch). Sensibilisierung gegen Hühnerfleisch: sehr selten (andere Proteine als Ei). Andere Vogelei-Kreuzreaktionen: Gans-, Enten-, Wachtelei → alle bei Hühnereiallergie meist mitbetroffen testen. Fiskallergie: keine direkte Kreuzreaktion.
Klinische Symptome
Die Hühnereiallergie manifestiert sich vorwiegend an Haut und Gastrointestinaltrakt, seltener mit respiratorischen Symptomen. Anaphylaxien sind möglich, aber seltener als bei Erdnussallergie.
HAUT – DOMINANTES SYMPTOMREPERTOIRE
- Akute Urtikaria (häufigste Erstmanifestation)
- Angioödem (Lippen, Augenlider, Zunge)
- Periorale Rötung, Juckreiz direkt nach Kontakt
- Verschlechterung der atopischen Dermatitis
- Exazerbation Neurodermitis nach Ei-Ingestion
- Kontakturtikaria (Ei-Direktkontakt mit Haut)
GASTROINTESTINALE SYMPTOME
- Erbrechen (akut, Minuten nach Ingestion)
- Übelkeit, Bauchkrämpfe
- Diarrhoe (weniger häufig als bei Kuhmilch)
- Orales Allergie-Syndrom (Kribbeln, Jucken Mund)
- Selten: FPIES durch Ei (weniger als Kuhmilch)
RESPIRATORISCHE SYMPTOME
- Rhinorrhoe, Niesen (selten isoliert)
- Konjunktivitis, Augentränen
- Bronchospasmus (bei gleichzeitigem Asthma)
- Seltener als bei Erdnuss- oder Milchallergie
- Inhalative Exposition (Kochen von Ei): Möglich
SCHWERE REAKTIONEN / ANAPHYLAXIE
- Anaphylaxie möglich (seltener als Erdnuss)
- Risiko erhöht bei: Asthma + Eiallergie
- Risiko erhöht bei: hohem Gal d 1-IgE
- Verstecktes Ei in Lebensmitteln (Panade, Teig)
- Inhalative Exposition beim Kochen
- EAI obligat bei systemischer Reaktion in Anamnese
Reaktionstyp nach Allergenkomponente
| Situation | Klinik | Prognose | Empfehlung |
|---|---|---|---|
| Gal d 1 (Ovomucoid) hoch + Gal d 2 hoch | Reaktion auf rohes UND gekochtes/gebackenes Ei; persistente Allergie; systemische Reaktionen möglich | Schlechte Prognose · persistiert oft bis Schulalter | Strikte Totalkarenz aller Eiformen; EAI; OIT evaluieren; jährliche sIgE-Kontrolle |
| Gal d 1 niedrig/negativ + Gal d 2 positiv | Reaktion auf rohes Ei; toleriert meist stark erhitztes Ei in Backwaren | Gute Prognose · Toleranzentwicklung wahrscheinlich | Baked-Egg-OFC durchführen; bei Toleranz: Backwaren erlaubt → beschleunigt Toleranz auf rohes Ei |
| Gal d 1 sinkend über Zeit | Klinisch oft besser verträglich; OFC positiv auf rohes Ei | Toleranzentwicklung | Frisches Ei OFC planen; schrittweise Reintroduktion |
| Gal d 5 (Livetin) + Vogelhaltung | Primäre Vogelfedern-Allergie → Ei-Reaktion; Eidotter-betont | Vogel-Ei-Syndrom · individuell verschieden | Vogelkontakt meiden; Eidotter-Komponenten testen |
Diagnostik
Die Diagnostik umfasst Anamnese, Allergen-Prick-Test, spezifisches IgE mit Komponentendiagnostik und orale Nahrungsmittelprovokation (OFC). Schlüssel ist die Gal-d-1-Diagnostik zur Prognoseabschätzung.
- AnamneseZeitlicher Zusammenhang Ei-Exposition → Symptom-Onset; Form des Eies (roh, gekocht, gebacken in Kuchen); Art der Symptome; Erstmanifestation (AD-Exazerbation, Urtikaria, GI?); Koexistenz mit Kuhmilchallergie; atopische Eigen- und Familienanamnese; Vogelhaltung (Gal d 5-Verdacht); Impfanamnese.
