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Grundlagen & Klassifikation

Das Angioödem (AÖ) bezeichnet eine plötzlich auftretende, umschriebene Schwellung der tiefen Dermis, Subkutis und/oder Schleimhäute durch erhöhte Gefäßpermeabilität. Die Unterscheidung zwischen histaminvermitteltem (Mastzell-mediiertem) und bradykininvermitteltem Angioödem ist klinisch und therapeutisch von entscheidender Bedeutung.

Kritische Unterscheidung Histamin vs. Bradykinin: Das histaminvermittelte AÖ tritt typischerweise gemeinsam mit Urtikaria auf, geht mit Pruritus einher und spricht auf Antihistaminika und Kortikosteroide an. Das bradykininvermittelte AÖ (HAE, ACE-Hemmer-AÖ) tritt ohne Urtikaria und Pruritus auf, spricht nicht auf Antihistaminika an, und erfordert spezifische Bradykinin-Antagonisten oder C1-INH-Konzentrat. Diese Unterscheidung ist lebensrettend!

Klassifikation nach Mediator

HistaminvermitteltMastzelle · mit Urtikaria · AH-Ansprechen
Bradykininvermittelt: HAE Typ 1/2 (SERPING1)C1-INH-Mangel · ohne Urtikaria · C4↓
HAE Typ 3 (F12)Östrogen-abhängig
Erworben (AAE)C1q↓ · Lymphom
IdiopathischRekurrierend
1 : 50.000
HAE-Prävalenz (C1-INH-Mangel)
85 %
HAE autosomal-dominant erblich
25 %
HAE durch Neumutation (de novo)
≤ 72 h
Dauer einer AÖ-Attacke (bradykinin)

Pathophysiologische Grundlagen

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C1-Inhibitor (C1-INH)

Serin-Protease-Inhibitor (Serpin-Superfamilie). Hemmt C1r/C1s (Komplement), Kallikrein, Faktor XIIa, Plasmin. C1-INH-Mangel → unkontrollierte Kallikrein-Aktivierung → Bradykinin-Überproduktion → B2-Rezeptor-Aktivierung → Gefäßpermeabilität ↑.

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Bradykinin-Kaskade

Kontaktaktivierungs-System: Faktor XII (Hageman-Faktor) → Präkallikrein → Kallikrein → High-Molecular-Weight-Kininogen (HMWK) → Bradykinin. Bradykinin → B2-Rezeptor → NO + PGI₂ → Vasodilatation, Permeabilität ↑ → AÖ. Bradykinin-Halbwertzeit: ~17 sec; Abbau durch ACE (Kininase II).

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HAE Typ 1 (Quantitativer Mangel)

~85 % aller HAE-Fälle. SERPING1-Mutation → erniedrigte C1-INH-Produktion und -Konzentration (< 50 % normal). Über 700 verschiedene Mutationen bekannt (Nonsense, Missense, Deletionen, Insertionen). C4 chronisch erniedrigt (auch zwischen Attacken).

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HAE Typ 2 (Funktioneller Mangel)

~15 % aller HAE. C1-INH-Konzentration normal oder erhöht, aber dysfunktional. Meist Missense-Mutationen im reaktiven Zentrum (Arg444His u.a.). Wichtig: Konzentrationsmessung allein reicht nicht! Funktion (chromogener Aktivitäts-Assay) obligat.

HAE Typ 3 (FXII-Mutation)

Faktor-XII-Mutation (F12-Gen; p.Thr309Lys, p.Thr309Arg): Gain-of-function → überschießende Kontaktaktivierung. Alle Komplementwerte normal! Östrogen-getriggert (v.a. Frauen, Kontrazeptiva, Schwangerschaft). Selten; Diagnose nur genetisch.

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Medikament-induziertes AÖ

ACE-Hemmer → reduzierter Bradykinin-Abbau → Akkumulation → AÖ. Inzidenz: ~0,5–2 % unter ACE-Hemmern; besonders Lungen-/Zungen-/Rachen-AÖ. Latenz: typisch in den ersten Wochen, aber auch nach Jahren. Kinder: selten, aber möglich.