- Prick-Test mit Hühnerei-KomponentenPrick-Test mit: frischem Hühnereiweiß, frischem Hühnereidotter, kommerziellen Extrakten. Quaddel ≥ 3 mm = sensitivisiert. Zusätzlich: Prick-to-Prick mit frischem Ei (erhöhte Sensitivität). Interpretation immer im klinischen Kontext; positiver Test ≠ klinisch relevante Allergie.
- Spezifisches IgE mit Allergenkomponenten (CRD)Pflicht-Panel: Gal d 1 (Ovomucoid), Gal d 2 (Ovalbumin), Gal d 3 (Ovotransferrin), Gal d 4 (Lysozym). Gal d 5 (α-Livetin) bei Vogelhaltungs-Anamnese. Gal d 1-Interpretation: Hoch positiv → persistente Allergie, keine Baked-Egg-Toleranz, OIT-Kandidat. Niedrig/sinkend → Toleranzentwicklung, Baked-Egg-OFC möglich. Gal d 2 positiv + Gal d 1 niedrig: Baked-Egg-OFC indiziert.
- Baked-Egg-OFC (Stufenprovokation)Indikation: Gal d 1 niedrig/negativ oder sinkend. Durchführung: standardisierter Muffin/Kuchen mit ~1/4 Ei (Rezept: 300°F / 150°C × 30 min) → enthält 2,2 g Eiweiß. Steigerung: 1/12 Muffin → 1/4 Muffin → 1/2 Muffin → ganzer Muffin. Beobachtungszeit 2 h stationär/tagesklinisch. Bei Toleranz: Einführung von Baked-Egg-Produkten im Alltag → beschleunigt Toleranzentwicklung auf rohes Ei deutlich.
- Orale Provokation mit frischem Ei (OFC)Nach Baked-Egg-Toleranz oder bei sinkenden Gal-d-1-Titern: OFC mit frischem Ei (Rührei, hartgekochtes Ei → dann rohes Ei). Stationär oder tagesklinisch bei Anaphylaxie-Risiko. Positive OFC = Allergie persistiert; negative OFC = Diät aufheben. Alle 6–12 Monate: sIgE-Kontrolle → OFC-Indikation prüfen.
Diagnose-Algorithmus Hühnereiallergie
| Befund | Konsequenz |
|---|---|
| Prick + sIgE Gesamt-Ei positiv, Gal d 1 hoch | Strikte Totalkarenz aller Eiformen; EAI; Gal d 1 regelmäßig kontrollieren; OIT evaluieren |
| Prick + sIgE positiv, Gal d 1 niedrig, Gal d 2 positiv | Baked-Egg-OFC durchführen; bei Toleranz → Backwaren erlaubt |
| Gal d 1 sinkend (Verlauf) bei positiver Anamnese | Baked-Egg-OFC, dann OFC frisches Ei; schrittweise Reintroduktion |
| Gesamt-Ei-IgE positiv, alle Komponenten negativ | CCD-Sensibilisierung? Klinische Provokation entscheidend; Expositionsversuch erwägen |
| Gal d 5 positiv + Vogelhaltung | Vogel-Ei-Syndrom; Vogelkontakt reduzieren; Eidotter-Karenz; Eidotter-OFC getrennt |
Molekulargenetische Grundlagen
Die Hühnereiallergie teilt die atopische Suszeptibilitätsgenetik (FLG, IL4, IL13, HLA) mit anderen Nahrungsmittelallergien. Spezifisch für die Ei-Allergie ist die molekulare Struktur der Gal-d-Allergene, die klinische Verlauf und Therapieansprechen bestimmt.