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Klinische Symptome

Das Angioödem manifestiert sich als asymmetrische, nicht-juckende, nicht-pitting Schwellung. Lokalisation und Begleitsymptome entscheiden über den Schweregrad und das therapeutische Vorgehen.

HAE-Symptome im Kindesalter

HAE-Erstmanifestation im Kindesalter: ~50 % der HAE-Patienten erleiden die erste Attacke vor dem 10. Lebensjahr. Trigger im Kindesalter: physisches Trauma (Sport), emotionaler Stress (Schulbeginn, Prüfungen), Infekte. Charakteristisch: Prodromalphase mit erythema marginatum (serpiginöses, nicht-juckendes Erythem) 24–48 h vor Attacke. Abdominelle Attacken werden oft als chirurgisches Abdomen fehlgedeutet!

KUTANE MANIFESTATIONEN

  • Asymmetrische, nicht-pitting-Schwellung
  • Nicht-juckend (im Gegensatz zur Urtikaria!)
  • Spannungsgefühl, leichtes Brennen
  • Typische Lokalisationen: Gesicht, Lippen, Zunge
  • Augenlider, Ohren, Genitalien
  • Hand-/Fußrücken, Extremitäten
  • Kein begleitendes Erythem / keine Quaddeln

LARYNGEALES ANGIOÖDEM (LEBENSBEDROHLICH!)

  • Heiserkeit, Stimmveränderung (Frühzeichen)
  • Kloßgefühl, Schluckbeschwerden
  • Inspiratorischer Stridor
  • Zunehmende Dyspnoe, Zyanose
  • Rasante Progression möglich (Minuten!)
  • Historische Letalität: 25–50 % (ohne Therapie)
  • Heutige Letalität: deutlich reduziert durch C1-INH

ABDOMINELLE ATTACKEN

  • Kolikartige, starke Bauchschmerzen
  • Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe
  • Brettharte Bauchdecke (DD: akutes Abdomen!)
  • Aszites durch AÖ der Darmschleimhaut
  • Fehldiagnose: Appendizitis, Ileus → unnötige OP!
  • Diagnose: Abdomen-Sonographie (Aszites) + C4
  • Häufig bei Kindern: erstes HAE-Symptom

TRIGGER DER HAE-ATTACKEN

  • Physisches Trauma / Verletzung (häufigster Trigger)
  • Emotionaler Stress, Angst, Aufregung
  • Infekte (v.a. Atemwegsinfekte bei Kindern)
  • Medizinische Eingriffe (Zahnbehandlung, OP)
  • Östrogen (Kontrazeptiva, Schwangerschaft, HRT)
  • Mechanischer Druck (enge Schuhe, Sport)
  • Manche Nahrungsmittel (individuell)

Lokalisationen und klinische Besonderheiten

LokalisationHäufigkeitKlinische BesonderheitDringlichkeit
Gesicht, Lippen, Zunge~50 % der AttackenAsymmetrisch; kein Pruritus; langsame Progredienz über Stunden; Abklingen in 24–72 hBeobachtend / Therapie
Larynx / Oropharynx~30–40 % der Patienten irgendwannHeiserkeit + Stridor = Notfall! Progression in Minuten bis zur Asphyxie möglichNOTFALL sofort C1-INH!
Abdomen~70 % der AttackenKolik-Schmerzen + Erbrechen + Diarrhoe; fehlgedeutete Appendizitis häufig; Sonographie: AszitesStationär; C1-INH
ExtremitätenHäufigHandrücken, Fußrücken; Leistungseinschränkung; nicht lebensbedrohlich; schmerzhaftAmbulant therapierbar
GenitaleGelegentlichPerineale Schwellung; Harnretention möglich; im Kindesalter möglichTherapie erforderlich
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Diagnostik

Die Diagnose des hereditären Angioödems basiert auf Familienanamnese, klinischer Präsentation und gezielter Komplementdiagnostik. Wichtig: C4 ist auch zwischen Attacken erniedrigt und dient als Screening-Parameter.