Hühnerei-Allergenkomponenten Gal d 1–5
| Allergen | Protein | Anteil / Hitzestabilität | IgE-Epitope / Klinische Bedeutung |
|---|---|---|---|
| Gal d 1 | Ovomucoid; Trypsin-Inhibitor; 28 kDa Glykoprotein; 3 Domänen; 9 intramolekulare Disulfidbrücken | 11 % · Hitzestabil | 8 IgE-bindende Epitope (linear + konformationell); Epitope in Domäne 3 hochallergisch; hoher Gal d 1-IgE = persistente Allergie; kein Toleranzerwerb durch Erhitzen; bester Prognose-Marker |
| Gal d 2 | Ovalbumin; Hauptprotein des Eiklars; 44,5 kDa; Phosphoglykoprotein; Serpin-Superfamilie | 54 % · Hitzelabil (80°C) | Hauptallergen nach Volumen; denaturiert vollständig bei Backtemperaturen → Baked-Egg-Toleranz möglich; niedriger Gal d 1-IgE + positiver Gal d 2 = Baked-Egg-Kandidat; gute Prognose |
| Gal d 3 | Ovotransferrin (Conalbumin); Eisenbindendes Glykoprotein; 77,7 kDa | 12 % · Hitzelabil (60°C) | Häufig zusammen mit Gal d 2 positiv; zusätzlicher Sensibilisierungsmarker; keine eigenständige Bedeutung; denaturiert bei mittleren Temperaturen |
| Gal d 4 | Lysozym C; antimikrobielles Enzym; 14,3 kDa; in Pharmazeutika und Lebensmitteln als Konservierungsmittel | 3,5 % · Teilstabil | Wichtig als Konservierungsmittel in Käse, Wurstwaren, Medikamenten → Kreuzreaktion bei Gal d 4-Sensibilisierung mit Lebensmittelzusatzstoffen; testen bei unklarer Reaktion auf Käse |
| Gal d 5 | α-Livetin (Hühnerserumalbumin); Eidotter-Allergen | Eidotter · Hitzelabil | Vogel-Ei-Syndrom: Kreuzreaktion mit Vogelfedern (Papagei, Wellensittich) → α-Livetin-IgE → Ei-Allergie bei Vogelhaltung; primäre Sensibilisierung über Federn, dann sekundäre Nahrungsmittelallergie |
Genetische Suszeptibilitätsgene
FLG · IL4 · IL13 · STAT6
Gemeinsame Suszeptibilitätsgene mit Kuhmilchallergie, AD und Asthma. FLG-Loss-of-function → Barrierestörung → perkutane Ei-Sensibilisierung. IL-4/IL-13 → IgE-Klassenwechsel (STAT6-Weg). FLG R501X und 2282del4 häufigste Varianten in Nordeuropa.
HLA-DQB1 · HLA-DRB1
HLA-DQB1-Polymorphismen assoziiert mit Persistenz der Hühnereiallergie; modulieren Effektivität der oralen Toleranzinduktion. HLA-DRB1*04 bei persistenter Eiallergie beschrieben. Keine routinemäßige HLA-Typisierung indiziert.
FOXP3 · IL-10 · IL-35
Treg-Induktion via FOXP3 → IL-10, TGF-β, IL-35 → Unterdrückung Th2-Antwort gegen Ei-Allergene. Baked-Egg-Protokoll: fördert FOXP3+ Treg-Induktion (Hypothese: partiell denaturierte Peptide aktivieren tolerogene DCs). Toleranzentwicklung assoziiert mit Mikrobiom-Diversität.
Molekulare Basis der Hitzestabilität von Gal d 1
Warum denaturiert Ovomucoid nicht? Gal d 1 (Ovomucoid) besitzt 9 intramolekulare Disulfidbrücken und 5 Oligosaccharid-Seitenketten, die seine tertiäre Struktur stabilisieren. Die Schmelztemperatur liegt bei über 100°C. Im Gegensatz dazu hat Ovalbumin (Gal d 2) keine vergleichbar starken strukturellen Stabilisatoren und denaturiert bereits bei 80°C vollständig. Die linearen IgE-Epitope von Gal d 1 (insbesondere in Domäne 3: Reste 84–95) sind nach Erhitzen noch zugänglich → anhaltende IgE-Bindung trotz Kochen → kein Schutz durch Backtemperaturen.
Molekulare Diagnostik
Die Allergenkomponenten-Diagnostik (CRD) ist bei Hühnereiallergie klinisch hochrelevant und entscheidet über die Therapiestrategie (Baked-Egg-Protokoll vs. Totalkarenz vs. OIT).