  1. AnamneseWiederkehrende Episoden asymmetrischer, nicht-juckender Schwellungen; abdominelle Attacken; Familienanamnese (1. Grades); Trigger-Analyse; vorherige Operationen (Zahnbehandlung, Tonsillektomie); Östrogen-Exposition; Medikamente (ACE-Hemmer!); bisherige Therapieversuche (Antihistaminika-Versagen = wichtiger Hinweis auf HAE!).
  2. Komplementdiagnostik (Screening)C4-Spiegel: Screening-Parameter der ersten Wahl. Bei HAE Typ 1 und 2 chronisch erniedrigt – auch außerhalb von Attacken! Normaler C4 schließt HAE Typ 1/2 weitgehend aus. C1-INH-Konzentration: erniedrigt bei Typ 1 (< 50 % normal). C1-INH-Funktion (Aktivität): chromogener Aktivitätsassay; erniedrigt bei Typ 1 UND Typ 2 (obligat!). C1q: normal bei HAE Typ 1/2; erniedrigt bei AAE (erworbenes AÖ → Lymphom-Suche!).
  3. Körperliche Untersuchung & klinische KriterienInspektion: asymmetrische Schwellung ohne Urtikaria und ohne Pruritus. Keine Rötung (vs. Phlegmone). Langsamer Verlauf (Stunden → Tage). Prodromalzeichen: Erythema marginatum (serpiginöses Erythem, 24–48 h vor Attacke). Larynx: Schleimhautinspektion, SpO₂, Auskultation (Stridor).
  4. Genetische DiagnostikSERPING1-Mutationsanalyse: Sanger-Sequenzierung oder NGS; Panel-Sequenzierung (> 700 Mutationen bekannt). Molekulargenetische Bestätigung des HAE Typ 1 und 2. Bei Kindern: Elterndiagnostik zuerst; de-novo-Mutationen (~25 %) möglich. F12-Mutationsanalyse: bei Verdacht auf HAE Typ 3 (alle Komplementwerte normal, Familienanamnese, Östrogen-Trigger). p.Thr309Lys oder p.Thr309Arg (häufigste Mutationen).
  5. Allergologische Diagnostik (histaminvermittelte Form)Prick-Test + spezifisches IgE: Nahrungsmittelallergene, Insektengift, Medikamente. Bei begleitender Urtikaria: histaminvermittelte Form wahrscheinlich → Therapie mit H1-AH + Kortikosteroid. ASST/BAT bei CSU-assoziiertem AÖ. Tryptase (Mastzell-Aktivierung vs. Anaphylaxie).
  6. Bildgebung & DifferenzialdiagnostikAbdomen-Sonographie bei abdomineller Attacke: freie Flüssigkeit (Aszites), Darmwandverdickung. Laryngoskopie bei Larynxödem-Verdacht. CT-Abdomen nur bei unklarem Befund. Duplex-Sonographie: tiefe Venenthrombose-Ausschluss (DD bei Extremitäten-AÖ).

Diagnosealgorithmus HAE vs. histaminvermitteltes AÖ

MerkmalHAE (Bradykinin)Histaminvermittelt
Begleitende UrtikariaNein – typisch kein!Ja – meist begleitend
PruritusFehlt (Spannungsgefühl)Ausgeprägt vorhanden
Ansprechen auf H1-AHKein Ansprechen!Gutes Ansprechen
Ansprechen auf KortikosteroideKein Ansprechen!Partiell wirksam
C4-SpiegelChronisch erniedrigtNormal
C1-INH Konzentration/FunktionErniedrigt (Typ 1/2)Normal
FamilienanamneseOft positiv (85 % AD)Meist negativ
Abdominelle AttackenHäufig! (als erstes Sympt.)Uncharakteristisch
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Molekulargenetische Ursachen

Das hereditäre Angioödem durch C1-Inhibitor-Mangel ist eine autosomal-dominante Erkrankung durch Mutationen im SERPING1-Gen. Über 700 pathogene Varianten sind beschrieben. De-novo-Mutationen erklären ~25 % der Fälle ohne Familienanamnese.