Klinische Entscheidungsmatrix: (1) Gal d 1 (Ovomucoid) hoch → Totalkarenz, EAI, OIT evaluieren. (2) Gal d 1 niedrig/negativ + Gal d 2 positiv → Baked-Egg-OFC planen. (3) Gal d 1-IgE sinkt über Verlauf → Toleranzentwicklung wahrscheinlich → Frisches-Ei-OFC. (4) Gal d 5 positiv + Vogelhaltung → Vogel-Ei-Syndrom; Vogelkontakt adressieren. (5) Alle Gal-d-Komponenten negativ, Gesamt-Ei positiv → CCD-Sensibilisierung? Klinische Provokation entscheidend.
| Komponente | Befund | Klinische Konsequenz |
|---|---|---|
| Gal d 1 hoch (≥ 2 kU/l) | Persistente Allergie auf rohes + gekochtes Ei | Totalkarenz; EAI; OIT evaluieren; keine Baked-Egg-OFC |
| Gal d 1 niedrig (< 0,35 kU/l) + Gal d 2 positiv | Hitzelabile Hauptsensibilisierung; Backwaren oft toleriert | Baked-Egg-OFC durchführen; bei Toleranz: Backwaren erlaubt |
| Gal d 1 sinkend im Verlauf | Toleranzentwicklung im Gange | Baked-Egg-OFC, dann Frisches-Ei-OFC planen |
| Gal d 4 positiv | Lysozym-Sensibilisierung; Reaktionen auf Käse/Wurstwaren möglich | Lysozym-haltige Lebensmittel (E1105) meiden; Etikettenlesen! |
| Gal d 5 positiv | Eidotter/Vogel-Ei-Syndrom; Vogel-Primärsensibilisierung | Vogelkontakt reduzieren; Eidotter-Karenz; Vogelfedern-Exposition analysieren |
Verlaufsmonitoring
| Zeitpunkt | Untersuchung | Entscheidung |
|---|---|---|
| Diagnosestellung | sIgE: Gal d 1, Gal d 2, Gal d 3, Gal d 4 (+ Gal d 5 bei Vogelhaltung) | Komponentenprofil erstellen; Basiswert für Verlauf |
| Alle 6–12 Monate | sIgE-Kontrolle Gal d 1 und Gal d 2; Wachstumsstatus | Gal d 1 sinkend → Baked-Egg-OFC planen |
| Gal d 1 niedrig / Baked-Egg-Toleranz | Frisches-Ei-OFC (hartgekochtes → rohes Ei) | Bei Toleranz: vollständige Diät-Aufhebung |
Differenzialdiagnosen
| Erkrankung | Wegweisende Klinik | Diagnostik | Abgrenzung zur Eiallergie |
|---|---|---|---|
| Kuhmilchallergie (KMA) | Reaktion auf Milch/Milchprodukte; oft koexistent mit Eiallergie; AD, GI-Symptome | Prick Milch + sIgE Bov a 9; OFC Milch | Anderes Allergen (Milch); häufige Koexistenz → beide testen! Kasein vs. Gal d 1 als Persistenzmarker |
| Weizenallergie / Omega-5-Gliadin | Reaktion auf Weizen; Urtikaria, WDEIA (anstrengungsinduziert); Omega-5-Gliadin-IgE | sIgE Tri a 19 (Omega-5-Gliadin); Provokation | Weizen-Allergen; WDEIA: nur bei körperlicher Belastung; anderes Sensibilisierungsprofil |
| Lysozym-Lebensmittelreaktion | Reaktion auf Käse (z.B. Grana Padano), Wurstwaren; Lysozym (E1105) als Konservierungsmittel | sIgE Gal d 4; Etikettenlesen; Provokation | Gal d 4-Sensibilisierung; keine Reaktion auf frisches Ei; Reaktion nur auf lysozymhaltige Lebensmittel |
| Infektiöse Gastroenteritis | Erbrechen, Diarrhoe, Fieber; akut, selbstlimitierend; kein Allergen-Zusammenhang | Stuhlkultur, Virusdiagnostik; Verlauf | Infektiöser Beginn; Fieber; kein Allergen-Trigger; selbstlimitierend |
| Atopische Dermatitis ohne NMA | AD-Exazerbation durch viele Faktoren (Schwitzen, Infekt, Stress, Milben); nicht spezifisch Ei | SCORAD; Allergiediagnostik; Eliminationsdiät-Versuch; DBPCFC | Multifaktorielle AD-Exazerbation; kein spezifischer Allergen-Zeitbezug; Eliminationsdiät ohne Verbesserung |
| Vogel-Ei-Syndrom | Primäre Vogelfedern-Allergie → Eidotter-Reaktion; Vogelhaltung; α-Livetin-IgE | sIgE Gal d 5, Hühnerfeder; Expositionsanamnese | Eidotter-dominant; Vogelhaltung; Gal d 5 positiv; Eingewöhnung über Federn, nicht Ei; separates Syndrom |
Therapiemöglichkeiten
Die Therapie der Hühnereiallergie orientiert sich am Gal-d-1-Prognose-Profil. Das Baked-Egg-Protokoll ist bei geeignetem Komponentenprofil die bevorzugte Strategie, um die natürliche Toleranzentwicklung zu beschleunigen. OIT ist bei persistierender Allergie eine Option.
-
GRUNDLAGEAllergenkarenz – je nach Komponentenprofil differenziert▼
Gal d 1 hoch (Ovomucoid-Sensibilisierung): Totalkarenz aller Eiformen (roh, gekocht, gebacken, in Backwaren, Mayonnaise, Panade). Etiketten auf verstecktes Ei prüfen (Albumin, Globulin, Lezithin-Ei E322, Lysozym E1105). Ei-freie Ersatzprodukte. Ernährungsberatung obligat (Proteinversorgung, Cholin). EAI rezeptieren.
Totalkarenz bei Gal d 1 hoch · Backwaren-Erlaubnis nach Baked-Egg-OFC bei Gal d 1 niedrig
Gal d 1 niedrig / negativ + Gal d 2 positiv: Frisches rohes Ei meiden; Backwaren mit stark erhitztem Ei (Muffins, Waffeln, Kuchen ≥ 150°C × 30 min) in Rücksprache mit Arzt erlaubt nach positivem Baked-Egg-OFC. -
BAKED EGGBaked-Egg-Protokoll – beschleunigt Toleranzentwicklung▼
Indikation: Gal d 1 niedrig/negativ ODER Gal d 1 sinkend + Gal d 2 positiv. Nach OFC mit Baked-Egg-Produkt (Muffin/Kuchen) → Toleranz bestätigt.
Baked-Egg täglich · 180°C × 30 min · Kontrolliert nach pos. OFC · Gal d 1 jährlich kontrollieren
Baked-Egg-Rezept: Standardmuffin mit 2,2 g Eiweiß/Portion (gebacken bei 180°C × 30 min; Hitze denaturiert Ovalbumin vollständig). Beibehaltung täglich oder mehrmals wöchentlich im Alltag.
Mechanismus: Regelmäßige Exposition mit erhitztem Ei (nicht-denaturiertem Ovomucoid-frei) → tolerogene T-Zell-Induktion → beschleunigt Immuntoleranz auf rohes Ei 2–3× schneller als spontane Toleranz unter Karenz.
Ergebnis: ~80 % der Kinder mit Baked-Egg-Toleranz entwickeln innerhalb von 1–2 Jahren Toleranz auch auf frisches Ei (vs. ~40 % unter Karenz im gleichen Zeitraum). -
NOTFALLAkute Reaktion & Anaphylaxie-Management▼
Milde Reaktion (Urtikaria): H1-Antihistaminikum oral (Cetirizin, Loratadin). Moderate Reaktion: H1-AH + Prednisolon 1–2 mg/kg. Anaphylaxie: Adrenalin i.m. 0,01 mg/kg sofort + O₂ + H1-AH + Kortikosteroid i.v. EAI obligat bei systemischer Reaktion in Anamnese oder Gal d 1 hoch + Asthma. Notfallplan für Schule/Kita schriftlich. AGATE-Schulung für Eltern.