SERPING1 (C1-Inhibitor-Gen)

Gen-Grundlagen

SERPING1 – Chromosom 11q12

Kodiert für C1-Esterase-Inhibitor (C1-INH), ein 478-Aminosäuren-Serpin. Inhibiert: C1r/C1s (Komplement), Plasmin, Faktor XIIa, Kallikrein, Faktor XIa. Leber als Hauptsyntheseort. Halbwertzeit: ~60 h. Autosomal-dominant; Haploinsuffizienz führt zu < 50 % C1-INH-Spiegel.

Mutationstypen

Über 700 Mutationen bekannt

Nonsense-Mutationen (40 %): vorzeitiges Stopcodon → verkürzte, instabile mRNA. Missense-Mutationen (30 %): Aminosäureaustausch im reaktiven Zentrum oder Glykosylierungs-Stellen. Deletionen/Insertionen (20 %): Frameshift → dysfunktionales Protein. Spleißmutationen (10 %): fehlerhafte mRNA-Reifung. De-novo-Mutationen: ~25 % ohne Familienanamnese.

Pathomechanismus

Bradykinin-Überproduktion

C1-INH-Mangel → Kontaktaktivierungs-System unkontrolliert: Faktor XII → Kallikrein → Spaltung von HMWK → Bradykinin. Bradykinin bindet B2-Rezeptor auf Endothelzellen → NO + PGI₂ → Vasodilatation + Permeabilitätssteigerung → Ödembildung im Gewebe.

Weitere HAE-Gene & verwandte Erkrankungen

Gen / ErkrankungChromosomMechanismusKlinische Besonderheit
SERPING1 (HAE Typ 1)11q12Quantitativer C1-INH-Mangel; Loss-of-function; C1-INH-Konzentration und -Funktion erniedrigt~85 % aller HAE; C4 chronisch ↓; häufigste Form
SERPING1 (HAE Typ 2)11q12Dysfunktionaler C1-INH; Missense im reaktiven Zentrum; Konzentration normal/↑, Funktion ↓~15 % aller HAE; Konzentrationsmessung allein reicht nicht!
F12 (HAE Typ 3)5q35Gain-of-function Faktor XII-Mutation (p.Thr309Lys/Arg); verstärkte Kontaktaktivierung; normale Komplement­werteSelten; Frauen; Östrogen-triggert; Diagnose nur genetisch
PLG (Plasminogen)6q26PLG-Mutation → veränderte Plasmin-Aktivität → Bradykinin-Achse; normales Komplement; sehr seltenSelten; neuentdeckt; Frauen bevorzugt
ANGPT1 (Angiopoietin-1)8q23Reguliert Gefäßpermeabilität; heterozygote LOF-Mutation → erhöhte Permeabilität → AÖ; normales KomplementSehr selten; neues HAE-Gen
KNG1 (Kininogen)3q27HMWK-Mutation → verstärkte Bradykinin-Freisetzung; normales Komplement; autosomal-dominantSehr selten; neue Entität
AAE (Erworbenes AÖ)Verbrauch von C1-INH durch B-Zell-Lymphome, MGUS; Anti-C1-INH-AK; C4↓ + C1q↓ + C1-INH↓C1q ↓ (vs. HAE: normal); Lymphom-Suche!
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Molekulargenetische Diagnostik

Diagnosealgorithmus HAE: (1) C4 als Screeningparameter – chronisch erniedrigt bei HAE 1/2. (2) C1-INH-Konzentration + C1-INH-Funktion (obligat!). (3) C1q zum AAE-Ausschluss. (4) SERPING1-Genanalyse bei klinischem Verdacht (auch bei normalem C4 und negativer Familienanamnese möglich: HAE Typ 3). (5) Bei unauffälligem Befund und Klinik: F12-, PLG-, ANGPT1-Panel-NGS. Diagnostik immer zwischen Attacken (kein akutes Komplement-Verbrauchsmuster).