Adrenalin EAI 0,15 mg (<30 kg) / 0,3 mg (≥30 kg) · H1-AH · Prednisolon · EAI bei Risiko -
TOLERANZ-CHECKJährliche Re-Evaluation alle 6–12 Monate▼
Alle 6–12 Monate: sIgE-Kontrolle Gal d 1 + Gal d 2. Prick-Test-Kontrolle. Gal d 1-Titer sinkend → Baked-Egg-OFC → dann Frisches-Ei-OFC planen. Wachstumsstatus, Ernährungsprotokoll. Ziel: Eiallergie-Diät so kurz wie medizinisch notwendig; Überdiagnose vermeiden; Lebensqualität verbessern. ~70 % der Kinder entwickeln bis Adoleszenz spontan Toleranz.
Jährliche sIgE-Kontrolle · Baked-Egg-OFC bei Gal d 1 sinkend · Frisches-Ei-OFC bei Baked-Egg-Toleranz -
OITOrale Immuntherapie (OIT) – persistierende Allergie▼
Indikation: Persistierende IgE-Eiallergie (Gal d 1 hoch) nach 5.–6. Lebensjahr; keine Baked-Egg-Toleranz; Anaphylaxie-Risiko oder erhebliche Lebensqualitätseinschränkung. Durchführung: Stufenweise Desensibilisierung mit gefriergetrocknetem Eipulver oder frischem Ei (Start: < 1/10 g Eipulver → Steigerung alle 2 Wochen; Ziel: 1 ganzes Ei täglich). Erfolgsrate: ~70–80 % Desensibilisierung nach 12–18 Monaten. Dauerhafte Toleranz: ~30–50 %. Nicht offiziell zugelassen (off-label; kein zugelassenes Ei-OIT-Produkt wie Palforzia für Erdnuss); in spezialisierten Zentren durchgeführt. Cave: Cofaktoren (Sport, Fieber, Infekt) erhöhen Reaktionsrisiko während OIT.
Ei-OIT off-label · Gefriergetrocknetes Eipulver oder frisches Ei · Nur spezialisierte Zentren -
IMPFUNGENImpfungen bei Hühnereiallergie – praktische Entscheidungshilfe▼
MMR (Masern-Mumps-Röteln): auf HEK293 (humane embryonale Nierenzellen) produziert → kein Ei-Proteinanteil → sicher bei allen Formen der Eiallergie, inkl. schwerer anaphylaktischer Eiallergie!
MMR: sicher · Influenza: individuelle Entscheidung · Gelbfieber: KI bei schwerer Eiallergie
Varizellen-Impfstoff: auf MRC-5-Zellen → kein Ei → sicher.
Influenza (inaktiviert, ei-basiert): sehr geringer Ei-Proteingehalt (< 1 µg Ovalbumin/Dosis). Bei leichter Eiallergie: i.d.R. sicher mit 20–30 min Beobachtung. Bei anaphylaktischer Eiallergie: Rücksprache Allergologe + ärztliche Überwachung. Alternative: ei-freier Influenza-Impfstoff (zellbasiert/rekombinant), sofern verfügbar.
Gelbfieber-Impfstoff: enthält relevante Ei-Proteinmengen → Kontraindikation bei schwerer Eiallergie; ärztliche Entscheidung + Risikoabwägung bei Reisebedarf.
Expertenzentren D-A-CH
Führende Zentren für pädiatrische Nahrungsmittelallergien, OFC-Diagnostik und orale Immuntherapie bei Hühnereiallergie in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Fachgesellschaften & Ressourcen: GPA – Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (gpau.de) · EAACI – European Academy of Allergy and Clinical Immunology · AWMF S2k-Leitlinie Nahrungsmittelallergien (DGAKI 2022) · AGATE – Anaphylaxie-Schulungsnetzwerk (agate.de) · aha! Allergiezentrum Schweiz (aha.ch) · DAB – Deutscher Allergie- und Asthmabund · ÖGAI – Österreichische Gesellschaft für Allergologie und Immunologie