ParameterHAE Typ 1HAE Typ 2HAE Typ 3 (F12)AAE
C4↓↓ chronisch↓↓ chronischNormal↓↓
C1-INH Konzentration↓ (<50%)Normal oder ↑Normal
C1-INH FunktionNormal
C1qNormalNormalNormal↓↓ (diagnostisch!)
GenetikSERPING1-LOFSERPING1-MissenseF12-GOF (p.Thr309)Anti-C1-INH-AK / Lymphom
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Differenzialdiagnosen

ErkrankungWegweisende KlinikDiagnostikAbgrenzung zum HAE
Histaminvermitteltes AÖ (Urtikaria)Mit Urtikaria; Pruritus; Allergen-Trigger; rasches Ansprechen auf AHPrick-Test; sIgE; Tryptase; BATPruritus; Urtikaria begleitend; C4 normal; AH-Ansprechen
ACE-Hemmer-AngioödemGesichts-/Zungenödem; Bradykinin-vermittelt; Ansatz 4 Wochen bis Jahre nach ACE-Hemmer-BeginnAnamnese (Medikament); C4 normal; C1-INH normal; Absetzen des ACE-HemmersMedikamentenanamnese; keine Familienanamnese; normale Komplement-Werte
Erworben. AÖ (AAE)Wie HAE, aber Erstmanifestation > 30 Jahre; keine Familienanamnese; C1q erniedrigtC4↓ + C1q↓ + C1-INH↓; Anti-C1-INH-AK; Lymphom-Screening (CT, KM)C1q erniedrigt (bei HAE normal!); Erwachsenenalter; keine Familienanamnese
Orbitale/faziale PhlegmoneEinseitige periorbitale Schwellung; Fieber; Schmerz; Rötung; Wärme; septische ZeichenCT Orbita/NNH; Blutbild + CRP; BlutkulturenFieber; Rötung; Wärme; septisches Bild; Leukozyten ↑; keine Familienanamnese
Quincke-Ödem (allergisch)Akutes Gesichts-/Zungenödem nach Allergenexposition; mit Urtikaria; IgE-vermitteltPrick-Test; sIgE; AllergenanamneseKlarer Allergen-Trigger; Urtikaria; Pruritus; C4 normal
KontaktdermatitisÖdem nach Hautkontakt mit Allergen/Irritans; lokalisiert auf Kontaktstelle; ggf. BläschenEpikutantest; AnamneseKontaktstelle betroffen; Bläschen; Juckreiz; kein systemisches AÖ
Tiefe Venenthrombose (Extremität)Einseitige Beinschwellung; Schmerz; Überwärmung; Wells-Score erhöhtD-Dimer; Duplex-SonographieEinseitig; Schmerz; Überwärmung; DD-Score; kein Gesicht/Zunge
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Therapiemöglichkeiten

Die Therapie des Angioödems unterscheidet grundlegend histaminvermittelte (Antihistaminika + Kortikosteroide) von bradykininvermittelten Formen (C1-INH-Konzentrat, Icatibant, Langzeitprophylaxe). Bei HAE sind Antihistaminika und Kortikosteroide wirkungslos!

  • AkutHistaminvermitteltes AÖ — Antihistaminika + Kortikosteroid + Adrenalin

    Milde-moderate Reaktion: H1-Antihistaminikum oral/i.v. + Kortikosteroid oral/i.v. (Prednisolon 1–2 mg/kg). Larynxödem oder Anaphylaxie: Adrenalin i.m. 0,01 mg/kg sofort! + H1-AH + Kortikosteroid i.v. + O₂ + i.v.-Zugang. ACE-Hemmer-AÖ: Absetzen des ACE-Hemmers; bei schwerem AÖ: C1-INH-Konzentrat i.v. (frisch gefrorenes Plasma als Alternative) – Antihistaminika helfen hier nicht vollständig.

    Adrenalin 0,01 mg/kg i.m. + H1-AH i.v. + Prednisolon i.v. (histaminverm.)
  • Akut HAEHAE-Attacke — C1-INH-Konzentrat oder Icatibant (sofort!)

    C1-INH-Konzentrat (humanes Plasma-C1-INH): Berinert® (500–1000 IE i.v.); Cinryze® (1000 IE i.v.); Ruconest® (rekombinantes rhC1-INH; 50 IE/kg i.v.). Wirkung: Ersatz des fehlenden C1-INH → Bradykinin-Kaskade stoppen. Wirkungseintritt: 30–60 min. Zugelassen ab 0 Jahren (Berinert®). Icatibant (Firazyr®): selektiver Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonist; s.c.-Autoinjektion; ab 2 Jahren (off-label); 30 mg s.c.; Wiederholung nach 6 h möglich. Schnell anwendbar; Heimselbsttherapie. Wichtig: Jeder HAE-Patient ≥ 2 Attacken/3 Monate: Heimselbsttherapie einleiten!

    Berinert® i.v. · Icatibant s.c. · Ruconest® i.v. · kein Adrenalin bei HAE (wirkungslos!)
  • ProphylaxeHAE Langzeitprophylaxe — Lanadelumab oder C1-INH s.c.

    Lanadelumab (Takhzyro®): monoklonaler Anti-Kallikrein-Antikörper; 300 mg s.c. alle 4 Wochen (stabiler Verlauf: alle 8 Wochen); ab 12 Jahren zugelassen; reduziert Attackenfrequenz um 87–100 %. Beste prophylaktische Wirksamkeit. C1-INH s.c. (Haegarda®): 60 IE/kg s.c. 2×/Woche; ab 12 Jahren; Heimtherapie. Tranexamsäure: Antifibrinolytikum; Kinder off-label; weniger effektiv als Lanadelumab. Danazol: Androgen; steigert C1-INH-Synthese; bei Kindern kontraindiziert (Wachstumsstörungen)!

    Lanadelumab (Takhzyro®) · C1-INH s.c. (Haegarda®) · ab 12 J. zugelassen
  • Kurz-ProphylaxePräoperative / periprozeduale Prophylaxe

    Vor jedem operativen Eingriff: C1-INH-Konzentrat 500–1000 IE i.v. 1–6 h präoperativ. Zahnbehandlungen: C1-INH-Konzentrat präoperativ obligat! Endoskopien, Intubation: besonders hohes Attackenrisiko (mechanischer Reiz + Stress). Tranexamsäure oral kurzfristig als Alternative. Kein Danazol bei Kindern. Notfallset immer dabei! Personalschulung vor elektiven Eingriffen.

    C1-INH i.v. 1–6 h präoperativ · obligat vor Zahneingriff / OP
  • Kausale TherapieGentherapie (in Entwicklung) & neue Targets

    Garadacimab (Anti-Faktor-XIIa): subkutaner Antikörper gegen aktivierten Faktor XII; Phase-III-Studien abgeschlossen; FDA-Zulassung erwartet. Reduziert Atackenrate um ~90 %. Donidalorsen (Kallikrein-Inhibitor oral): kleines Molekül; tägliche Einnahme; Phase-III. siRNA-Therapie (Fitusiran, ALN-F12): RNA-Interferenz gegen FXII oder Kallikrein; sehr lang wirkend. Gen-Therapie: AAV-mediierter SERPING1-Transfer in Entwicklung (präklinisch).

    Garadacimab · Donidalorsen · siRNA – zukünftige Optionen

Therapie-Übersicht nach AÖ-Typ

C1-INH-Konzentrat (Berinert®)

Humaner Plasma-C1-INH. Soforttherapie HAE. Ab 0 Jahren (Berinert®). Wirkungseintritt 30–60 min. i.v.-Applikation; Heimtherapie nach Schulung möglich. 500–1000 IE i.v.

Berinert® · Cinryze® · Ruconest® (rekombinant)

Icatibant (Firazyr®)

Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonist. Schnelle s.c.-Injektion. Heimselbsttherapie ab 12 J. (off-label ab 2 J.). Wirkungseintritt ~15–30 min. Wiederholung nach 6 h möglich. 30 mg s.c.

Firazyr® · 30 mg s.c. · ab 12 J. zugelassen

Lanadelumab (Takhzyro®)

Anti-Plasma-Kallikrein-AK. Langzeitprophylaxe HAE. Bis zu 87–100 % Attackenreduktion. 300 mg s.c. alle 4–8 Wochen. Ab 12 J. zugelassen. Beste verfügbare Langzeitprophylaxe.

Takhzyro® · 300 mg s.c. · alle 4–8 Wo. · ab 12 J.

Omalizumab (bei histaminverm. AÖ)

Bei chronisch-idiopathischem AÖ mit Urtikaria (CSU): Omalizumab 300 mg s.c. alle 4 Wochen. Reduziert AÖ-Frequenz parallel zur Urtikaria-Kontrolle. Nicht bei HAE!

Xolair® 300 mg · bei histaminverm. AÖ + CSU
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Expertenzentren D-A-CH

Spezialisierte HAE-Zentren und führende Experten für Angioödem in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

🇩🇪 Deutschland
Prof. Dr. Konrad Bork
Hautklinik / HAE-Experte
Universitätsmedizin Mainz
MAINZ
Weltführend in HAE-Forschung; HAE-Leitlinienautor (AWMF); C1-INH-Diagnostik; über 40 Jahre HAE-Expertise; SERPING1-Mutationsdatenbank
HAE-PionierLeitlinien
Prof. Dr. Markus Magerl
Dermatologie & Allergologie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
BERLIN
HAE-Forschung; Lanadelumab-Studien; EAACI-Angioödem-Leitlinie; Bradykinin-Achse; neue HAE-Therapeutika
EAACI-LeitlinieLanadelumab
Prof. Dr. Emel Aygören-Pürsün
Pädiatrische Immunologie & HAE
Universitätsklinikum Frankfurt / ZAFES
FRANKFURT
Führend in pädiatrischem HAE; Langzeitprophylaxe Kinder; Lanadelumab-Kinder-Studien; Icatibant Pädiatrie; Patientenregister
HAE KinderZAFES
Prof. Dr. Bettina Wedi
Allergologie & Dermatologie
Medizinische Hochschule Hannover
HANNOVER
HAE und Urtikaria; AWMF-Leitlinienarbeit; Angioödem-Registerprogramm; Differenzialdiagnose AÖ
HAE/UrtikariaRegister
🇦🇹 Österreich
Prof. Dr. Werner Aberer
Dermatologie & Allergologie
Medizinische Universität Graz
GRAZ
HAE-Diagnostik und -Therapie; Angioödem-Ambulanz; Arzneimittelallergien; Österreichisches HAE-Register
HAE Register ATAllergologie
Univ.-Prof. Dr. Stefan Wöhrl
Allergologie / Immunologie
Floridsdorf Allergy Center Wien
WIEN
HAE; Urtikaria mit AÖ; Angioödem-Differenzialdiagnostik; CSU + AÖ-Komorbidität; Biologika
HAECSU-AÖ
🇨🇭 Schweiz
Prof. Dr. Karin Hartmann
Dermatologie & Allergologie / Mastozytose
Universitätsspital Basel
BASEL
Mastozytose + Angioödem; Tryptase-Diagnostik; systemische Anaphylaxie; Komorbidität HAE + Mastozytose; DGAKI-Leitlinien
MastozytoseTryptase
HAE Schweiz – HAEA
Patientenorganisation & Expertenzentrum
HAEA Switzerland / Selbsthilfegruppe
SCHWEIZ
Patientenberatung; Notfallausweis; Schulungen; Kontakt zu CH-HAE-Zentren; Register; Medikamentenversorgung Heimtherapie
Patientenorg.Heimtherapie

Ressourcen: HAEi – International Patient Organization for C1 Inhibitor Deficiency · HAE Deutschland (haeinfo.de) · HAE Schweiz (haeinfo.ch) · EAACI-Angioödem-Leitlinie · AWMF S1-Leitlinie HAE 061-029 · DGA – Deutsche Gesellschaft für Angioödem · DGAKI · HAE-Notfallausweis: immer beim Patienten!